Vor-Bilder
Sep 27–28, 2025 in Germany ⋅ ☁️ 11 °C
Fallen wie von weit...- geschrieben am Anfang eines Projektes, das weiterhin nur ein Projekt ist, weiter nur im Stadium einer Idee ist, ist natürlich ein Zitat. Man müsste in der heutigen Zeit einfach einen Link zum Rilke-Gedicht machen. Oder es einfach hierher kopieren.
Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen mit verneinender Gebärde. Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit. Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen. Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.
Es ist für mich ein ikonisches Gedicht, obwohl von mir nie vorgetragen. Angeblich fiel es meiner Tante Anneliese ein, als mein Vater am 10. Oktober 1972 starb. Ich sehe das Krankenhaus, das Zimmer, in dem ich mit meiner Schwester Beate ein paar Tage vorher war, mich jawohl fühlte im Angesicht eines schwachen, gelbhäutigen Mannes der nicht mehr lächeln konnte und nur noch ein paar letzte Worte mit meiner Mutter reden wollte. Wir gingen in den Garten. Beate sagte mir, dass er bald sterben würde.
Momente meines Lebens, sofort fällt mir eine weitere ein, verbunden mit John Denvers Annies Song in den umbrischen Hügeln, aber ich wische sie weg, gehören erst einmal nicht hierher.
Während ich dies schreibe, höre ich, dass Claudia Cardinale gestorben ist, vernehme im Radio die alte, vom vielen Tabak brüchig gewordene Stimme, die Anekdoten erzählt, während ich ihr Gesicht in Großaufnahme aus dem Zug steigend sehe, der sie in die Nähe von Sweetwater gebracht hat, während Ennio Morricones Musik anschwillt und der Wagen mit ihr und dem Gepäck den Weg hinaus zu der Farm am Fuß der Berge des Monument Valleys nimmt, wo gerade die ganze Familie und damit Jills gesamte Hoffnung ausgelöscht wurde. Später liegt sie unter dem Bösewicht Frank, gespielt von Henry Fonda, der bis dahin nur als good guy, als Abraham Lincoln oder Geschworener Nr. 12 besetzt war. Oder ich sehe sie in der Badewanne sitzen, als Charles Bronson hereinstürmt, um seinen Widersacher und Mörder seines Vaters Frank zu beobachten. Am Ende wird er nicht bei ihr bleiben. Irgendwo wartet immer einer, heißt es in der deutschen Übersetzung. Wieso kann ich mich an diese Filme Szene an Szene erinnern und an die neuen schon kaum mehr nach der ersten Betrachtung.
Vorbilder, die sich festgesetzt haben, ohne dass ich den Grund kenne. Suchte ich den Vater, wie in einer langen Zeit meines Lebens, oder einfach nur die Ausrichtung? Was gefiel mir und was fand ich in den Bildern des Kinos? Warum das Kino? Weil es immer schon in den Gesprächen meiner Familie war oder weil darin die seltene, vielleicht einzige Innigkeit mit meinem Vater war? Es hieß, er wäre jede Woche ins Kino gegangen und hätte die Filme bewertet, in den 50er Jahren, wie ich in den 70ern und Lorin jetzt in den 10ern und 20ern. Er hat seinen Großvater nie kennengelernt.
Mit Elia, der in ein paar Tagen auszieht, schaue ich mir abends Filme an. Robert Redford ist eine Woche zuvor gestorben, noch einer der Helden der späten 60er und 70er Jahre.
Auf der roten Couch hüllen wir uns in Schlafsäcke, liegen nebeneinander und müssen nicht viel reden. Familie für mich in den letzten Jahren, immer wieder. unausgesprochene Einigkeit wie mit den großen Kindern an einem Fluss unter einem Schlauchboot, als es plötzlich an einem Sommertag auf dem Weg zum Wasserfall zu regnen begann. Oder eine lange, lange Zeit, mehr als 30 Jahre lang, in denen ich in der Früh die Haustür öffnete und die Kinder zum Schulweg aufbrechen sah. Ich hab euch lieb, sagte ich jedesmal. Sie antworteten natürlich nicht, aber ich wusste, dass sie es hörten. Passt auf euch auf.
Dazwischen das normale Arbeitsleben Kinoarbeit, die aus Personalbetreuung, Reparaturen und natürlich Filmen besteht. Sie verdrängen die Projekte und Stimmen, halten sie auf, auch wenn sie da bleiben.
Christian Petzold erzählte auf dem nun schon wieder lange vergangenen Fünf Seen Filmfestival, dass La stanza del mio figlio Vorbild zu seinem letzten Film war. Ich bestelle mir Nanni Morettis Film, dazu den Vorgänger Aprile. Wie geht man mit Politik und Zeitgeschehen um. Wie verändert sich alles durch die Geburt der Kinder. Hannah Arendt sprach von Natalität in der Philosophie, wie ich auch aus einem Film erfahre. Jedes Kind ist Hoffnung, ist Zukunft, gegen alle Widrigkeiten des Zeitgeschehens. Das übrigens immer schon schlimm war.
Ich tauche in die Filme der 70er Jahre an Hand der Redford-Retrospektive ein. Die Sorgen waren ähnliche in Bezug auf Übernahme der Verwaltung durch machtgierige, anklingend faschistische Potentaten. Damals hießen sie Nixon, Pol Pot oder Mao, heute sind es eben Trump, Putin oder XI. Damals gab es noch die Möglichkeit wie bei DER ELEKTRISCHE REITER, am Ende in den Westen zu reiten und alles Marktgeschrei hinter sich zu lassen. Heute haben sich fast alle Menschen bereits durch die digitalen Angebote verkauft, sind leicht manipulier- und lenkbar. Verkauft wird uns Bequemlichkeit und Sicherheit. Dies wird uns angeboten, Nebenwirkungen oder Spätfolgen werden nicht erwähnt und deswegen auch nicht debattiert. Das Leben geht weiter. Wie immer schon. Je älter man wird, desto mehr sieht man, wie Geschichte funktioniert, 1932, 1974, 2020 oder heute. Robert Redford suchte sich immer ähnliche Rollen aus, in seinem Lächeln war die Hoffnung und Sehnsucht nach einem wahren Leben, nach der Natur, nach Werten. Aber diese Generation kannte sie noch und konnte damit umgehen. Heute lernt man mit Apps und Chatbots, KI und Passwörtern umzugehen - ist ja auch die real existierende Umwelt.
Zwischendurch kommt Elia vorbei. Wir holen LEBEN von Zhang Yimou heraus. Wieder geht es um den einfachen Menschen im Lauf der Zeit, wieder darum, dass Kinder Hoffnung bedeuten. Meine Enkel werden die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts mit bestimmen. Sie werden die gleichen Probleme haben wie wir in einem anderen Gewand, aber dadurch, dass sie das Licht dieser Welt erblickt haben, tragen sie hoffentlich dazu bei, die Welt, das Zusammenleben besser zu machen, das menschliche Miteinander zu sehen, den Austausch, das Verstehen in einer immer näherrückenden und sich vermischenden Welt.
Das sind meine Vor-Bilder, aber sie könnten ganz anders sein, wenn man sich mit anderen Menschen umgibt, in einer anderen Umgebung aufwächst, anderes liest oder erfährt.
Ich lese in der SZ davon, dass sie in Flossenbürg eine Stimmen- und Bilderinstallation in Anbetracht dessen aufgebaut haben, dass die Zeitzeugen der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wegsterben. Also fahre ich nach Flossenbürg in die Oberpfalz. Das Gelände in einem Talkessel überrascht vor allem durch die Einfamilienhaussiedlung, die man in den 50ern auf einem Teil des Geländes des Konzentrationslagers errichtet hat. Sie blickt auf einen bis auf zwei langgestreckte Häuser brachen Platz, der bis in die 70er und 80er einfach Parkplatz für LKW war. Auf einer Grasfläche die Grundmauern der Baracken. Fast abgebrochen hinter einer weißen Mauer das Haus der Folterungen und Ermordungen. In einem dahinter liegenden noch tiefer gelegenen Tal dann das Krematorium. Durch eine Rinne wurden die Toten dorthin auf kleinen Waggons gekarrt oder einfach heruntergeworfen. Baderäume, ein Steinbecken, Asche- und Restehaufen, darüber eine Kirche.
Eine Gesellschaft trug das mit, eine Gesellschaft wusste davon, eine Gesellschaft verrohte. Ich wuchs dankenswerterweise in einer Gesellschaft auf, die NIE WIEDER diese Entmenschlichung geschehen lassen wollte - bis auf ein paar wenige. Ich höre die Stimmen der Überlebenden an. Sie hallen von den Wänden, die mit Schemen bespielt werden, unklaren Bildern, wie aus einer Erinnerungstraumwelt. Es ist alles geschehen, schleichend, langsam, aber von einer Mehrheit getragen, die nur den nahen Aufstieg, die nahe Verbesserung sah, aber nicht die Folgen und Implikationen.
Können wir Stimmen erinnern? Wie mein Vater geredet hat, weiß ich nicht mehr. Andere Menschen, die leider schon verstorben sind, meine ich aber noch hören zu können.
Stumm fahren wir noch durch die Oberpfälzer, eine schöne Landschaft eine restaurierte Kleinstadt - Weiden. Später höre ich in Bayern 2 wilde 70er-Jahre-Geschichten aus diesem Ort, kenne solche auch aus Gilching, die Verlockungen der billigen Porno-Filme oder -Bars damals, bevor sie alle ins Privatfernsehen und noch später ins Internet weiterzogen.
Gedanken verlieren sich im Alltag oder schieben sich wie die Kontinentalplatten unter den Kontinent der ToDos. Ich fahre in kurzem Abständen nach Wien - verliere im Squash deutlich gegen Lorin, was aber Spaß macht, sehe neue Filme, debattiere darüber, wache in einer Appartmentsuite auf, die mir genauso wie das Hotelzimmer in Hamburg oder in Karlsruhe Anregungen dafür gibt, noch einmal das Haus umzubauen, dadurch noch einmal für mein Leben eine neue Richtung, eine neue Umgebung zu Formen - fahre also auch nach Hamburg - wo Bob Dylan ein zu vernachlässigendes Konzert gibt - oder Karlsruhe, wo es einen weiteren Kinoprogrammpreis gibt, dazu die Erinnerung an den damaligen Hauptgewinn, 2013, und die Erkenntnis im Gespräch mit den vielen anderen Kinobesitzern, dass man natürlich alles auch ganz anders hätte machen können.Read more




















