• Von Arure über den langen Sattel

    March 7 in Spain ⋅ 🌬 16 °C

    In Arure nehmen wir noch einen Kaffee in der einzigen Bar, die geöffnet hat, bevor wir den Einstieg zum Wanderweg über den langen Bergrücken suchen. Ein Stück des Weges begleitet uns ein deutscher Lehrer, der seit vielen Jahren auf der Insel Urlaub macht. Für ihn ist dies die schönste Wanderung der ganzen Insel, doch er gesteht uns, dass er inzwischen zu alt sei, um den berüchtigten, steilen Abstieg am Ende nach Valle Gran Rey zu bewältigen. Seine Schilderungen vom Weg – rechts und links ginge es teils schwindelerregend steil bergab, auch wenn man schwierige Passagen umgehen könne – verunsichern meinen Joe. Er beschließt, lieber umzudrehen, und Bernd schließt sich ihm an.

    Karin und ich wandern jedoch weiter. Wir genießen den abwechslungsreichen Pfad, der uns auf fast gleichbleibender Höhe über das Hochplateau führt. Unterwegs begegnen wir einer Bäuerin, die mit ihren Ziegen unterwegs ist. Sie hat gerade gemolken und transportiert die Milch mühsam in einer Schubkarre zu ihrem weit entfernt geparkten Auto – ein Bild wie aus einer anderen Zeit. In den zerklüfteten Felswänden entdecken wir immer wieder Höhlen, die einst Hirten als Unterschlupf dienten.
    Ein Relikt der Industriegeschichte sind die alten Kalköfen. Auch wenn Kalk heute kaum noch eine Rolle spielt, war er früher zur Herstellung von Zement und Mörtel unerlässlich. Gewonnen wurde er aus Caliche, sedimentären Ablagerungen von Kalziumkarbonat, die auf der Hochebene von La Merica reichlich vorkommen. Die Caliche-Blöcke wurden mühsam zerkleinert, in die Öfen gefüllt und bei Temperaturen zwischen 800 °C und 1000 °C zwei bis drei Tage lang gebrannt. Der Vorgang war erst beendet, wenn der Rauch reinweiß wurde. Durch die Zugabe von Wasser erhielt man schließlich den gelöschten Kalk. Mit dem Siegeszug des modernen Zements verloren die Öfen ab 1950 an Bedeutung und verfielen zu den Ruinen, die wir heute noch sehen.

    Ein Stück weiter stoßen wir auf einen alten Dreschplatz (Era). Diese Plätze wurden gemeinschaftlich genutzt, waren mit Steinen ausgelegt und lagen stets dort, wo eine stetige Brise wehte, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Heute ist dieser Ort vor allem ein fantastischer Aussichtspunkt. Wir lassen den Blick über den Südwesten schweifen: Markant ragen die Silhouetten des Tafelberges von Chipude (La Fortaleza) und des Tagaragunche bei Alajeró aus dem Meer von Bergrücken und tiefen Schluchten hervor.

    Diese breiten, flachen Rücken zwischen den Schluchten nennen die Einheimischen Lomadas. Allein zwischen San Sebastián und hier gibt es etwa zwanzig dieser Plateaus. Früher wurde hier oben intensiver Trockenfeldbau betrieben: Gerste, Kichererbsen und Linsen gediehen im Wind, während unten in den Tälern bewässert wurde. Davon zeugen noch heute die Reste alter Ställe und der breite, gepflasterte Weg, der stabil genug für Kühe und Esel war.

    Auch für die Tierwelt ist das Plateau einzigartig: Die westlichen Klippen von La Merica, die sogenannten Quiebracanillas, sind der letzte Rückzugsort der Gomera-Riesenechse (Gallotia bravoana). Diese erst 1999 wiederentdeckte Art gilt als eines der seltensten Reptilien der Welt. Tief unter diesen Klippen liegen die Playa del Inglés und das Naturschutzgebiet Charco del Cieno – Landschaften, die durch gewaltige Erdrutsche entstanden sind und heute ganz eigene Lebensräume bilden.
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