• Zwiebelstrasse🧅

    September 16, 2024 in Estonia ⋅ ☀️ 19 °C

    Nach Turku ging es weitere zur "Zwiebelstraße". Eine langer Streckenabschnitt am Peippussee der durch den sandigen Boden perfekt für den Zwiebelanbau geeignet ist. Leider ist die Saison und auch das Zwiebeltrocknen bereits beendet und zumindest für uns der geschichtliche Aspekt weitaus interessanter als vor Ort zu sein (daher auch keine Fotos). Aber für die, die die Geschichte interessiert, liest unten📖.

    Golden leuchten die Zwiebeln in der Sonne, die das Mütterchen am Wegesrand mit einer einladenden Geste Fremden feilbietet. Warum nicht einen schön gebundenen Zopf als Erinnerung mitnehmen? Ja gern, doch wie teuer ist so ein kunstvolles Gebilde? Preisschilder gibt es nicht und Nachfragen auf Englisch werden mit einem verständnislosen Blick kommentiert. Bis sich versprengte Russischvokabeln aus Schulzeiten zu einem kurzen Satz verbünden: „Skolkostoit?“
    Da strahlt das Mütterchen sofort übers ganze Gesicht, sucht ihre Prachtexemplare heraus, fragt, woher der Gast denn käme und erbittet, je nach Größe, drei oder fünf Euro.
    Die alte Dame gehört zu den sogenannten Zwiebelrussen. Sie leben zu Tausenden seit Mitte des 17. Jahrhunderts in kilometerlangen Straßendörfern am Westufer des Peipussees. Wer direkt am Wasser wohnt, betreibt meistens Fischfang. Schließlich ist der „Peipsi“, wie die Esten sagen, der fischreichste See Europas. Die Gehöfte jenseits der Straße jedoch bauen traditionell Gemüse an. Neben den Zwiebeln, die bei ihnen besonders süß und gesund geraten, auch Gurken, Knoblauch, Kürbisse, Paprika, Tomaten, Kartoffeln und viele Kräuter.

    Die Zwiebelrussen sind Altgläubige, keine Orthodoxen. Sie kamen 1653 bis 1656 als russische Glaubensflüchtlinge aus der Gegend um Nowgorod und Pskow, als unter anderem ihre Bärte, Merkmal ihrer konservativen Haltung, besteuert werden sollten. Auch ging es zb darum, ob das Kreuz mit zwei gestreckten Fingern wie bisher oder nun mit drei gestreckten Fingern zu schlagen ist oder ob das Halleluja nun dreimal statt bisher zweimal gesungen wird. Ein Teil der Gläubigen jedoch wehrte sich und meinte, Glaubensinhalte seien sehr wohl an bestehende Formen gebunden. So entstanden zahlreiche neue Glaubensgemeinschaften, die den alten Ritus beibehielten. Dabei entstanden sowohl priesterlich-bischöflich organisierte Gemeinden, als auch priesterlose Gruppierungen. Letztere lehnten sowohl das Priestertum als auch die Sakramente ab sowie weitere Grundpositionen der Russisch-Orthodoxen Kirche.

    Nach dem Konzil 1666-1667 der Russisch-Orthodoxen Kirche setzten mit dem Kirchenbann die Verfolgungen aller Altgläubigen ein, zehntausende Anhänger des alten Kirchenritus wurden getötet. So flohen viele Altgläubige in die Westregionen des Zarenreiches, auch nach Estland.

    Mitte des 18. Jahrhunderts ebbte die Hetze auf die Altgläubigen ab, doch blieben Ausgrenzungen, Diskriminierungen und Einschränkungen der Bürgerrechte. Erst als 1905 im ganzen Zarenreich die Religionsfreiheit gesetzlich verankert wurde, besserte sich die Lage der Altgläubigen nachhaltig.

    Seit der ersten Unabhängigkeit Estlands 1918 waren für die Altgläubigen die Zeiten der Diskriminierung vorbei. Schon zu Beginn der 1900er Jahre bauten Altgläubige in Mustvee das größte altorthodoxe Bethaus Estlands. Während der sowjetischen Zeit war es vorbei mit der neuen religiösen Freiheit, alle Glaubensgemeinschaften standen unter Dauerdruck des staatlich verordneten Atheismus. Die endgültige Freiheit und die Gleichberechtigung zogen erst mit der estnischen Unabhängigkeit 1991 ein.

    Von den geschätzt weltweit 2-3 Millionen Altgläubigen leben etwa 15.000 in Estland. Neben jeweils einer Gemeinde in Tartu und Tallinn finden sich neun Gemeinden am Peipussee. In unserer globalisierten und säkularisierten Welt aber trifft die Assimilation auch die Altgläubigen in Estland stark. Immer mehr Schulen müssen den altorthodoxen Religionsunterricht einstellen, es bestehen starke Abwanderungstendenzen in die Städte. Die meisten estnischen Altgläubigen sind zweisprachig und sprechen sowohl estnisch als auch ihren russischen Dialekt „Pskov“, der dem der russischstämmigen Bürger Estlands stark ähnelt und viele Elemente des Weißrussischen und Mittelrussischen enthält. Doch besteht immer mehr die Tendenz zur Aufgabe des Dialekts zu Gunsten der russischen Hochsprache. An ihren festen und mitunter sogar sehr strengen Lebensregeln hat sich in den vergangenen Jahrhunderten kaum etwas geändert. Es ist eine Frage des Respekts, im Dorf nicht zu rauchen und als weiblicher Gast den Altgläubigen nicht ohne Kopftuch zu begegnen.
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