• Tag 9 – Heldentaten und Höhenangst

    May 4, 2025 in Spain ⋅ ☁️ 15 °C

    Rückblick auf den gestrigen Abend:
    Die 200-km-Marke war geknackt – wenn das kein Grund zum Feiern ist, dann weiß ich auch nicht! Google und meine allwissende Restaurant-App schickten mich auf eine 3-Kilometer-Expedition (Hin- und Rückweg!) zu einem Lokal, das im Internet aussah wie ein kulinarisches Märchenschloss.

    Wichtig zu wissen in Spanien: Abendessen gibt’s hier nicht vor acht – das wäre ja barbarisch. Die Einheimischen gehen erst gegen neun oder zehn an den Start. Ich war also fast zu früh (wer hätte das gedacht), ergatterte aber noch einen Platz. Weißwein? Ja bitte. Tintenfisch als Vorspeise? Auch das. Nicht jedermanns Sache, aber ich steh auf das Zeug.

    Und ich schwöre: Ich bin echt kein Food-Fotograf. Aber dieses Essen… das war keine Mahlzeit, das war ein Gedicht auf einem Teller.

    Die Nacht danach? Weniger spektakulär. Mein Bett war so hart, ich dachte kurz, ich hätte aus Versehen im Geräteschuppen übernachtet. Direkt vor dem Fenster eine dieser spanischen Supernova-Laternen, die mein Zimmer in ein EM-Finale verwandelten.

    Frühstück um neun – immerhin. Kaffee, Brot, alles dabei. Gegen halb zehn ging’s los. 32 Kilometer lagen vor mir und die Wetter-App grummelte was von Regen am Mittag. Mein Enthusiasmus hüpfte wie ein nasser Hund im Regenmantel.

    Der erste Abschnitt führte – natürlich – wieder um einen dieser lieb gewonnenen spanischen Hügel. Aber diesmal von der anderen Seite, was immerhin ein paar Höhenmeter sparte. Zurück auf dem Camino dann der erste “Aufreger”: Blaulicht, Sirenen, Polizei – ich dachte schon an einen Banküberfall mit Flucht über den Jakobsweg. War aber nur ein Radrennen. Straße gesperrt, Aufregung umsonst.

    Ein paar Kilometer weiter traf ich bekannte Gesichter – Pilger aus Frankreich, die ich schon öfter gesehen hatte. Freundliches Nicken, aber nix mit Pause. Zu früh.

    Dann der historische Moment: Ich verließ Kantabrien und betrat Asturien. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein mittelalterlicher Eroberer. Erst das Baskenland, dann Kantabrien – und nun also Asturien. Wenn ich am Ende auch noch Galicien schaffe, brauche ich nur noch eine Krone.

    Der Weg stieg wieder an. Ich schnappte mir innerlich das grüne Trikot der Bergwertung (alternativ nehme ich auch das gepunktete, danke). Ich überholte Pilger, fühlte mich wie ein König. Bis ich zwei traf, die sich beim Näherkommen plötzlich hemmungslos küssten. Gespräch wohl eher nicht gewünscht. Ich ging also weiter – der Camino und ich, wir verstehen uns auch ohne Worte.

    Dann die Erinnerung: „Achtung, gefährlicher Abschnitt“ hatte meine App gewarnt. Ich sah mich schon Indiana-Jones-mäßig über Abgründe schwingen.

    Zunächst aber: Natur pur! Der Weg führte durch Wiesen, Kühe, Pferde, Ziegen, Schafe – das volle Landidyll. Und dann, an der Küste: Wiedersehen mit den beiden Küssern – Ute und Robert aus Bayern. Turns out, sie sind nicht nur verliebt, sondern auch sehr sympathisch.

    Zusammen wanderten wir weiter. Dann kam der Abschnitt. Und der war wirklich nichts für schwache Nerven: Ein schmaler Felsbogen, vielleicht zwei, drei Meter breit – kein Geländer, darunter der Atlantik. Und ich? Höhenangst deluxe. Während Ute und Robert seelenruhig rübermarschierten, musste ich meine Knie überreden, weiterzugehen. Aber hey – ich hab’s geschafft.

    Danach: Mittagspause für mich, mexikanischer Salat – die beiden zogen weiter, sie hatten besser gefrühstückt. Noch 14 km lagen vor mir, der Weg blieb hübsch – Wiesen, Kühe, Schafe, Sonne. Nur ein deutsches Ehepaar, das mir begegnete, wollte nicht so recht ins Gespräch kommen. War wohl ein “Heute-nicht-Tag”.

    Kurz vor dem Ziel: Noch mal ein Anstieg, weil – klar – kein Camino-Tag endet ohne Schweiß. Oben dann die Frage: Straße oder Wanderweg? Ich traf erneut auf Ute und Robert und dachte: Ach komm, Wanderweg klingt nett.

    Aber dann: Der vermeintliche „Weg“ entpuppte sich als Trampelpfad, der fast senkrecht ins Tal führte. Kein Dank. Also Plan B: zwei Kilometer Umweg durchs Tal, zwei Kilometer zurück zur Unterkunft. Um 17:30 Uhr kam ich an – komplett fertig, aber lebendig.

    Und jetzt noch was in eigener Sache:
    Ich weiß, ihr seid da draußen. Ich sehe die Klickzahlen. Ihr lest das hier jeden Abend, heimlich und anonym – wie früher beim Bravo-Lesen unterm Bett. Also: Meldet euch. Ich möchte euch zu einer Selbsthilfegruppe zusammenführen. Oder benutzt wenigstens die App, damit ich weiß, wer ihr seid. Sonst gibt’s den ganzen Spaß noch mal live bei euch zu Hause – ungefragt und mit extra Ausschweifungen.

    Im Anhang wie immer: die besten Bilder des Tages. Macht’s gut – bis morgen!
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