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  • Day286

    Huayna Potosí (6.088 m)

    March 15, 2020 in Bolivia ⋅ ☁️ 7 °C

    Auf zum Gipfelstürmen am Huayna Potosí, dachte ich mir, als ich die Tour buchte, die Ausrüstung bei der Agentur aussuchte und meinen Rucksack packte. Aber von Stürmen kann im Nachhinein sicher nicht die Rede sein.

    Aber fangen wir vorne an…

    Der Huayna Potosí ist 6.088 m hoch, manche sagen auch 6.094 m, und er ist scheinbar einer der leichteren 6.000er Berge, da technisch nicht sehr anspruchsvoll. Tessa ist bei diesem Abenteuer raus. Sie hat entschieden, dass ihr das eine Nummer zu groß ist, vor allem, weil sie nach dem Ausflug in die Salar leicht angeschlagen war. Also sind wir das erste Mal auf der Reise für mehr als einen halben Tag getrennt - komisches Gefühl. Ich werde von La Paz zum Basislager (4.700 m) gefahren, wo ich meinen Guide Macario (‚Mac‘) treffe. Er kommt mit zwei Jungs direkt vom Gipfel, beide sind begeistert und berichten von ihren Anstrengungen. Nach Mittagessen und Ausrüstungscheck wandern Mac und ich zum naheliegenden Gletscherrand, um Eisklettern zu üben und mich mit der übrigen Ausrüstung vertraut zu machen. Puh, doch ziemlich anstrengend hier oben! Beim Abendessen fühle ich mich überhaupt nicht gut und diskutiere mit Mac die Situation. Wir einigen uns auf sehr frühes Schlafengehen und wollen am Morgen mein Befinden abwarten. Ich schlafe wie ein Stein und bin am nächsten Morgen gut erholt, fit und motiviert. Also machen wir uns auf den 2,5-stündigen Aufstieg zum ‚campo alto‘ auf 5.200 m. Hier ist wieder Akklimatisieren, Ausruhen und Vorbereiten angesagt. Wir kochen uns eine heiße Suppe, packen die Rucksäcke mit dem Nötigsten für den Aufstieg, unterhalten uns mit den anderen Alpinisten und legen uns wieder früh schlafen. Nachts um 01:30 Uhr geht’s dann los… noch einen heißen Tee, Rucksack geschultert und raus in die mondhelle Nacht. Die ersten 30 min geht es noch ohne, danach auf Schnee und Eis nur noch mit Steigeisen voran und es wird immer beschwerlicher. Als wir zur Kletterpassage kommen, habe ich einen kurzen Moment von neuer Energie und Motivation, aber wirklich nur kurz. Anschließend verändert sich unser Bewegungsrhythmus zu 50 Schritte gehen, 50 Sekunden stehen… und dieser scheiß Gipfel kommt nicht näher. Wir biegen in den letzten steilen Teil des Aufstiegs ein und Mac sagt nur: ‚We are almost at the top… ALMOST!‘ Meine Gedanken dazu schreibe ich lieber nicht. Wir sind auch schon bei 30 Schritte gehen, gefühlte 30 Minuten stehen angekommen. Doch irgendwie überholen wir die anderen Aufsteiger und weitere 5 Minuten später stehen wir am Gipfel des Huayna Potosí… geiler Scheiß!!! Jetzt spüre ich meine eiskalten Füße auch nicht mehr.

    Doch wer oben ist, muss auch wieder runter und das ist oft noch viel schlimmer, auch bei mir. Ich habe unglaubliche Schmerzen in beiden Knien und der Abstieg will nicht enden. Natürlich geht das ‚runter‘ viel schneller als das ‚hoch‘ und wir sind nach zwei Stunden wieder im ‚campo alto‘. Ich haue mich sofort in meinen Schlafsack, noch nie im Leben habe ich mich so kaputt und fertig gefühlt. Sollte mich jetzt jemand fragen, ob es sich lohnt und wie es war, würde ich ein vernichtendes Urteil abgeben. Aber das Nickerchen und die anschließende heiße Suppe bewirken Wunder und ich kann ohne weitere Probleme den restlichen Weg bis zum Basislager gehen, wo Mac und ich von einem Fahrer abgeholt werden. Zurück in La Paz nimmt mich Tessa in Empfang und ich bin echt happy auf dem Gipfel gewesen zu sein!
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