• Busan: Abschied aus Südkorea und das Konzept «uri»

    May 4 in South Korea ⋅ ⛅ 18 °C

    Heute endet meine Zeit in Südkorea, ich fliege nach Japan weiter. Fast ein wenig wehmütig. Denn Südkorea hat sich nicht bloss in mein Herz geschlichen, es ist direkt reingesprungen. Die drei Wochen hier waren intensiv, lehrreich, wunderschön – einfach grossartig. Was mich besonders berührte, war das Konzept «uri».

    Beeinflusst die Sprache die Kultur oder die Kultur die Sprache? In Südkorea ist die Antwort auf diese Frage das Konzept «uri». Uri heisst auf Deutsch «wir». In Südkorea bedeutet es viel mehr als ein Personalpronomen. Hier wird «uri» statt «ich» verwendet. Das ist keine grammatikalische Anomalie, sondern eine kulturelle Haltung. «Uri» schafft Einigkeit statt Ausgrenzung, Verbindung statt Besitzanspruch

    Südkoreanerinnen und Südkoreaner sagen nicht mein Mann, mein Kind, meine Familie, mein Haus, meine Arbeit, mein Land. Sie sagen unser Mann, unser Kind, unsere Familie, unser Haus, unsere Arbeit, unser Land. Die gemeinschaftlich geprägten Werte Südkoreas hängen mit seiner kompakten Grösse, der ethnisch homogenen Bevölkerung und einem ausgeprägten Nationalgefühl zusammen. Nur weil ich etwas besitze oder zu etwas gehöre, bedeutet das nicht, dass andere nicht ein ähnliches Gefühl von Besitz oder Zugehörigkeit haben können. «Ich» oder «mein» zu sagen, wirkt fast egozentrisch.

    Der Wunsch nach Harmonie und Verbundenheit basiert auf einer langen konfuzianischen Tradition. Individuen sollen sich in sozialen Situationen stets am Wohl der Gruppe orientieren. Das kann beim Essen mit Freunden sein oder bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel mit Fremden. Das kollektive «wir» ist in Südkorea untrennbar mit dem «ich» verbunden.

    Und da komme ich also auf meinem Egotrip «me, myself and I» daher und eigentlich sollten da Welten aufeinanderprallen. Tun sie aber nicht. Obwohl ich kein Südkoreanisch verstehe, fühlte ich, dass ich auch hier zu etwas Grösserem gehöre. «Uri» ist eine Weltanschauung. Wenn ich unser Haus sage, statt mein Haus, klingt das wie eine Einladung, meine Welt zu teilen. Das gefällt mir. Eine kollektive Identität wie hier ist in unserer individualistischen Gesellschaft in der Schweiz wohl nur etwas für Sozialromantiker. Doch ich habe mir vorgenommen, auch daheim mehr aufs «wir» zu achten. Denn es fühlt sich richtig an.
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