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  • Day300

    Abschied von der Villa Warna Warni 1

    July 8, 2019 in Indonesia ⋅ 🌧 26 °C

    Eigentlich wollen wir an unserem letzten Tag nur mal schnell zu einem Strand, an dem wir noch nie waren. Einfach kurz Tschüss sagen zum indischen Ozean, in welchen Nias so wunderschön eingebettet ist. Der Sogabi Mboho Beach. Keine acht Kilometer weg von unserer Villa Warna Warni. Ein Kinderspiel. Wie immer auf Nias wird man eines besseren belehrt. Die Straße wird bald zum Holperweg, der Holperweg wird bald zum Schlagloch-Trail, der Schlagloch-Trail wird bald zu Baumstämmen, die über Flüsse führen und diese wiederum enden in einem Reisfeld, wo der Weg einfach aufhört. Wir kommen nicht weiter. Aber da wir professionelle Glückspilze sind, kommt uns ein Reisbauer entgegen, der direkt seine Ladung Bambusholz auf den Boden wirft und in erschreckend schnellem Lauftempo vor unserem Roller hermarschiert, um uns den Weg zu zeigen. Wir können uns nicht wirklich verständigen, da nichtmal unser Basic-Indonesisch hilft. Tja Hausaufgaben bis zum nächsten Nias Aufenthalt: Bahasa Nias lernen.
    Jedenfalls führt er uns zu einer Kirche, an der wir den Roller stehen lassen müssen und dann zu einem Fluss, wo er auf das gegenüberliegende Ufer deutet. Weit und breit kein Meer zu sehen. Naja was soll’s. Vertrauen hat schon immer geholfen. Also steigen wir in seinen wackeligen Einbaum. Meine Hüften passen kaum in das Boot. Als Felix auch noch einsteigt, schwappt der Fluss fast ins Boot, das Wasser reicht exakt bis zur Bootskante. Wir dürften kein Gramm schwerer sein.
    Am anderen Ufer angekommen, begleiten unser neuer Freund und dessen Freund uns über Tapiocafelder (sie waren nicht schlecht begeistert, dass zwei buleh wissen, dass dies Schweinefutter ist) und durch Palmenhaine zum Meer.
    Dort angekommen schauen sie uns an und wir uns um. Kein Mensch weit und breit. „Foto! Foto!“ meinen sie. Sie können gar nicht verstehen, dass wir nicht zum Fotografieren gekommen sind. Als wir uns bis auf unsere Badesachen entkleiden und uns auf unsere Strandtücher legen, fallen ihnen fast die Augen aus. Was für eine absurde Situation. Wir liegen auf unseren Tüchern, bräunen uns und nebenan sitzen die zwei Jungs, warten darauf, dass wir damit fertig sind und können es offensichtlich nicht fassen. Diese verrückten Weißen. Legen sich in dieser brütenden Hitze unter die pralle Sonne und das auch noch halbnackt. Nach einer Stunde - die Jungs haben sich mittlerweile unter einen Busch verzogen - ist unsere Zeit dann auch schon abgelaufen und wir machen uns zu viert auf den abenteuerlichen Weg zurück zum Roller, wo wir den zweien ein ordentliches Trinkgeld in die Hand drücken. Sie freuen sich wie kleine Kinder über dieses unerwartete Einkommen und bedanken sich mit einem dicken Grinsen.
    „Friedlich und Freundlich“. Damit bringt Felix die Niasser Art ziemlich genau auf den Punkt.

    Zurück in der Villa Warna Warni besticken wir die letzten Mützen (als Abschiedsgeschenk bekommt jeder von uns eine Cap mit seinem Namen), packen unsere Rucksäcke und versuchen, Massen an Muscheln darin zu verstauen.
    Und wieder beschleicht mich dieses verwirrende Gefühl aus Freude, Dankbarkeit und Abschiedsschmerz, als wir da so Stück für Stück aus „unserem“ Zimmer ausziehen.

    „Iiiiiit iiiiis time to iiiiiiiiiit!“ ruft es mitten in meine melancholische Gedankenreise hinein.
    Ein letztes Mal kommt der süße Deli zu unserem Zimmer herauf und ruft uns fürs Abendessen. Ein Abendessen der besonderen Art.

    Für unser Abschiedsessen hat Joli elf Kilogramm frischen Fisch besorgt und Johan zwei Hühner geschlachtet. Alle sind sie da. Joli, Juli, alle Villa-Kinder, Harinatal und seine gesamte Familie, Anton (Jolis Bruder), seine Frau mit zwei Kindern, Marina (Jolis Schwester) mit ihren Mädels und last but not least Jolis Mama. Alle helfen mit, es wird Fisch in Bananenblätter gewickelt und auf Kokosnussfeuer gegrillt, es wird aus frisch gepflückten Chilis Sambal hergestellt, es wird eine riesige Tafel aufgebaut, es werden massenweise rote und grüne Plastikstühle drumrum gestellt, es wird geschnitten, gerieben, gebraten, es werden Avocados zu Smoothie verarbeitet, es wird Wasser im Kessel über dem Holz-Feuer abgekocht und es werden natürlich Berge an Reis zum Tisch getragen.

    Und so schmausen wir wie die Könige, bis uns fast die Bäuche platzen. Ein unfassbar leckeres Festmahl!

    Nach dem Essen zieht mich Susi, unsere Älteste, in das Mädchenzimmer, um mir ein Freundschaftsbändchen zu schenken. Ich lobe sie für ihre unglaublich höfliche Art, für das liebevolle Bemuttern der Kleineren in der Villa, für ihre Zuverlässigkeit und ihre guten Leistungen in der Schule. Sie schaut mich an, ihr steigen die Tränen in die Augen. Ich umarme sie und mir zerreißt es fast das Herz, als sie weinend erzählt, dass sie heute Nacht von ihrem verstorbenen Papa geträumt hat und dass sie ein vorbildliches Mädchen mit guten Noten sein möchte, um ihre Mutter und ihren Vater im Himmel stolz machen möchte. Ihre Mutter Nuritia haben wir vor zwei Jahren für unsere Dokumentation besucht. Susi erzählt, dass sie immer traurig ist, wenn sie sich daran erinnert, wie ihre Mama jeden Tag zuhause weint, weil sie kein Geld hat, um weder ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, noch genug Reis zu kaufen. Außer Susi und Tina, die beide bei uns in der Villa Warna Warni leben, hat Nuritia noch fünf weitere Kinder. Ihre Holzhütte war so marode, dass es überall hereingeregnet hat. Deshalb hat unser Verein letztes Jahr entschieden, sie beim Bau eines stabilen Hauses finanziell zu unterstützen.
    Das Gespräch mit Susi berührt mich zutiefst. Da wird mir wieder bewusst, welch harten Schicksale diese Kinder haben. Welch verletze Herzen hinter diesen lachenden, fröhlichen Gesichtern stecken. Und genau in solchen Momenten wird einem klar, für was beziehungsweise wen wir die viele Arbeit zuhause machen. Nämlich genau für diese wunderbaren Kinder, die einen so schweren Start ins Leben hatten und jetzt ihr Bestes geben, um die ihnen eröffnete Chance so gut wie möglich zu nützen. Um einen guten Schul-Abschluss zu machen. Um einen ordentlichen Job zu lernen. Oder um zu studieren. Um ihre Familie stolz zu machen. Um dann wiederum Anderen zu helfen. Um ihre Familie und ihr Dorf zu unterstützen.
    Genau das predigt Joli den Kids auch regelmäßig. Er erwartet nicht, dass sie zu ihm zurückkommen werden, um ihm irgendwas zurückzugeben. Er möchte, dass sie in ihre Dörfer gehen und dort den Menschen helfen. Den Samen der Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft säen. Um die Welt Stück für Stück zu einem besseren Ort zu machen.

    Getreu unseres Mottos: „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“

    Und als ich da so auf meinem Plastikstuhl im Hof sitze, Arak trinke, Jolis Nelkenzigarette rieche, die spielenden Kinder beobachte und Aldin seelig auf meinem Schoß schlummert, ergreift mich ein ganz tiefes Gefühl des Stolzes.
    Stolz auf Joli und Juli. Stolz auf die Kinder. Stolz auf uns.

    „Selamat jalan“ (Guten Weg) - „Selamat tinggal“ (Gutes Daheimbleiben) verabschieden wir uns am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrüh. Gottseidank ist es noch zu früh für ausufernde Emotionen. So geht unser Abschied kurz und knackig über den Tisch.

    „Hati Hati, ja?!“ - Bitte Aufpassen, ja? Ein letztes Mal hören wir diese so oft gehörte, äußert lieb gemeinte und aufmerksame Bitte.

    Tschüss Nias! Wieder ein Abschied. Wieder loslassen. Wieder Herzschmerz. Mit dem Unterschied, dass ich dieses Mal weiß:
    Es ist kein Tschüss.
    Es ist ein Auf Wieder-Sehen.
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