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  • Day172

    San Blas - Pelikan Island & Tupile 1

    March 2 in Panama ⋅ ⛅ 26 °C

    Ich wache auf, es ist 6 Uhr morgens. Ich höre nichts außer dem Schwabbeln des Meeres unter meinem Bett. Ja richtig. Unter meinem Bett. Das Holzhaus, in dem wir für die erste Nacht auf der Insel Caledonia untergebracht sind, steht auf Stelzen im Wasser. Zwischen den einzelnen Bodenlatten geben schmale Spalte den Blick auf das glasklare Meer frei. So sitze ich auf meinem Bett und erblicke mit meinen verschlafenen Augen ein paar verschlafene Fischchen. Was für ein schöner Start in den Tag.
    Da Felix und die meisten anderen unserer Gang noch schlummern, habe ich den Holzsteg ganz für mich alleine. Die aufgehende Sonne würdige ich mit ein paar Sonnengrüßen. Beim herabschauenden Hund sehe ich durch den Bretterspalt einen heraufschauenden Fisch. Ist das nicht lustig?

    Die Yogasession tut gut. Mein Rücken dankt es mir auch sofort. Die Speedbootfahrt gestern hat meine Wirbelsäule um einen gefühlten halben Meter zusammengestaucht.

    Heute haben wir Glück und sitzen hinten im Boot. Da tun die Schläge zwar auch weh (man hat echt das Gefühl, dass jegliche Bandscheiben zerquetscht werden und es einem die Gedärme unnatürlich weit nach unten zieht), aber wenigstens ist es nicht so hart, dass Felix’ Fruchtbarkeit in Bedrohung gerät.

    Sobald man sich an die holprige Fahrt gewöhnt hat und man akzeptiert hat, dass man eigentlich immer nass ist, macht die Speedbootfahrt echt Laune. Wir lernen auch mit der Zeit, wann der richtige Moment ist, ein Stück weit aufzustehen und mit den Knien die Aufschläge abzufedern.

    So heizen wir mit federnden Knien, nassen Gesichtern und flatternden Plastikmaden durch das Karibische Meer. Wir kommen an unzähligen der weit verstreuten San Blas Inseln vorbei. Von den 365 (für jeden Tag des Jahres eine) sind nur ca. 50 bewohnt. Die meisten bestehen entweder aus steinigen Felsen, sandigen Dünen oder Palmenhainen.

    Es ist wirklich paradiesisch.

    Immer wieder kommen wir an bewohnten Inseln vorbei, wo traditionell gekleidete Kuna vor ihren kleinen Holzhäuschen stehen.

    Als wir schließlich an einer dieser Trauminseln halten, kann ich gar nicht mehr aufhören, Fotos zu schießen. Perfekter kann eine kleine unbewohnte Insel kaum sein.
    Und dann heißt sie auch noch Pelikan Island.
    Und da kommt es mir in den Kopf geschossen: Oh wie schön ist Panama. Janosch hat also recht.
    Pure Schönheit. Nichts außer Palmen, Hängematten, ein Beachvolleyballnetz und ein kleines Palmwedeldach, unter dem wir die frisch gemachten Salate von Angie und Lisa futtern.

    I LOVE MY LIFE!

    Ich lasse mich im türkisblauen Wasser treiben und von der strahlenden Sonne küssen und freue mich, was für ein wundervolles Leben ich habe.
    Es ist einer dieser Momente, in denen man meinen könnte, es gibt keine Sorgen auf dieser Welt.

    In meinem Kopf ertönt Weezer mit einem Lied, das mich schon seit meiner frühen Jugend immer wieder positiv stimmt:

    „On an island in the sun
    We'll be playin' an' havin' fun
    And it makes me feel so fine
    I can't control my brain.“

    Als ein Kuna mit seinem Einbaum
    an „unserer“ Insel vorbeirudert, winke ich ihm zu. Das zaubert ihm ein wunderschönes Lächeln ins Gesicht. Er hält an und wir quatschen ein bisschen. Als Felix sieht, dass er eine Speergun dabei hat, sitzt er quasi schon bei dem Einheimischen im Boot und die beiden ziehen los. Felix, ganz heldenhaft und männlich, kündigt mit großen Tönen an, dass er Abendessen für unsere Gruppe besorgt.

    Schnitt. 40 Minuten später. Felix kommt mit leeren Händen zurück. Der Kuna hat mehrere Fische gefangen, wohingegen Felix‘ Job darin bestand, das Boot festzuhalten.

    Am Nachmittag fahren wir weiter zu unserer Nachtinsel Tupile (=the island, where the sun rises).
    Dieses Mal gehen wir nicht wie gestern als „Invasion der Weißen“ ins Dorf, sondern jeder, der möchte, kann alleine durchschlendern. Ich möchte natürlich. Meine Neugierde an dieser so fremden Kultur ist riesig.
    Felix und ich machen also einen Spaziergang durch das Dorf. Die Kuna sind interessiert und alle wollen reden. Es ist schön, sich mit den Eingeborenen unterhalten zu können. Sie haben zwar ihre eigene Sprache, aber alle ab dem Teenageralter können spanisch sprechen.
    Sie lachen viel und sind sehr interessiert, woher wir kommen, wie warm es bei uns daheim ist und ob wir auch mit Kokosnüssen bezahlen. Hier ist jede Kokosnuss bares Geld. Oder wie es der junge Mann formuliert, mit dem wir uns eine Weile unterhalten: „Coco es Plata!“

    Maximo, der eine wichtige Stellung im Dorf hat, erzählt uns ausführlichst von seiner Kultur, auf die er mächtig stolz ist. Er berichtet, dass ihre grün rote Flagge mit den überkreuzten Fäusten an ihre Revolution erinnern soll. Letzte Woche erst haben sie ihren Jahrestag gefeiert: In blutigen Auseinandersetzungen haben die Kuna der Unterwerfung durch die Zentralregierung Panamas getrotzt, was 1925 in einem Aufstand gipfelte. Bis das autonome Gebiet Kuna Yala etabliert war, dauerte es noch ein paar Jahrzehnte. Heute leben die Panamesen und die Kunas friedlich nebeneinander.
    Immer mehr vermischen sich die Grenzen. Kuna durften früher nur innerhalb des Stammes heiraten, jetzt dürfen sie auch außerhalb heiraten.
    Maximo erzählt, dass seine Insel eine der ersten war, die bevölkert wurde. Seine Vorfahren lernten, wie man aus Zuckerrohr Häuser bauen kann, wie man Molas stickt und Shakiras gestaltet. Letzteres ist eine lange Perlenkette, die sich ältere Frauen um den kompletten Unterarm und von Knie bis zum Knöchel wickeln. Da die Kette herumgewickelt ein bestimmtes Muster ergibt, muss man den Umfang des Beines oder Armes ganz genau einberechnen.

    Auch erklärt er, wieso manche Kunas schwarze Farbe im Gesicht tragen. Ein Samen namens hagua wird gemahlen, dadurch entsteht schwarzes Pulver. Damit wird dann beispielsweise eine schwarze Linie auf die Nase gemalt. Außerdem werden Mädchen komplett mit dieser schwarzen Farbe angemalt, wenn sie zum ersten Mal ihre Periode bekommen. Die Farbe hält für eine Woche. Genau so lang müssen sie in ihrem Haus bleiben. Wenn das Schwarze ablässt, ist das Mädchen zur Frau geworden und das ganze Dorf feiert eine Party. Denn das heißt, es gibt eine neue Kuna und das heißt, dass es viele weitere neue Kuna geben wird ;)

    Ich könnte Maximo noch tausend Fragen stellen, aber da kommt auch schon unser Abendessen: Wraps mit frischestem Lobster. Es schmeckt köstlich und macht richtig wohlig satt. Mein Wissensdurst hingegen ist noch nicht gestillt. Deshalb nehme ich mir vor, Maximo morgen früh nochmal im Dorf zu besuchen.
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