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  • Day28

    Bacalao und selbstgebrautes Bier

    July 28 in Norway ⋅ 🌙 19 °C

    Mir wurde heiß. Gegen halb sechs Uhr morgens schien mir die aufgehende Sonne direkt in mein Gesicht. Ich drehte mich vom Kopf zum Fußende und versuchte noch etwas Schlaf zu erhaschen. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaute, war es neun.
    Lara hatte mir geschrieben, dass sie schon Richtung Pilgerzentrum aufgebrochen sei, um ihr Ticket auszudrucken. Das hieß, das sie wohl heute abreist.
    Ich machte mich fertig und ging ebenfalls Richtung Pilgerzentrum. Allerdings nahm ich einen kleinen Umweg über die Festung von Trondheim, da man hier einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt hat. Ich machte ein paar Bilder und steuerte das Pilgerzentrum an. Dort gab es Gratiskaffee und einige Postkarten und Souvenire. Als nächstes stand die Post auf meinem Plan. Mein Paket, welches ich in Lillehammer nach Hause geschickt hatte, ist noch nicht angekommen und ich machte mir einige Gedanken. Die Frau im Post-Office sagte, dass das Paket korrekt frankiert sei. Allerdings könnte sie es nicht tracken. Ich gab eine Vermisstenanzeige auf. Mal schauen, was daraus wird.
    Danach schlenderte ich durch die Stadt. Ich fand einen Laden mit echtem Braincooler und gönnte nur eine Portion Erdbeere. Philipp und Lisa würden heute ankommen und ich dachte, es wäre doch super, wenn wir alle, auch Lara, gemeinsam am Wasser sitzen und etwas trinken. Es war Samstag und das Problem mit Alkohol in Norwegen kannte ich bereits. Wein kann man nicht im Supermarkt kaufen. Dafür muss man in spezielle Läden und die machen Samstag schon um 15 Uhr zu. Ein spontanes Betrinken muss in Norwegen gut geplant sein!
    Es war kurz vor knapp doch ich bekam noch zwei Flaschen Wein. An die angenehm hohen Preise hatte ich mich bereits gewöhnt.
    Ich ging zurück ins Wanderheim und wollte Duschen und ein paar Postkarten schreiben, bevor Philipp ankam. Plötzlich schrieb Lara. Sie hatte sich mit Line - jene Norwegerin, welche Philipp und ich einst bei einer Kaffeepause trafen und uns mit ihren kälteresistenten Wikingergenen beeindruckte - getroffen, und fragte, ob ich mit an den Strand kommen wollte.
    Hier herrschten dreißig Grad und die Aussicht auf eine Erfrischung machte die Entscheidung leicht. Als Treffpunkt machten wir den Dom in 25 Minuten aus. Ich packte fix meine Sachen und rannte los. Unterwegs kaufte ich noch ein Sixpack Bier, denn nach dem Baden war es sicher zu spät. Wie entspannt ist das Leben doch mit Spätis. Ich lief die ganzen zwei Kilometer in meinen Sprint-Flip-Flops und meinem Rucksack. Darin waren der Wein, das Bier, Kaffee-Utensilien und ein Badehandtuch. Halbwegs pünktlich doch völlig verschwitzt kam ich zum Treffpunkt. Neben Lara und Line war auch Mari - Line's Freundin - da. Wir gingen zum Strand.
    Das Wasser war herrlich und so erfrischend. Mari hatte keine Lust auf Wasser und passte auf die Sachen auf. Lara genoss die Erfrischung sichtlich. Es war schön, sie so ausgelassen zu sehen. Plötzlich war auch Appi - der Schweizer Safran-Pilger - da. Line hatte ihn anrufen. Und sie telefonierte auch noch mit Daniel. Sie hatten sich alle unterwegs kennengelernt und waren nun in Trondheim.
    Mari lud spontan alle zu sich in ihren Garten ein. Auch Philipp. Ich wollte ihn an der Kathedrale begrüßen. Also verabschiedete ich mich kurz von allen - auch von Olav, dem Fjordkrebs, welchen Lara zwischen den Algen ausgemacht und der sehr mit den Wellen zu kämpfen hatte - und ging Richtung Kathedrale. Philipp war im Pilgerzentrum und ich setzte vermutlich zum letzten Mal für uns beide einen Bialetti-Kaffee auf. Direkt am Kilometerstein 0. Wenn nicht hier wo dann, sollten wir den letzten gemeinsamen Kaffee trinken. Als der Kaffee fertig war, kam Philipp mit Lisa angeschlappt. Auch sie ist heute angekommen und ist die letzten Kilometer trotz ihres Fußes gelaufen.
    Wie saßen, tranken Kaffee und das Bier und tauschten uns über die letzten Tage aus.
    Philipp wollte noch duschen und ich schonmal vor zu Mari. Mit Bus und Bahn war das am Samstag ein sinnloses Unterfangen. Nach drei gescheiterten Google-Maps-Versuchen, einen Bus zu erwischen, nahm ich ein Taxi. Das fuhr mich in eine Art Beverly Hills von Trondheim. Ein Traumhaus reihte sich an das andere und vor einem blieb das Taxi plötzlich stehen. Ich hörte die anderen bereits. Sie saßen in geselliger Runde auf einer wunderschönen Terrasse und bei schönstem Sonnenschein. Auf dem Tisch stand selbstgemachtes Bacalao und Knoblauchbrot.
    Es war irgendwie unwirklich. Das bisher Erlebte war so wundervoll, dass ich nicht dachte, es könne ansatzweise getoppt werden. Und nun saß ich inmitten von Menschen, die ich kaum kannte und die sich wie jahrelange Freunde anfühlten. Dazu gab es dieses köstliche Fischgericht, selbstgebrautes Bier und als Nachtisch Eis mit norwegischen Erdbeeren. Die Atmosphäre war so stimmig und herzlich. Ich weiß nicht, womit ich diesen einmaligen Abschluss-Abend verdient habe. Wir sprachen über den Olavsweg und was er in und bewegt hat. Dann stimmte Lara das Lied an, welches sich als Strophe auf unseren Pilgerpässen befand. Wir sangen es alle gemeinsam auf deutsch. Es kribbelte in mir und Gänsehaut überzog meinen Körper. Wir sangen es nochmal und nochmal. Helmut begleitete uns mit der Gitarre und dann sangen wir es auch auf norwegisch.
    Dann war es Zeit für Lara zu gehen. Sie musste ihren Nachtbus nach Oslo erwischen. Mari und Line brachten sie zum Bahnhof und auch ich nutzte die Chance, wieder in die Stadt zu kommen. Der Abschied war sehr schwer. Lara und Line sind sich auf dem Weg sehr nah gekommen. Das spürte man in jedem Blick, jeder Berührung und jeder freundlichen Geste der Beiden. Sie würden sich wieder sehen - das hatten sie sich versprochen. Und ich hatte das Gefühl, es wird nicht allzulange dauern.
    Wir winkten Lara noch eine Weile hinterher, als sie mit den Bus abfuhr.
    Ich verabschiedete mich auch von Line und Mari und dankte für diesen unvergesslichen Abend. Dann zog ich Richtung Wanderheim. Philipp und Lisa waren noch in der Gegend und ich stieß zu ihnen. Wir gingen in eine Art alte Speicherstadt. Hier reihte sich eine Bar an die andere. Wir ergatterten drei Liegestühle auf deiner Wiese, teilen uns die Rucksackbiere und waren über die vielen Menschen erstaunt. Das hatten wir die letzten vier Wochen nicht erlebt. Staunend, zufrieden und amüsiert tranken wir aus und gingen in unsere Unterkünfte.
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