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  • Day170

    Weshalb Du privilegiert bist

    October 27, 2016 in Cuba ⋅ ☁️ 27 °C

    4 Wochen Kuba, das war mein Plan, nach 2 Wochen muss ich jedoch einsehen, dass es nur zu einer flüchtigen Affäre zwischen dem Land der Zigarren & des Rums und mir ausreicht.
    Ich reise mit gemischten Gefühlen durch dieses Land, dessen 'Uhren vor fast 70 Jahren stehen geblieben sind'.
    Es liegt nicht an fehlender Sicherheit, denn egal was ich vor meiner Reise auch gehört habe, ich fühle mich auf Kubas Straßen bei Tag und bei Nacht vollkommen sicher (fairerweise: mit Ausnahme einer einzelnen Situation).
    Es liegt auch nicht maßgeblich daran, dass ich mich unzählige Male über den Tisch gezogen fühle, leider häufig berechtigter Weise - sei es, dass ich trotz Handelns den doppelten Taxipreis bezahle oder aber selbst auf gebuchten Touren von 'Kaffeebude' zu 'Kaffeebude' geführt werde. Hier geht es dann nicht mal um die 1,50 CUC (ca.1,50€), die mich der Espresso auf Nachfrage kostet, sondern eher darum, dass er normalerweise für 0,25 CUC über die Theke geht. Das Gefühl 'Touristen sind goldene Gänse' ist fast steter Begleiter. Egal wo ich hinkomme, die Menschen erwarten einen Tip - selbst bei der Gepäckabgabe für den Reisebus wird mir unverholen und fordernd das Trinkgeldkörbchen entgegen geschoben. Und im ersten Moment ist da nur dieses Gefühl eine goldene Gans zu sein....
    Und dann stehe ich im Supermarkt und verschwende keine 10 Minuten auf die Entscheidung was ich kaufen werde, denn in den halb leergefegten Regalen befindet sich je eine Sorte von den Dingen, die offiziell als wichtig eingestuft sind. Süsswaren, Seife und andere Luxusgüter werden hinter gesonderten Theken aufbewahrt und nur auf Nachfrage ausgegeben. Die Einkaufstüten und Kassenbons werden vorm Verlassen des Ladens an zwei verschiedenen Stellen auf Richtigkeit geprüft.
    Und dann muss ich ins Internet und ich laufe 6 km um zum öffentlichen Wifi-Spot zu kommen. Dort erstehe ich eine Prepaid Karte - 3 CUC für eine Stunde ungesicherten Zugang über den einzigen Internetanbieter im ganzen Land.
    Und ich buche meinen Rückflug. In ein Land meiner Wahl. In ein Land voller freier Wahlen.
    Denn ich genieße Reisefreiheit. Und ich genieße Wahlfreiheit in allen Belangen. Und fühle ich mich auch an manchen Tagen erdrückt von all der Freiheit und all den Entscheidungen die ich zu treffen habe, so sind es doch MEINE Entscheidungen, es ist MEINE Wahl. Und nun, da ich hier sitze, in einem Land das seinen Bürgern so viele Entscheidungen abnimmt, erkenne ich wie privilegiert ich bin. Und ich erkenne, dass ich es so lange nicht erkannt habe, dass ich es stets als selbstverständlich betrachtet habe. Und das ist es ja auch - für mich - und auch für Dich. Wir, die privilegierte, erste Generation die ohne existentielle Ängste aufwuchs, die die vollkommene Wahlfreiheit als gegeben annimmt und die dadurch auch den Wert vieler Dinge zu schätzen verlernt hat. Viele sind so frei in ihrer Wahl, dass sie ihre Wahlfreiheit nicht einmal mehr wahrnehmen. Doch kommen Privilegien, Wahlen und Freiheit stets Hand in Hand mit Verpflichtungen daher. Das Pflänzchen will gepflegt werden. "Stop and smell the roses" - wir sollten von Zeit zu Zeit innehalten, wertschätzen was wir haben, wertschätzen wer und was uns all das ermöglicht hat und uns bewusst sein, dass es nicht selbstverständlich ist. Und wo und wann immer es uns möglich ist, sollten wir es teilen und etwas zurückgeben.
    Und dann sehe ich das Lächeln, dass das Klimpern meines CUC auslöst, als es ins Trinkgeldkörbchen fällt.
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