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  • Day138

    Malawi Part I

    January 20, 2019 in Malawi ⋅ 🌧 24 °C

    Eine unserer wichtigsten Devisen auf Reisen lautet: Plane und buche so wenig wie möglich im Voraus. Dadurch steht es einem offen, unterwegs spontan auf Tipps von Einheimischen und anderen Reisenden einzugehen. So hatte uns der Manager eines Hostels in Botswana, den wir mittlerweile unseren Freund nennen durften, die Mushroom Farm im Norden Malawis empfohlen. Seinem Rat folgend, steuerten wir also die solarbetriebene Öko-Lodge an, welche Permakultur und moderne Komposttoiletten betreibt. Sie sollte unsere erste Station im warmen Herzen Afrikas werden.

    Erst am späten Nachmittag erreichten wir den Fuß des Berges, auf dem sich hoch oben die Mushroom Farm befand.  An einer kleinen strohbedeckten Holzhütte meldeten wir uns als Gäste an. Leider war die günstige Variante, die etwa zehn Kilometer entfernte Unterkunft auf der Ladefläche eines Pick-Ups zu erreichen, an diesem Tag nicht mehr verfügbar. Als Alternative wurde uns eine Taxifahrt angeboten, die uns aber viel zu teuer war. Wir fragten, wie lange es in etwa dauern würde, den Weg zu Fuß zurückzulegen. ‚Zweieinhalb bis drei Stunden.‘, hieß es. Allerdings müssten wir uns beeilen, um noch vor Sonnuntergang ans Ziel zu gelangen. Es gebe ein paar Abkürzungen, die jedoch ohne die Hilfe von Einheimischen schwer zu finden seien. Deshalb wurde uns geraten, zwei Träger zu engagieren, die uns den Weg weisen und uns gleichzeitig mit dem Gepäck behilflich sein würden, um schneller voran zu kommen. Es kostete einige Überzeugungsversuche, bis Christina Lisa von der Idee abbringen konnte, die schweren Backpacks selber die steile Schotterpiste hoch zu manövrieren. Dann ging es endlich los.

    Motiviert und von der schönen Natur verzückt stiegen wir in Begleitung unserer zwei gut gelaunten Helfer bergauf. Immer wieder raschelte es im Gebüsch und die lauten Rufe von Pavianen schallten durch das Geäst der Bäume. Wir waren überrascht, als wir etwas außer Atem in nur einer Stunde und fünfundvierzig Minuten die Mushroom Farm betraten.

    Freundlich wurden wir an der Rezeption empfangen und anschließend durch eine bunte Pflanzenwelt zu unserem Zimmer geleitet, das direkt an einer Klippe gelegen war. Innen war genügend Platz für drei mit Moskitonetzen ausgestattete Betten. Möbel, Decken, Wände – alles bestand aus naturbelassenem Holz. Es war urig. Sofort umhüllte uns eine gemütliche Atmosphäre wie eine weiche, kuschelige Decke. Ein türloser Rahmen führte auf einen Balkon. Dort eröffnete sich uns ein überragender Ausblick auf ein dicht bewaldetes Tal und den wunderschönen Malawisee, der im Licht der bald untergehenden Sonne glitzerte.

    Da es in der Nähe keinen Supermarkt gab, verzichteten wir ausnahmsweise auf Selbstverpflegung und genossen anstelle dessen die vom Backpackers angebotenen köstlichen Gerichte. Das täglich wechselnde Abendessen musste im Vorfeld bestellt werden und wurde für jeden um Punkt 19:00 Uhr serviert. Durch die gemeinsame Einnahme der Mahlzeit, lernten wir schnell die wenigen anderen Gäste kennen. Unter anderem machten wir Bekanntschaft mit dem israelischen Mädchen Dana, ohne zu ahnen, dass wir mit ihr im späteren Verlauf unserer Reise noch einige Zeit verbringen würden.

    Nach einer angenehmen ersten Nacht in unserer behaglichen Schlafstätte, machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum nächstgelegenen Ort Livingstonia. Unter anderem wollten wir uns dort eine malawische SIM-Karte besorgen. Rotbraune lehmige Wege führten durch kräftig leuchtendes Grün und an plätschernden Flussläufen entlang. Zwischendurch stärkten wir uns mit kleinen Speisen, die an Straßenständen verkauft wurden. Wir sind uns ziemlich sicher, dass wir uns an der ein oder anderen Stelle verlaufen haben müssen, da wir erst zweieinhalb Stunden nach Aufbruch die sechs Kilometer entfernte Kleinstadt erreichten.

    Nachdem wir den Ort ausreichend erkundet hatten, betraten wir einen kleinen Laden. Jeweils baten wir um eine SIM-Karte. Diese waren zwar vorrätig, allerdings nicht in der für unsere Smartphones passenden Micro-Form. Einen Ausstanzer gab es nicht. Deshalb setzte sich der junge Verkäufer mit einem Taschenmesser ausgerüstet neben uns auf eine Bank und machte sich geduldig daran das erste Stück Plastik zu schnitzen. Ganz ohne Eile arbeitete er um den Chip herum und ließ kleine Kunststoff-Späne regnen. Es war faszinierend, mit welch einer Ruhe und Gelassenheit der Mann vorging. Er ließ sich so viel Zeit, dass sich nach weit über einer Stunde unsere Blasen meldeten. Auf die Frage nach einem stillen Örtchen wurden wir zu einem kleinen Toilettenhaus geführt. Im Boden war ein Loch eingelassen, das mit einem alten Holzbrett notdürftig abgedeckt war. Den provisorischen Klodeckel zur Seite geschoben, flogen einem tausende Fliegen entgegen. Der Geruch der Latrine war beißend, ein Waschbecken gab es nicht. Nach dem Benutzen der einfachen Sanitäranlage schätzten wir einmal mehr die Dinge, die uns in unserem gewöhnlichen Alltag in Deutschland so selbstverständlich vorkommen. 

    Als unsere SIM-Karten endlich die richtige Passform hatten, bedankten wir uns und machten uns auf den Heimweg. Auf der Straße begegneten wir einigen Schulkindern, die uns aufgeregt umringten. Alle quasselten wild durcheinander. Ein Mädchen richtete sich mit den Worten: ‚I am hungry.‘, an Christina. Diese verstand akustisch nicht richtig und antwortete höflich: ‚And I am Christina. Nice to meet you!‘. Lisa löste das unangenehme Missverständnis schnell auf, während Christina am liebsten im Erdboden versunken wäre.

    Zwei Kilometer von der Mushroom Farm entfernt, befindet sich mit einer Höhe von 300 Metern Malawis höchster Wasserfall. Den wollten wir natürlich gerne erkunden. Da eine hinter dem Manchewe Wasserfall verborgene Höhle nur durch versteckte Pfade zu erreichen war, wurde uns geraten, die Tour mit einem lokalen Führer zu machen. Happy wurde seinem Namen gerecht und wies uns und einem deutschen Pärchen fröhlich die Route. Bereits nach einem kurzen Fußmarsch bergauf, wurden wir mit einer eindrucksvollen Aussicht auf den perfekt in die Flora eingebetteten Wasserfall belohnt. Von dort stiegen wir ab, bis wir die hinter dem Wasserfall gelegene Grotte erreichten. Während wir es uns zwecks einer kleinen Pause in der Höhle gemütlich machten, fing es kaum merklich an zu nieseln und die schwüle Luft nahm diesen einzigartigen Duft an, den es nur gibt, wenn der Himmel etwas Großes zusammenbraut. Was mit vereinzelten Tröpfchen begann, entwickelte sich ruckzuck zu einem gewaltigen Niederschlag. Dies war der Grund, wieso außer uns so wenige andere Touristen in Malawi unterwegs waren: Es herrschte Regenzeit. In der Hoffnung, das starke Prasseln würde etwas abklingen, verweilten wir zunächst in unserem felsigen Unterschlupf, doch die dicken Wolken blieben dunkel und das kräftige Prasseln versiegte nicht. Die Wassermassen sorgten dafür, dass sich der Lehm im Boden löste und den vorher klaren Wasserfall innerhalb von Sekunden in eine braune Schlammlawine verwandelte. Happy erkundigte sich besorgt, ob wir unter diesen Umständen die Wanderung fortführen wollten. Der steile Abstieg sei bei Nässe sehr tückisch. Wir waren natürlich Feuer und Flamme, doch die anderen beiden schienen gar nicht mehr so begeistert zu sein. Dennoch folgten sie uns hinaus in den Regen, weiter durch ein Dickicht aus Schlingpflanzen die glitschigen erdigen Pfade entlang, die nach und nach die Gestalt eines Sturzbaches annahmen. Innerhalb weniger Minuten waren wir komplett durchnässt. Von Endorphinen durchflutet, rutschten wir immer tiefer in den Dschungel hinein, bis wir den Fuß des Wasserfalls erreichten. Das Tosen der herabschießenden braunen Suppe war ohrenbetäubend. Happy stoppte vor der reißenden Strömung des Flusses und erklärte, dass der Weg geradewegs hindurchführte. Unsere Augen leuchteten bei der Vorstellung dieser Herausforderung. Das Mädchen, das sich bis dorthin tapfer durchgekämpft hatte, passte. Ihr war das Unterfangen nicht mehr geheuer und sie bevorzugte es auf uns warten. Abenteuerlustig stürzte sich der Rest der kleinen Truppe barfuß einer nach dem anderen in die Fluten. Happy leitete uns nun ein kleines Stück das Gefälle herauf. Dabei ging es teilweise so steil und rutschig zu, dass uns gelegentlich etwas mulmig zumute wurde. Nach einem letzten spannenden Klettermanöver war das Ziel erreicht.

    Der Abwechslung halber wollten wir nicht denselben Weg zurücknehmen, den wir gekommen waren. Das geduldig auf uns wartende Mädchen wieder eingesammelt, schlugen wir also eine andere Richtung ein. Dabei stand uns erneut eine Flussüberquerung bevor. Christina und Lisa glitten gemeinsam mit Happy in den Strom. Das deutsche Paar hatte Bedenken, blieb stehen und schaute sich unser Wagnis mit festem Boden unter den Füßen an. Die Strömung war auch nah am Ufer schon stark zu spüren. Festgekrallt an langen Grasbüscheln, die - so hofften wir - fest im Boden verwurzelt waren, setzten wir vorsichtig einen Fuß vor den anderen. In der Mitte des Flusses angekommen, gab es leider keine rettenden Pflanzen mehr und die Macht der Natur schien unüberwindbar. Jeder weitere Schritt wirkte lebensmüde. Wir gaben uns geschlagen und kehrten um. Ein wenig weiter flussabwärts fanden wir eine schmalere und seichtere Möglichkeit auf die andere Seite zu gelangen. In Form einer Menschenkette manövrierten wir uns alle sicher durch das Gewässer. Überglücklich kehrten wir kurz darauf in unsere Unterkunft zurück und konnten gar nicht aufhören uns gegenseitig von dieser unvergesslichen Wanderung vorzuschwärmen.

    Die nächsten 24 Stunden ließen wir im Backpackers die Seele baumeln. Bei einer Tasse Tee lernten wir unseren neuen Nachbarn Lukas kennen, der sein kleines Ein-Mann-Zelt neben unserer Hütte aufgeschlagen hatte. Er war von seiner Heimat, der Schweiz, mit dem Fahrrad gekommen und hatte spannende Geschichten im Gepäck, denen wir aufmerksam lauschten.

    Mit noch etwas schweren Beinen von der letzten Erkundungstour, stand dann auch schon die nächste Wanderung auf dem Programm. Diesmal sollte es gemeinsam mit Lukas auf das Chombe Plateau gehen. Wieder war es Happy, der uns den Weg zeigte. Strammen Schrittes ging er voran. Mit gefühlt 10 km/h hechtete er den steilen Berg hoch. Obwohl wir uns für recht fit hielten, hatten wir Schwierigkeiten den Anschluss nicht zu verlieren. Schweißgebadet und vollkommen außer Puste erreichten wir nach nur etwa der Hälfte der angesetzten Zeit das Ziel. Alle Anstrengung wurde mit einer 360° Sicht auf den Malawi-See, den Nyika Nationalpark und umliegende Bergketten belohnt. Wir machten es uns an einer Klippe gemütlich, um neue Kräfte zu tanken und erfreuten uns an den Sonnenstrahlen, die den Regen für eine kurze Weile ablösten. Den schönen Ausblick konnten wir jedoch nicht lange genießen. Wieder schlug das Wetter um. Binnen Sekunden war alles um uns herum in Nebel gehüllt, keinen Steinwurf weit konnte man sehen. Schon im Begriff den Abstieg anzutreten lichtete sich der Dunst so schnell wie er gekommen war. Ein absolut verrücktes Naturschauspiel, welches wir in der Form noch nie erlebt hatten.

    Die Mushroom Farm gefiel uns so gut, dass wir eine ganze Woche dort verweilten. Wenn wir nicht gerade die Umgebung erkundeten, versanken wir in Büchern, arbeiteten an unserem Blog, genossen frisch gerösteten Kaffee oder beobachteten umhertollende Affen. Zudem probierten wir lokale Delikatessen, wie zum Beispiel fliegende Termiten. Als diese eines Abends kurz nach Sonnenuntergang aus ihren unterirdischen Gängen krabbelten, griffen wir wie die Einheimischen herzhaft zu. Um die zappelnden Insekten nicht unnötig lange leiden zu lassen, erledigten wir sie mit einem kräftigen Biss. Geschmacklich haben sie uns nicht überzeugt, sodass uns die Tierchen nach diesem Ereignis nie mehr fürchten mussten.

     
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