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  • Day46

    Die Magie von Fotos und Orten

    October 8, 2020 in Norway ⋅ ⛅ 11 °C

    Erinnert ihr euch noch an die Zeiten, in denen digital noch keine Rolle spielte?
    Unabhängig, dass wir uns alle so nicht kennen würden, wir hätten auch keinen Austausch in Foren wie diesen. Wir hätten möglicherweise einen DiaAbend mit Onkel Manfred. Bei denen zu Hause. Tante Giesela stellt einen Käseigel auf die Mitte des Tisches, die Männer trinken Bier, die Frauen irgendeinen Wein, halbtrocken. Es gibt Salzstangen und Nüsse. Jeder wäre gerne woanders, aber Onkel Manfred kennt kein Pardon und zeigt so gerne seine Dias vom letzten Urlaub am Balaton oder vom Schwarzen Meer. Tante Giesela erträgt es mit unfassbarer Gelassenheit. Alle anderen hoffen, die 700 Dias sind bald durch. Onkel Manfred am Strand von Varna, im Boot auf dem Balaton, auf der Liege am Strand irgendwo bei Odessa. Immer in Badehose und immer der Schönste. Tante Giesela sueht man höchstens mal beim Essen am Tisch im Restaurant und Landschaft, naja muss halt sein. So war das damals. Fotobücher? Na hallo, man klebte die Papierabzüge in Fotoalben. Malte rein, zeichnete, schrieb mit Füller dazu. Das Seidenpapier zwischen jeder Seite raschelt noch heite in meinen Ohren, wenn ich daran denke.
    Und bevor man überhaupt zu Hause Fotos zeigen konnte, musste man ziemlich genau planen, wie viele Filme nehme ich mit? 32 Bilder per Film, da galt es zu überlegen, was man wie fotografierte.
    Ich habe eine Zeitland in einem Fotostudio gearbeitet. Die schönste Zeit war immer nach den Ferien, wenn alle ihr Filme brachten und wir diese entwickelten. Wir hatten ein Stückchen grosse weite Welt vor uns. Das war echt toll. Okay, wir hatten auch die Geliebte auf dem Papier und FKK Fans, Absurdes und Skuriles, aber es war immer spannend, was am Ende von so einem 32er Film übrig blieb.
    Diese Überraschung hat uns das Digitale genommen, dafür aber gibt es jetzt viele Möglichkeiten, sich fotografisch auszuleben Handwerkliches auszubreiten, Kreatives zu entdecken. Das ist toll weil man sich so ausprobieren kann, weil man seine erlebten Momente ganz anders zeigen kann, mehr seine eigene Sicht ausdrücken. Es gibt ein wesentlich größeres Publikum und damit auch mehr, die Kreatives nicht so mögen. Okay ein paar, die es nicht mit Toleranz nehmen und mit Respekt, die gibt es nun natürlich auch mehr. Onkel Manfred hätte heute keine Chance mehr. Was ich ein bissle auch bedauere. Denn so langweilig seine Selbstbilder manchmal waren, wir saßen zusammen, gaben gelacht, gestaunt und ohne trotzdem respektiert und toleriert. Das vermisse ich manchmal heute. Eine größere Toleranz anderen Sichten gegenüber.
    Wann ist ein Foto gut? Wenn es eine Geschichte erzählt, Emotionen transportiert, Menschen anspricht. Das war es damals und das ist es heute. Und da wir ja alle unterschiedlich sind, spricht eben ein Foto auch ganz unterschiedlich an. Und ich denke, wir können so froh sein, diese Vielfalt an unterschiedlichen Fotostilen, Richtingen anschauen zu können und zu dürfen. Es macht uns reicher.
    "Halte dich an das Schöne", schrieb der Freiherr von Feuchtersleben. "von Schönheit lebt das Gute im Menschen."
    Und das Gute im Menschen, das brauchen wir ganz dringen im Überfluss.
    Mein größtes Fotoexperiment war übrigens damals die Crossfotografie. Ich war absoluter Fan davon. Die Porträts, die ich damit gemacht habe, fanden reißenden Absatz, obwohl die Hautfarbe gelb war und die Bilder immer in einem schrillen Grünton brillierten. Aber die Aussage der Bilder stimmte eben und das ist die hohe Kunst, das bei Fotos, die ja nur Momentaufnahmen sind, hinzubekommen. Jeder auf seine ganz eigene Art.

    Heute Fotos von Henningsvær. Ein Ort, der mich sofort begeisterte. Von der ersten Minute an.
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