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  • Day277

    Zweihunderteinundachtzig Tage später

    May 31, 2019 in Germany ⋅ ☀️ 16 °C

    Zweihunderteinundachtzig Tage später und wahrscheinlich eine Billionen Erfahrungen reicher

    Bevor ich diese Reise angetreten habe, war ich überzeugt dieselbe zu bleiben. Das klingt naiv, denn man verändert sich ständig - aber ich dachte, dass die Änderungen so minimal seien, dass ich noch immer mit der Person, die ich vor neun Monaten war, auf einer Stufe stehe.
    Aber ich bin die Treppe des Lebens mit einem Gehstock namens Lebenserfahrung hochgeklettert. Manchmal habe ich auch den Aufzug genommen und dabei etwas verpasst, manchmal war der Weg steinig und manchmal so ebenmäßig, dass ich den Fortschritt erst im Nachhinein bemerkt habe.
    Reisen verändert - das hätte ich nie gedacht, aber es stimmt. Vor neun Monaten war ich ein anderer Mensch. Ein Mädchen, das ihren lang ersehnten Traum endlich antreten würde und heute bin ich noch immer dasselbe Mädchen, mit dem gravierenden Unterschied, dass ich meinen Traum gelebt habe, mich ausgelebt habe.
    Nicht nur mein Äußeres hat sich verändert; meine Haare sind gewachsen, genauso wie die Anzahl an Lektionen die ich gelernt habe.
    Es sollte, nach ewigen Hin und her und Situationen die dazu geführt haben, dass ich ein ganzes Jahr später losflog als gewollt, ein One Way Ticket sein und am Ende haben sich mir immer mehr Wege eröffnet. Ich habe gelernt, dass viele Wege auch viele Entscheidungen bedeuten und dass es in Ordnung ist sich umzuentscheiden. Auf Reisen gibt es keinen Plan, nichts woran man sich festhalten kann, denn selbst die innere Uhr kommt durcheinander.
    Und während ich die Nacht zum Tag und den Tag zur Nacht gemacht habe, habe ich immer wieder aufs Neue inne gehalten und bestaunt. Meinen Weg bestaunt. Den Weg einer Backpackerin, die keine Ahnung hatte was sie erwarten würde und deren Erwartungen mehr als übertroffen worden sind. Denn trotz so mancher Probleme oder "Unannehmlichkeiten", war diese Reise die beste Entscheidung die ich je getroffen habe.
    Auch wenn ich in Australien und Neuseeland manchmal tagelang ohne Dusche und in Asien dafür ausschließlich von Dusche zu Dusche gelebt habe, ich hin und wieder nicht mehr weiter wusste oder dachte an meine Grenzen zu stoßen, Sprachbarrieren das Backpackerleben in Asien komplizierter gestaltet haben und Google Übersetzer, gebrochenes Englisch und reden mit Hand und Fuß uns nur minimal weiter helfen konnten, bin ich glücklich gewesen.
    Australien hat mich gelehrt auf eigenen Beinen zu stehen und meine Ansprüche herunterzuschrauben. In Neuseeland habe ich auf andere vertraut, anstatt selbst alles in die Hand zu nehmen, bin einfach mit dem Flow gegangen und habe Misstrauen abgelegt. Asien hat mich am Ende meiner Reise schockiert und mich daran erinnert wie privilegiert ich bin all diese Erfahrungen gemacht zu haben.
    Nichts ist so schön wie an einem australischen Strand mit Wallabies zu liegen, zwischen neuseeländischen Bergen entlang zu fahren, das Gefühl der Sicherheit im vietnamesischen Verkehr zu erlangen, fünf Minuten in China gewesen zu sein, Armut und Glück in Laos so nah beieinander zu erleben oder Tempel in Thailand zu bestaunen.
    Braun gebrannt und mit einem lachenden und einem weinenden Auge endet diese Reise. Meine Bräune wird verblassen, Erinnerungen werden verblassen, aber das Gefühl rundum glücklich zu sein, werde ich immer in meinem Herzen tragen.
    Ich bin alleine in ein unbekanntes Abenteuer gestartet und war trotzdem nie wirklich allein.
    Danke dafür. Danke, an alle die diese Reise bereichert haben, egal ob von Zuhause oder von irgendwo auf meinem Weg aus.
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    Martina Selle

    Das hast du wunderschön geschrieben.

    7/24/19Reply
    Jamie-Lee Merkert

    Lieben Dank!

    7/24/19Reply