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  • Day28

    Über den Wolken

    July 28 in Germany ⋅ ☁️ 30 °C

    Ich sitze im Flugzeug und unter mir müsste sich derzeit die Ostsee befinden. Als ich vor 28 Tagen an diesem Ort war - ich saß eigentlich nur andersherum - hatte ich nur einen Hin- und Rückflug und meine erste Übernachtung in Oslo gebucht. So vieles ist seitdem geschehen.
    Doch lass mich erst von meinem letzten Tag berichten. Ich beginne bei der letzten Nacht. Diese war ziemlich kurz. Wir hatten mit Philipp und Lisa bis ca. halb zwei Uhr morgens auf der Wiese gesessen und der Trondheimer Party-Jugend zugeschaut, wie sie mit steigendem Alkoholpegel zunehmend Spaß daran fanden, sich gegenseitig in den etwa knietiefen Kanal zu werfen, darin zu baden oder zu posen. Jetzt, da sich die bunten Barlichter darin spiegelten, sah die trübe Brühe viel einladender aus als tagsüber. Sauberer wurde das Wasser dadurch aber nicht. Gegen zwei lag ich im Bett und schrieb noch den Blogeintrag. Kurz nach vier - es war draußen bereits wieder hell - versuchte ich zu schlafen.
    Nach nur drei Stunden vibrierte mein Wecker an meinem Handgelenk. Ich wollte um 8:30 die Tram zu einem kostenlosen Pilgerfrühstück schaffen. Das Pilgerfrühstück war der Auftakt für das Olavsfest, welches am 28.07. beginnt und eine knappe Woche andauert. Überall um den Dom sind Bühnen und Buden aufgebaut und auf dem Platz vor der Kathedrale steht eine große Tribüne. Da ich sonst nicht viel vom Olavsfest sehen würde, wollte ich zumindest das Frühstück und den anschließenden gemeinsamen Weg zum Dom mitmachen.
    Es war kurz nach sieben und schon wieder sehr heiß im Zimmer. Mein Bettnachbar über mir ließ mich an seiner Verdauung teilhaben und auf meinem Rücken krabbelte eine Ameise entlang, was ziemlich kitzelte. Jetzt konnte ich auch aufstehen, dachte ich. Philipp schlief noch. Ich duschte schnell, sammelte meine Sachen zusammen, stopfte sie in den Rucksack und ging los. Ich musste einmal quer durch die Innenstadt zum Pilgerzentrum, um meinen Rucksack dort zu hinterlassen und dann wieder ins Zentrum zur Tramhaltestelle. Ich hatte mich ein wenig in der Zeit verschätzt und rannte die letzten Meter. Die morgendliche Dusche hätte ich mir jetzt auch wieder sparen können. Eine Tram von 1939 brachte uns Pilger nach Liam - eine Gaststätte am Olavsweg, ca. 7 km von der Kathedrale entfernt. Es waren einige hundert Menschen, Pilger und Pilgerfreunde, hier und frühstücken gemeinsam. Für mich war es das erste richtige Frühstück seit ein paar Tagen. Und es war gratis.
    Dann gingen wir gemeinsam die letzten sieben Kilometer des Olavsweges. Für mich war das irgendwie schön, da ich diese Strecke bisher nicht gelaufen war. Wir hielten an verschiedenen Kirchen, es wurden Reden auf norwegisch gehalten und gingen durch ein Open-Air-Museum zu norwegischer Kultur. Dort wurden verschiedene Szenen von früher nachgestellt. Unter den Leuten war auch Line und Mari von gestern Abend. So hatte ich Gelegenheit mich nochmal für diesen grandiosen Abend zu bedanken und revanchierte mich mit einem Eis. Das Verhältnis stimmt nicht ganz - aber der Gedanke zählt :)
    Die letzten gemeinsamen Kilometer schenkte ich mir und ging etwas schneller, denn ich war mit Philipp, Lisa und Steffen im Pilgerzentrum verabredet. Es war mittlerweile halb eins. Um zwei Uhr hatte Steffen seine exklusive Führung durch die Kathedrale gegenüber Philipp und Lisa angeboten. Das war die Zeit, wo ich auch langsam Richtung Flughafen fahren müsste.
    Philipp, Steffen, Lisa und ich saßen im Pilgerzentrum, tranken Kaffee und quatschten. Am laufenden Band kamen neue Pilger in Trondheim an. Wegen des Olavsfestes sind es in dieser Woche besonders viele. Einige der Leute kannte Philipp von den letzten Tagen und so kam man immer wieder ins Gespräch. Radio Compostela funktionierte auch auch dem Olavsweg und so kannte beispielsweise ein Karsten mich und meine Bialetti bereits, bevor wir uns nun im Pilgerzentrum zum ersten Mal begegneten. Irgendwie witzig. Wie zu vernehmen war, war auch Lara mit ihren Marathonstrecken und dem leichten Rucksack eine gern gewählte Frequenz auf Radio Compostela. Sie ist übrigens wohl behalten in Oslo angekommen und wartet auf den Anschlussbus nach Kiel. Der fährt Abend halb zehn ab Oslo und kommt wohl irgendwann am Montag in Kiel an. Auf diesem Wege - Gute Reise!
    Ich packte nebenbei erneut meinen Rucksack und versuchte, die Mitbringsel bruchsicher zwischen meine Sachen zu platzieren.
    Am Abend war in der Kathedrale eine große Eröffnungsfeier zum Olavsfest vorgesehen und Steffen hatte Philipp gefragt, ob er dort vielleicht ein paar Worte sagen möchte. Im voll besetzten Nidaros Dom. Was für eine Ehre. Und vermutlich auch - was für ein Lampenfieber. Ich freute mich für ihn. Es wird ein unvergesslicher Moment sein und aus meiner - zugeben subjektiven - Sicht, hatte "nur" er diese Ehre verdient. Er ist die ganze Strecke von Oslo bis Trondheim gegangen. Er hat dabei viele Menschen getroffen und ihnen geholfen. So auch mir, als er mir ein Halstuch überließ, weil ich Halsschmerzen bekam oder überhaupt, dass er mich - insbesondere am Anfang - gezogen hatte. Die Strecken, die ich auf dem Olavsweg ging, gingen wir zusammen. Ich hatte immer das Gefühl, das für ihn der Weg sein Ziel sei. Das entsprach auch meinem Pilgerverständnis. Die Vorstellung, dass er heute Abend ein paar Worte zu seinem Weg sprechen würde, machte mich irgendwie stolz und ich war traurig, dass ich dann im Flugzeug sitzen werde. (Nachfolgender Link ist ein Video zu Philipps Rede im Nidaros Dom https://youtu.be/1M21XqWQouU)
    Der Moment des Abschieds kam dann unausweichlich. Wir gingen gemeinsam zur Kathedrale. Ich verabschiede mich von Steffen, Lisa und Philipp. Lisa wohnt in Potsdam und wir werden uns sicher sehr bald wiedersehen. Auch Philipp werde ich früher oder später besuchen. Da bin ich mir sicher. Steffen - das wird vermutlich etwas länger dauern mit einem Wiedersehen. An dieser Stelle möchte ich noch einmal herausstellen, was für ein besonderer Priester Steffen ist. Er lebt seine Berufung. Er ist herzlich, fürsorglich und angenehm menschlich. Ich hätte nicht gedacht, von einem Priester einen Tip hinsichtlich des besten Akvavit zu erhalten :) Er nimmt sich zurück und stellt die Pilger in den Mittelpunkt. Solch einem Priester begegnet man sicher nicht oft. Danke für deine Hilfe und Unterstützung!
    Der Flughafen von Trondheim liegt etwas außerhalb doch die Busverbindung ist ganz gut - sogar sonntags!
    Alles klappte ohne Probleme und so sitze ich nun hier im Flugzeug über der Ostsee Richtung Berlin. Mein Olavsweg ist zu Ende. Was nehme ich mit? Ich denke, das dauert jetzt zu lang und ich schreibe darüber einen letzten Post.
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