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  • Day30

    Gegessen wird um 9 !

    October 30, 2019 in Spain ⋅ ⛅ 17 °C

    Hoch oben in der „Sierra Nevada“ hatte ich kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein „Hostal“ im „Nirgendwo“ gefunden. Ein kleines, verwunschenes Dorf namens“Baños“.

    Man kommt um eine Kurve und muss stark abbremsen, sonst ist man durch das Dorf durch.

    In einer engen Gasse ein paar Stühle und eine Außenbar, keine Rezeption. Ein alter Mann trifft Vorbereitungen: Licht einschalten und die Bar in Betrieb nehmen. Ich komme gerade im richtigen Moment.

    Der „Alte“ (80?) stochert mit dem Zeigefinger auf meiner Brust herum und lässt das typische Maschinengewehr-Spanisch auf mich einprasseln. Ich verstehe nur Schlüsselworte: Hier.....warten.....Tochter.....

    Immerhin kann ich ihm klarmachen, dass ich, egal was kommt, erst ein kühles Bier möchte. Er grinst und zapft frisch.

    So stehe ich vor der Tochter: Völlig fertig, durchgeschwitzt, in dicken Motorrad-Klamotten und grinse auch.

    Die Tochter zeigt mir erst ein entzückendes Lachen und dann mein Zimmer: Blümchenmuster, altes Holz, ein Knick im gestärkten Kopfkissen, Blümchen-Tagesdecke, im Badezimmer ein Blümchen-Plastik-Duschvorhang.
    Kein Blümchenmuster passt zum anderen. Sauber! Spießig! Geschmacklos! ....Perfekt!

    Ich muss dringend duschen:
    Es dauert 3 Minuten, bevor das Wasser warm wird. Ich war zu ungeduldig und hatte mich schon kalt eingeseift. Brrrr...

    Wieder an der Außenbar:
    Die Tochter verwöhnt mich mit frisch gemachten Tapas jeder Art und lächelt mich an. Sie scheint mich zu mögen, denn sie hört nicht auf, mich davon zu überzeugen, dass sie mindestens 15 verschiedene Tapas-Zubereitungen beherrscht. Genial lecker!

    Mittlerweile stehen mehrere ältere Semester um mich herum und scheinen auf irgendwas zu warten.
    Vier Bier später (die Tochter wird immer schöner) kommt der Alte und lässt eine neue Maschinengewehrsalve auf mich herab prasseln. Ich höre nur: Essen....drin.....jetzt! Immer um 9!

    Okay.....Schluss mit Tapas. (Eigentlich bin ich satt....egal!)

    Drin sitzt der halbe Ort. 15 Leute. Ein Essraum wie ein Wohnzimmer, mit Sofa, Fernseher, etc. Ich senke mit meiner Anwesenheit das Durchschnittsalter um mind. 10 Jahre. Alle reden Stackato und der Fernseher brüllt zusätzlich. Die Frauen schnattern durcheinander und die Männer schauen Fußball.

    Ich bediene mich an der Flasche Vino Tinto, die auf jedem Tisch steht. Die anderen müssen teilen. Ich sitze alleine.

    Dann kommt das Essen:
    Alle bekommen das Gleiche. Bestellungen werden nicht aufgenommen: 6 Gänge und nur lecker! Dazu Vino Tinto. Der Alte fragt etwas zum Schluss und ich sage „Si“ ohne irgendetwas verstanden zu haben. Und schwups...brachte die Tochter, wieder entzückend lächelnd, einen Kaffee. (Ich dachte so: Mein Soziussitz ist ja noch frei...😉)

    Später kommt die Tochter mit dem Kreditkartenlesegerät. Oha...DAS wird teuer. Und dann sagte sie: 5 EUR für Verzehr = 5 EUR!!! Ich hatte 5 Bier, eine Flasche Rotwein, 6 Gänge sowie diverse Tapas!

    Ich war sowas von genial untergebracht!

    Allein für diesen Spaß hatte sich die gesamte Fahrt gelohnt. Es sei denn, irgendwo war „Versteckte Kamera“ und ich war der Hauptdarsteller.

    Frühstück am nächsten Morgen:
    13 Personen im „Wohnzimmer“, davon 6 im gestreiften Schlafanzug, mit Blümchen-Frotté-Bademantel und gemusterten Filzpantoffeln.
    Echt abgefahren!

    Der Kaffee war pechschwarz. Und auch ein wenig dickflüssig?

    Was an Auswahl fehlte, wurde erneut durch Herzlichkeit wettgemacht.
    Die Endabrechnung: 3 EUR für das Frühstück.

    Auch der Abschied von diesem „Hostal“ ist an Herzlichkeit nicht zu überbieten: Alle umarmen mich, wünschen mir eine gute Reise und schienen überhaupt von diesem internationalen Besuch begeistert zu sein.
    Auch ich war begeistert und gerührt, obwohl es auch irgendwie den Eindruck einer „Muppet-Show“ hatte.

    Vor 2 Wochen traf ich „Ellen + Georg“ aus Darmstadt im Baskenland. Ich erhielt jetzt eine Einladung, mich mit den Beiden an der „Costa Blanca“ zu treffen. Passt. Da fahre ich hin. Morgen Abend kann ich dort sein.

    Beim Verlassen des Dorfes warf ich einen letzten Blick auf die schneebedeckten Berge. Dann kehrte ich ihnen den Rücken zu, gab lachend Gas und fuhr zum nächsten Nationalpark, auf dem Weg nach „Calpe“.

    Erkenntnis des Tages:

    Keine Hotelausstattung kann solche Herzlichkeit ersetzen.
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