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  • Day24

    Snøhetta - Auf der Spitze Norwegens

    July 24 in Norway ⋅ ☀️ 15 °C

    Ich schlief in einem 6-Bett-Zimmer und es war eine der erholsamsten Nächte hier in Norwegen. Denn ich schlief dort allein. Ich hatte mir das beste Bett (am Fenster, frei stehend, mit Tisch) rausgesucht, doch niemand kam und machte es mir streitig. Oder ein anderes.
    Gegen sechs Uhr morgens begann das Getrampel im Haus. Bis Acht hielt ich noch durch - dann stand ich auf. Meine Bialetti zauberte eine köstliche Tasse heißen Kaffee. Den Unterschied zu dem löslichen Instant-Gesöff wusste auch Od, unser Host, zu schätzen. Er hatte ebenfalls eine Noname-Bialetti hier auf der Hütte. Sein Kaffee ging zur Neige und er war sehr glücklich, als ich meinen mit ihm teilte. Ich hatte in Trondheim ein neues Päckchen gekauft und bin am Freitag wieder da. Ich brauchte den ganzen Kaffee nicht und Od war sicher noch länger hier oben.
    Zum Kaffee hab es ein weiteres Brot von gestern Morgen.
    Ich konnte meine Sachen tagsüber in der Hütte lassen. Also räumte ich alles raus, was ich auf Snøhetta nicht brauchte: Zelt, Schlafsack, Isomatte, meinen Proviant und meine Klamotten. Ich packte nur die wichtigen Dinge ein: meine Bialetti, den Gaskocher, meine Tasse, Wasser und das Sanipack. Ich spürte den Rucksack kaum auf meinem Rücken und ich sollte heute noch sehr oft sehr froh über diese Entscheidung sein. Od meinte, der Aufstieg dauert etwa drei Stunden. Es sind nur knapp sechs Kilometer bis zur Spitze - dafür aber auch über 900 Höhenmeter.
    Snøhetta hatte heute ihr strahlend blaues Sommerkleid für unser Rendezvous gewählt und behielt es den ganzen Tag an. Sie sah umwerfend darin aus.
    Der Weg war gut markiert und stieg anfangs nur allmählich an. Als ich ab und zu zurückblickte, sah ich die ganze Schönheit des Tales, in dem Reinheim liegt. Es gibt Flüsse und hochgelegene Seen, ab und zu Schneefelder und dazwischen Blumen und das Fjellmoos. Je höher man kam, umso schöner wurde der Anblick.
    Um einen selbst herum verschwanden allmählich die Blumen und das Moos. Der Weg wurde steiniger, überall lag Geröll und die Landschaft ähnelte einer Mondlandschaft. Das Geröll war allerdings von grünen Flechten bewachsen und sah somit freundlicher aus als bloßer Fels. Ich dachte, das war's mit Vegetation für heute. Der Weg bestand nun vorwiegend darin, von Stein zu Stein zu treten. Etwas später hörte ich Wasser unter den Steinen plätschern und zu meiner Überraschung kehrten für einen Moment Löwenzahn, Moose und sogar Schmetterlinge zurück. Nach diesem kurzen Intermezzo war aber wirklich Schluss mit Vegetation. Der Weg wurde steiler. Eigentlich war es kein Weg mehr. Die Wegmarkierung war eine Reihe von Stäben, die in einer Linie zum Gipfel führten. Den Weg, oder die besten Steine dafür, musste man sich selber suchen. Ich kam mir vor wie eine Gemse. Das war einer der Momente, wo ich mich für die Entscheidung, diese Route nicht mit meinem vollen Rucksack zu gehen, hätte küssen können. Mit vierzehn Kilo macht das definitiv keinen Spaß!
    So war ich leichtfüßig genug, einige Wanderer zu überholen. Mittlerweile war die Wege von Reinheim und Snøheim zur Spitze miteinander verschmolzen und von Snøheim kamen eine Menge Leute. Dorthin fährt fünfmal täglich ein Bus.
    Der Gipfel erschien bereits zum Greifen nah, doch irgendwie wollte sich der Turm auf der Spitze nicht nähern. So erklomm ich Stein um Stein, sah immerwieder zurück und freute mich viele Male für mein leichtes Gepäck.
    Dann war ich doch irgendwann oben. Laut Komoot nach 2:15 Stunden. Hier war viel los aber es gab ausreichend Platz für jeden. Ich suchte mit ein gemütliches Fleckchen und packte meine Kaffeeutensilien aus. Der Hammer war, das ich hier oben 4G-Internet hatte. So konnte ich einige Sachen erledigen. Ich buchte und bezahlte meinen Zug für Freitag nach Trondheim. Ich versendete einige E-Mails und schickte einige Nachrichten per WhatsApp. Außerdem konnte ich meinen gestrigen Post hochladen. Und ich konnte diesen wundervollen Moment per Facetime mit meiner lieben Daina teilen. Zwischen Berlin-Wannsee und Potsdam kann man im Regionalexpress nicht Mal telefonieren!
    Ich ließ mir Zeit auf den Gipfel. Das Wetter war herrlich und ich kostete diesen Moment aus. Dann machte ich mich auf den Rückweg. Er war leichter als der Aufstieg und das Springen von Stein zu Stein klappte überraschend gut. Dennoch dauerte es eine Weile und ich überlegte mir, heute doch noch eine Nacht in der Hütte zu bleiben und morgen früh die zehn Kilometer zu meinem Zeltplatz zu gehen. Die Mücken würden mich heute Abend dort vermissen - doch da mussten sie eben durch. Ich war froh und dankbar, ohne umzuknicken wieder an der Hütte zu sein. Auch mein Lieblingsbett war noch frei. Allerdings teile ich mir das Zimmer mit drei weiteren jungen Männern.
    Außerdem ist heute Alex angekommen. Er ist Deutscher, Soldat und in Südbayern stationiert. Wir lernten uns beim Abendessen kennen und redeten anschließend etwas miteinander. Er möchte morgen ganz früh nach Snøhetta hoch, wenn noch kein Bus in Snøheim angekommen ist, und anschließend nach Snøheim gehen. Ich erzählte ihm von meiner Reise und meinem Besuch beim Chiropraktiker in Ålesund. Er nickte beim Thema Muskelverspannung und erklärte mir einige Zusammenhänge zwischen Schmerzen und Muskeln. Dann holte er aus seinem Zimmer einen kleinen Ball und zeigte mir, wie man sich selbst die Waden und andere Beinmuskeln massiert. Ich versuchte es und hatte das Gefühl, dass es funktionierte. Als er zu Bett ging, um morgen sehr früh Snøhetta zu besteigen, fragte er mich, ob ich noch 100g Zusatzgepäck verkraften könne und schenkte mir den Ball. Seine Reise war in Snøheim zu Ende und er hatte Zuhause weitere Bälle. Es war eine sehr nette Geste von einem Fremden und ich nahm etwas zögerlich doch sehr gern an. Ich hatte spontan leider nichts für ihn. Ich fragte, ob ich ihn vielleicht in meinem Blog erwähnen dürfte und er willigte ein. Das war mein kleines "Geschenk" an ihn.
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