Daniel Gusenbauer

Joined August 2016
  • Day33

    Ciudad Perdida - die Verlorene Stadt

    September 16, 2016 in Colombia

    Kaum Etwas besitzt eine derart mystische und geheimnisvolle Aura wie eine verlassene Stadt einer früheren Hochkultur. Über 400 Jahre lang wusste niemand von der Existenz der Ciudad Perdida, die sich im dichten Dschungel des Tayrona National Park verbirgt, bis Mitte der 1970er Grabräuber auf die verlassene Stadt stießen. Die Nachricht verbreitete sich rasch und rief weitere Plünderer auf den Plan, so dass sich kurz darauf ein gewaltsamer Konflikt um dort vermuteten Schätze entwickelte. Erst 2008 marschierte das kolumbianische Militär ein und machte das Gelände für den Tourismus zugänglich. Seitdem bieten mehrere Agenturen geführte Trekks zur Ciudad Perdida an; der einzige Weg dorthin führt über eine 4-6 tägige kniescheibenbelastende Wanderung durch bilderbuchmäßige Dschungellandschaften. Diese Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen und buchte einen Platz mit Wiwa Tours, eine von Indigenen geführte Agentur mit Guides aus der Region.

    Mit insgesamt 9 Teilnehmenden aus England, den USA, der Schweiz und Spanien hatten wir eine lustige und angenehm kleine Gruppe beisammen und mächtig viel Spaß. Ein kleiner Bus führte uns von Santa Marta aus nach El Mamey, von wo aus nach einem Mittagessen der 4-tägige Trekk startete.

    Nachdem wir 2 Stunden in der unerbittlichen Sonne einen steilen, steinigen Bergpfad hinauf gepilgert waren, begann ich mich ernsthaft zu fragen, welch geistige Umnachtung mich zur Teilnahme an diesem Trekk bewogen hatte. Die erste Pause brachte die beste Wassermelone meines Lebens und mehr Zuversicht, als das Terrain zunehmend schattiger und bergab ging. Nach etwa anderthalb Stunden verwandelte sich der lehmige Boden des Pfades in ein sattes Rostrot (der Boden im Regenwald enthält oft besonders viel Eisen) und während der Abstieg schlammiger wurde, baute sich vor uns ein spektakulärer Anblick auf, mit dicht bewaldeten Berghängen. Zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags erreichten wir das erste Camp, gelegen in einem Tal an beiden Ufern eines Flusses. Ich war einigermaßen baff, als das erste, was ich im Camp erblickte ein Pool-Billard-Tisch war (wie haben die den hierher transportiert?) und allgemein überrascht, wie gut ausgestattet das Camp war. Es gab hervorragenden frisch gefangenen Fisch zum Abendessen und bequeme - wenn auch kleine - Betten zum Schlafen.

    Der zweite Tag war der brutalste und begann dank einer schwierigen Flussüberquerung mit kalten, nassen Füßen (uäh) gefolgt von einer mehrstündigen Aufstieg an Muli-Karawanen vorbei und durch schweißtreibende Dschungelhitze. Der Trekk war hart, der Schmäh in der Gruppe derb (und sehr sehr lustig) und meine Füße (bzw eigentlich mein restlicher Körper ebenso) triefend nass. Die Mittagspause gab uns die Gelegenheit, unsere Sachen ein wenig in der Mittagssonne zu trocknen und uns im Fluss abzukühlen. Ein natürliches Becken lud dazu ein, den Dschungeldreck abzuwaschen und das wuchernde Gestrüpp sowie bunte Singvögel zu bestaunen. Ich schwang mich von einem Felsvorsprung wenig elegant mit einer Liane ins kühle Nass. Leider verschwand jeglicher Videobeweis mit Jason's GoPro in der Strömung des Flusses (er wollte seine Tarzaneinlage aus der ersten Person filmen, als die GoPro aus seiner Hand rutschte).

    Meine Freude war wachspalmengroß, als meine Wanderschuhe nach der Mittagspause annähernd trocken waren - die Freude währte aber nur kurz, weil 5 Minuten später erneut ein Fluss durchquert werden musste und meine Füße wieder getränkt wurden. Eine Stunde später war mir das aber egal, da es sintflutartig zu regnen begann (hier ist gerade Regenzeit) und sich der Pfad in einen knöchelhohen Bach verwandelte. Seltsamerweise freute ich mich aber ungemein über den Regenguss - vielleicht weil er jeglichen Widerstand gegen die Nässe obsolet machte; vielleicht aber auch, weil ich die Landschaft und die Wanderung selbst (obwohl das ständige Auf und Ab körperlich eine extreme Herausforderung war) seht genoss. Zum Abschluss des Tages mussten wir einen auf Grund des Regens auf Hüfthöhe angeschwollenen Fluss überqueren, bevor es nochmal eine Stunde bergauf ging zum Camp des 2. Tages.

    Glücklicherweise traf unsere kleine Gruppe zuerst ein, was uns erneut Betten (yesssss!) statt Hängematten für die Nacht sicherte. Nach und nach trafen alle anderen Gruppen ein und mit rund 100 Leuten breitete sich eine Stimmung wie auf einem Festival aus. Bier floss, Spielkarten flogen über die Tische und nach Einbruch der Dunkelheit stolperten alle mit Stirnlampen durch die Gegend. Angesichts der frühen Tagwache (4:30) waren allerdings um 21h die letzten im Bett.

    Tag 3 begann mit nassen Füßen (Flussüberquerung zum Frühstück) und 1200 moosüberwachsene Steinstufen hinauf zur Ciudad Perdida. Oben angekommen breitete sich auf einer Lichtung die erste von hunderten Steinterrassen aus. Hier bat uns unser Guide José darum, symbolisch Eintritt zu bezahlen (mit Konzentration und guten Absichten), bevor wir zum Hauptkomplex vordringen durften. Von der Stadt selbst ist außer den Terrassen, Treppen, die sie miteinander verbinden und einigen in Stein gehauenen Umgebungsplänen nicht mehr viel übrig. Dennoch verbreiten die moosbewachsenen Terrassen eine mystische und geheimnisvolle Atmosphäre und der Ausblick auf die umliegende Sierra Nevada erfreut jeden Naturliebhaber.

    Über die Stadt und ihre Erbauer - die Tayrona - ist relativ wenig bekannt. Offenbar im 7. Jhdt gegründet, fungierte sie offenbar als Hauptstadt und bot bis zu 4.000 Menschen Unterkunft. Die Tayrona war die erste indigene Bevölkerungsgruppe, auf die die spanischen Eroberer trafen und ihre zahlreichen goldenen Artefakte werden als Stein des Anstoßes für die Legende von El Dorado vermutet. Auf Grund ihrer entwickelten sozialen und ökonomischen Organisationsform boten sie den Conquistadores zähen Widerstand, mussten sich den militärisch überlegenen Eindringlingen aber letztlich geschlagen geben und ihre Hauptstadt verlassen. Laut José war die Stadt aber tatsächlich nicht verloren; für die 4 heute in der Sierra Nevada lebenden indigenen Gruppen (die Nachkommen der Tayrona) war und ist die Ciudad Perdida ein heiliger Ort, der regelmäßig Schauplatz sozialer wie spiritueller Zeremonien ist. Faszinierend ist, dass weite Teile dieser indigenen Gruppen bis heute relativ autonom und isoliert im Tayrona National Park leben - viele von ihnen sprechen kein Spanisch. Hängen blieb mir überdies, wie faszinierend anders die Weltsicht dieser Gruppen ist, die jegliche Form von Krieg ablehnen und eine Hochachtung für Pachamama (Mutter Erde) aufbringen.

    Nach etwa 3 Stunden als Mosquito-all-you-can-eat in der Ciudad Perdida stiegen wir hinab, überquerten erneut den Fluss und begannen den Rückweg. Mittendrin zeigte der Regenwald so richtig, was er draufhat und das heftigste Gewitter, das ich je bezeugen durfte tobte über unseren Köpfen. Der ohrenbetäubende Donner und die unglaublichen Wassermassen, die den Pfad erneut in einen schlammigen Bach verwandelten war eine einschüchternde, aber auch extrem beeindruckende Erfahrung. Kurz vor Ende des Trekks des 3. Tages stellte sich der Fluss als ohne Seil unpassierbar heraus. Das Gewitter hatte ihn binnen Stunden in einen reißenden Strom verwandelt. Einer der Guides musste in einem riskanten Manöver den Fluss durchschwimmen und aus dem Camp ein Seil holen. Nachdem unsere Rucksäcke mit dem Seil ans andere Ufer transportiert wurden, mussten wir eine/r nach der anderen durch den mittlerweile brusthohen Strom durchqueren. Letzten Endes kamen alle mit nassen Klamotten und der Erinnerung an ein erstklassiges Abenteuer heil im Camp an. Großartig war der Moment, als José das Seil lockerte und wieder einpackte, obwohl noch mindestens eine weitere Gruppe die Überquerung vor sich hatte (er meinte lapidar, die hätten eh ein Seil dabei...)

    Die letzte Nacht verbrachten wir feierlich und der 4. und letzte Tag verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Unendlich kaputt kamen wir in Santa Marta an, von wo aus die meisten von uns gleich weiterreisten in den Strandort Taganga - auch ich brauchte erstmal Erholung und schmiss mich dort gleich mal ins Meer.
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  • Day27

    Medellín - Aufbruchsstimmung

    September 10, 2016 in Colombia

    Medellín. Ein Ort, der Backpackern und ihren Eltern schlaflose Nächte bereitet (wenn auch aus völlig verschiedenen Gründen) und die Frequenz besorgter Whatsapp-Nachrichten vervielfacht. Mit ein Grund dafür, warum dieser Beitrag erst erscheint, nachdem ich diese großartige Stadt schon wieder verlassen habe. Der andere Grund war, dass diese Metropole eine ungewöhnliche Sogwirkung auf ihre Besucher aus zu üben scheint. Dieser Umstand mutet reichlich seltsam an.

    Vor gut 20 Jahren zählte Medellín zu den gefährlichsten Städten der Welt: Schießereien, gewaltsame Überfälle und brutale Bandenkriege waren an der Tagesordnung; in manche Barrios (Viertel) wagte sich selbst die Polizei nicht hinein. Unter der Federführung Pablo Escobars avancierte Medellín zur Welthauptstadt der Kokainproduktion. Der einflussreiche Kartellchef wuchs zu einem der reichsten Menschen der Welt heran und suchte seine Macht mit brutalsten Mitteln zu festigen - so rief er zeitweise ein Kopfgeld für jeden getöteten Polizist aus.

    Heute ist das völlig anders und Medellín zählt zu den sichersten, zugänglichsten und modernsten Städten Kolumbiens. In rekordverdächtig kurzer Zeit krempelte sich Medellín völlig um und strahlt eine mitreißende Aufbruchstimmung aus, die auch ihre BesucherInnen in ihren Bann zieht.

    Im Parque Lleras - dem touristischen Hotspot mit unzähligen Bars, Clubs und Restaurants in unmittelbarer Umgebung - landeten wir in einem Geschäft am Rande des Platzes, das ich als Disneyland für Erwachsene bezeichnen möchte. In der gläsernen Theke bot man so ziemlich alles an, was Erwachsene glücklich macht: neben jeglichem erdenklichen Zubehör zum Rauchen und Kiffen standen riesige Nutellagläser; darunter Kondome, Dildos plus dazupassende Batterien, Handschellen sowie anderes Sexspielzeug; eine Reihe weiter fand man Rum- und Schnapsflaschen, darunter Kopfweh- und Magentabletten, sowie Zahnpasta inklusive Bürste, Deodorants und Duschgel. Ein gigantisches Kühlregal gegenüber pries rund 50 Biersorten (zum Teil in 0,75l Glasflaschen) an, gefolgt von einer überwältigenden Auswahl an Chips und anderem Knabberzeug und zuckerhaltigen Fressalien. Ich fand das Ganze extrem amüsant, vor allem weil ein Schild keine 10 m entfernt dazu aufrief, keinen Alkohol am Platz zu konsumieren. Wir schnappten uns ein Sixpack und vernichteten es - rebellisch wie wir sind - im Park neben dem Schild. Dabei trafen wir die exzentrische Französin Cathou, die uns von ihren Erfahrungen in Mexiko erzählte. So wurde sie u.a. von Polizisten verprügelt, die ihr Kokain untergejubelt hatten und besuchte einen Totenkult. Mama, als nächstes fahr ich nach Mexiko (kleiner Scherz).

    Den Abend verbrachten wir in Medellíns Zona Rosa - das hedonistische Zentrum der Stadt - und wunderten uns über die Lebensfreude ihrer EinwohnerInnen. Grundsätzlich fällt auf, das Medellín mehr als andere Orte in Kolumbien an eine europäische Großstadt erinnert. Aus den Bars und Discos dröhnt mehr Techno oder Rock als Salsa und Cumbia und auch modisch scheint man sich mehr an Übersee-Metropolen zu orientieren. Viele Menschen hier sind sehr stolz auf ihre paísa-Identität. Als paísa (wörtlich “ländlich“ bzw “vom Land“) bezeichnen sich die Menschen aus den ländlichen Regionen Antioquía (deren Hauptstadt Medellín ist) und anderen rund ums Kaffee-Dreieck. Ihre Identität gründet sich vor allem auf den ländlichen, von der Höhe und der Landwirtschaft geprägten Lebensstil. Damit verbunden ist ein gewisser Lokalpatriotismus sowie eine latente Indifferenz gegenüber anderen Teilen Kolumbiens.

    Jedenfalls wissen die Menschen in Medellín, wie man das Leben feiert und sich die Nächte um die Ohren schlägt und auch wir hatten einen fantastischen Abend. Am nächsten Tag schlossen wir uns einer Free Walking Tour an, die uns durch das (historische) Zentrum Medellíns führte. María, die quirlige Führerin erzählte mit viel Witz und Leidenschaft von ihrer Stadt und welch beeindruckenden Fortschritt diese in den letzten 2 Jahrzehnten erlebt hat. Als Symbol dieser Transition gilt Medellín's Metro (die einzige in Kolumbien): bestehend aus 2 U-Bahnlinien uns 4 Seilbahngondeln (Cablecars; Medellíns ärmere Viertel schlängeln sich östlich uns westlich die Anden hinauf) verbindet sich die Bewohnerinnen der Stadt nicht nur geografisch. Von den Stationen bis zu den Zügen und Gondeln zeigt sich alles blitzsauber, kein Graffiti, Tag, Gekritzel oder Müll trübt das makellose Erscheinungsbild von Medellíns Metro-Netz. María meinte, Medellíns Bevölkerung nimmt die Sauberkeit und Ordnung in der Metro ernster als in den eigenen 4 Wänden; man merkt, wie dankbar und froh man hier über dieses Verkehrsmittel ist, das als Gallionsfigur von Medellíns Aufstieg gesehen wird.

    Ein weiteres Markenzeichen der Stadt sind die zahlreichen Bronzestatuen von Kolumbiens bekanntesten bildenden Künstler. Fernando Boteros Stil ist so unverwechselbar wie irritierend: das Spiel mit Proportionen und Volumen charakterisiert sein Werk und so finden sich in der Stadt verteilt Pferde mit winzigen Köpfen, beleibte Tauben und Männer mit überdimensionierten Köpfen. Laut María ist jede von diesen Geschenken Boteros an Medellín gut 2 Millionen Dollar wert.

    Die Tour führte uns außerdem vorbei an dem wohl hässlichsten Rathaus der Welt (womöglich fehlt mir auch einfach der Sinn für moderne Architektur), Medellíns Einkaufszentrum und -Straße für gefälschte Waren aller Art, dem belebten Plaza Bolivar sowie dem Parque de Luces (Park der Lichter), der auf einem von Medellíns früher dunkelsten Stadtteilen errichtet wurde. Die 2 Säulen von Medellíns Stadterneuerungsprojekt sind demokratische Architektur und Bildung. Wo früher Gewalt und Elend herrschte , sollen - so die Absicht - sichere öffentliche Räume und niederschwellige Bildungseinrichtungen den Weg des Übergangs ebnen.

    Zu jeder der 11 Stationen hatte María eine Geschichte parat, die sie mit vollem Körpereinsatz preisgab. Sie wies uns immer wieder darauf hin, wie verwundert und erfreut viele EinwohnerInnen Medellíns sind, dass ausländische Gäste ihre Stadt besuchen. Auch mir rief u.a. ein Polizist mit Maschinengewehr und ein Ananasverkäufer ein herzliches ¡Bienvenidos! (Willkommen) hinterher.

    (...)
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  • Day24

    Salento Pt II

    September 7, 2016 in Colombia

    Nach insgesamt etwa 6 Stunden und mit riesigem Hunger kamen wir zurück im Tal an, wo die Willys darauf warteten, uns nach Salento zurück zu fahren. Nachdem niemand eine Stunde warten wollte, endeten wir schließlich zu elft in einem Jeep, der eigentliche Platz für 6 Personen bot. 4 von uns (darunter ich) verbrachten die halbstündigen Fahrt über kurvige Landstraßen am hinteren Trittbrett stehend. Anfangs war mir schon etwas mulmig zumute, als ich bemerkte wie vorsichtig der Fahrer durch das Tal lenkte, konnte ich allerdings doch die Aussicht auf die Kaffeeplantagen, die sich die Hänge hinauf streckten, genießen.

    Völlig durchnässt (zu gleichen Teilen Schweiß und Regen - wobei die Regenjacke ihre erste Bewährungsprobe mit Bravour bestanden hatte) genossen wir in Salento noch erstklassigen Kaffee und gegrillte Trucha (Forelle) auf - was sonst - frittierten Kochbananen, bevor wir abends einen Kleinbus nach Pereira nahmen, von wo aus wir weiter nach Medellín reisen wollten. Der Kleinbus wurde vom Fahrer mit einem Geschick befüllt, das auf jahrelange Tetris-Erfahrung hindeuten könnte. Ich verbrachte auch diese Fahrt im Stehen, dieses Mal zwischen den Sitzreihen im Mittelgang. Links von mir lehnte eine übergewichtige Kolumbianerin ihren Kopf an meine Hüfte, rechts von mir nutzten 2 Bier trinkende Franzosen die Fahrt um ihren Koksvorrat zu reduzieren, während ich gebückt (Kolumbien ist wirklich nicht für Menschen über 1,75m vorbereitet) versuchte, mir den Kopf nicht an den Haltestangen anzuhauen. Bei der Fahrt kam ich mit einer Gruppe Belgierinnen ins Gespräch, die ich später in Medellín wieder sehen sollte.

    In Pereira erwischten Sebastian, Tanja und ich fast gleich anschließend einen Bus nach Medellín - ich war schon sehr gespannt auf Kolumbiens zweitgrößte Stadt, in der ich eine tolle Zeit haben sollte.
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  • Day24

    Salento - Nebelwald im Kaffeedreieck

    September 7, 2016 in Colombia

    Dank seiner klimatischen Bedingungen zählt Kolumbien zu den bedeutendsten Kaffeeproduzenten - umso erstaunlicher, dass der Kaffee, der einem hier üblicherweise vorgesetzt wird, meist eine Beleidigung der Geschmacksnerven darstellt und nach wenig mehr als schwarzes Wasser mit Sand schmeckt. Um das zu ändern, beschloss ich nach Salento zu pilgern, einer pittoresken Kleinstadt inmitten des kolumbianischen Kaffeedreiecks. Durch die zahlreichen Kaffee-Fincas und seine Lage in der Nähe des spektakulären Valle de Cocora hat sich dieses verschlafene Dorf zu einem beliebten Ziel in- und ausländischer Reisender entwickelt.

    Mit den ersten Sonnenstrahlen erreichte ich Salentos Hauptplatz, von wo mich ein alter US-amerikanischer “Willy“ (bunte Jeeps, die hier seit Jahrzehnten zum Transport von Personen und Kaffeesäcken gleichermaßen verwendet werden) zum tiefenentspannten Yambolombia-Hostel etwas außerhalb des Ortes brachte. Der Rastagelockte Besitzer Gabriel besitzt die Ausstrahlung eines Zen-Meisters und der in Kolumbiens Nationalfarben gehaltene Bungalow mit Bambussäulen fühlte sich vom ersten Moment an wie ein Wohnzimmer bei Freunden in den Bergen. Der Ausblick von dem auf einem Huegel gelegenen Yambolombia auf das Tal ist wie von einer Postkarte. Gabriel hat ausserdem den wohl besten Platz der Welt fuer eine Haengematte gefunden: morgens ragen die Gipfel der Berge ueber den dichten Nebelwolken der Cloud Forests hervor, abends kann man die Sonne bei ihrem allabendlichen Untergang bestaunen, der den bewoelkten Abendhimmel in verschiedenste Rotoene taucht. In dieser Haengmatte machte ich auch die erstaunliche Erkenntnis, dass Ameisen auf (ungesuessten!) Kaffee abfahren und somit meinen Morgenespresso verdarben.

    Auf Empfehlung Gabriels hin verbrachte ich den Vormittag meiner Ankunft im nebenan gelegenen Naturreservat Kasaguada. Der passionierte, witzige Besitzer Carlos bietet in diesem geschuetzten Stueck tropischen Nebelwald gefuehrte Touren an. Diese Fuehrung war eine der tollsten Erfahrungen auf dieser Reise; mit trockenem Humor, philosophischen Ansaetzen und einer beeindruckenden Menge Fachwissen begleitete uns Carlos durch das Reservat. Er erklaerte, wie dieser Wald funktioniert, in einer Lage, wo es keine Jahreszeiten gibt und Tag und Nacht stets unveraendert gleich lang sind. Wie die Flora und Fauna in dieser Region viel staerker auf symbiotischen Beziehungen basiert als in Europa oder Nordamerika; wie sensibel das oekologische Gleichgewicht ist (so kann zum Beispiel eine Zerstoerung des Waldes hier in Zentralkolumbien das Klima in Grosbritannien veraendern); wie unglaublich gut angepasst die Pflanzen in dieser Gegend an die klimatischen Besonderheiten sind; und vieles mehr.

    Dieses Reservat stellt Carlos Lebensprojekt dar; das Herzensstueck ist seine Dschungellodge. Mitten im Wald baut sich ploetzlich eine Konstruktion aus Guadua (der in Kolumbien endemische Bambus) und recycleten Plastikflaschen auf. Das Innere erinnert an eine unglaublich geschmackvoll und gemuetliche Luxussuite einer EcoLodge und bietet von Kueche hin zu Wassertoiletten jeden erdenklichen Komfort. Der Anspruch dieses Projektes ist es, den oekologischen Impact zu minimieren. So werden Abwasser bspw. durch spezielle Bakterienkulturen geklaert; die ganze Konstruktion besteht aus nachwachsenden oder recycleten Materialen; der Aufbau ist so konzipiert, dass die umliegende Flora moeglichst ungestoert drumherumwuchern kann. Dieses Projekt gilt aus Musterbeispiel dafuer, wie Komfort und ein geringer oekologischer Fussabdruck moeglich sein koennen (Carlos lebt auch in einem Bungalow im Reservat). Die ganze Tour war unglaublich informativ und unterhaltsam, eines meiner Highlights auf dieser Reise bislang.

    Den Nachmittag verbrachte ich mit Séfora, einer kreativen Kolumbianerin aus Salento, die im Bus kennen gelernt hatte. Sie zeigte mir das Kunsthandwerk, das sie gemeinsam mit ihrer Mutter anfertigt und verkauft. Salento selbst ist ein relativ verschlafenes Nest, dass zunehmend am Radar von in- und ausländischen Touristen liegt und dementsprechend über eine Vielzahl an Geschäften, Cafés, Restaurants und Tourist Agencies verfügt. Dennoch hat es sich eine gemütliche Atmosphäre bewahrt und an den Straßenrändern erblickt man immer wieder Schnauzbart und Cowboyhut tragende Farmarbeiter, die sich bei einer Tasse Kaffee angeregt unterhalten.

    Der 2. Tag führte mich auf eine Bio-Kaffee-Farm. Vom Steckling bis zur Tasse wurde uns der gesamte Produktionsprozess gezeigt. Gleich zu Beginn wurde allen Teilnehmenden ein kleiner Bastkorb um die Hüfte geschnallt und nach einer kurzen Einführung in das wichtigste Grundwissen über die Kaffeepflanze schickte uns der Guide auf die Felder, und verlangte einen Kilo rote Bohnen (in 10 Minuten) von jedem von uns. Das war wohl der Grund dafür, warum die Tour auf dieser Finca weniger kostete als auf anderen. Nach Ablauf der Zeit konstatierte der Guide trocken, dass er mich hier nicht einstellen würde und warf meine 5 an Kirschen erinnernde Früchte in die Maschine, die das Fruchtfleisch von der Bohne trennt. Ich vermute ja, dass wir hier hinters Licht geführt wurden - die Erntezeit beginnt erst im Oktober. Nach dem Schälen werden die Bohnen getrocknet, die dünne Haut entfernt und die zweitklassigen Bohnen aussortiert. Bemerkenswert fand ich, dass die Farm nach agroökologischen Prinzipien funktioniert: zwischen den Kaffeesträuchern ragen Bananenpalmen, Avocado- und Mangobäume und zahlreiche andere Obstbäume aus dem Boden. Diese Spenden einerseits Schatten (auf über 2000m ist die Sonneneinstrahlung ziemlich stark) und stillen den Hunger allfälliger Insektenschädlinge. Was übrigbleibt wird zur Verpflegung der FarmarbeiterInnen verwendet. Als Dünger wird ausschließlich der aus den Ernteabfällen gewonne Kompost gebracht.

    Am Ende erwartete uns eine frisch aufgebrühte Tasse Kaffee - der Geschmack war ungewöhnlich mild und fruchtig und so war so umgeben von Kaffeesträuchern und Bananenpalmen ein schöner Abschluss der Führung. Im Anschluss wanderte ich mit einigen anderen Gästen zurück nach Salento, um fürs Abendessen einzukaufen - Gabriel hatte eine Lagerfeuer angekündigt, über dem wir unser Abendessen (frisch gefangene Forelle!) brutzeln konnten.

    Der dritte Tag in Salento führte mich ins Valle de Cocora - angeblich einer der spektakulärsten Landschaften in dieser Nation voll wunderbarer Natur. Gemeinsam mit Bastian und Tanja, einem extrem lustig-exzentrischen Pärchen mit unverkennbarem bayrischen Akzent. Ein Willy brachte uns zum Eingang des Tals. Links und rechts von uns bauten sich die majestätischen Anden auf und durch die dichten Nebelwolken ragten Wachspalmen, mit bis zu 60m die größten Palmen der Welt und Kolumbiens Nationalbaum. In dieser Landschaft mit seinem tropischen Cloud Forest herrscht extreme Luftfeuchtigkeit und so begann es prompt zu nieseln, als wir den Pfad entlang in den Wald voranschritten. Die Berge, der wuchernde Dschungel, die klare Luft und die majestätischen Wachspalmen boten eine atemberaubende Kulisse für unsere Wanderung. Immer wieder führte der Pfad über wackelige Hängebrücken mit morschen Holzbohlen. Jedes mal mahnte ein Schild dazu, die Brücken nur einzeln zu betreten. Dem Hund, den die Gruppe hinter uns auf die Wanderung mitgebracht hatte, war das herzlich egal. An drei von fünf Brücken drängelte er sich an mir vorbei um dann mitten auf der Brücke verunsichert stehen zu bleiben und mich dann hilfesuchend anzublicken. Nachdem er sich jedes mal weigerte, die Brücke zu verlassen bis sein Frauchen nachkam, blieb mir nichts anderes übrig, als die Brücke entlang zu schleichen und meine Beine Links und rechts um den Hund zu schlingen.

    Nach etwa zwei Stunden bergauf durch Regen und wunderschönen Regenwald bot uns ein Schild an, hinauf zum Aicama Reservat zu steigen, wo das Casa de los Colibris dazu einlädt, Kolibris bei der Nahrungsaufnahme zu bestaunen. Der Pfad wurde zunehmend steiler und auf Grund des beständigen Regens immer matschiger. Dennoch zauberte mir die wunderschöne Umgebung ein Lächeln ins Gesicht. Nach weiteren 90 Minuten und mehreren hundert Höhenmetern empfing uns das Kolibrihaus mit heißer Schokolade (nachdem es ziemlich kalt und nass war eine willkommene Aufwärmung) und hunderten Kolobris in allen möglichen Farben. Ein kolumbianischer Vogelfreund zeigte mir unterdessen, welche Vögel man in dieser Gegend beobachten kann.

    Nach diesem Stopp stapften wir zur Kreuzung zurück und wählten den Weg zurück ins Tal über die Finca Las Montañas. Der Weg dorthin führte erneut über mehrere hundert Höhenmeter über matschige Terrain, belohnte uns aber mit einem tollen Blick über das in Nebel getauchte Tal. Beim Abstieg zeigten mir Bastian und Tanja ihre “deutsches Essen, das wir nach 14 Monaten in Südamerika“ vermissen. Die Liste umfasste über 150 deutsche Köstlichkeiten (mehr oder weniger) schön aufgegliedert (was für ein Klischee) nach Vorspeisen, Suppen, Aufstriche, Fleischgerichte, Pasta und Desserts. Ich amüsierte mich köstlich über die lebhaften und leidenschaftlichen Schilderungen über den Geschmack und die Zubereitung der Speisen und wunderte mich über die Vielfalt der deutschen Küche, während die beiden beinahe den Pfad vollsabberten.

    (Fortsetzung folgt)
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  • Day20

    In der Wüste: Desierto de Tatacoa

    September 3, 2016 in Colombia

    In einem Land, dass überwiegend durch seine Lage in den Tropen und dem damit verbundenen feuchten Klima charakterisiert ist, stellt eine Wüste eine ungewöhnliche Ausnahme dar. Gut, genau genommen gilt die Tatacoa-Wüste als “trockener tropischer Wald“ (was auch immer das heißen mag), was angesichts der Tatsache, dass die einzige Vegetation aus gigantischen Kakteen besteht, schon etwas verwundert.

    Nach einer gelinde gesagt unkomfortablen Busfahrt - man merkt, dass die durchschnittliche Körpergröße in Kolumbien deutlich unter der mitteleuropäischen liegt - kam ich am hässlichen Busterminal in Neubau, der heißen und auffallend unattraktiven Hauptstadt des trockenen Departments Huila, an. Ein köstlicher Ananas-Kokosnuss-Shake versüßte mir die Wartezeit auf den Jeep in die Wüste. Der Busterminal ist wohl der einzige Ort in Neiva, an dem man europäische Touristen trifft und so kam ich mit dem deutschen Pärchen Timo und Nele ins Gespräch. Ich fand heraus, dass Nele gerne Timo herumbossen lässt und mit nur 10 kg Gepäck reist. Im Jeep befanden sich neben uns noch die Französinnen Alice und Camille; auf halber Strecke quetschte der Fahrer außerdem noch eine Handvoll Einheimischer in den Jeep, die sich über Timos lange Beine lustig machten.

    Die einstündige Fahrt entwickelte sich zu einer Tortur für meine Kniescheiben, während der aus den Lautsprechern plärrende Cumbia meine Nerven strapazierte. Ok, eigentlich fand ich die Beschallung ganz in Ordnung, aber zu dramatischen Zwecken übertreibe ich gelegentlich. An uns vorbei zog eine trockene, flache Gegend, die zunehmend die vor uns liegende Wüste erahnen ließ. Gelegentlich folgten uns die verwunderten Blicke vor sich hin schmatzender Ziegen und die bizarren Verrenkungen meterhoher Kakteen. Es mutet anfangs schon seltsam an, dass man tatsächlich i n der Wüste direkt übernachten kann. Wir entschieden uns dafür, unsere Hängematten im Noches del Saturno aufzuspannen, da dieser Campingplatz über den Luxus eines Pools (schon wieder, ich weiß - vielleicht werde ich doch langsam bequem) verfügt - ein Traum an einem Ort, an dem das Thermometer hin und wieder an der 50° kratzt.

    Nachdem wir uns bei einem Bier mit den örtlichen Ziegen bekannt gemachten hatten, besuchten wir den Campingplatz der Nachbarin Doña Liliana, die in der Wüste für ihre Kochkünste bekannt ist. Dort gesellte sich zu den obligatorischen Reis und Kochbananen noch eine undefinierbare aber schmackhafte Gemüsepampe auf den Teller. Mit einem weiteren Bier bewaffnet schlenderten wir anschließend zum Observatorium. Auf Grund der geringen Luftverschmutzung, den abendlichen Winden (die die Wolkendecke verscheucht) und seiner Lage nur wenige Grade vom Äquator entfernt eignet sich die Tatacoa-Wüste hervorragend zum Beobachten der Sterne. Der passionierte örtliche Astronom bietet regelmäßig ausgezeichnete geführte Touren durch den nördlichen und südlichen Nachthimmel an. Schon kurze Zeit nachdem sich die Sonne hinter den Horizont verabschiedet hatte, tat sich ein atemberaubendes Sternendach über unseren Köpfen auf und der Astronom begann über seine Leidenschaft zu plaudern. Bewaffnet mit einem Laserpointer, der problemlos als das Laserschwert Obi Wan's durchgehen könnte, führte er uns durch das verwirrende Lichtermeer über uns. Trotz seiner anekdotenreichen Ausführungen zur Navigation anhand der Sterne sowie über die wichtigsten Sternbilder bleibt der Nachthimmel für mich ein faszinierendes Mysterium. Zum Abschluss gewährte uns ein professionelles Teleskop einen wunderbaren Blick auf den Saturn inklusive Ring. Ein toller Anblick.

    Zurück am Campingplatz ließ ich mir von drei Belgierinnen ein Kartenspiel namens “Call“ (vielleicht auch Kol oder Skol, der französischen Akzent machte es schwer für mich zu verstehen) zeigen, bei dem ich ziemlich beeindruckend den letzten Platz belegte. Um 22h - ungewöhnlich pünktlich in einem Land, dass sogar einen eigenen Begriff (hora colombiana, “kolumbianische Zeit“) für die allgegenwärtigen Verspätungen pflegt, drehte man uns ohne Vorwarnung jegliche Beleuchtung ab, was mir die Chance nahm, meinen letzten Platz weniger schmachvoll zu gestalten. Wir irrten zu unseren Hängematten und schliefen unter dem Leuchten der Sterne.
    Dank eines überambitionierten und stimmkräftigen Hahns kam ich zu mir, bevor die Sonne daran dachte, den Tag zu beginnen. Irgendwo in der Nähe ärgerten sich offenbar auch einige Hausschweine über den nachtaktiven Hahn und gaben Laute von sich, die mich an ein Rülpskonzert am Oktoberfest erinnerten. Als sich der Hahn der Nachbarin herausgefordert fühlte und in die Sinfonie miteinstimmte und weiteren Schlaf verunmöglichte, beschlossen wir, die Gelegenheit zu nutzen und uns vom Observatorium aus die aufgehende Sonne anzusehen. Dies zählte nicht grade zu meinen gloriosesten Einfällen. Zum Einen fällt es trotz Taschenlampe einigermaßen schwer, sich in der stockdunklen Wüste sich nicht den Knöchel zu brechen, oder, alternativ, auf einen nachtaktiven Wüstenbewohner zu treffen. Zum Anderen war der Sonnenaufgang eine herbe Enttäuschung; sogar die Stimmkraft des übermotivierten Hahns war spektakulärer.
    Wir kehrten zum Camping-Platz zurück, um ein noch enttäuschenderes Frühstück (schwarzes Wasser, Eier und absolut geschmacklose Arepas) einzunehmen. Anschließend nahm uns Haile, den ich zuvor für den Couch-Potatoe des Camping-Platzes hielt, mit auf eine Tour durch die Wüste. Mit einem Jeep ging's zunächst zu einem natürlichen Aussichtspunkt, von dem aus man bizarre Felsformationen bestaunen konnte. Mit ein wenig Phantasie ähnelten einige davon massiven Tieren aus Stein und Sand. So meinte ich ein Krokodil und eine Schildkröte erkennen zu können. Vielleicht wars auch einfach zu wenig Schlaf und/oder ein Bier zu viel. Haile erzählte ein wenig über die geologisch-klimatischen Bedingungen in dieser Gegend. Währenddessen ließ ich meinen Blick in die Ferne über die karge, furchige, graue Landschaft schweifen. Es wirkte auf mich, als wäre jemand mit zittrigen Händen mit einem überdimensionalen Rechen durch ein kiesiges Geröllfeld gefahren. Hier und da verbogen sich eine Kakteen, als würden sie einen bizarren Tanz zu Ehren der Sonne veranstalten. Nebenbei fiel mir auf, dass alle anderen Teilnehmenden französischer Muttersprache waren und nutzte die Gelegenheit, mit den Belgierinnen und Französinnen mein Französisch aufzufrischen.

    Eine kurze holprige Fahrt im Jeep führte uns zu einer kleinen Schlucht, in die uns Haile anschließend hinabführte, um uns das ungewöhnliche Labyrinth von innen zu zeigen. Während der Wanderung sprach er über die anpassungsfähigen Pflanzen, die in dieser trockenen Gegend zu überleben gelernt haben. Er wies uns auch auf ein weiteres auffälliges Merkmal hin: in den an Wellen erinnernden Felswänden, die sich links und rechts von uns auftürmten, waren dunkle kleine Steine in Linien entlang laufend zu beobachten. Das Ganze sah aus, als hätte sich ein begeisterter Mosaik-Liebhaber hier eine Menge Arbeit angetan. Tatsächlich, so Haile, zeugen diese Verzierungen davon, dass diese Gegend vor nicht allzu langer Zeit (geologisch gesehen) ein Meer war; die Steine lagerten sich an den Rändern entlang des Wasserstandes ab.

    Der Marsch durch das felsige Labyrinth mit seinen unrealistischen Felsformationen gefiel mir ausgesprochen gut, und war dank der Wolken sogar gut erträglich. Bevor uns Haile zum zweiten Teil - der roten Wüste - brachte, machten wir bei einer kleinen Gaststätte Halt, die Erfrischung in Form von Zuckerrohrsaft (hmmm!!!) bot und mit zwei bunten plappernden Papageien unterhielt. Die Tatsache, dass einer der beiden sein Verlangen nach Kakao artikulieren konnte (¡quiero cacao!) erheiterte mich maßlos und der cowboyhuttragende Besitzer schien mächtig stolz auf seine schrägen Vögel zu sein.

    Die rote Wüste bot einen spektakulären Anblick. Vor uns breitete sich ein Labyrinth aus kleinen Schluchten und Canyons aus; hin und wieder streckten sich von Wurzeln alter Kakteen zusammen gehaltene Landinseln wie Kamine in die Höhe. Das Ganze erinnerte mich an die mysteriösen Feenkamine in Kappadokkien, wenn auch in wesentlich kleinerem Format. Auf Grund einer grundsätzlich anderen geologischen Zusammensetzung leuchteten die Schluchten in unterschiedlichsten gelb- bis rottönen und boten deutlich mehr Kakteen Zuflucht als die graue Wüste. Haile warnte uns vor den fiesen Dornen, die langwierige und schmerzhafte Verletzungen verursachen können.

    Unterdessen löste sich die Wolkendecke auf und die Sonne schien uns allmählich daran erinnern zu wollen, dass wir uns hier in einer Wüste befinden. Während uns der erstaunlich fitte Haile durch das Labyrinth führte, brannte die Sonne brutal auf uns herab. Ich improvisierte einen Turban aus meinem weißen T-Shirt, während die Belgierinnen sich ihre Bikini-Unterteile über den Kopf stülpten. Ein ziemlich witziger Anblick bei annähernd 40℃. Die Sonne knallte gnadenlos auf uns herab und auch wenn ich die Tour absolut großartig fand, war ich doch ziemlich froh, als wir beim Camping Platz und damit beim Pool ankamen.

    Die ärgste Mittagshitze verbrachte ich zwischen Hängematte und Pool hin und her pendelnd und am späten Nachmittag ging's zurück nach Neiva, um meine nächste Station zu erreichen: Salento eine malerische Kleinstadt, im Herzen von Kolumbiens Kaffeedreieck. Die Stunden bis zum Nachtbus verbrachte ich am Bahnhof mit den Belgierinnen zwischen Süßigkeiten, lustigen Zeichenspielen und schlechtem Essen. Im Bus dauerte es nicht lange, bis mich das ruckelnde Hin und Her in ein tiefes Dösen wiegte.
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  • Day18

    Mocoa - Wasserfälle und Schamanen

    September 1, 2016 in Colombia

    Nach entspannten Tagen in Puerto Nariño kehrte ich nach Leticia zurück, um meine Rückkehr nach Bogotá und meine weitere Route zu planen. Aus Kostengründen verbrachte ich 2 weitere Tage in Leticia, diesmal in einem für meine Verhältnisse luxuriösen Hostel. Am Rande von Luisa's himmlischen Pool traf ich den verrückten Katalanen Albert, mit dem ich einen ziemlich wilden Abend in Leticia's Nachtleben verbrachte - ich möchte lediglich erwähnen, dass köstliche Caipirinhas für weniger als 2€ für mich bislang die größte Gefahr in Kolumbien darstellten.

    Am nächsten Tag schloss ich mich einer mäßig tollen (weil sehr affektierten) Tour an. Das Unterhaltsamste für mich war die Isla de los Micos, wo hunderte von kleinen Affen auf den Schultern und Köpfen der begeisterten Touristen kletterten und sich um die mitgebrachten Bananen rissen. Eigentlich hatte ich auch einen Haufen Bananen mitgebracht, vertilgte diesen auf der Bootsfahrt allerdings selbst (auf Grund miserablen Zeitmanagements fehlte mir ein Frühstück). Einer der Affen merkte das aus mit unerklärlichen Gründen offenbar, und pisste mir kurzerhand auf die Schulter.

    Der nächste Tag brachte mich per Flugzeug zurück nach Bogotá. Dort verbrachte ich den Nachmittag mit Gabriela, bevor mich eine 14-stpbdige Fahrt im Nachtbus nach Mocoa, die Hauptstadt des Departments Putomayo führte. Die arktischen Temperaturen (der Busfahrer trug eine Wollhaube), der riskante (Untertreibung des Tages) Fahrstil des Chauffeurs und die fragwürdige Musikauswahl ließen mich erleichtert aufatmen, als die Bustüre sich öffnete und mich in das tropische Klima Mocoas entließ. Mocoa, ein Zentrum der kolumbianischem Landwirtschaft selbst hat außer einer beachtlichen Anzahl an Wasserfällen und köstlichen Früchten (viele davon sind endemisch und haben nicht mal einen deutschen Namen) nicht viel zu bieten. Grund meines Aufenthalts war der taita (eine Art Schamane) Manuel, den ich auf Empfehlung von Radan und zwecks persönlicher Weiterentwicklung aufsuchte.

    Ich wurde vom ersten Moment an wie ein Familienmitglied aufgenommen und verbrachte einige schöne Tage an diesem magischen Ort. Manuels Grundstück ist eine wahre Oase mit seinen Bananenbäumen, Ananassträuchern, zahlreichen bunten Pflanzen und den im umliegenden Dschungel lebenden exotischen Vögeln. In den einfachen Verschlägen lebt eine bunt zusammen gewürfelte Gemeinschaft auf der Suche nach persönlicher und/oder spiritueller Weiterentwicklung. Der Ort strahlt eine ganz besondere Atmosphäre der Geborgenheit aus und der stets herzliche Manuel erinnert an eine Mischung aus Balu, dem Bären vom Dschungelbuch und Buddha. Meine Erfahrungen dort waren sehr aufwühlend und persönlich, weshalb ich sie an dieser Stelle nicht weiter ausführen werde.

    An einem der Tage wanderte ich zum Fin del Mundo (Ende der Welt), dem imposantesten der vielen Wasserfälle rund um Mocoa. Ein etwa einstündiger, in der feuchten Hitze recht brutaler Aufstieg führte mich zu einem ersten kleinen Wasserfall, der einen natürlichen Pool bildete - nach der schweißtreibenden Wanderung eine willkommene Abkühlung. Mein Sprung ins kalte Wasser veranlasste die sich über mir in der Zwischenzeit dicht gewordene Wolkendecke dazu, einen Regenschauer abzugeben - ich war schließlich ohnehin schon nass. Nachdem ich mir von den herabstürzenden Wassermassen die Schultern massieren ließ, lernte ich zwei andere einsame Wandererinnen - Diana aus Kolumbien und Gabi aus Mexiko - kennen, mit denen ich den weiteren Weg zum Ende der Welt bestritt. In der Zwischenzeit mündete das anfängliche Nießeln in einen ausgewachsenen tropischen Regenschauer und gestaltete den weiteren Pfad - der mehrmals die Überquerung des Flusses erforderte - zunehmend in eine gefährliche Rutschpartie. Meine Schienbeine ähneln eine Woche später immer noch jenen eines Fußballers, der in einem Spiel ohne Schiedsrichter seinen Schienbeinschutz vergessen hatte. Der Ausblick vom Ende der Welt belohnte uns jedoch mit einem atemberaubenden Ausblick über hundert Meter in die Tiefe in ein von dichtem Dschungel bewuchertes Tal, während neben uns die Wassermassen in den Abgrund stürzten. Langsam konnte ich nachvollziehen, warum die Einheimischen diesen Ort Fin del Mundo tauften.
    Der Weg zurück durchnässte uns restlos und die Leute auf Manuels Grundstück lachten auf, als ich blut- und schlammverschmiert daher stapfte.

    Nachdem Manuel nach Bogotá reiste und mich in eine längere Busfahrt in die Tatacoa-Wüste erwartete, verbrachte ich die letzte Nacht in Mocoa in einem lächerlich günstigen und dementsprechend furchtbaren Hotel. Die aus Palmwedeln geflochtenen Matten unter Manuels Strohdach boten mehr Komfort als das “Bett“ (gefühlt ein Holzkasten mit 3 Leintüchern darauf) im Hotel Casona Imperial. Egal, nach 6 Stunden Schlaf - ein Verbrechen an meiner Wirbelsäule - erwartet mich eine 6-stündige Fahrt in die Wüste.
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  • Day10

    Puerto Nariño - Funkytown

    August 24, 2016 in Colombia

    Nach 3 Tagen als Möchtegern-Bear Grylls entschied ich mich dazu, die idyllische Gemeinde Puerto Nariño rund 75km flussaufwärts von Leticia aufzusuchen. Diese hauptsächlich aus Angehörigen der Ticuna bestehende Siedlung zeigt vor, wie Mensch und Natur friedlich koexistieren können: motorisierte Fahrzeuge sind grundsätzlich verboten, organische Abfälle werden kompostiert, nicht-organische sorgfältig getrennt und wann immer möglich recycled. Jeden Morgen schwärmen Trupps engagierter BewohnerInnen aus, um herumliegenden Müll aufzusammeln und die in Puerto Nariño angebotenen Lebensmittel stammen großteils aus der Region. Generell scheint hier die Zeit etwas langsamer zu verlaufen und die Einheimischen sind von einer herzlichen aufrichtigen Freundlichkeit, die den gelernten Wiener nur verblüfft den Kopf schütteln lässt. Umgeben ist der Ort von unberührten Regenwäldern in denen sich Faultiere, Kolibris, Tapire und sogar Jaguare tummeln. Außerdem schlingt der Amazonas seinen mächtigen Arm um Puerto Nariño. In ihm und seinen zahlreichen Verzweigungen treiben zahllose Fischarten, rosa und graue Delfine, Manatís und Kaimane munter vor sich hin. Abends brutzeln die Fischer ihren Fang an den Wegrändern und bieten somit Streetfood der besonders frischen Art an. Obwohl hunderte Kilometer vom Meer entfernt, verbreitet der Ort ein karibisches Flair. Und das vielleicht allerwichtigste: keine Ameisen weit und breit. Hier lässt es sich gut aushalten.

    Nachdem ich mich anfangs etwas einsam fühlte (Sabrina brach mit dem Schiff auf nach Peru Richtung Iquitos), traf ich schnell einige interessante Menschen und verbrachte drei wunderbaren Tage hier. In der familiären Atmosphäre des Hostal Paraíso Ayahuasca lernte ich den herzlichen, inspirierenden serbischen Biologen Radan sowie die quirlige, mindestens ebenso inspirierende Italienerin Mara kennen. Beide haben schon viel Zeit in Kolumbien verbracht und arbeiten gerade gemeinsam an einer multimedialen Dokumentation über Mythen, Traditionen und überlieferte Geschichten der Region.

    Am Morgen des zweiten Tages bot uns José, ein charismatischer alter Ticuna mit leuchtenden Augen, an, uns mit seinem peque-peque (ein kleines, meist auf den ersten Blick nicht besonders seetauglich wirkendes Holzboot) zu den rosa Delfinen sowie zum Lago Tarapoto zu kutschieren. Üblicherweise tummeln sich die bufeos (Delfine) mit Vorliebe im Lago Tarapoto, der auf Grund seines Fischreichtums eine Art all-you-can-eat Buffet für Delfine darstellt. Nachdem der Wasserpegel auf Grund der aktuellen Trockenzeit (auch Sommer genannt - etwas irritierend, nachdem's hier ganzjährig schwül und heiß ist) recht niedrig steht, stehen unsere Chancen, die bufeos zu erblicken jedoch im Amazonas besser. Und tatsächlich (José weiß ganz offensichtlich, was er tut), schon nach wenigen Minuten schimmert die verkümmerte rosa Rückenflosse eines Riesenthunfischs durch die braune Wasseroberfläche. Ich war überrascht, WIE rosa (fast schon pink) die Haut dieser Delfine erscheint. Fast wie schwimmende Schweinchen mit langen Schnauzen. Auch einige ihrer grauen Artgenossen ließen sich blicken. Für die Ticuna besitzen die delfines rosados eine besondere Bedeutung und nehmen einen herausragenden Stellenwert in den überlieferten Geschichten dieser Gemeinschaft dar. Wie bei allen Tieren glauben die Ticuna, dass die Delfine einst Menschen waren - im Fall der bufeos verwandeln sich ertrunkene Menschen in ebenjene rosa Wassersäuger. Die Legende besagt weiters, dass die bufeos an manchen Nächten an Land kommen, um die lokalen Jungfrauen zu verführen. Geschmückt mit Krebs als Armbanduhr, Anaconda als Halsschmuck und Rochen als Kopfbedeckung begeben sie sich auf die Balz. Da die bufeos als wahre Casanovas gelten, sollen so einiger Nachwuchs als halb Mensch, halb Delfin das Licht der Welt erblickt haben. Das wäre doch mal ne interessante Idee für “Teenager werden Mütter“, sagte ich zu mir, behielt den Gedanken aber lieber für mich.

    Nachdem wir uns an den entzückenden Rücken der Flipper satt gesehen hatten, tuckerte das peque-peque in Richtung Lago Tarapoto. Während José mit einer alten Pfanne das Wasser aus dem Boot schaufelte, bewunderten Mara, Radan und ich, wie die wunderschöne Landschaft an uns vorbei zog. Überall erblickte man satt und zufrieden wirkende Reiher, bunte Riesenlibellen und Wasservögel, die so vollgefressen waren, dass sie kaum dem (alles andere als flott) herantuckernden Holzboot ausweichen konnten.

    Im See angekommen, packte José plötzlich eine improvisierte Angel aus, schmückte den Haken mit einem Stück Fisch und schmiss ihn in den Lago, um ein paar Piranhas mit nach Hause nehmen zu können. Währenddessen legte Radan seine Kleidung ab und schmiss sich als Lebendköder in den See. Bevor ich das für eine fragwürdige Idee halten konnte, rief er amüsiert auf: irgendwelche kleinen Fische begannen, an ihm herum zu knabbern, was offenbar ziemlich kitzelte. Kurz darauf durften wir auch unser Glück mit der Angel versuchen. Außer ein paar recht seltsam anmutenden Zwergen, die wir in den See warfen, blieb der Erfolg jedoch aus.

    Zurück in Puerto Nariño dankten wir José für die tolle Erfahrung und kehrten ins Hostel zurück, um zur Abwechslung mal ein Mittagessen mit Gemüse zu kochen (aus irgendeinem Grund gibt's hier immer nur Cassava, Reis und/oder Nudeln als Beilage). Von einer Low-Carb Diät scheint man in Kolumbien wenig zu halten. Mir unbegreiflich bleibt, wie die bei der Hitze hier solche schweren Sättigungsbomben in sich reinschaufeln können und das öffentliche Leben trotzdem weiter funktioniert.

    Nach einem kurzen Waldspaziergang genossen wir die über dem Amazonas untergehende Sonne, die die Wasseroberfläche in rosa Licht tauchte. Ein tolles Spektakel. Für die Mosquitos bot die Szenerie quasi Dinner mit Ausblick, weshalb wir uns bald aufmachten, um selbst etwas Essbares aufzutreiben. Die Wahl fiel auf Fisch (Gamitana und Piraña) vom Grill mit - Überraschung - Reis und Yuca. Das wird ne harte Nacht für die Peristaltik.

    Am nächsten Morgen zog es Mara und Radan zur Dorfoma (alle nennen sie einfach abuela), die sich damit rühmt, eine Koryphäe der lokalen Kulturen und Überlieferungen zu sein. Außerdem gilt sie als hervorragende Geschichtenerzählerin, was Mara und Radan gerne in ihre Dokumentation einbauen möchten. Ich war fasziniert von ihrem furchendurchzogenen Gesicht und ihren wachen Augen. Also begann sie zu erzählen. Und wie. Selten hab ich jemanden so aus- (und ab)schweifen erlebt wie die abuela. Was das Zuhören für mich zusätzlich erschwerte war ihre übergroße, grellgrüne Baseballkappe, die eher auf die verschwitzte Stirn eines Ferntruckfahrers aus Oklahoma gepasst hätte, und auf deren Vorderseite in fetten schwarzen Lettern BIG TOYS sowie die Silhouette eines springenden Hirschs aufgedruckt war. Nachdem ich bei dem Anblick immer wieder lachen musste, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg zu den berühmten Cabañas del Fraire.

    Der Weg dorthin ist an sich schon faszinierend, weil er d u r c h den Campus der örtlichen Oberstufe führt. Während ich den Eingang zu den Cabañas suchte, ließen sich links und rechts von mir die Schülerinnen in ihren “Klassenzimmern“ (kreisrunde Betonplatten mit Holzdach) berieseln. Als ich endlich bei den Cabañas ankam, begrüßte mich sogleich ein roter Ara mit einem satten ;Hola! Ich muss ziemlich verblüfft aus der Wäsche geschaut haben, denn ich bemerkte gar nicht, dass inzwischen ein blauer Papagei Kurs auf meinen Kopf genommen hatte und mich mit seinen Krallen attackierte. Womöglich hielt er meinen Wuschelkopf für ein potentielles Nest. Ich deutete den Angriff jedenfalls als Aufforderung, mich mal wieder zu frisieren. Nach dem ersten Schock entdeckte ich auch die ersten Affen. Ein winziger Zwerg (er passte auf meine Handfläche) hatte sich offenbar Zugang zur Küche verschafft und ein Stück Würfelzucker stibitzt. Das bemerkten auch die zwei Papageien und flogen auf den bemitleidenswerten Affen zu. Glücklicherweise konnte der flinke Zwerg schnell genug Schutz in einem vergitterten Aufenthaltsraum suchen. Währenddessen erklärte mir ein Gast, dass man um den blauen Vogel am besten einen großen Bogen macht, das er ziemlich aggressiv zu sein scheint (den Eindruck hat er mir auch vermittelt). Laut Besitzer aber eigentlich nur Frauen gegenüber - ein misogyner Papagei, Sachen gibt's.

    Ich setzte mich in die Küche und beobachtete, wie die kleinen Affen auf den Schultern und Köpfen von mit Bananen bewaffneten Besucherinnen herumklettern, während die Aras eifersüchtig hinüber schielten. Plötzlich öffnete sich die Tür einen Spalt und mit einem schrillen HOLA steckte ein dritter Papagei seinen Kopf in die Küche. Er taxierte mich einen Moment, bevor er mich nach ¿COMIDA? (Essen) fragte und seinen besten Hundeblick aufsetzte. Das und die eigenartige Interaktion von Hunden, Affen und Papageien fand ich ziemlich witzig.Ich machte mich dennoch auf zum Kochen mit Mara und Radan, bevor ich am Nachmittag das Schiff zurück nach Leticia nahm. Puerto Nariño, es hat mich sehr gefreut in diesem Paradies und komme gern zurück.
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  • Day9

    Im Dschungel

    August 23, 2016 in Colombia

    Bevor es losgeht in die “grüne Hölle“ mussten noch einige zentrale Dinge besorgt werden: Gummistiefel, um im schlammigen Morast nicht plötzlich von seinen Wanderschuhen befreit zu werden (und, vielleicht noch wichtiger) um einigermaßen gegen Schlangen, Spinnen und anderes Krabbeltier (Ameisen! Die wahren Herrscher im Dschungel und der Albtraum eines jeden, der am Waldboden dem Ruf der Natur nachgehen muss) geschützt zu sein; Hängematte (bei zuvor genannten möchte man nicht unbedingt am Boden und damit quasi auf der Straße der Waldbewohner schlafen) sowie dazu passendes Moskitonetz (diese gnadenlose Menschenfresser sind die tödlichsten Tiere des Planeten!) und Wasserentkeimungstabletten (wenn man nicht gerade 20l Trinkwasser durch den Dschungel schleppen will, trinkt man eben das Wasser aus dem Fluss - entkeimt mit Micropur, tolle Erfindung). All diese Utensilien erstanden wir günstig auf Leticias Markt. Eigentlich wollte ich ein wenig meine Fertigkeiten im Feilschen schulen, aber die Preise schienen von Anfang an sehr vernünftig, sodass Verhandeln überflüssig war. Vielleicht hatten die milde (oder wissend?) lächelnden Händler Innen auch einfach Mitleid mit den Gringos, die offenbar nicht so recht wussten, worauf sie sich einließen.

    Am nächsten Tag ging's mit Sonnenaufgang los und in einer einige Kilometer entfernten indigenen Siedlungen trafen wir unsre beiden Guides Pikach (kein Witz, aber keine Ahnung ob man's wirklich so schreibt) und seinen Neffen Chutty, beide Angehörige der Huitoto. Pi (so offenbar die Kurzform) wuchs im Dschungel auf und erlegt schon mal nen Kaiman, wenn's sein muss (oder der Appetit es verlangt). Nachdem wir den Bus verpassten, ging's etwa 15km mit dem Taxi an indigenen Malocas (Gemeinschafts- und Ritualgebäuden) und Leticias Mülldeponie vorbei Richtung Dschungel. Die letzten 2 Kilometer mussten wir zu Fuß bestreiten, da die Straße nur mehr aus einer durch einen Bulldozer durch die Landschaft gefrästen Schneise bestand. In der brütenden Vormittagshitze verlangte uns dieses kurze Stück bereits einiges an Kraft ab und ich verfluchte mich dafür, keinen Hut erstanden zu haben.

    Beim Rio Tacana bogen wir schließlich ein in den Regenwald. Chutty warnte uns, dass wir genau hinsehen sollten, bevor wir uns an irgendetwas festhalten wollten: hier stehen die Chancen nicht so schlecht, dass die Liane eventuell doch eher eine Schlange ist (und die empfindet eine zärtliche Umarmung eher als Bedrohung). Grundsätzlich jedoch meiden Schlangen - wie das meiste andere Dschungelgetier - Menschen wie Donald Trump die Wahrheit und machen einen großen Bogen, sobald sie menschliche Gesellschaft registrieren. Außerdem besitzen viele Spezies im Dschungel mehr oder minder subtile Mechanismen, unliebsame Kontakte zu verhindern (siehe etwa Bild 6).

    Etwa eine Stunde lang war noch so etwas wie ein Pfad und einige Zeichen menschlicher Zivilisation wie Brücken erkennbar. Dann aber betraten wir dichten Primärwald, mit über 50m hohen Urwaldriesen und dichtem Gestrüpp, die das Vorankommen deutlich langsamer gestalten. Obwohl Chutty unermüdlich seine Machete schwang, um uns den Weg freizuhacken, war das Terrain alles andere als ein Spaziergang zum nächsten Würstelstand. Umgestürzte morsche Bäume, Lianen, mit Dornen übersäte Pflanzen aller Art und aus dem Boden ragende Wurzeln prägten den Weg. Einen Moment lang fühlte ich mich wie ein Teilnehmer des Hürdenlaufs in Rio. Nach etwa einer Stunde fühlte ich mich offenbar so weit, mir eine kleine Abkühlung zu gönnen und fiel mit einem wenig eleganten Halbsalto in den Fluss. Der morsche Baumstamm wollte mein Gewicht nicht so ganz akzeptieren, brach unter mir teilweise auseinander und ließ mich mit einem beeindruckenden (so die Guides) Platschen in die braune Brühe eintauchen. Bei der Olympiade hätte ich wohl desolate Haltungsnoten erhalten, aber Sabrina und die Guides dankten mir für den herzlichen Lacher. Gut, dass ich gerne Leute zum Lachen bringe. Zum Glück war das Wasser tief genug und somit passierte mir - außer dass ich klatschnass war - weiter nichts. Auch meine Sachen (ja, auch deine Kamera, Mama) blieben allesamt unversehrt - der kluge Mann sorgt vor und packt alles Empfindliche in Plastiksackerl.

    Abgesehen von meiner bescheidenen artistischen Erheiterung verlief der weitere Trekk ohne größere Zwischenfälle. Wenn es der Fluss erlaubte, kühlten wir uns mit einem kurzen Bad ab, staunten über die mystisch anmutende Fauna und bewunderten die unzähligen riesigen und spektakulär farbenprächtigen Schmetterlinge. Abgesehen von ebenjenen ließen sich leider nicht besonders viele Tiere blicken - allerdings sind diese auch nicht gerade scharf darauf, mit der Spezies abzuhängen, die regelmäßig ihr Zuhause in gigantische Monokulturen oder Betonwüsten verwandelt; im dichten Regenwalddickicht generell schwer zu erkennen. Hie und da huschte ein Kaiman vor unseren Augen unter die Wasseroberfläche, oder kreuzten Ameisenkolonien unseren Weg (bzw wir ihren), aber das war's auch schon.

    Gegen 3 Uhr nachmittags erreichten wir eine Flussbiegung und Pikach entschied, dies sei ein geeigneter Ort für unser Lager. Ich schmiss mich völlig fertig in die Hängematte und lauschte den Gesängen des Dschungels, während Pikach und Chutty aus dem Nichts in kürzester Zeit ein beeindruckendes Camp zimmerten.

    Ein deftiges Mittagessen, Kaffee und ein noch deftigeres Abendessen rundeten den Tag ab, bevor es gegen 17:30 ziemlich rasch stockfinster wurde (so nah am Äquator sind Tag und Nacht stets fast genau gleich lang).

    Die Nacht erweckt die Fauna des Dschungels und erhöht die Lautstärke um ein Vielfaches. Es surrte, klackerte, fiepte, quietschte, gluckste, fauchte, schnappte und zirpte rund um uns, während es so dunkel wurde, dass man nicht die Hand vor Augen sah. Ein ziemlich beeindruckendes Konzert, aber auch ein wenig beängstigend. Eine beruhigende Wirkung übte das Geschnarche Pikachs aus, während Chutty mich über Politik und Religion in Europa ausfragte.

    Nachdem ich nicht ans Schlafen in Hängematten gewöhnt bin, war es eine lange und anstrengende Nacht für mich. Die kurzen Schlafphasen waren durchzogen von seltsamen realistischen Traumsequenzen. Immer wieder erwachte ich in der festen Überzeugung, dass nur wenige hundert Meter entfernt eine idyllische Dschungeloase erfrischend kühles Bier bereit gestellt hatte. Das Seltsame war, dass ich den ersten Tag - außer der enormen Anstrengung in der feuchten Hitze - ziemlich cool fand und mich auf den nächsten Tag freute (okay, ein Bier hätt' ich schon großartig gefunden). Außerdem waren diese Träume ungewöhnlich realitätsbezogen - normalerweise träume ich viel abstrakteren und abgedrehteren Shit. Wie auch immer.

    Am nächsten Morgen erwachte ich mit starken Kopfschmerzen, Knieschmerzen und Durchfall (je mehr ich darüber nachdenke - es muss der verdammte Saft gewesen sein! Die Typen tranken einfach so das Wasser aus dem Fluss, mit etwas Sirup vermischt. Einmal dachte ich nicht nach und nahm ihr Angebot an). Ich fühlte mich ziemlich elendig und verbrachte den Großteil des Tages mit meinen seltsamen Halbträumen in der Hängematte. Sabrina und Pikach erkundeten für eine Stunden die umliegende Gegend, während ich geschwächt in meiner Hängematte vor mich hin döste.

    Die zweite Nacht im Dschungel verlief etwas angenehmer; irgendwann in der Nacht begann es sintflutartig zu schütten, was Chutty dazu zwang immer wieder das Wasser von unserem Planendach abzuleiten. Nach einiger Zeit mündete das Gewitter in ein einlullendes Pit-Pat und ich konnte einigermaßen schlafen. Nur die Turbulenzen in meiner Magen-Darm-Gegend nötigten mich immer wieder, das Camp zu verlassen und den Waldboden zu besudeln. Das war immer wieder ein Abenteuer für sich. Ein Mal verwendete ich wohl eine Genossin der Brennnessel als Klopapier, was mir für eine Stunde ein juckendes Hinterteil bescherte - ODER es waren diese #&%€?@¥‰# Ameisen!? Ich werde es nie erfahren. Ein anderes Mal hätte ich mich beinahe verlaufen (obwohl ich eine Taschenlampe dabei hatte und maximal 15 Schritte vom Lager fortging), da die Orientierung nachts im Dschungel praktisch unmöglich ist. Eine ziemlich einschüchternde Erfahrung.

    Am nächsten Tag erging es mir deutlich besser, fühlte mich aber noch, als hätte in meinem Magen-Darm-Trakt eine polnische Hochzeit samt Mitternachtspolka stattgefunden. Der Weg zurück aus dem Dschungel kam mir dennoch deutlich kürzer vor, als am ersten Tag. Das lag womöglich auch daran, dass es aufgrund des bewölkten Wetters deutlich kühler war. Offen gesagt war ich sehr erleichtert, als uns der Dschungel nach mehr als 48 Stunden wieder ausspuckte und wir bei einer nahe gelegenen Finca auf den Bus zurück zum Refugio warteten. Es war eine unvergessliche Erfahrung, leider etwas getrübt durch einen 2. Tag der mich zum Rasten zwang.

    Die Dusche (und die Toilette!!) fühlte sich sagenhaft an, und nach einem leichten Abendessen in Leticia fielen wir beide ziemlich erschöpft gegen 19 Uhr ins Bett.

    Jetzt befinde ich mich am Schnellboot nach Puerto Nariño, einem kleinen, etwa 80km flussaufwärts gelegenen Ökodorf. Dort möchte ich vor allem entspannen und die örtliche Flora und Fauna (die lokale Besonderheit: rosa Fluss-Delfine!) genießen.

    Kleine Anmerkung: die gesamte Amazonas-Region ist - wie man bestimmt sehen kann - am Arsch der Heide und die Internetverbindung gleicht demnach einem tropfenden Wasserhahn - ich weiß also nicht genau, wann diese Zeilen eure hoffentlich amüsierten Augen erreichen!
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  • Day5

    Leticia - Capital Amazonica

    August 19, 2016 in Colombia

    In dem Moment, als sich die Türe des Flugzeugs öffnet, merkt man sofort, dass man sich in den Tropen befindet. Die drückende, feuchte Hitze drängelt sich in den Flieger wie ein FPÖ-Wähler ins Bierzelt. Bevor man die Hauptstadt von Kolumbiens Amazonas betritt, ist am winzigen Flughafen ein kleiner Obolus zu bezahlen.

    Die Formalitäten sind schnell erledigt, und zusammen mit Sabrina (einer Deutschen, die ich im Flugzeug kennen gelernt hatte) hüpfe ich ins Taxi, um im einige Kilometer außerhalb der Stadt gelegenen Refugio Makuruma unterzutauchen. Hier begrüßen uns unzählige verspielte Hunde und ein Knäuel müder Hauskatzen. Das Refugio präsentiert sich als kleine Oase der Ruhe, umgeben von dichtem Gestrüpp und Siedlungen indigener Gemeinschaften.

    Nach der Begrüßung durch Lionel (der mit seiner Familie die operative Arbeit im Refugio erledigt, treffen wir nach einer ziemlich sinnlosen Dusche (die Hitze beflügelt meine Schweißdrüsen zu Höchstleistungen) lernen wir Ron, den Besitzer kennen. Der hilfsbereite und relaxte Niederländer, der rein äußerlich ein wenig an den Professor von “Zurück in die Zukunft“ erinnert, gibt uns wertvolle Tipps und Informationen über die Region.

    Ein etwas schäbiges Tuk-Tuk (ein etwas aufgepimptes Motorrad) liegert und zum Mittagessen in Leticia ab. Dort essen wir panierten Piranha (der Vegetarier verzehrt das berüchtigte Raubtier, was für eine Ironie) mit gebackenen Kochbananen, was uns das Gefühl verleiht, tatsächlich am Amazonas angekommen zu sein. Im Anschluss erkunden wir zu Fuß Leticia, das sich wie eine entspannte Kleinstadt anfühlt, obwohl sie mit rd 60.000 Einwohnenden die größte Stadt im Umkreis mehrerer hundert Kilometer darstellt. Faszinierend ist auch, dass Leticia über keinerlei Straßenverbindung zum Rest Kolumbiens besitzt. Ganz grundsätzlich wirkt Leticia wie ein kleines Paradies auf uns: die Leute sind unglaublich freundlich, hilfsbereit und angenehm unaufdringlich. In der ganzen Stadt kann man ungestört herumlaufen, ohne beachtet zu werden und Kriminalität ist praktisch nicht vorhanden. Die Früchte sind köstlich, das Essen günstig (ein Mittagsmenü mit Suppe, Saft und gegrilltem Fisch mit Reis und Kochbananen um 5.000 COP (nicht einmal 2€!) und der Amazonas ziemlich niedrig - wir befinden uns in der Trockenzeit.

    Ein besonderes Spektakel ereignet sich tagtäglich im zentral gelegenen Parque Santander, wenn zigtausende bunte Papageien um 17:30 aus den umliegenden Wäldern zur Nachtruhe Schutz in den Bäumen des Parks suchen. Vom Kirchturm aus kann MSN beobachten, wie abertausende bunte Vögel mit ohrenbetäubenden Gekreische im Sturzflug vorbei sausen. Das bizarre Schauspiel erweckt eine seltsame Glückseligkeit in mir und erfüllt die Luft mit bunten Federn und dem Geruch von Arakacke.

    Nach diesem beeindruckenden Anblick entschließen wir uns, die einmalige Gelegenheit wahrzunehmen, zu Fuß (!) nach Brasilien rüber zu flanieren (gleich anschließend an Leticia liegt die geschäftige brasilianische Kleinstadt Tabatinga) um dort eine Caipirinha zu trinken. Diese unerwartet starken und gefährlich günstigen Cocktails stellen einen perfekten Abschluss unseres ersten Tages am Amazonas dar.

    Zurück im Refugio lassen wir uns von dem Gezirpe und Geraschel des Regenwaldes in den Schlaf singen.

    Morgen geht es für 3 Tage (2 Übernachtungen) mit einem indigenen Survivalguide in den Dschungel. Wir sind gespannt, was wir dort erleben.
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  • Day4

    Bobo Bogotá

    August 18, 2016 in Colombia

    Die Regenjacke zählt in einem Land, das zu 1/3 aus tropischen Regenwäldern besteht, zu den besten Freundinnen des Reisenden. Manche würden sogar so weit gehen, sie als eines der elementarsten Reiseutensilien zu bezeichnen. Und dann gibt es da Leute (mich), bei denen Schusseligkeit eines der elementarsten Persönlichkeitsmerkmale darstellt und genau diesen essentiellen Ausrüstungsgegenstand vom Gepäck ausschließen. Ein wunderbarer Anlass, einen der nördlicheren (und damit schickeren) Teil Bogotás zu erkunden, wo sich kaufkräftige Bogotanos und budgetbelastende Shopping-Malls tummeln. Der Weg dorthin war ein Erlebnis für sich. In Ermangelung jedweden Schienenverkehrs (dh weder U-, noch S-, noch Straßenbahn) gestaltet sich der Verkehr in dieser Mega-City abenteuerlich. Wie in einem überdimensionalen Ameisenhaufen wuseln gelbe Taxis, blaue Busse und lebensmüde 2-Radfahrende durch das schachbrettartige Straßennetz.

    Trotz der unfassbaren Größe dieser Stadt fällt die Orientierung in Bogotá überraschend leicht. Das liegt nicht zuletzt am geradezu mathematisch präzisen Adressensystem: im Osten ragt die östliche Andenkordillere über der Stadt, die fast von überall her sichtbar ist; Straßen die von Norden nach Süden verlaufen werden “carrera“ genannt und von Süden her aufsteigend nummeriert. Ost-West verlaufende Straßen (“calle“) sind von Osten (also den Bergen weg) aufsteigend nummeriert. Straßennamen sind überflüssig. Eine Adresse lautet beispielsweise Calle 13 # 3-25; das System ist gleichermaßen simpel wie genial: das Gebäude befindet sich in der calle 13, 25m nach der Kreuzung mit carrera 3. Genial, oder? Soviel dazu.

    Nachdem ich Einkaufen ungefähr so genieße wie die morgendliche Erkenntnis, dass der Kaffee alle ist, brachte ich das Ganze schnell hinter mich, um anschließend durch Chapinero zu strawanzen. Dieses “Boboville“ Bogotás zeigt sich deutlich gepflegter und eitler als La Candelaría. Mit extravaganten Sex-Shops, französischen Pastelerías und großzügigen Grünflächen erinnert “Chapigay“ (so genannt da große Teile der LGBT-Bevölkerung hier hausen und vor allem feiern) an europäischen Großstädte.
    Der morgendliche Regenguss verzog sich just in dem Moment als die Regenjacke über die Theke wanderte und ließ mich mit meinen wasserfesten Trekkingschuhen im darauf folgenden Sonnenschein ziemlich doof aussehen. Im modebewussten Chapinero zog meine orange-schwarze Beschuhung kritisch-verdutzte Blicke auf sich. Zum Glück ist mir das herzlich egal (Mode war schließlich noch nie mein Ding) und so kehrte ich einigermaßen verschwitzt nach Candelaría zurück. Nach einer köstlichen comida corriente (Suppe, frisch gepresster Saft und ein Hauptgang) um 8.000 COP (nicht mal 3€) verzog ich mich ins Hostel zurück.

    Dort traf ich Gabriela, eine süße Bogotana, die sich anbot, mir ein wenig die Stadt zu zeigen. An der hektischen Plaza La Mariposa zum Beispiel finden sich zahlreiche halblegale Geschäfte, wo man von Kleidung bis Waffen so ziemlich alles erstehen kann. Wir trafen Gabrielas Tante, die uns auf heiße Schokolade mit Käse und Zimt (klingonisch, schmeckt aber überraschend gut!) einlud und Videos von betrunkenen/tanzenden/ausgelassenen Verwandten zeigte. Gabriela sah ihre Mutter noch nie zuvor so betrunken, und ich nie zuvor jemanden so herzlich lachen.

    Nachdem Gabis Tante sich verabschiedete und im dichten Gewusel der carrera septima verschwand, gab mir Gabriela einen Überblick über die faszinierende (und leider ziemlich gewaltreiche) Geschichte Kolumbiens. Seit einigen Jahren ist jedoch Frieden in weite Teile dieses wundervollen Landes eingekehrt (auch wenn Guerrillagruppen in einigen abgelegenen Regionen weiterhin aktiv sind) und Kolumbien erlebt derzeit einen regelrechten Boom - nicht zuletzt wirtschaftlich.
    Auf eine sehr lehrreiche folgte einige sehr inspirierende und unterhaltsame Stunden mit der wunderbaren Gabriela. Später gesellten sich Reisende aus Brasilien, Australien, Argentinien, Israel, Schweden und den Staaten dazu und gemeinsamen wunderten wir uns über das endlose Lichtermeer, das sich vor unserer Dach-Terrasse ausbreitete.

    Später am Abend zogen wir weiter zur International Night in ein bizarres Touri-Lokal (Reggaeton und Statuen der Jungfrau Maria wollen für mich nicht so recht zusammen passen), wo wir glücklicherweise keinen Peso ausgaben - den Gutscheinen vom BoGo Hostel sei dank. Nach einigen gratis Heineken (von denen die beschwipste Barkeeperin wohl auch schon einige intus hatte) schleppte uns die verrückte Schwedin Rebecca in eine unscheinbare, aber bei den Einheimischen sehr beliebte Tequila-Bar. Dort freundeten wir uns an mit José Cuervo, Salz und Limetten und verbrachten einen fantastischen Abend. Kurz nachdem unser neuer Freund José von uns gegangen war, geschah etwas Erstaunliches: als ich mich im Lokal umsah, erblickte ich Javier, einen kolumbianischen Kunststudenten, den ich am Flughafen kennen gelernt hatte. Ich kenne exakt eine Person in dieser 8+ Millionen-Stadt und genau diese spaziert plötzlich an mir vorbei, in einer unscheinbaren Hinterhofbar - echt schräg!

    Am Weg nach Hause begann es wieder zu schütten (die neue Regenjacke natürlich sicher im hostel verwahrt) weshalb wir gelegentlich Halt machten. Dabei trafen wir auf unglaublich interessante, freundliche (großteils obdachlose, oder zumindest recht arme) Bogotanos. Sogar diese vermeintlich schwierigen Begegnungen waren voller Herzlichkeit. Nie habe ich jemanden so dankbar für eine Zigarette oder eine kleinen Geldschein erlebt. Es war ein wundervoller (vorerst letzter) Tag in Bogotá.

    Kurze Nebenbemerkung: ich bin einigermaßen stolz, bislang weder bestohlen, bedroht, ausgeraubt oder abgezockt worden zu sein (zumindest nicht wissentlich). Ich verleihe mir dafür selbst ein dickes Mitarbeitsplus.

    Im Moment befinde ich mich voller Vorfreude im Flugzeug auf dem nach Leticia, der Hauptstadt von Kolumbiens Amazonas-Region und brenne darauf, in die magische Welt des bedeutendsten Ökosystems unseres Planeten einzutauchen.
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