Westernlandschaft
2025年11月11日, アルジェリア ⋅ ☀️ 27 °C
Tagesplan - 10. Tag:
Am Vormittag wandern Sie zu Fuß zu den weißen Dünen. Nach der Mittagspause besichtigen Sie den Doppelbogen von Bouhadian und den „Igel". Der heutige Übernachtungsplatz ist in der Nähe des „Amenokal“ und bietet eine traumhafte Kulisse.
Vormittags: ca. 2,5 h
Mittwoch. Aufwachen in Tatrat. Schlecht geschlafen, da das Zelt auf schiefem Untergrund stand. Über der leicht gesellten sandigen Fläche, wo alle ihr Nachträge fanden, eine Felsformation, die König und Königin genannt wird. Die Landschaft hatte trotz der aufkommenden Sonne, dem Sandstein oder dem blauen Himmel nichts Mediterranes mehr, nichts Griechisches, Süditalienisches, Kretisches oder Zypriotisches. Zwischen den Bergen gab es weite dürrr Sand- oder Geröllflächen, die Szenerie und der weite Himmel erinnerten an Western von John Ford. Das unterbelichtete Schwarz-Weiß suggerierte die Nacht im Vollmond.
Ich erinnerte mich an eine Geschichte über eine Nebenepisoee des Westerns. Viktor Ronen hatte sie irgendwo gehört und zum Besten gegeben. Nach dem zweiten Mal hatte ich es mir einigermaßen gemerkt. Er könnte sie natürlich viel besser erzählen.
THE MAN WHO MISSED THE FOCUS
Ein paar Spuren im Sand. 1937. John Ford drehte STAGECOACH zwischen den Bergriesen des Monument Valley. Die Postkutsche war bereits auf dem Weg, der dicke Kutscher und der Sheriff auf dem Bock. Dürre Akazien, grüne Büsche, tumbling weed und John Ford war so groß, dass seine Horizontlinie anders als die der anderen war.
Das Filmteam war in die Gegend des Monument Valley eingefallen, kampierte oft im Freien oder in einem Motel an einer Kreuzung in der Nähe. Dan Glass gehörte zur Kameramannschaft. Seit drei Jahren war er dabei, 23 Jahre jung, ein Freund hatte ihn in die Studios gebracht, ein Zufall zu dieser Produktion. John Ford hatte ihn so mit seinem einen Auge gemustert, dass er am liebsten gleich wieder zurückgefahren wäre und versucht hätte, in einer Studioproduktion unterzukommen. "You know the focus?" fragte er, und Dan zögerte einen Moment zu lange, so dass der Blick fordernder wurde, bis Dan "Sure" sagte.
Die Produktion arbeitete ihren Plan ab, die Sonne brannte vom Himmel, vor allem von Mittag bis 15 Uhr. Kein gutes Licht für draußen. Vieles konnte in der Wüste nicht genau geplant werden. Die ersten Aufnahmen in der aufgebauten Kulissenstadt waren gut gelungen, Ford war zufrieden, die bigotte puritanische Gesellschaft abgebildet. Sie verdammte den trinkenden Arzt genauso wie das 'leichte Mädchen', übersah dabei aber den korrupten Bankier. Alle fanden sich zusammen mit einem Spieler aus sehr gutem Hause und einer schwangeren Offiziersbraut, die zu ihrem Mann wollte. Dafür musste die ganze Gruppe, Abbild der amerikanischen Gesellschaft durch das Indianergebiet fahren. Und die Indianer wehrten sich mal wieder ob all der Ungerechtigkeiten. Geronimo.
Am nächsten Tag sollte die erste Szene mit John Wayne gedreht werden - John Wayne als Ringo, Revolverheld und Outlaw. Sie ist entscheidend, sagte John Ford, von ihr hängt alles ab - THE scene. Dan Glass hörte es von seinem Kameraschwenker. Man würde eine Schienenfahrt auf Wayne zu machen, schnell, hieß es, very fast, sagten sie und lachten herausfordernd. Think about it. Dans Herz pochte, dann lachten sie wieder und fragten, ob er ins Motel mitführe, morgen ginge es früh raus. Sie waren schon lange bei John Fords Team dabei.
Am Himmel stand der Halbmond über den Felszinnen. Die Schatten der Nacht formten Gesichter, Fratzen, die böse Hexe des Ostens, die Sphinx von Kairo, König und Königin, Elefant mit versteinertem Rüssel, Dromedar, Hase, Gazelle, die Milchstraße war für eine Stunde sichtbar, Cassiopeia, der Große Wagen noch nicht. Das Auto düste über eine weite grobkörnige Wüstenfläche, bis sie die Lichter des Motels, des Diners, der Bar und der Tankstelle sahen. Die Crew stieg aus, die Bergkette war nurmehr ein unterschiedlich aufragender Balken am Horizont - und ging in die Bar.
Dan Glass sah die Frau sofort. Sie hatte blonde Haare, blaue Augen, vielleicht eine etwas zu lange Nase in einem sonst ebenmäßigen Gesicht und war im Gespräch mit einem älteren Mann, ihrem Chef vielleicht. Kurz begegneten sich ihre Augen, aber Dan wusste nicht, ob sie ihn gesehen hatte. Das Team war laut und in der Bar bekannt. Man hatte was zu erzählen. Schnell sammelten sich die anderen Gäste des Motels um Tom, der am besten von den Schauspielern und allem erzählen konnte. Plötzlich stand die Blonde neben Dan. Er wusste sofort, dass das Parfum, das er roch, zu ihr gehörte.
"Er erzählt gut," sagte sie. Dan drehte sich um und war ihr einen Moment ganz nah. Ihr Lächeln war spöttisch.
"Tom? Ja, da ist er gut, aber es ist nicht alles wahr..."
"Ist es das denn je beim Film," fragte sie.
"Beim Drehen, ja, aber du darfst keinen Fehler machen."
"Was passiert dann?" fragte sie und schaute sich um, ob ihre Begleitung zurückkäme.
"Dann wird es wieder nicht wahr, für den Zuschauer, manchmal auch genial, vielleicht."
"Wie heißt du?" fragte sie wie nebenbei. Er sagte seinen Namen. Sie schien zufrieden zu sein, dass sie den älteren Mann noch nicht sah. Die Gesellschaft lachte über Toms Darstellung. Er war Stuntman. Seine Reitkünste waren legendär.
"Machst du Fehler?" fragte sie Dan. Er überlegte, wie alt sie wohl wäre. Vielleicht etwas älter als er, vielleicht auch nicht, auf alle Fälle erfahrener, glaubte er.
"Ich hoffe, nicht," sagte er. Der ältere Mann kam zurück.
"Das ist Dan, vom Film," stellte sie ihn vor. "Was machst du?"
"Focus," sagte Dan, während er in das breite, fleischige Gesicht schaute und sofort sah, wie Dans Beruf als völlig irrelevant für eine weitere Beachtung eingeordnet wurde. Er führte die junge Frau weg. Dan hatte nicht einmal ihren Namen erfahren. Er war müde - morgen war ein wichtiger Tag - und er ging schlafen. Das Zimmer war noch leer, Hank und Steve waren noch an der Bar beim Trinken.
Der nächste Tag begann mit Proben. Er sah John Wayne zu, wie er das Drehen des Gewehres wieder und wieder drehte, bis er es schießbereit hatte beziehungsweise, dass er es entsicherte und gegen die Schulter hielt. Die Schienen waren gelegt, die Fahrt wurde probiert, Dan fokussierte sich auf das Drehrad unter dem Objektiv, das die Schärfe einstellte. Es war eine schwierige Aufgabe für ihn, mit einem Griff die ganze Bewegung zu vollführen, die analog zur Geschwindigkeit des Kamerawagens die Schärfe des Objektes, hier des Gesichtes des Schauspielers aufrechterhielt. Let's roll it. Dan blickte auf das Präriegras, den Sand und den Felsen, auf die blanken Schienen, auf die Hand des Operateurs Clark, auf den Schauspieler. Hinter allen stand John Ford, groß, abwartend, bestimmend. Der Schuss wurde eingespielt, ein Zusammenklappen von zwei Hölzern, der Kamerawagen wurde angeschoben, John Wayne drehte das Gewehr und Dan bewegte den Fokus. Cut.
"I think, we were out of focus," sagte Clark. Er schaute Dan nicht an. Es war nicht zu ändern. Once again, zweiter Versuch, John Wayne wartete, die Hölzer klappten, der Wagen raste auf den Schauspieler zu und das Ergebnis war das Gleiche. Dan spürte eine Bewegung hinter sich. Der Schatten von John Ford fiel auf ihn. Er fragte den Operateur kurz etwas, was Dan nicht genau verstand.
"Dan," sagte John Ford schließlich und dehnte dabei den Vokal, "do You need glasses, Dan Glass?"
Es gab nichts darauf zu sagen. Dritter Versuch und Dan spürte hundert Augenpaare auf sich. Der Schuss, die Fahrt, die Schärfe, alles passte, doch diesesmal hatte John Wayne die Bewegung des Gewehrs nicht beendet. Once again. Das Team wurde allmählich nervös, John Ford fauchte sein Script an, der Kameramann fummelte am unterstützenden Licht herum. Vierter Versuch, Schuss, Fahrt, Gewehr, Gesicht, Satz - Schärfe?
"I think, we were out of focus," sagte Clark erneut. John Ford brüllte auf, ging durch das herumstehende Team auf den Operateur zu und schrie ihn an.
"Get'm out. Now!"
Dan erhob sich. Seine Gelenke waren etwas steif, er wusste eigentlich gar nicht, wohin er gehen sollte und fand doch seinen Weg an den hundert Augenpaaren vorbei, bis er vor sich nur das von Rädern durchspülte Sandland sah. Die Kulissenstadt, das falsche Lordsburg wurde bereits abgebaut. Die Sonne glühte vom Himmel und ergoss sich über die roten Berge im Hintergrund. Sie befanden sich auf einem Hochplateau und hatten es während der Arbeit fast vergessen. In den Nächten konnte es sehr kalt werden. Wasser und Winde hatten über Jahrmillionen das Land geformt, zerkrümelt und nivelliert, so dass der Mensch es in dieser einmaligen Schönheit zu dieser Zeit, 1937, sehen konnte. Es war nicht Dans Land, seine Vorfahren waren nicht nicht einmal vor 100 Jahren aus Deutschland gekommen, aus Verzweiflung nach einer gescheiterten Revolution, voller Mut, die Heimat zu verlassen. Dan war ein Versager. Er hatte eine Filmszene zerstört, er hatte viel Geldverluste wahrscheinlich verursacht, hatte Kollegen enttäuscht und würde wahrscheinlich nie mehr an einem Filmset arbeiten. Get him out! Dan drehte sich nicht um. Er ging immer weiter in Richtung des Motels. In der Ferne, auf der einzigen Straße, die das Monument Valley von Westen nach Osten durchquerte, fuhr ein wackliger, hölzerner Pickup lautlos vorbei. Es war noch weit bis zum Motel. Als Dan Autos vom Filmset zurückkommen hörte, versteckte er sich hinter einem Gebüsch. Es blühte saftig, fast lindgrün in der Abendsonne. Es würde rasch Nacht werden.
Ich hatte die Geschichte von Viktor Ronen, dem Regisseur das erste Mal gehört. Er machte hier immer eine Pause. Wir hatten zusammen studiert, dann hatten sich unsere Wege getrennt. Während ich zurückhaltend in eine größere Gruppe trat, vereinnahmte er sie sofort mit Gestus und Sprache. Er war der Tom aus seiner eigenen Erzählung. Seine Kraft war ansteckend, seine Begabung groß. Er spielte Klavier, er sang, er komponierte. Seine Ideen schienen nie auszugehen. Beim zweiten Mal, als ich die Geschichte hörte, musste Viktor die Namen erklären, John Wayne, The Duke, John Ford, der große Regisseur, der das Monument Valley entdeckt, ikonische Bilder geschaffen und vom rechtschaffenen Amerika von Lincoln über einen ehrlichen und ehrwürdigen Wyatt Earp zu einem fiktiven Ransom Stoddard geträumt hatte.
Wie geht's weiter? Erzähl schon.
Dan erreichte das Motel, als es dunkel war. Er war hungrig und durstig, doch er wollte nicht in die Bar und die anderen treffen, die lärmend die Geschehnisse des Tages besprachen, belachten und begossen. Dan war ein Versager, fühlte sich wie die um das Motel streunenden Hunde. Cassiopeia war am Himmel zu sehen, der Große Wagen genauso wenig wie der Halbmond. Dan ging in das Zimmer, das leer und unaufgeräumt war und packte seine Sachen. Hank kam herein, war erstaunt ihn anzutreffen, sagte, das wäre doch alles nicht so schlimm, er sollte bleiben, schlug ihm die Hand auf die Schulter. Dan entzog sich. Nicht noch einmal würde er sich den hundert Augenpaaren aussetzen. Er stopfte das letzte Hemd in die Tasche. Hank gab ihm die Hand zum Abschied. Der Bus würde bald abfahren, Richtung San Francisco, noch einmal zu den Eltern, nicht nach Los Angeles. Er setzte sich auf den Bordstein der Haltestelle. Licht flutete aus der Bar. Man hörte Toms Lachen. Eine Tür im Motel öffnete sich. Es waren Frauenschritte, die näherkamen. Als Dan aufschaute, erkannte er sie am Hauch des Parfüms. Die Scheinwerfer des Busses bogen um die Ecke.
"San Francisco?" fragte Dan.
"San Francisco," sagte sie.
Übrigens, fuhr Viktor Ronen hier nach einer gebührenden Pause, in der wir Dan und die Frau im Bus durch die Nacht fahren sahen, übrigens saß John Ford ein paar Wochen später am Schneidetisch und begutachtete die Szene, mit der er John Wayne erstmals in den Film einführte. In zwei takes gab es Unschärfen während der Fahrt und einen Moment, da die Schärfe endgültig justiert wurde, zwei neue takes waren durchwegs scharf. John Ford sah sie sich mehrmals an. Der Cutter wollte natürlich die gelungenen nehmen. Es gab nichts an ihnen auszusetzen. Hold it, sagte Foed und der Cutter wartete. Er schaute zu, wie John Ford erkannte, dass es genial war, einen Schauspieler mit der Unschärfe einzuführen und ihn dadurch besonders werden zu lassen. Er ahnte, dass er soeben einen Weltstar mit eben dieser Einstellung kreiert hatte. So blieb Dans Unschärfe während der Schienenfahrt für immer in diesem Film. Jeder konnte sie von nun an sehen, auch, Dan und Deborah, denn so hieß die junge Frau. Irgendwann entschlossen sie sich, ihn in einem Kino in San Francisco anzusehen. Als die Lichter im Kino ausgingen, war er nur froh, dass der Film fertig geworden war. Nach den ersten Szenen wurde er nervöser, seine Hände feucht und er suchte Deborahs Finger. Jetzt muss es bald kommen, flüsterte er ihr zu, als die Postkutsche die Stadt verließ. Ein Schuss fiel, die Postkutsche hielt und die Kamera sauste auf John Wayne zu, er drehte sein Gewehr und sein Gesicht wurde kurz unscharf, ehe es klar von der Leinwand strahlte. Dan war verblüfft, konnte den Film nicht anhalten, verstand die Welt nicht mehr und erlebte kaum, wie die Schwangere das Kind bekam, John Wayne sich verliebte, die Indianer angriffen, die Postkutsche von der Armee gerettet wurde, Ringo sich rächte, der Bankier überführt wurde und der trinkende Arzt sich mit dem Sheriff verbündeten, um Ringo und dem 'leichten Mädchen' eine Chance in Freiheit zu geben.
Deborah war hingerissen von dem Film und drückte Dans Arm ganz fest. Mach einer Weile und ein paar Blocks, die sie abgegangen waren, fragte sie ihn, ob er nicht doch zurück zum Film wollte. Dan schüttelte den Kopf. He was the man who missed the focus. Nur manchmal ist das auch genial.
Die Gespräche nach Viktors Erzählung fanden bald ein anderes Thema, man erinnerte sich an ein paar von den alten Western, kam auf andere Filme, dann bald auf die Weltlage und den richtigen Teebeutelgeschmack. Manchmal wollten die anderen noch wissen, wie Dans und Deborahs Geschichte weiterging, doch Viktor sagte, dass das nun wirklich eine andere Story wäre von einem anderen Film. Auf dem Heimweg sagte ich zu Viktor, wie gut erfunden die Geschichte wäre.
"Warum erfunden," fragte er zurück. "Dan ist mein Onkel."
"Das kann nicht sein," sagte ich, "Dan ist Amerikaner, 1916 geboren, wenn ich richtig gerechnet habe und du kommst aus Kastenried und Umgebung in Deutschland, bist 1963 geboren, wie soll das gehen?"
Wir werden sehen. Vielleicht gibt es dazu noch eine Geschichte.もっと詳しく

















