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  • Day16

    "Braincooler?"

    July 16 in Norway ⋅ ⛅ 15 °C

    Obwohl wir in der Unterkunft elf Pilger waren, versammelten sich nur drei von ihnen in der kleinen Kapelle. Marchetta aus Tschechien, Philipp und ich. Ebenso wie die Abendandacht, hielt die Morgenpredigt und den Pilgersegen die Bischöfin aus Hamar. Sie macht gerade in Fokstugu Fjellstue Urlaub. Es war ein schöner Moment und der Ort hatte etwas besonderes. Ebenso wie die Herberge allgemein und Christiane, die Gastgeberin. Sie hatte sich alle Namen der Pilger gemerkt und sprach uns immer persönlich an. Zum Abschied wünschte sie uns Gottes Segen, stand in der Tür ihres Hauses und winkte noch lange hinterher.
    Bei schönstem Sonnenschein gingen die ersten Meter wieder hinauf über die Baumgrenze. Meinem Fuß ging es ganz gut und das Fjell sah in der Sonne wunderschön aus. Hier und da waren noch Schneereste, die wohl nicht mehr schmelzen werden. Der Anstieg war heute lange nicht so anstrengend wie gestern. Dafür musste man ziemlich genau schauen, wohin man trat, um nicht auf den zahlreichen Steinen umzuknicken. Stellenweise sah ich kaum etwas von der Landschaft, da ich mich auf den Weg konzentrierte. Eigentlich waren heute 20km vorgesehen. Philipp hatte aber von einer anderen Pilgerin gehört, dass fünf Kilometer weiter ein Pferdehof sei, wo man durch das Fjell reiten kann. Erst versuchte Philipp sein Glück per Telefon. Bedingt erfolgreich, da der Herr am anderen Ende kaum Englisch sprach. Ich versuchte es ebenfalls und hatte mit einer Dame ähnliches Glück. Wir hofften einfach, dass wir nun zwei Betten und einen Reitkurs hätten und steuerten diesen Hof an. Das bedeutete heute 25km. Ich finde leider keine weiteren Worte, um diese schöne Natur zu beschreiben. Die Bilder bringen die Weite auch nur ansatzweise rüber.
    Nach zehn Kilometern machten wir Rast und hatten Dank Christiane Streichhölzer für unseren Kaffee. Der Rastplatz war umgeben von Fjellmoos an einem kleinen Teich. Die Sonne schien und hatte die Steine, auf denen wir saßen, angewärmt. Leider hatte ich mir nun links eine Blase gelaufen, die ich mit einem Blasenpflaster verarztete. Es gab Kaffee aus der Bialetti und unseren Proviant. Wir legten uns für einen Moment zurück und wären bei der Wärme und der Stille beinah eingeschlafen. Traumhaft. Doch wir mussten weiter - es lagen noch 15km vor uns. Wir passierten wieder mehrere Furten und moorige Abschnitte, wo Holzbohlen über die nassesten Bereiche führten. Hier noch ein Tipp: Wasserfestes Schuhwerk sei wärmstens empfohlen! Aus der Ferne sahen wir einen See, kamen näher, umrundeten ihn am Ostufer und dann lag er hinter uns. So zogen sich die Kilometer und die Landschaft dahin. Nach zwanzig Kilometern kamen wir an einen Zeltplatz, der unser eigentliches Ziel sein sollte. Wir wollten kurz Rast machen. Philipp wollte eigen Kaffee und ich hatte unglaublich Bock auf diesen Braincooler, den ich im Mageli Camping getrunken hatte. In Deutschland als Slush bekannt.
    Wir betraten den Schankraum des Campingplatzes. Hinter der Theke stand die Clint-Eastwood-Version eines norwegischen Campingplatz-Betreibers. Ich sah keine knallbunten Braincooler-Maschinen, welche die eiskalte und zuckersüße Masse stetig rührten. Doch ich hatte so einen Bock drauf, dass ich Clint Eastwood zögerlich fragte "Do you have braincooler?"
    ...
    Ein kurzer Moment der Stille und dann kam in tiefster Saloonstimme nur ein Wort als Antwort: "Braincooler?"
    Ich fühlte mich, als hätte ich in einem amerikanischen Saloon zur Goldgräberzeit ein Glas Milch bestellt. Die Situation war so lustig, dass Philipp und ich loslachten. Clint fand es auch witzig. Ich nahm dann eine normale Limonade aus dem Kühlschrank. War auch okay.
    Ich verarztete meine Blase mit einem weiteren Pflaster und wir nahmen die letzten fünf Kilometer in Angriff.
    Der Pferdehof ist riesig und neben 30(?) Pferden gibt's hier Esel, Hunde, Kaninchen und Katzen. Unsere Reservierung passte und nun haben wir hier zwei Übernachtungen und morgen reiten wir den ganzen Tag übers Fjell. Meine Füße freuen sich.
    Die Pilgerunterkunft ist eine Hütte für fünf Leute. Sie ist voll und wir kennen uns bereits aus Fokstugu Fjellstue. Die Aussicht von meinem Bett ist phantastisch und ich freue mich auf den morgigen Tag.
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