Tag 6
May 1, 2025 in Spain ⋅ ☁️ 18 °C
Die Nacht war, sagen wir mal, von überschaubarer Qualität. Mein Bett stand nämlich direkt über einem 24-Stunden-Fitnessstudio – ja, so was gibt’s wirklich. Und offenbar gibt es Menschen, die um fünf Uhr morgens das dringende Bedürfnis verspüren, Gewichte zu stemmen. Ich hingegen verspürte um fünf Uhr nur das Bedürfnis, meine Ruhe zu haben. Vergeblich.
Als ob das nicht gereicht hätte, tat auch noch eine Straßenlaterne direkt vorm Fenster ihr Bestes, mein Zimmer in ein nächtliches Fußballstadion zu verwandeln. Also: Rollo runter, Licht aus, Augen zu und durch.
Das Frühstück am nächsten Morgen? Passte sich nahtlos an: in Ordnung, aber mit wenig Erinnerungspotenzial. Um 9:00 Uhr war ich marschbereit. Und ja – marschieren ist hier ganz bewusst gewählt. Denn während ich loszog, erinnerte ich mich unwillkürlich an frühere Zeiten. An den 1. Mai, als wir mit Fähnchen in der Hand durch die Stadt marschieren mussten. Damals noch nicht ganz freiwillig – aber immerhin geübt. Wer das durchgestanden hat, zuckt auch heute beim Wandern nicht so schnell mit den Schultern.
Diesmal ging’s nicht an der Küste entlang, sondern durch Vororte und später entlang von Autobahnen und Bahntrassen. Landschaftlich eher unter dem Motto: “Man kann nicht jeden Tag einen Kalender fotografieren.” Ich machte mir schon Sorgen, was ich am Abend überhaupt berichten soll – denn außer Lärm, Asphalt und Beton bot die erste Hälfte wenig Inspirierendes.
Wenigstens hatte ich für ein Stück Weg Gesellschaft: Ida, eine Spanierin, gesellte sich zu mir. Wir plauderten, lachten – und dann verabschiedete sie sich, um den Rest der Strecke mit dem Zug zurückzulegen. Tja, dachte ich, nicht jeder marschiert bis zum bitteren Ende.
Das Wetter war erfreulich: 15 Grad, bewölkt – also ideal für alle, die nicht schon nach fünf Kilometern aussehen wollen wie nach einer Tropenexpedition. Kurz: Wandern ließ sich’s gut.
Zur Mittagszeit fand ich ein kleines Café, das mir fast wie eine Oase vorkam. Kaffee, was zu beißen – das Leben kann so einfach sein.
Dann die Entscheidung: bleibe ich im Tal auf dem klassischen Camino oder nehme ich den spannenderen Weg über einen kleinen Hügelkamm durch den Wald? Natürlich entschied ich mich für die Abwechslung. Ein bisschen Abenteuer muss ja sein – immerhin will man abends mehr erzählen als nur „Ich bin geradeaus gelaufen.“
Der Anstieg war machbar, ein bisschen keuchen, ein bisschen schwitzen – nichts, was den Puls dauerhaft in Panik versetzt hätte. Aber dann: oben angekommen, stand ich vor einem Zaun. Groß. Abschreckend. Und eindeutig beschildert: Privatgelände – Betreten verboten. Keine Umleitung, kein kleiner Pfad drumherum – nur die Erkenntnis: Dieser Weg führt hier nicht weiter.
Also: Rückzug. Wieder runter ins Tal, zurück auf den offiziellen Camino. Und das alles für ein paar Minuten Abwechslung. Aber wie sagt man? Auch Umwege gehören zum Weg – oder zumindest zum Kapitel „Lernen durch Schmerz“.
Da der Regen für den Nachmittag angekündigt war, sparte ich mir weitere Pausen und kam gegen 15:00 Uhr an meinem Tagesziel an – müde, aber im Großen und Ganzen zufrieden.
Im Anhang noch ein paar Fotos des Tages. Zugegeben, die Auswahl war nicht leicht – weniger, weil es zu viel gab, sondern weil ich mich gefragt habe: “Wie viele Bilder von grauen Feldwegen braucht ein Mensch?”Read more









