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  • Day140

    Huayna Potosi - Tag 3

    October 17, 2018 in Bolivia ⋅ ⛅ 7 °C

    Der Wecker klingelte um Mitternacht und tatsächlich bin ich vorher doch für ca. eine halbe Stunde eingeschlafen.

    Draußen stürmte es immer noch wie verrückt und ich bezweifelte, dass wir wirklich da raus gehen würden.
    Ich zog auf Luis Ratschlag hin fast alle Klamotten an, die ich mit hatte, packte meinen Rucksack, aß ein trockenes Brötchen, trank einen Coca Tee und dann ging’s tatsächlich los.

    Wir sind etwa gegen 1.00 gestartet. Das Wetter war besser als es sich in der Hütte angehört hat. Es windete zwar sehr und schneite ein wenig, doch das war alles halb so wild. Und kalt war es auch nicht. Gut, durch meine 5 Schichten hatte die Kälte es auch schwer durchzukommen.

    Nach 15 Minuten leichten Aufstiegs über rutschige Steine begann die eigentliche Wanderung. Ich musste meine Steigeisen anziehen und wurde mit einem Seil an Luis festgebunden. Ab jetzt trennten uns max. 3 Meter.
    Zusammen mit den anderen Gruppen, die um uns herum waren, stapften wir los.
    Das Laufen mit den Steigeisen war leichter als ohne, da man damit nicht rutschte. Gleichzeitig waren sie zusammen mit den klobigen Bergstiefeln und dem Schnee darunter ganz schön schwer. Meine Beine mussten also ziemlich viel Zusatzgewicht heben.

    Entsprechend war ich nach ein paar Metern außer Puste. Und mir war so heiß. Am liebsten hätte ich mind. 2 Schichten wieder ausgezogen, Luis ließ mich aber nicht. Es würde noch kalt werden, sagte er.
    In ganz kleinen Schritten ging es einen Hügel nach dem anderen hoch. Ich konzentrierte mich nur auf den Rhythmus und darauf in die Fußstapfen von Luis zu treten. Der Schnee war sehr weich und da war es leichter in bereits vorhandenen Spuren zu laufen als den Fuß immer aus dem Tiefschnee zu ziehen.

    Luis hatte ein gutes/schnelles Tempo. Für mich etwas zu schnell. Normalerweise würde ich in meinem Tempo laufen oder kurze Pausen machen, da wir aber durch das Seil aneinander gebunden waren, hatte ich keine Wahl als mich zu fügen.
    Wir führten die Gruppen auch eine ganze Zeit lang an, bis ich irgendwann nicht mehr konnte. Ich brauchte eine Pause und so ließen wir ein, zwei Gruppen passieren. Danach wurde es auch besser, da die neue Anführer-Gruppe langsamer gelaufen ist und wir uns deren Tempo angepasst haben.

    Kaum war ein Hügel geschafft, folgte schon der Nächste. Vor jedem steileren Hügel wurde eine kleine Pause gemacht. Durchatmen, Kräfte sammeln und weiter.
    An einer Stelle konnten wir vom Weiten die Lichter von La Paz erkennen, was super schön war. Sonst war es einfach nur stockfinster und man sah lediglich die Lichtstrahlen der Stirnlampen vor uns, die hellen Sterne über uns und den glitzernden Schnee neben uns.

    An den Gruppen und deren Stirnlampen, die weiter vorne waren, konnten wir sehen, wie weit bzw. hoch es noch ging. Ich hab leider zu oft den Fehler gemacht und habe nach oben geschaut und jedes Mal hab ich nur gedacht: alter Falter, so hoch noch!!

    Ein paar Leute haben auf der Strecke aufgegeben. Sie sind mit der Höhe nicht zurecht gekommen und mussten wieder absteigen.
    Mir ging es höhentechnisch überraschenderweise sehr gut. Keine Kopfschmerzen, keine Magenprobleme, nur die Atmung fiel schwer. Aber das war normal und mit einmal tief durchatmen war‘s auch wieder gut.

    Nach etwa der Hälfte waren meine Beine allerdings so schwer, dass ich glaubte nicht weiter laufen zu können. Ich konnte sie einfach nicht mehr heben. Luis war das egal. Er stapfte ohne große Rücksicht strammen Schrittes weiter. In dem Moment habe ich ihn gehasst. Gleichzeitig hinderte er mich mit seinem ignoranten Verhalten aber auch davor aufzugeben.

    Vier Stunden und etliche Hügel, die sich jedesmal wie die steilsten Berge anfühlten, später, kamen wir an das letzte Stück der Strecke. Da es ganz langsam schon hell wurde konnte man die Umrisse des Gipfels bereits erkennen. Ein, zwei Gruppen waren bereits auf dem Weg dorthin, so dass man dadurch auch die Distanz/Dimension etwas besser einschätzen konnte: hoch. Sehr hoch und sehr steil. Es war das steilste Stück der Strecke war, dass wir langsam in Zickzack-Wegen hochlaufen mussten.
    An der Stelle konnte ich auch bei den Pausen nicht mehr stehen, sondern lag nur noch im Schnee, atmete schwer, war müde, meine Beine waren Beton, ich schwitzte und fror gleichzeitig... und dann sollte ich diese steilen letzten 250 Meter hoch?! Wie?!

    Luis kannte da aber kein Mitleid. Aufgeben war für ihn keine Option. Für mich ja eigentlich auch nicht. Erst recht nicht hier, so kurz vorm Gipfel.
    Also wurde nochmal alle Kraft gesammelt und es ging Schritt für Schritt hoch. Ich habe einfach den Kopf ausgeschaltet und stapfte nur noch wie ferngesteuert hinter Luis her. Und es ging. Es ging sogar gut. So gut, dass wir sogar zwei Gruppen überholt haben.

    Und dann endlich! Nach über 5 Stunden und 900 Hm durch Eis und Schnee, nachts, ohne Schlaf, nach zig Hügeln und unzähligen „ich glaub, ich kann nicht mehr“ und „wie viele Stunden noch“ habe ich es tatsächlich geschafft. Ich stand auf dem 6.088 m hohen Gipfel des Huayna Potosí - meinem ersten 6000er.
    Und plötzlich war jede Anstrengung wie weggeblasen, das Adrenalin, die Glücksgefühle, die Aussicht, ließen die letzten 5 Stunden vergessen.
    Wir kamen gerade noch rechtzeitig zum Sonnenaufgang an. Wobei ich diesen fast übersehen hätte, da ich ich Berggipfel auf der anderen Seite viel beeindruckender fand.

    Viel Platz auf dem Gipfel gab es nicht, dafür aber jede Menge Leute, die natürlich von jeder Seite des Berges ein Foto haben wollten, was war ein wenig nervig war, da es viel Gedränge gab.
    Ich hätte den ganzen Tag da oben bleiben und einfach nur die Aussicht genießen können. Es hieß jedoch von vornherein 10-15 Min. und dann gleich wieder runter.
    Was im Nachhinein auch ok war, da ziemlich schnell Wolken aufzogen und die Sicht verdeckten.
    Generell hatten wir mit dem Wetter richtig viel Glück. Nach dem Sturm am Anfang, blieb die Nacht und der frühe Morgen klar. Bessere Voraussetzungen hätten wir gar nicht haben können.

    Der Abstieg ging dann ganz schnell. Innerhalb von 10 Minuten sind wir den Zickzackweg runter, für den wir hoch eine Stunde gebraucht haben. Danach sah ich auch erstmal den Weg den wir gegangen sind und die vielen “Hügel”, die weder sonderlich groß noch steil waren. Schon komisch was der Kopf mit einem macht, wenn man nichts sieht.
    Und der Rest der Umgebung war auch einfach nur wunderschön. Gletscher, Gletscherspalten, dieser glitzernde Pulverschnee, die Berge, diese Aussicht...wow!

    Komisch, Luis konnte irgendwie meine Begeisterung nicht teilen und hatte mal wieder ein ziemliches Tempo drauf. Ich hätte jedoch am liebsten alle paar Meter einen Fotostopp eingelegt. Klappte leider nicht so richtig.

    Ich glaube, es hat keine zwei Stunde gedauert, da waren wir wieder unten am 2. Basecamp.
    Völlig fertig hab ich mich in voller Montur nur auf‘s Bett geworfen und blieb dort minutenlang regungslos liegen.
    Erst als Luis reinkam und mir sagte, dass wir in ca. 30 Min. weiter absteigen, hatte ich keine Wahl als mich zu bewegen. Ich zog die schweren und unbequemen Boots, den Seilgurt und die vielen Schichten an Klamotten aus, verstaute wieder alles im Rucksack, aß noch schnell ein trockenes Brötchen und ab ging’s zum Basecamp 1.

    In meinen Wanderschuhen lief es sich auch gleich viel leichter - im wahrsten Sinne. Wenn da nicht wieder dieses Stück schmalen, steilen und verschneiten Weges gewesen wäre, das mir schon am Vortag große Probleme bereitet hat. Heute sogar noch mehr, da meine Beine einfach zu erschöpft und zu wackelig waren. Und dann auch noch diese 17kg auf dem Rücken! Ich hatte richtig Schiss an der Stelle. Für mich war das das schwierigste Stück der kompletten Tour.
    Mit Luis Hilfe bin ich da aber irgendwie drüber. Der Rest war dann im Vergleich ein Kinderspiel.
    Nach einer knappe Stunde waren wir auch schon am Basecamp 1 angekommen.

    Mit einem Minivan wurde ich am Vormittag abgeholt und nach La Paz gebracht.
    Dort hab ich nur die geliehenen Klamotten in der Agentur abgegeben, schnell eine Empanada und eine Saltañia gegessen, geduscht, gepackt und bin kurze Zeit später in den Nachtbus nach Cusco gestiegen.

    Auch wenn die ganze Huayna Potosi Aktion sehr spontan und etwas verrückt war, so bereue ich die Entscheidung es gemacht zu haben nicht. Ganz im Gegenteil. Es war in vielerlei Hinsicht eine der intensivsten (Grenz-) Erfahrungen bisher.
    Auch muss ich im Nachhinein Luis für seine Strenge und Ignoranz dankbar sein, denn ich weiß nicht, ob ich es sonst nach oben geschafft hätte... ach was, klar hätte ich es geschafft! :-)
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