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  • Day3

    Die bunte weiße Stadt

    April 30, 2019 in Israel ⋅ ⛅ 23 °C

    Nach einer etwas unruhigen Nacht - gegen 3h kam die Müllabfuhr, gegen 6.30h war Arbeitsbeginn auf der benachbarten Baustelle - erwartet uns ein weiterer sonniger Tag in Tel Aviv.
    Leider muss ich heute morgen noch an einer Skype-Konferenz teilnehmen :( In der Zeit genießen Marisa und Addi ihr erstes Shakshouka, das israelische Nationalgericht aus Eiern, Zwiebeln und Tomate. Sie bringen mir netterweise auch etwas zum Frühstück mit: herrliches Pita mit Zatar, einer Gewürzpulvermischung auf Basis von Thymian und Sesam, mit einem Schuss Olivenöl und dazu frische Erdbeeren, Kiwi und Ananas.
    Kurz nach halb zwölf holen uns dann Adi und Hanna ab und wir starten unsere Erkundungstour. Zunächst schlendern wir wieder durch die Straßen von Lev Hair, wieder vorbei am Carmel Market bis wir zur Nachhalat Binyamin Street kommen, einer Fußgängerzone, in der zweimal in der Woche Straßenmarkt stattfindet, der sich auf alle Arten von Kunsthandwerk aus allen Ecken Israels spezialisiert hat. Er wurde 1987 mit nur einer Handvoll Künstlern gegründet, heute gibt mehr als 200 Stände. Links und rechts säumen Straßencafés den Weg, immer mal wieder spielt ein Straßenmusiker - die Stimmung und die Atmosphäre ist einfach fantastisch. Häufig fühlen wir uns an Istanbul erinnert, auch an Nordzypern im Allgemeinen und an Nikosia im Besonderen erinnert uns das Stadtbild immer mal wieder. Letzteres ist beeindruckend abwechslungsreich: wunderschöne viktorianische Stadthäuser stehen neben verfallenen Ruinen, dahinter futuristische Hochhäuser. Der Bauhaus-Stil ist extrem stark vertreten: bescheidene, weiß getünchte Ein- oder Mehrfamilienhäuser, einfach und funktional haben der Stadt den Spitznamen "Weiße Stadt" eingebracht und außerdem den Titel UNSESCO Weltkulturerbe. Die Bauhaus-Idee wurde genau wie die Juden von den Nazis verfolgt, um hier zu einer neuen Blüte zu gelangen. Oft wird der Stil auch als "internationaler Stil" bezeichnet, den tatsächlich haben die Architekten auf Wunsch der zugewanderten Bauherren Stilelemente aller möglichen Richtungen und Regionen vermischt und so einen ganz eigenen Stil in Tel Aviv entwickelt. Im Kontrast mit dem tiefblauen Himmel, den allgegenwärtigen Palmen und den farbenprächtigen Bougainvillen entsteht ein extrem gefälliges Gesamtbild.
    Wir verlassen die Nachhalat Binyamin Street und gelangen auf den Boulevard Rothschild, den Prachtboulevard der Stadt sowie eine der sozial, ökonomisch sowie politisch wichtigsten Straßen der Stadt. Benannt wurde er nach Baron Abraham Edmond James de Rothschild, Mitglied der berühmten Bankiersfamilie. Die Straße ist durch einen breiten, mit Bäumen gesäumten Grünstreifen getrennt, der Fuß- und Radweg sowie immer wieder kleine Spielplätze, Sportgeräte, Stände und Bänke bietet. Hier stand das erste Rathaus, hier wurde erstmal im Land auf das Fahrrad als modernes, urbanes Verkehrsmittel gesetzt und Israel gegründet: mangels alternativer Versammlungsorte rief David Ben-Gurion nämlich am 14. Mai 1948, acht Stunden vor Ablauf des britischen Mandats, in der Eingangshalle des bunkerartigen Gebäudes mit der Hausnummer 49 die Republik Israel aus. Nicht nur das Ereignis selbst war in höchstem Maße improvisiert, auch der Text der Unabhängigkeitserklärung wurde bis zum letzten Moment diskutiert, wobei sich schon der Bruch zwischen Religiösen und Säkularen abzeichnete, als es um die Nennung Gottes in der Erklärung ging. Auch der Name des neuen Staates zwar zwei Tage vor seiner Ausrufung noch umstritten. Neben Israel standen auch Judäa, Zion, Fiona und Ivriya zur Debatte. Ben-Gurions Vorschlag setzte sich schließlich durch. Ort und Zeit der Staatsgründung wurden zunächst geheim gehalten, da man fürchtete, die Briten könnten den Akt noch verhindern wollen. Die Einladungen an die 250 Gäste wurden am selben Morgen verteilt. Um genügend Anreisezeit zu bieten, aber auch nicht mit den religiösen Vorschriften des Sabbat ins Gehege zu kommen, wurde der Veranstaltungsbeginn auf 16h gelegt. Ein Angestellter der Jewish Agency vervielfältigte in letzter Sekunde noch den Deklarationstext. Mangels eigenen Wagens musst er auf der Straße ein Privatfahrzeug anhalten und um Mitnahme bitten. Allerdings besaß der hilfsbereite Fahrer keinen Führerschein, der Wagen war nur geliehen und wurde prompt wegen Geschwindigkeitsübertretung angehalten. Die nationale Notlage erkennend, ließ der Polizist Gnade vor Recht ergehen und der Staatsgründungstext erreichte die Zeremonie in letzter Sekunde.
    Nach so viel Geschichte und dem langen Spaziergang den gesamten Rothschild Boulevard hinunter, lassen wir uns in einem Café für einen Snack nieder. Es gibt Tomatensalat mit Koriander, Kichererbsen, Kebab, Tahini - klassisch und in grün mit Petersilie - und eine etwas undefinierbare Fischpaste. Lecker!
    Am Nachmittag wollen wir noch einen Ausflug nach Yaffa machen. Das 1909 gegründete Tel Aviv war ursprünglich ein Vorort der bereits seit der Antike bestehenden Hafenstadt Jaffa. Dem UN Teilungsplan zu Folge sollte Jaffa dem palästinensischen Staat zugeordnet werden, doch Israel beschloss die Annektierung und Eingliederung in das neue Stadtgebilde Tel Aviv-Yafo.
    Die gut 3km dort hin wollen wir mit den allgegenwärtigen Elektrorollern zurücklegen, die man an jeder Ecke per App leihen kann. Anja hatte mir vorher schon davon erzählt und ich hatte die App bereits installiert. Nachdem sich auch alle anderen mit der App ausgerüstet und wir uns alle gegenseitig eingeladen haben, damit jeder jeweils eine Freifahrt bekommt, sammeln wir die Roller in der Nachbarschaft zusammen und machen uns auf den Weg die Strandpromenade hinunter - ein Heidenspaß. Und bei einer Maximalgeschwindigkeit von 25kmh sind wir in Nullkommanichts da.
    Das Gebiet von Jaffa ist seit 7500 Jahren vor Christus besiedelt. Hier soll der Prophet Jona abgesegelt und nachdem er von seinen Mitreisenden von Bord geworfen wurde auch wieder vom Wal ausgespuckt worden sein, in der griechischen Mythologie soll die Königstochter Andromeda an den Felsen vor Jaffa geschmiedet worden sein, um sie dem Seeungeheuer Ketos zu opfern und die Ägypter sollen eine dem trojanischen Pferd ähnliche List angewandt haben, um die Stadt 1440 vor Christus zu erobern.
    Nach der Zusammenlegung mit Tel Aviv verharrte Jaffa in den darauffolgenden Jahrzehnten im Schatten der schnellwachsenden Metropole auf dem Niveau eines städtischen Slums. Erst in den 1990er Jahren entdeckte Israel den touristischen Wert der historischen Altstadt und investierte in die Renovierung. Dabei wurde leider ein Großteil des alten Gebäudebestandes beseitigt, neu aufgebaut und dann wieder auf alt getrimmt. Dieser Prozess dauerte bis weit ins neue Jahrtausend hinein. Dank des Zustroms von Künstlern und jungen Leuten ist Jaffa heute ein hippes Viertel mit vielen Bars, Restaurants und Cafés. Wir schlendern durch die engen Gassen der Altstadt hinauf und genießen oben den Blick auf das Meer und die Skyline von Tel Aviv. Auf der "Wunschbrücke" soll man sich mit der Hand auf das Abbild seines Sternbildes und den Blick aufs Meer gerichtet etwas wünschen, was dann in Erfüllung gehen soll - wir sind gespannt. Zum Glück ist keiner von uns Widder, das Abbild sieht nämlich eher aus wie ein Schaf, da ihm vor allem die charakteristischen Hörner fehlen. Wie sehr das die Erfüllung des Wunsches beeinflussen würde, vermögen wir uns nur auszumalen.
    So langsam regt sich Durst und Hunger und wir suchen uns eine Bar / Restaurant, wo wir uns sowohl durch die Essens- als auch die Getränkekarte probieren. Es gibt Lahmajun mit Lamm und Spinat, Frischkäse mit Oliven und Tomaten, Blumenkohl mit Lamm, Rind, Koriander, Petersilie und Tomaten und eine Art Börek, als Blätterteig gefüllt mit Käse und in diesem Fall Kartoffeln. Als Abschluss lassen wir uns bei der Abouelafia Bäckerei noch verschiedene kleine Brote gefüllt mit Käse, Tomate oder Kartoffel.
    Mit kugelrunden Bäuchen schnappen wir uns wieder fünf Roller für den Rückweg und stellen beim Erreichen der Strandpromenade fest, dass hier gerade ein riesiger Nachtlauf stattfindet: es wuselt von vor allem Frauen, die die Promenade auf und ab joggen. Weiter oben stellen wir fest, dass auch die große Hauptverkehrsstraße für den Lauf gesperrt ist. Wir verabschieden uns von Hanna und Adi, die sich einen Weg durch die Läuferinnen schlagen, um zu ihrem Auto zu kommen. Auch wir schaffen es den Boulevard zu überqueren und cruisen bis zu unserem Apartment.
    Im Späti wollen wir noch eine Flasche Wein erstehen, beschließen aber bei Preise von über 20€ die Flasche auf Bier und Cola umzusteigen. In unserem gemütlichen kleinen Gärtchen lassen wir den Abend ausklingen.
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