Soziale Kompetenz
20. Mai in Portugal ⋅ ☀️ 23 °C
In den letzten Tagen habe ich erfahren, dass die Geschichte der katholischen Kirche und die Entwicklung des sozialen Fürsorgesystems untrennbar miteinander verwoben sind. Wir wollten die Misericordia-Kirche besichtigen, in die wir aber nur durch das Museum "Santa Casa da Misericordia" gelangen konnten. Diese Einrichtung wurde 1499 gegründet. Es handelte sich um eine christliche Bruderschaft, die sich ausdrücklich zum Ziel gesetzt hatte, die 14 Werke der Barmherzigkeit in die Tat umzusetzen. Zu diesen Werken zählten die Versorgung der Hungernden, die Pflege der Kranken, die Beerdigung der Toten. Die Ordensbrüder revolutionierten jedoch die Sozialarbeit, indem sie eine Findelwippe für ungewollte oder in Not geborene Kinder einrichten, die dort anonym abgegeben werden konnten. Ausserdem übernahmen sie die Gefangenenfürsorge, indem sie die Insassen des berüchtigten Stadtgefängnisses zunächst mit Essen und medizinischer Hilfe, später auch mit der Gestellung von Rechtsanwälten und Strafverteidigern unterstützten. Im 18. Jahrhundert gründete die Bruderschaft das Krankenhaus "Real de Santo Antonio", das seinerzeit eines der modernsten und fortschrittlichsten Heilanstalten Westeuropas war. Das alles wurde nicht mit öffentlichen Mitteln, sondern ausschließlich und komplett durch kirchliche Stiftungen, Nachlässe oder Spenden wohlhabender Bürger finanziert. Den Wohlstand hatten die Einwohner zum einen dem Portwein zu verdanken, der schon damals ein Exportschlager war, zum anderen aber auch der Tatsache, das viele Portugiesen durch Goldfunde in Brasilien unermesslich reich geworden waren und mit ihrem Reichtum die Sozialarbeit unterstützten. Selbst nach dem Verbot der Orden und der Verstaatlichung der Klöster blieb die soziale komponente bei der Kirche. Auch der Trinitarierorden, der im 12. Jahrhundert gegründet worden war, sah seine Aufgabe hauptsächlich in der Gefangenenfürsorge und der Armen- und Krankenpflege. Im Jahr 1802 wurde mit dem Bau eines Krankenhauskomplexes, dem "Hospital da Trindale" begonnen, in dem vor allem mittellose Bürger behandelt worden sind. Wie St. Antonio hat sich auch dieses Hospital um Blinde, Taubstumme und geistig kranke Personen bemüht. Auch hier wurde alles nur durch kirchliche Stiftungen, Erbschaften oder Schenkungen finanziert. Die erst etwa 40 Jahre später errichtete Trinitatiskirche ist das größte Gotteshaus Portos. Mir war zuvor nicht bewusst, welchen Einfluss die Kirche auf die Sozialstrukturen Portugals hat und gehabt hat.Weiterlesen


























Ja, Reisen bildet...;) [Diệm]