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  • Day18

    Vom Wissen und Wünschen

    December 18, 2018 in Germany ⋅ ☀️ 8 °C

    Der 18. Dezember, wir wissen faktual , dass in 6 Tagen Weihnachten ist.
    Solch abfragbares Wissen scheint eine starke Dominanz in unserer Gesellschaft eingenommen zu haben und ein akademischer Abschluss den sozialen Status unmittelbar zu beeinflussen.
    An der Uni werden IQ Tests insbesondere im Kontext meines Lehramtstudiums nicht selten thematisiert, die Einstufung nach kognitiven Fertigkeiten in eine Schulstufe beeinflusst häufig den zukünftigen Werdegang.
    Im Gymnasium ist es insbesondere theoretisches und deklaratives Wissen, welches immer wieder gefordert und abgefragt wird, Abstraktionsvermögen aber auch Bolemielernen sind das Resultat, wohingegen Real- oder Hauptschulen Praxis vermitteln, von Kochkursen bis hin zu Arbeitslehre oder Handarbeitsunterricht.
    Klar haben diese Unterrichtsformen ihre Berechtigung, doch auf der anderen Seite werden die "niederen Schulstufen" zu oft als solche abgestempelt von den so elitären Gymnasiasten und Akademikern abwertend betrachtet. Dabei haben diese den Bezug zur Realität verloren, Praxis, nähen, kochen, für sich selbst verantwortlich sein, sind Dinge, an denen sie wohlmöglich scheitern. Zumindest die Schule hat sie nicht auf das Leben vorbereitet, sondern vor allem die Differenz und Vorurteile zu "den anderen" geschürt. Und das zieht sich bis ins Arbeitsleben, wo die einen die Geschäftsführer und die anderen die Blaumänner sind.

    Da ich selbst theoretisches Wissen so sehr in der Vordergrund meines Lernens stelle, mich gerade angesprochene Diskrepanz zwischen "sozialen Schichten" aber stört, sollte man nie vergessen:
    Es gibt nicht nur deklaratives, also faktuales Wissen, wie etwas theoretisch zu laufen hat. Sondern es gibt auch prozeduales Handlungswissen, wie Dinge tatsächlich gemacht werden. Nicht bloß Theorie sondern auch Praxis ist bedeutungsvoll und verdient Anerkennung.
    Die Dominanz des Wissens ist nicht nur mit dem zunehmenden Fortschritt der Wissenschaft und dem auch von Philosophenausrufen nach dem Streben nach Erkenntnis verbunden , sondern findet sich schon in der Literatur, wo es Goethes Faust in den Wahnsinn treibt. Auch das Schulsystem und Arbeitsleben konzentriert sich auf Wissen, Kompetenz und Kenntnis.
    Doch ist Faktenwissen so ausschlaggebend?
    Es gibt nicht nur IQ sondern auch EQ, die emotionale Intelligenz, die soziale Kompetenz beinhaltet und damit Empathievermögen, Hilfsbereitschaft und das Erreichen der eigenen Ziele und der Ziele anderer unter gegenseitiger Rücksichtnahme.

    Auch dieser Blog hier ist sehr theoretisch und es ist immer leichter, hohe Reden zu schwingen, nach den eigenen Prämissen zu leben jedoch schwieriger. Man siehe sich die großen Philosophen und deren Theorien doch mal an und kontrastiere sie zu deren Biografie.
    Doch genau deswegen ist es wichtig, sich theoretisch Missstände vor Augen zu führen, wie das häufige Übersehen praktischer Kompetenzen.
    Bereits auf lokaler Ebene zeigen sich Stadt- Dorfmensch Kontraste und Vorurteile, die beispielsweise in der Formulierung "Diese Bauern" zum Tragen kommt. Doch ein Bauer leistet so viel, wenn auch nicht auf theoretischer aber allemal auf praktischer Anwendungsebene, dass man ihn nicht als einfachen Bauer abstempeln sollte. Ja, RTL2 leistet seinen Beitrag zur Vorurteilsschürung, was sich bzgl Harzt IV Empfängern drastisch in dem neue Format "Hartz aber herzlich" zeigt. Eine Sendung, die teils falsche Stereotype produziert und für die Kluft zwischen der Bildungelite und den "Straßengesöcks" (um es in den dadurch produzierten Worten zu sagen) verantwortlich ist.

    Warum sehen wir uns sowas an?
    Hand aufs harte Herz.
    Entertainment ist das ein, das erhabene, primitive Gefühl, dass man selbst nicht so "geendet ist" das andere. Fair ist auch was anderes. Möglicherweise hat diese Sendung auch aufklärerische Funktion, aber die Abwertung anderer Menschen scheint ein unvermeidbarer Nebeneffekt.
    Die Abwertung der Intelligenzverminderten, der "Dummen".. Nicht selten hört man den Satz "Ich hasse dumme Menschen" von den vermeintlich gebildetesten Menschen.
    Statt sie zu verurteilen und sich abzugrenzen, sollte man sie, wenn man tatsächlich denkt, etwas besser zu wissen, dieses Wissen teilen. Oder nach einem gemeinsamen Konsens oder nach anderen Vorzügen suchen. Außerdem ist Unwissenheit etwas, was viel zu oft direkt als Unvermögen abgestempelt wird.
    Und ist Intelligenz und Wissen so ausschlaggebend?
    Finden wir es nicht bewundernswert, wenn Menschen in der Lage sind an den Weihnachtsmann zu glauben?
    Wenn Sie wünsche haben und Träumen können und mit utopischer Fantasie die tollsten Kunstwerke erschaffen?
    Wenn Sie binnen Sekunden ohne Anleitung einen Mähdrescherdefekt identifizieren und das Problem beheben?
    Wenn Sie ohne Rezept vorzügliche Gourmetgerichte kochen?
    Wenn Sie intuitiv richtig handeln, ihrem Gefühl folgen anstatt sich den Kopf zu zerbrechen?
    Sollten wir nicht manchmal weniger denken, urteilen, abgrenzen und mehr fühlen?
    So theoretisch ist unsere Gesellschaft bereits, alles auf den visuellen Sinn fokussiert, alles auf Erkenntnis getrimmt, dass das Gefühl auf der Strecke bleibt, die anderen Sinne über"sehen" werden (Die Dominanz des visuellen Reizes zeigt sich bereits in der Sprache).
    Nicht umsonst, feiern wir doch die BeSINNlichkeit der Adventszeit, und dieses Wort kommt bestimmt nicht von Sinnhaftigkeit sondern von den Sinnen, glaube ich.

    Song: You're somebody else--flora cash
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