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  • Day29

    The Real Camino Starts In Santiago

    July 29 in Norway ⋅ ⛅ 24 °C

    Diesen Spruch habe ich letztes Jahr in einer Herberge auf dem Jakobsweg gelesen. Er ist ohne weiteres auf den Olavsweg und Trondheim übertragbar. Doch seltsamerweise habe ich das Gefühl, dass ich auf dem Olavsweg nach Trondheim bereits ein ganzes Stück weiter gekommen bin, als damals auf dem Weg nach Santiago. Vielleicht baue ich auf den Erfahrungen auf. Es wäre wünschenswert, nicht immer wieder bei Null anzufangen. Apropos Null oder Nichts - exakt das hatte ich geplant, als ich vor etwa vier Wochen nach Oslo aufbrach. Nur die Hin- und Rückflüge und die erste Übernachtung in Oslo hatte ich in der Tasche. Ich hatte vor, den langen Weg bis nach Trondheim zu gehen. Dass ich das nicht in vollem Umfang schaffen würde, wurde mir sehr schnell klar. Doch was ich stattdessen oder besser trotz allem erlebt habe, hätte ich mir nicht zu träumen gewagt. Ich wurde mit so vielen Sachen beschenkt - mit unvergesslichen Bildern in meinem Kopf, neuen Bekanntschaften und Dingen, die ich zum ersten Mal gemacht habe.
    Ich bin über das Fell geritten. Ich habe die Fjorde gesehen, darin gefischt und sogar etwas gefangen. Ich bin über eine von Europas schönsten Bahnstrecken gefahren. Ich habe den höchste Berg Norwegens bestiegen und mir auf seinem Gipfel einen Kaffee bereitet. Ich habe Elche, Moschusochsen und sogar Saison-Wildpferde gesehen. Ich habe wild gecampt und in einem Gletschersee gebadet. Ich bin in den Genuss einer VeryImportantPilgrim-Führung durch den Nidaros-Dom gekommen. Ich habe unfassbar schöne Natur gesehen, unzählige Wasserfälle und einen sogar durchschritten. Vieles davon habe ich abseits des eigentlichen Olavsweges erlebt. Doch es gehört dennoch irgendwie dazu. Zu meinem Olavsweg. Jeder geht hier seinen Weg. Schnell. Langsam. Allein. Gemeinsam. Für meinen Olavsweg gehörten diese Dinge dazu.
    Manchmal muss man den Pfad verlassen, um seinen Weg zu finden.
    Das ist meine Erkenntnis der letzten vier Wochen.
    Ich bin sehr dankbar für das, was ich erleben durfte. Mir ist bewusst, dass dies keinesfalls selbstverständlich ist. Doch noch dankbarer bin ich für die Menschen, die ich treffen durfte. Und die Hilfe und Gastfreundschaft, die mir auf unterschiedlichste Art zuteil wurde. Die meisten dieser Begegnungen werden einmalig gewesen sein. Nur für diese Zeit und exakt den einen Moment. Das ist gut. Aber von manchen der Bekanntschaften wünsche ich mir, dass wir uns wiedersehen. Ich bin mit einigen ein Stück des Weges gegangen und wir haben teilweise über sehr persönliche Dinge gesprochen. Mich interessiert, wie deren Wege und Geschichten nun weiter verlaufen. Nach Trondheim. Auf dem wahren Camino. Vermutlich hat hierbei Theodulf seine roten Finger im Spiel, denn mir sind gerade besonders jene Personen in meinem Kopf, mit denen ich in Ryphusan übernachtet habe.
    Nebenbei - Ich bin fest davon überzeugt, dass Theodulf uns weiterhin beisteht. Kleines Beispiel? Ich bin wieder in Berlin und mein Päckchen aus Lillehammer ist tatsächlich angekommen und liegt hier seit einer Woche auf dem Zollamt. Heute endet die Abholfrist. Ich also hin und der Kontrast zwischen norwegischer Weite gestern und deutscher Amtsstuben-Beschränktheit heute konnte nicht krasser sein. Und das sage ich als Beamter ;) Ich hatte das volle Programm mit Warteummerziehen, Anmeldung und herablassender Belehrung, dass Reiseverkehr nicht Postverkehr sei und meine, mir selbst zugesandten Gegenstände, zollrechtlich wohl nun doch irgendwie nicht meine Gegenstände seien, bis ich nicht Zoll dafür bezahle... In diesem Moment war ich wirklich wieder zurück.
    Theodulf sei Dank war nur der Beamte bei der Anmeldung so gefrustet und mein eigentlicher Bearbeiter weitaus freundlicher. Beim Öffnen des Pakets schnitt ich mir mit der Schere leicht in den Finger. Ein kleines Pflaster von dem netten Bearbeiter verhinderte eine größere Schweinerei. Ich erklärte ihm erneut die Situation und er fragte, ob ich Nachweise für die Kamera und das iPad dabei hätte. Hatte ich selbstverständlich nicht. Ich suchte in meinen Online-Kontoauszügen von 2015 und 2016 nach Abbuchungen, wurde aber nicht fündig. Das dauerte eine ganze Weile und ich war allmählich bereit, Zoll auf meine eigenen Sachen zu zahlen. Da funkte Theodulf dazwischen und ließ den Bearbeiter sagen, es sei schon gut und ich solle meinen Kram zusammenpacken und gehen. Das tat ich, dankte und verschwand. Aus Theodulf's Sicht hatte ich wohl bereits mit meinem Pilgerblut ausreichend gezahlt.
    Doch zurück nach Ryphusan. Zu Philipp, Lara, Melanie und Lisa. Ich denke, ihr macht ähnliche Theodulf-Erfahrungen. Und eines Tages führt er uns sicher wieder zusammen. Ich freue mich bereits darauf. Wir können es ihm etwas leichter machen und einfach in Kontakt bleiben :)

    PS. Im Gästebuch im Pilgerzentrum in Trondheim fiel mir ein Eintrag einer Corina aus der Schweiz auf. Sie ist einige Tage vor mir in Trondheim angekommen. Es war seltsamer Weise der einzige Eintrag, den ich mir durchlas. Ich fand ihn sehr schön und habe ihn in den Anhängen gepostet.

    God Tur!
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