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  • Day13

    Die Königin und ihr Hofnarr

    August 27, 2017 in Canada ⋅ ☀️ 29 °C

    Ja, was kann denn auf einer Nachtfahrt schon großartig falschgehen? Ich bin es so in Südamerika auch schon gewöhnt gewesen, viel im Bus zu schlafen und viele Stunden im Bus zu verbringen. Ich kam eine Stunde vor Abfahrt des Busses an der Station an, weil Onlinereservierungen nur bis eine Stundevorher zählen und dann verfallen. Also checkte ich ein und musste dann über eine Stunde warten, bis wir überhaupt erst mit der Taschenkontrolle anfangen konnte. Sowas musste ich bei den Busfahrten davor nie machen: Fast meinen gesamten Rucksack musst ich leermachen, nur damit sie mich auf sonst was kontrollieren konnten. Alle mit reservierten Sitzen oder Anschlussfahrten kamen zuerst dran und so war ich der allerletzte, der zum Bus kam. Durch nette Herrschaften, die meinen zwei Plätze belegen zu müssen und dich dann auch nur blöd anmachen, wenn man sie darauf anspricht, saß ich ganz vorne neben einem Dunkelhäutigen Pseudo-Rapper inklusive Goldzähne und Silberkettchen, der offenbar seine Beine nicht schließen konnte und so saß sich halb auf dem Sitz und halb hockend im Gang. Um Mitternahct ging’s los.

    An der nächsten Station stieg die Frau auf der anderen Seite, direkt hinter dem Fahrer, aus und ich hatte einen Zweier für mich^^ Das hielt dann so für zwei Stunden, bis es einen Fahrerwechsel gab und ich da auf keinen Fall sitzen durfte, die Tasche vom neuen Fahrer musste ja auch ihren Platz haben. Darauf ein Zettel mit „Seats Reserved No Sit“, was leider grammatikalisch falsch aber doch sehr deutlich war. Ich fand den letzten Platz neben einem wenig begeisterten, abgemagerten Mann im Achselshirt, der nur meinte, ich könnte dort sitzen, bis „seine Bitch“ aufhört auf dem Boden zu schlafen und wieder neben ihm sitzen will. Das war dann auch schon an der nächsten Station der Fall. Ich musste wieder ganz nach vorne auf genau dem Platz vom Anfang, nur jetzt neben einer jungen Frau. Der reizende Busfahrer meinte dazu nur, ich könne da eigentlich auch nicht sitzen, was ich dann mal eiskalt ignoriert habe. Für die letzte halbe Stunde hatte ich diesen Zweier auch für mich und ich kam in der nächsten Stadt an. Regina. Die Hauptstadt der Prärieprovinz Saskatchewan mit nicht mal 200.000 Einwohnern. Ich war froh, aus dem Affenzoo entlassen zu sein und lief direkt ins Hostel, am anderen Ende der Stadt. Dies war jedoch kein Problem, Regina ist wirklich schön. Und der Plan war auch, später wenn ich mich kurz ausgeruht hatte, mir alles einmal anzusehen. Aber dann dufte ich mit der komischsten Bekanntschaft dieser Reise Vorlieb nehmen.

    Beim Schreiben hier denke ich mir wirklich oft, ob ihr das alles glaubt was ich schreibe, denn ich komme mir tatsächlich oft wie im falschen Film vor. Das war schon beim Hitchhiking und eben auch in dem Hostel jetzt und das wird sicher auch noch in Zukunft so sein. Phineas, 74 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Regina und lebt aber jetzt wieder auf unbestimmte Zeit im Hostel dort. Das Gespräch mit ihm verlief erst noch wirklich normal: Woher ich denn komme und was ich so mache… Irgendwann fing er an, über Ottawa zu wettern und überhaupt die gesamte Situation mit der Zweisprachigkeit in Kanada wäre doch Unfug. Dann kamen wir auf das Thema Deutschland und nach mehreren Wiederholungen des Hitlergrußes, kam er auch zum Kern seiner Aussage, dass nämlich alle Religionen außer der Katholizismus schuld an den schlimmen Dingen der Welt seien. Muslime wären alle Attentäter, Hindus wären alle widerlich und Vergewaltiger und Buddhisten würden nie alleine denken, sondern immer nur gehorchen. Ich zeigte ihm ganz offensichtlich, dass ich da tatsächlich eine andere Meinung vertrete, aber das juckte ihn herzlich wenig und dann sollte ich „Jesus Christ is the shining of my world!“ wiederholen. Ich hatte zwischenzeitlich wirklich Angst vor ihm, da er für 70 Jahre noch durch den Raum sprang und beim Erzählen auch immer näher an mich herankam. Danach sollte ich ein paar Psalme auf seinem Computer reinigen und ihm meine Email-Adresse geben. Falls es einen Marvin Erdmann gibt, tut es mir leid, dass er jetzt Nachrichten eines Irren bekommt. Ich bekam davor seine zwei Visitenkarten, auf denen er mit zwei verschiedenen Namen unterwegs ist, eine Firma, die offenbar gegen den Islam wettert und eine, die das Christentum propagiert. Nach zwei Stunden dieser Bekehrung verließ er dann endlich das Hostel und ich war leicht durcheinander. „Thank God, He has led you into my arms!“

    Gar nicht viel später gab es bessere Neuigkeiten. Es kam noch ein weiterer Deutscher aufs Zimmer. Jan auch Münster macht gerade Work & Travel durch Kanada und überlegt sogar herzuziehen. Wir verbrachten dann den Nachmittag miteinander, gingen ins gutgemachte Heimatmuseum der Prärie und hatten ein super Dinner. Da an diesem Tag ein Guns’n’Roses Konzert in Regina war, liefen wir ins Miosaic Stadium außerhalb der Stadt. Danach setzten wir uns an den See und blickten auf das Regierungsgebäude, dem Legislative Building, und liefen gegen 10 Uhr wieder zurück zum Hostel. Ich wollte dem Fanatiker einfach so gut es ging aus dem Weg gehen. Regina war wie gesagt eine echte Überraschung, obwohl es auch nicht viel zu sehen gab – positiv als auch negativ.
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