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  • Day22

    Angekommen

    July 22 in Norway ⋅ ⛅ 20 °C

    Es gibt eine Gesetzmäßigkeit, dass in jedem Gemeinschaftsschlafraum - unabhängig von der Anzahl der Betten - genau eine Person schnarcht. So war es auch vergangene Nacht. Davon abgesehen habe ich aber sehr gut geschlafen. Nach einem kräftigenden Frühstück zog ich erstmal mit meiner Wäsche zum Waschsalon. Montag Morgen war da nix los, sodass ich nicht warten musste. Während die Maschine ihren Job verrichtete, schlenderte ich durch ein nahegelegenes Einkaufszentrum. Ich gönnte mir zwei Energy-Riegel, denn ich wusste mittlerweile, was ich in den kommenden Tagen anstellen werde. Morgen früh nehme ich den ersten Zug zurück nach Kongsvoll. Da laufe ich dann nicht den Olavsweg, sondern gen Westen zum Gipfel Snøhetta. 16km von Kongsvoll entfernt, gibt es eine Hütte zum Übernachten und von dort sind es nur fünf bis sechs Kilometer bis zum Gipfel. Mit heutigem Stand soll das Wetter am Mittwoch dort bombastisch sein. Strahlender Sonnenschein bei neun Grad. Und dann über eine weitere Hütte zurück und mit dem Zug nach Trondheim. Hier will ich wieder am Freitag ankommen. Ausreichend Zeit, um mir noch weiter die Stadt anzuschauen und ein paar Souvenirs zu kaufen. Das ist der Plan.
    Meine Wäsche war inzwischen fertig und auf dem Rückweg zum Pilgerzentrum kaufte ich zwei Outdoor-Mahlzeiten für mein neues Abenteuer. Mit viel Glück werde ich sogar (lebende) Moschusochsen sehen.
    Um 13:30 Uhr war ein kleines aber feines Orgel-Konzert in der Kathedrale und direkt danach traf ich mich mit Steffen, dem Pilger-Priester.
    Er war super nett und gab mir eine private Führung durch den Nidaros-Dom. Er erklärte einige Hintergründe und führte mich in Bereiche, die dem normalen Besucher verborgen bleiben. Wir schlichen durch enge Gänge und erklommen dunkle Wendeltreppen. So sah ich einige versteckte Kapellen. Da heute den ganzen Tag die Sonne schien, verzauberten die bunten Fenster diese Kapellen in ein besonderes Licht.
    Dann führte mich Steffen zur Orgel, welche eben noch das Konzert spielte. Und es ging noch höher. Er zeigte mir den Glockenturm der Kathedrale und als Höhepunkt standen wir plötzlich an der frischen Luft - weit oben über dem Haupteingang des Westflügels. Hier waren viele lustige Figuren verewigt. Eine Nonne, die mit einem Mönch flirtet. Ein geigespielender Affe mit einer Maus, die ihm zuhört. Oder ein Elefant, der mit seinem Rüssel trötet. Der Höhepunkt war das berühmte Männchen, welches den letzten Stein in die Kathedrale setzt. Eine Legende besagt, wenn der letzte Stein in die Kathedrale gesetzt wird, stürzt sie in sich zusammen. Ich habe das Männchen bereits gesucht. Doch man kann es nicht finden, denn es ist hoch oben im nicht öffentlichen Bereich versteckt.
    Nach der Führung ging ich zurück zum Zentrum und suchte Zugverbindungen und Wanderwege raus. Außerdem reservierte ich mir zwei Übernachtungen von Freitag bis Sonntag in Trondheim.
    Um 18 Uhr gab es eine Pilgermesse in der Kathedrale. Diese hielt ebenfalls Steffen. Bis gestern war ich nur körperlich hier. Meine Gedanken waren immernoch bei den anderen. Bei Philipp, Lara, Melanie und Lisa. Ich wollte wieder laufen. Sinnloses Rumsitzen war mir so zuwider. Doch nun hatte ich wieder ein Ziel. Oder besser einen Weg. Denn auf den freute ich mich am meisten. Wieder im Fjell sein und die Stille genießen.
    Während der Messe entzündete ich eine Kerze. Bevor ich sie abstellte, sagte ich in Gedanken die Namen derer, die ich hier getroffen hatte: Philipp, Monika, Silke, Jessi, Tammi, Janne, Jakob, Daima, Benita, Peer, Melanie, Lisa, Lara und Steffen. Mögen sie auf ihren Wegen allezeit Schutz und Segen erfahren. Auch meinen lieben Menschen daheim, Freunde und Familie, dankte ich. Denn ohne sie wäre ich wohl heute nicht hier. Ich war endlich angekommen.
    Nach der Messe ging ich nochmal in die Stadt und besorgte etwas Kaffee und Gas für meine Biletta.
    Hier im Pilgerzentrum kommen ständig neue Leute an. Einige sind mir sympathisch - andere nicht. Diese Entscheidung trifft man sehr schnell und in den allermeisten Fällen liegt man richtig. Doch selbst mit den sympathischen Leuten baut sich hier nicht so schnell eine Bindung auf, wie auf dem Weg.
    Deshalb fällt es mir auch nicht schwer, morgen tschüss zu sagen und meinen Rucksack zu schnappen.
    Meine Candy-Tüte hatte ich zur Freude aller in die Gemeinschaftsecke gestellt. Sie ist nun leer und ich habe ein knappes Kilo weniger zu schleppen :)
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