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  • Day13

    Was ist schon natürlich?

    December 13, 2018 in Germany ⋅ ☀️ 1 °C

    "Welcher Tag war heute noch gleich?"
    "Ach, der 13. Dezember natürlich!"
    Diese Verwendung des Wortes 'natürlich' zeigt, dass der Begriff schon längst in unsere alltägliche Sprache übergegangen ist und in diesem Kontext nichts anderes bedeutet als "selbstverständlich". Dabei bezieht sich 'natürlich' doch ursprünglich auf alles, von der Natur ausgehende, vom Menschen nicht künstlich Bearbeitete oder Geschaffene. Genau so weit wie der Gebrauch des Wortes 'natürlich' sich von diesem Ursprung sprachgeschichtlich entfernt hat, genauso so schwierig ist es, den Ursprung des Unnatürlichen zu verstehen.
    Ab wann ist etwas nicht mehr natürlich?
    Heute wird der Begriff häufig mit der Technik kontrastiert. Welche Ausmaße, die der von mir empfundenen Ursprünglichkeit des Menschen zuwider laufen, die Technik hat und künftig haben kann, habe ich gestern zum Thema gemacht.
    Nun gibt es aber Menschen, innovative, zukunftsorientierte, die den zunehmenden Fortschritt im sich verselbständigen, technisierten Leben damit verteidigen, dass alles natürlich ist. Und das stellte ich gestern ans Ende des Blogeintrags. Was, wenn all diese Entwicklungen natürlich sind?
    Ursprünglich im Menschen verankert? Aufgrund seines Verstandes, den er zunehmend nutzt, um Dinge zu perfektionieren und zu erfinden?
    Mit diesem Argument kann man es sich natürlich ;) einfach machen. Und es jeglichen konservativen Gedanken entgegnen, aber ist es auch natürlich, dass wie unseren Planeten schädigen?

    Auch ich habe das Gefühl, das Ganze nimmt unnatürliche Ausmaße an.
    Doch wo begann geschichtlich gesehen Unnatürlichkeit? Wo Technik?
    Dort, wo man Dinge aus unterschiedlichen Quellen, deren Zugang sich nur der Mensch zu verschaffen vermag, kombiniert? Dort, wo man Chemie aus etwas macht? (Worüber ich aufgrund inexistenter Chemie Bewandertheit leider nicht mehr Worte verlieren kann). Dort wo Strom, Bildschirme und digitale Welt beginnt? Oder bereits überall wo der Mensch durch seinen Einfluss in die Natur eingreift? Streng Genommen schon. Ist dann das Schnitzen eines Werkzeugs durch Menschenhand nicht schon unnatürlich?

    Daraufhin würde der Anthropologe Arnold Gehlen antworten, dass der Mensch, welcher in Bezug auf die Sinne und Spezialisiertheiten dem Tier gegenüber ein "Mängelwesen" ist, deswegen eine sich ihm angepasste Kultur als Gegensatz zur Natur schaffen muss. Wir haben eben keine Adleraugen, sondern Fielmannbrillen oder Kontaktlinsen, wir haben keine Jaguarbeine sondern Autos. Wir haben keine Katzenohren, sondern Hörgeräte, Verstärker und Mikrofone.
    Wie weit Gehlen die Technisierung mit der These der Kulturbedürftigkeit befürwortet, bleibt fraglich, zumal wir den 1979 verstorbenen Philosophen nicht fragen können. Doch zum Überleben benötigen wir die Techniken der Neuzeit schon lange nicht mehr. Zum Leben ja, für Lebensqualität, die ja durchaus subjektiv erlebt wird, sicherlich, aber zum reinen Überleben nicht.
    Ob wir nun geschaffen sind um lebenswert zu leben oder bloß zu überleben, kann es meiner Vernunft nach nicht natürlich sein, unseren Planeten und künftige Generationen zu gefährden.
    Und ob wir nun Extensions an buntgefärbten Haaren, Kunstfingernägel und Make up als künstlich bezeichnen oder Lametta am Weihnachtsbaum, sollte darauf geschaut werden, ob Enkelkinder mit dem Maß an Unnatürlichkeit, die sich wohlmöglich natürlich entwickelt hat, noch leben können oder nicht.
    Ach, und weil das jetzt etwas Öko klingt, hier noch was dem widersprechenden: genau genommen macht nicht mal die Aussage "Die Bananenschale kann ich hierhin werfen, die ist doch natürlich, oder?"🍌 in unseren Breitengraden Sinn, wenn Natur tatsächlich all das ist, was so aus ihr entsprungen ist. Bei uns wachsen aber keine Bananen und es wird kein Bananenbaum entspringen, die Verrottung aber je nach Boden ziemlich lange dauern.
    Aber gut, Müll ist eh so n Fass, was ich an dieser Stelle nicht öffnen sollte. Eher anstechen, wie es gleich auf der Weihnachtsfeier passieren wird, auf die ich gehe. Deswegen nur kurz.
    Dass eine unbehandelte Bananenschale nicht so schlecht für die Erde ist, wie im Labor gefertigte Stoffkombinationen, die empirisch geprüft Schadstoffe in die Atmosphäre pusten, ist ja allen klar. Oder?
    Mit der Betrachtung des engen Sinnes jedoch wäre nie Fortschritt zustande gekommen, oder?

    In diesem Sinne
    Ich gehe jetzt zu künstlichem Wichteln, aus künstlichen Tassen künstlich Gebrautes trinken und es wird sich ganz natürlich anfühlen.
    Prost!

    Song: Der wird später unter diesen durchaus künstlichen aber Potenzial ermöglichenden Bedingungen nachgetragen. Oder auch nicht.
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