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  • Day6

    Grenzen überwinden

    August 18, 2021 in Germany ⋅ ⛅ 14 °C

    Soooooo.
    Wer „so“ sagt, hat Großes vor. Groß im Sinne von 1,98 und zwei Zentnern? Groß im Sinne von über 130 Kilometern? Oder groß wegen fast 2.000 Höhenmetern? Heute war die Kombination daraus geplant, die Königsetappe. Stattdessen waren es heute keine körperlichen Grenzen, die überwunden wurden, sondern selbige im Kopf. Diego mit Biss, Mauer mit 18%, Brandenburg… alles Herausforderungen, die mit Willen und mit Spaß gemeistert wurden. Heute war es dann der technische Knock Out. Nach dem wirklich exzellenten Frühstück schwang ich mich hoch motiviert auf meine Old Lady. Mein Navigationsgerät sprang an - und ging wieder aus. Ok, falschen Knopf gedrückt, also nochmal. Selbiges Ende. An, aus. Neue Installation. Hard Reset. Alles mehrfach, nichts. Nach einer weiteren halben Stunde in der Hotline von Garmin konnte der Support mir ebenfalls nicht weiterhelfen - wenn er auch sehr bemüht war. Inzwischen war es fast halb zwölf, die heutige Etappe war kaum noch zu schaffen, vor allem setzte jetzt noch unerwartet und nicht vorhergesagter Regen ein. Im Hinterkopf hatte ich es schon durchgespielt, aber immer wieder weggeschoben: ich muss mit dem Auto mit. Resignation, Wut (auf was eigentlich?) und Traurigkeit machten sich in mir breit, ich kann doch nicht wirklich aufgeben und mit dem Auto fahren?!!?
    Die Vernunft gewann, die Old Lady wurde im Kofferraum verstaut. Erster Stopp war dann, der Regen lies nicht nach, in Vacha. Die Werrabrücke bei Wacha war während der Trennung eher das Symbol der Uneinheit, denn sie liegt quasi direkt auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze und war bis zur Grenzöffnung 1989 gesperrt. Seither heißt sie die „Brücke der Einheit“. Als Stimmungsaufheller gab es noch Cappuccino und Kuchen, ehe wir mit Blick auf die Zeit weiter mit dem Auto nach Point Alpha fuhren. Ich hatte mich schon darauf eingestellt, die restlichen Etappen mit Handy und Uhr navigieren zu müssen, da piepte das Navi doch noch einmal verheißungsvoll - und ich habe bis jetzt keinen Schimmer, was ich anders gemacht habe als die zig Versuche zuvor, aber es funktionierte auf einmal wieder.

    An dem ehemaligen US-Beobachtungsstützpunkt mitten in der Rhön konnten wir erneut einen richtig guten Eindruck davon gewinnen, wie es hier zu Zeiten des Eisernen Vorhangs aussah. Der komplette Stützpunkt ist ein Museum mit zahlreichen Devotionalien aus der damaligen Zeit. Darüber hinaus zeigten Ausstellungen im „Haus auf der Grenze“ (welches tatsächlich exakt auf und ein Teil der Grenze ist) erneut in bedrückenden Bildern und Geschichten die repressiven Maßnahmen, unter denen die Bewohner an der Grenze gelebt und gelitten haben.

    Die Versuchung war groß, auch den restlichen Weg mit dem Auto zurückzulegen… aber nur kurz. Die Old Lady bekam frische Luft und die restlichen 56 Kilometer wurden abgeradelt. Die durchaus fordernde Fahrt über die weiten Hügel des Mittelgebirges brachte mich reichlich zum schwitzen, belohnte aber auch mit toller Weitsicht. Am Ende des längsten Anstieg des Tages wartete das „Dach der Tour“. Mit seiner Einwohnerzahl von etwas über 1.000 weiß Frankenheim sicher nicht zu beeindrucken. Ganz sicher aber mit seiner Höhe: Der kleine Ort liegt auf rund 760 Meter Höhe und ist somit das höchstgelegene Dorf der Rhön. Schön ist es hier in jedem Fall.
    Gegen 19:45 erreichte ich mit wieder über 1.000 Höhenmetern in den Beinen Ostheim vor der Rhön, dem heutigen Ziel.

    Was soll man an so einem Tag für einen Song wählen… es lief alles nicht so recht wie geplant, es hat mich sehr, sehr viel Überwindung gekostet, einzugestehen, dass die Fahrt mit dem Auto vernünftiger ist. Auf der anderen Seite hätten wir nicht so eine entspannte Zeit für den ausgiebigen Besuch von Point Alpha gehabt.
    „Makin' the Best of a Bad Situation“ von Ray Stevens.
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