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  • Day71

    "Du hast noch Gestrüpp im Haar" 27/29

    August 5, 2019 in Italy ⋅ ⛅ 28 °C

    Meeeeine Güte, was für ein Tag! 🙈

    Wir hatten gestern bereits einen Zug nach Bologna gebucht, hatten von daher eine Zeit, zu der wir am Etappenziel ankommen mussten. Mit 31 Km war die zu bewältigende Etappe recht lang (wir brauchten alleine schon 5 Km, um überhaupt zum Start der heutigen Etappe zu kommen, waren ja gestern etwas früher als geplant eingekehrt 😅), aber das kann man ja dementsprechend planen. Und heute lag auch kein tückischer Winzer aufm Weg 😅

    3 der ersten 5 Km verlaufen an einer stark befahrenen Straße, mit Leitplanken, selbstverständlich ohne Gehweg. Da Micha geräuscheempfindlich ist, und an der Straße wandern suuuuper kacke (weil gefährlich und laut und hässlich) findet, war das schonmal ein guter Auftakt. Dann möchte Micha so gerne die Spanisch-Lern-Audiobücher hören, jeder für sich. Weil wir ja bald in Kolumbien sind. Mir verlangt die Hitze (es sind schon 27°C um 9Uhr morgens) gepaart mit 1,5 Stunden Spanischgrammatik zu viel Gehirntauglichkeit ab und fühl mich ganz schön ausgelaugt danach.

    Die Hitze schlaucht, die Kilometer kriechen dahin. Ich kann nicht gut gerade Strecken auf Asphalt laufen. Denn das ist langweilig, verkrampft meinen Rücken, und in Summe habe ich zu viel Zeit, um den Wehwehchen meines Körpers zu lauschen. ‚Meine Füße sind angeschwollen von der Hitze.‘ ‚Ich laufe mir eine Base am kleinen Zeh.‘ ‚Diese Weinflasche, mein Rucksack ist mega schwer.‘ Nur so. In meinem Kopf. Nah gut, vielleicht auch ein wenig öffentlich. Ganz schlimm 😂 Irgendwann drossel ich das Tempo, mein Rücken tut weh. Ich bin einfach nicht für das Laufen von flachen Strecken gemacht. Nach knapp 20 Km nimmt Micha meinen Rucksack (er hat es schon ganz oft angeboten). Damit schleppt Micha jetzt 30Kg an Rucksack. Inklusive der sehr, sehr schweren Weinflasche in meinem Rucksack. Was für ein Reisepartner! ❤️

    Wir sind 5 Km vorm Ziel, ich navigiere uns ab von dem offiziellen Traumpfad München Venedig, denn der geht, ziemlich untraumpfadig, die letzten Kilometer auf einer vielbefahrenen Landstraße ohne Fußgängerweg lang. Der neue Weg führt uns durch einen Wald, in dem viele Bäume umgestürzt sind, sodass wir drüber klettern müssen (Micha mit Rucksack vorne und hinten! 😳 Und ja, ich habe mich sehr schlecht gefühlt). In vielen Teilen hat sich der Wald den Weg zurückerobert, sodass wir auch mal unter kleine Baumäste kriechen müssen. Ich habe die langen Wanderstöcker von Micha und mir in der einen Hand, in der anderen das Handy mit der GPS Karte (der Weg war teils so schlecht erkennbar, dass man nach Karte gehen musste statt nach Sicht). Die sperrigen Stöcker bleiben überall hängen, sodass ich mich dabei so schusselig anzustellen scheine (ich möchte die besten Wege für Micha finden), dass der mit 2 Rucksäcken bepackte Micha doch ernsthaft fragt „Caro, soll ich die Stöcker nehmen?“
    Auf keinen Fall, die Stöcker kann ich selber 😂

    Wir sind 2 Km vorm Ziel, auf einmal ist kein Weg mehr in Sicht, und wir stehen mitten im mannshohen Gestrüpp. Wo das Ende des Gestrüpps ist, egal zu welcher Seite, kann man nicht sehen. Laut GPS Karte stehen wir mitten im Fluss. Verlässliches Ding. Ich hiefe die Äste hoch (jeder Strauch hat ca. 7 Äste, und die sind vertuxelt mit den 7-10 Ästen des Nebenstrauchs, und drum herum manchmal so grüne Ranken, die das Strauchensemle noch verbinden, und somit zur Stolperfalle werden). Ich gucke andauernd auf die Karte, die doofen Stöcker verhaken sich zu allen Seiten permanent in den Ästen, wenn ich diese hochheben will. „Guck doch nicht die ganze Zeit in die Karte, Caro. Geh, geh nach vorne!“ „Ja wie denn? Und wo ist denn vorne?“ Das ging ein paar Mal so bis „Ja dann geh du doch vor!“ So, Rollentausch, Micha ist vorne und kämpft mit dem Gestrüpp. Andere Taktik, Micha tritt auf alle Zweige um uns den Weg zu bahnen, gleiches Resultat. Wir sitzen fest. Mittlerweile ist unser Zeitpuffer geschrumpft, in einer 3/4 Stunde fährt der Bus Richtung Bologna. Unsere „Taktik“ ist nun mehr ein energisches Ruppen und Reißen um uns selbst aus den Fängen dieser widerwilligen Flora zu befreien, bevor wir hier noch selbst Teil des Strauches werden. Die Pionierarbeit ist nervenraubend (als Zweiter hat mans gut, man muss nur warten bis der andere einen Weg freigekämpft hat), ich gebe Tipps „Ich hab die Äste immer hochgehoben.“ „Dann geh du doch vor!“, Michas Strauch-Kampflust entlädt sich kurzfristig auf mich „Okay, nee komm, das war doof“ kommt aber direkt versöhnungswillig hinterhergeschoben. Wir sortieren uns um (ich nehme meinen Rucksack, Micha seine Stöcker) und KRABBELN, nicht ohne Widerstand des Waldes, unter den Bäumen her. Ich hab gefühlt den halben Wald im Rücken meines T-shirts, verliere meinen Ohrring und ganz bestimmt auch meine Würde, aber irgendwann kommen wir endlich wieder auf einen Weg. GOTT was war das denn?! Als Erinnerung hab ich auch noch ZIG Mückenstiche auf den (kurz vorher mit DEET eingesprühten) Beinen. Ganz offensichtlich ist hier sehr lange keiner mehr langgegangen. Die Mücken waren hungrig.

    Und dann sitzen wir pünktlich an der Bushaltestelle, der Körper klebrig vom Schweiß und zugebappt mit Laubblättern und Schmutz, und haben ein weiteres Abenteuer auf dem Weg nach Venedig erfolgreich gemeistert.
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