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  • Day20

    Fast nackt im Parkhaus

    October 20, 2019 in Portugal ⋅ ⛅ 15 °C

    Beim Frühstück saß am Nachbartisch Zeitung lesend ein älteres Ehepaar. Jeder las auf seinem iPad. Sie tauschten ein paar Sätze aus und ich verstand kein Wort. Mit den skandinavischen Sprachen komme ich einfach nicht klar. Jedoch: Skandinavier sprechen alle Englisch. Selbst Filme werden dort in Englisch ausgestrahlt und haben dann skandinavische Untertitel.
    Wir kamen über die benutzten iPads ins Gespräch und unterhielten uns über die gesellschaftlichen Veränderungen in den letzten 12 Jahren. Dies, weil es am 09.Nov gerade mal 12 Jahre her ist, dass „Apple“ das erste Smartphone, das erste iPhone, auf den europäischen Markt gebracht hatte. Damit gab es erstmals das Internet im Taschenformat. Man nannte es „iPhone Edge“, abgeleitet vom damaligen Funkstandard. Und heute? Generationen übergreifend werden heute fast nur noch Smartphones verwendet. Das etwa 75 Jahre junge Pärchen erzählt mir, dass auch bei ihnen die Geräte zum ständigen Begleiter wurden und dass z.B. auch der Zimmerfernseher im Hotel längst ausgedient habe. „Netflix“ und Co. lassen grüßen. Sie seien interessiert daran, wie ich mich unterwegs organisiere und ich erzählte, dass ich mit dem Handy wirklich alles mache: Zimmerbuchungen, Reisetipps und Fährverbindungen suchen, Fotos machen und die Berichte für mein Tagebuch schreiben, etc. etc. ...... und ab und zu auch mal telefoniere. Sie ist Dänin und heißt „Helle“, er ist Schwede und wieder waren es sehr anregende Gespräche. Dann verabschiedete ich mich, denn ich musste noch eine Frage klären: Wo lasse ich mein Motorrad in den nächsten 4 Tagen, denn Parkplätze gibt es in Lissabon keine und an der Straße möchte ich meine „Dicke“ nicht stehenlassen.

    Nach ein wenig Recherche im Internet fand ich die Lösung in einem dem Flughafen nahe gelegenen Parkhaus: Bewacht und „innen“. Dort will ich die Maschine hinstellen, dann Barbara vom Flughafen abholen und in 3 Tagen wieder weiterfahren.
    Auf dem Weg dorthin musste ich 20 km über die innerstädtische Autobahn von Lissabon. Ich habe mittlerweile 21 Jahre Erfahrung auf dem Stadtring in Berlin sammeln können und glaubte, mich könne nicht mehr viel erschüttern. Nun musste ich jedoch feststellen, dass diese 21 Jahre nur ein aktives Training waren, eine reine Vorbereitungsübung auf das, was dann wirklich kommt. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass portugiesische Spurwechsel vollzogen werden, indem man Spuren auf einer 4-spurigen Autobahn ebenso konsequent ignoriert wie das Vorhandensein anderer Verkehrsteilnehmer. Hier erfuhr ich eine völlig neue Gewichtung der Formulierung „rücksichtsloses Fahren“.
    Meine Freundin Heidi schenkte mir vor Beginn meiner Reise einen kleinen Schutzengel. Eine kleine Engelsfigur, die Barbara mir an den Schlüsselanhänger machte und die seitdem mit mir durch die Windschutzscheibe schaut. Ich konnte genau sehen, dass selbst der Engel ab und an die Hände vors Gesicht schlug. Trotzdem: Es ist alles irgendwie gutgegangen. Vielen Dank Heidi für den Engel! 

    Im Parkhaus angekommen konnte das Personal zunächst mit mir nichts anfangen: Ein Motorrad? Doch nicht hier! Das Problem: Die Mitarbeiter nehmen das Fahrzeug und die Schlüssel in Empfang und bringen die Fahrzeuge dann selbst in die Garage. Nicht der Kunde! Doch an das Motorrad traute sich keiner ran. Da ich aber eine Buchungsbestätigung hatte, konnte man mich auch nicht einfach abweisen.
    Als erstes musste ich mich umziehen, denn die schweren Motorradsachen kann ich in den nächsten 3 Tagen in Lissabon nicht gebrauchen. Wenige Minuten später stand ich, nur noch in Unterhose bekleidet, neben meiner Maschine am Eingang des Parkhauses und zog mich um. In dieser Zeit kamen andere Kunden und Kundinnen an mir vorbei. Ich versuchte charmant zu lächeln und dachte so bei mir: 5 EUR für deren Gedanken.
    Ich kam mir vor, wie Michael J. Fox 2008 in der Fahrstuhlszene des Films „Das Geheimnis meines Erfolges“.
    Dann war es soweit und ich parkte die Maschine in den Katakomben des Parkhauses. Den Transfer vom Parkhaus zum Flughafen erlebte ich erneut auf der Autobahn, jedoch aus der PKW-Perspektive, mit einem vollständig hirnamputierten Lissabonner am Steuer. Angekommen am Flughafen, brauchte  ich eine halbe Stunde, um mich von den 10 Minuten Autofahrt zu erholen.

    Dann freute ich mich darauf, Barbara in Lissabon, der ältesten Stadt Portugal’s in die Arme zu nehmen. Heute gehen wir in der Altstadt nur noch etwas spazieren und essen, aber morgen erkunden wir die Stadt, die vor 3.000 Jahren von den Phöniziern gegründet und damals „Alis Ubbo“ ( „Lustiger Meerbusen) genannt wurde.

    In der Altstadt dann der ganz besondere Laden: Ein Geschäft nur mit Ölsardinen in Dosen nach Jahreszahlen sortiert. Wer kauft denn so etwas??

    Erkenntnis des Tages:

    Ich erlebe keine „neuen“ Probleme. Vielmehr sind alle Schwierigkeiten, mit denen ich mich herumschlage, von anderen bereits gelöst worden (z.B. die Frage, was ich mit der „Dicken“ in Lissabon mache). Ich muss mir keine Lösung ausdenken. Ich muss die Lösungen der anderen nur finden. Die Frage lautet also nicht „wie geht das“ sondern „wo steht das“.
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