Huellas de Ariane y Marco

Joined May 2018Living in: Sohren, Deutschland
  • Day297

    Zwischen Gelassenheit und Wehmut

    June 4 in Ukraine ⋅ ⛅ 23 °C

    Gamarjoba ;-)

    Wir sind zurück in 'Tbilisi'. Hatten wir hier doch noch einige Sachen in einer unserer letzten Unterkunft deponiert, die wir in Georgien nicht immer mit uns mitschleppen wollten und bevor es uns morgen Abend mit dem Zug nach Batumi an die Schwarzmeerküste zieht, steht eines unbedingt noch auf unserer Todo-Liste für Tbilisi: Haben uns doch bei unserer letzten Visite in Tbilisi die aus Backstein gemauerten Kuppeln der erdebenen Schwefelbäder neugierig gemacht :-) Also los geht's:

    Man darf wählen zwischen privaten und öffentlichen Badesälen. Da die privaten 50 € aufwärts kosten und für bis zu 10 Personen sind, entscheiden wir uns für die öffentliche Variante. Hier baden jedoch Damen und Herren ausschließlich getrennt. Laut den Beschreibungen erwarten uns arabische Badesäle mit prachtvollen Mosaiken an Wänden und Kuppeln. Außerdem eine Sauna und Becken, in denen bis zu 47 ° C heißes kohlensäure-, eisen- und schwefelhaltiges Wasser eine heilende und desinfizierende Wirkung haben soll. Klingt doch perfekt. So geht der eine von uns links und der andere biegt rechts in eines der Bäder ab...
    ...Nun die Realität ;-) Empfangen werde ich in einem recht vernachlässigten Umkleideraum, in dem man rauchen darf und mir neben Getränken auch eine Massage von kräftigen Männern angeboten wird. Eher etwas gewöhnungsbedürftig ;-) Naja, nackig wie Gott mich schuf wage ich mich durch die nächste Tür ins Bad und zu meiner Überraschung entspricht alles den Beschreibungen. Naja, bis vielleicht auf die Duschkonstruktion, die mit etwa 10 Brausen bestückt aussieht, als wäre sie aus einem Zuchthaus der 30er Jahre. Ein wirkliches besonderes und edles Verknügen.

    Ich (Ariane) werde ebenfalls in einer rustikalen Umkleidekabine mit Metallspinten aus der Sowjetzeit willkommen geheißen - ich aber von drei stämmigen älteren Frauen. Die Nachfrage nach einem Peeling oder einer Massage verneine ich wie Marco auch. Ich bekomme einen Spint zugewiesen und sehe, wie zwei andere Frauen in einen großen gefließten Raum wie ihn Marco gerade beschrieben hat, gehen. Also nehme ich mein Duschzeug und folge ihnen nach einiger Zeit. Ich wundere mich, wie gründlich sich diese beiden Frauen waschen. Ich bin nach kurzer Zeit duschen der Meining, dass ich jetzt sauber genug bin und gehe wieder hinaus - noch immer stehen die anderen unter der Dusche. Ich frage die Massagedamen, die sich mittlerweile eine Zwischenmahlzeit in der Umkleidekabine zubereitet haben, mit Händen und Füßen, wo das Badebecken denn sei. Die Antwort verstehe ich nicht, gehe aber zuversichtlich der einen Dame, die gerade in den Flur geht, einfach mal hinterher - alle sprechen kein Englisch, so will sie mir bestimmt den Weg zum Badebecken einfach zeigen. Ich wundere mich ein wenig. Ob die Frauen tatsächlich so nackt dann durch den öffentlichen Flur ins Becken gehen?... Und wickele mir mal vorsichtshalber mein Handtuch um. Als die Frauen aus der Umkleidekabine nun etwas rufen, dreht sich meine Wegweiserin ruckartig um, fängt, wie die anderen auch, laut an zu lachen und scheucht mich mit ihren beiden Händen wie Hühner in ihren Perrisch wieder zurück in die Umkleidekabine. Husch husch schschsch.... Hmmm??? Irgendwas stimmt nicht...! Ab zurück! Eine Frau, die sich gerade umzieht kann ein wenig Englisch und ich verstehe: "no pool for women :-/"
    Hä?!... OK... Jetzt verstehe ich - also ab zurück in den Duschraum und 55 Minuten unter heißem Sulfurwasser duschen...

    ...Wir sind in Batumi angekommen und die Stadt wird unsere letzte Destination außerhalb Europas sein.

    Obwohl am Schwarzen Meer gelegen, versprüht Batumi auf uns ein eher mediterranes Ambiente. Im Vergleich zu Tbilisi geht hier alles etwas leichter von der Hand. Abseits der Hauptstraßen und -attraktionen scheint jegliche Hektik fern. So ganz ohne Anspruch, noch viel erleben zu müssen, ist Batumi wie gemacht, um in lockerer Atmosphäre unsere Reise durch Georgien ausklingen zu lassen.

    Nichtsdestotrotz schauen wir ein wenig wehmütig auf die umliegenden grünen Hügel der Region Adscharien, deren Hauptstadt Batumi ist. Mal zackenförmig, mal wellig fallen sie ins Schwarze Meer hinab. Eine ganze Woche könnten wir wohl allein in Batumi und Umgebung verbringen. Und so steigen die ohnehin hohen Chancen darauf, dass wir eines Tages nach Georgien zurückkehren werden, in den letzten Tagen noch einmal weiter.

    Wir wollen nicht mehr fliegen und überlegen uns, mit dem Schiff über das 'Schwarze Meer' zu fahren, um seit langem nochmal europäischen Boden zu betreten. Die einzige Fähre Richtung Westen fährt jedoch nur in die Ukraine. Ukraine! Hmm, warum nicht!

    Übermorgen Mittag um 12 Uhr soll unsere Fähre nach 'Chornomorsk' auslaufen, also noch genug Zeit sich die Tickets zu kaufen, den tollen botanischen Garten und natürlich die Stadt mit ihren unzähligen Kasinos a la Las Vegas (zugegebenermaßen im Kleinformat) anzusehen. Wir pumpen unseren Volleyball nochmal auf und powern uns im riesigen Park entlang der Strandpromenade nochmal richtig aus :-)

    Wir haben eine tolle Doppelkabine mit Blick auf's Meer und das 'Schwarze Meer' ist verdammt groß. Über 2 volle Tage fahren wir gelegentlich begleitet von Familien von Delfinen vorbei an der Krim bis nach 'Chornomorsk' . Neben uns beiden, Martin und Karl (Zwei Reisende Motorradfahrer), sind fast nur LKW-Fahrer an Bord, die Waren quer durch Europa transportieren. Zwei entspannte und sehr interessante Tage an Bord der ehemaligen deutschen Fähre 'MS Greifswald'.

    Nachdem die Einreiseformalitäten der ukrainischen Grenzbeamten in der provisorisch eingerichteten Kontrollstelle in der Schiffskantine erledigt sind und wir die Fähre verlassen, ist es schon spät am Tag. Ab Ende der Schiffsrampe sollen wir mit ein Paar weiteren Passagieren warten. Der Bus in die Stadt käme gleich. Was jedoch nach einer halben Stunde kommt ist ein Gabelstapler mit einer riesigen Schaufel. Wir sollen unsere Rucksäcke, wie alle anderen darauf stellen und kurz darauf kommt auch ein Bus. So fahren wir nun gemeinsam, also wir im Bus und unsere Rucksäcke auf dem Stapler gerade mal 150 m zu einer alten unzeitgemäßen Grenzkontrolle, an der unser Gepäck gescannt wird. Ohne ukrainisch zu verstehen wirkt das ganze Prozedere recht seltsam...

    ...geschafft! Wir suchen uns einen Platz zum Zelten und werden an einem Eisenbahndamm am Rande des Hafens fündig :-)

    Es sind gerade nur noch 2 Wochen, bis wir zu Hause sind. Verrückt wie die Zeit gerannt ist. Unsere Schritte müssen etwas größer werden, schließlich sind es noch immer über 2.000 Km bis in den Hunsrück :-) Wir hatten uns vor unserem Reiseantritt gesagt:"Bevor wir nach Hause fahren, gehen wir noch eine Woche in die Alpen zum Wandern" Gesagt, getan! Unser Ziel Slovenien. Nach einem Tag Sightseeing in Odessa fahren wir mit dem Zug quer durch die Ukraine, bis wir am Morgen des 07.06. die Grenze zur EU, genauer gesagt nach Ungarn überqueren.

    Die Grenzbeamten wollen uns jedoch keinen Einreisestempel geben und mangels Sprachkenntnissen in Ukrainisch, oder Russisch hilft auch keine Diskussion und so reisen wir erstmals in ein Land ohne einen Einreisestempel in unseren Pass zu bekommen. Schade, unsere bisherige Stempelsammlung bekommt keine Verstärkung. EU-Bürger bekommen keinen Einreisestempel ;-)

    Buvaĭ - Das heißt soviel wie Tschüss!
    Ariane & Marco
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  • Explore, what other travelers do in:
  • Day288

    Stadt der schwebenden Metallsärge

    May 26 in Georgia ⋅ ⛅ 21 °C

    Gamarjoba,

    die alten Industrieanlagen und Gewerbebetriebe aus der Sowjetzeit haben in den vergangenen Wochen immer wieder unsere Neugierde geweckt. Wir wollen mehr über die Orte erfahren und so liegt es nahe, dass wir in das heute fast vergessene Bergarbeiterstädtchen 'Chiatura' fahren.

    Wir springen wieder in eine der 'Mashrutkas' und steigen 10 km vor Chiatura am wohl kleinsten Kloster Georgiens mit der sicherlich außergewöhnlichsten Lage aus. Im Örtchen Katskhi ragt eine markante Felsnadel 40 m in den Himmel, auf deren 10 x 15 m großen Plateau vor 900 Jahren ein Kloster errichtet wurde und dann mehrere Jahrhunderte verlassen war. Beeindruckend, doch das lustige ist, dass sich 1993 ein Bewohner aus Chiatura entschied, damals in seinen 40ern, sein lasterhaftes Leben zu beenden und auf der Felsnadel als Mönch zu leben. Zu dieser Zeit lag das alte Kloster noch in Ruinen – er soll in einem alten Kühlschrank geschlafen haben, um sich vor Wind und Wetter zu schützen, bis dann 2009 das Kloster restauriert wurde. Über einen Seilzug bekam der Einsiedlermönch Wasser und Essen von seinen Anhängern gebracht und zweimal pro Woche stieg er von der Steinsäule hinab um unten einen Gottesdienst zu halten! An unserem Tag wahr wohl Gottesdiensttag, denn unten ging ein älterer Männ mit endlosem Bart und Stock "bewaffnet" auf einer Mauerkrone hin und her! Verrückte Menschen gibt es hier :-)

    Wir machen uns für die restlichen 10 km nach Chiatura zu Fuß auf den Weg und wählen einen Umweg entlang eines schönen Flusstales. Schließlich müssen wir uns noch einen Zeltplatz für die Nacht suchen. Abseits des Weges und fern von Blicken anderer werden wir direkt am Fluss gelegen fündig. Nur müssen wir auf unser "mitgeschlepptes" Wasser zurückgreifen, denn das Flusswasser ist bedingt der naheliegenden Bergwerke tief grau und von Mangan getränkt. Nichts desto trotz ein toller Ort, an dem wir für 2 Nächte unser Lager aufschlagen, um den Großteil unseres Gepäcks deponieren zu können, während wir unsere Erkundungstour nach Chiatura starten.

    Als die „Stadt der schwebenden Metallsärge“ ist die Bergbaustadt bekannt und dank der außergewöhnlichen geografischen Lage wurde während der Stalin-Zeit ein einzigartiges öffentliches Verkehrsnetz ausgebaut: 26 Personenseilbahnen transportierten während der Boom-Zeiten die Arbeiter vom Tal zu den Mangan-Minen und die Einwohner der modernen Plattenbau-Bergsiedlungen in das Stadtzentrum.
    Insgesamt spannten sich die Metallkabel von über 70 Material- und Personenbahnen über den Himmel der Stadt. Heute ist es nur noch ein Stück Tristesse. Eine scheinbar vergessene Stadt. Über uns hängen noch Materialgondeln an Seilen und man muss nur warten, bis diese abstürzen. Wir gehen durch eine der ehemals Mangan verarbeitenden Industrieanlagen und irgendwie wirkt es surreal. Es sieht aus, als hätte man von einer Sekunde auf die andere alles stehen und liegen lassen. Einerseits holt sich das Grün der Natur die Anlagen langsam zurück, anderseits leuchtet hier und da noch eine Glühbirne, oder Kontrollleuchte in den verfallenen Gebäuden.

    Für Sanierungen der Plattenbausiedlungen fehlt das Geld und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fehlen die Handelspartner. Georgien hat obendrauf auch das Problem, dass Investitionen wohl überlegt sein müssen, da man scheinbar nicht ausschließen kann, dass der große Nachbar aus dem Norden auf kurz, oder lang wieder in Georgien einfällt. So die Angst Vieler.

    Eine Fahrt mit einer der alten noch ursprünglichen Seilbahnen müssen wir natürlich unternehmen. Also gönnen wir uns je eine Fahrt mit der "Stalin" und der "Friedens"-Bahn. Im Giebel der Talstation thront zugleich noch immer das Bildnis Stalins! Hmm, ein gewöhnungsbedürftiger Umgang mit der Vergangenheit. Nun gut! Die Gondel hält und wir besteigen über einen Holzsteg den "Metallsarg". Eine Glocke schrillt und die, an ihrer Arbeitsweise gemessen, wohl kaum bezahlte Dame setzt per Knopfdruck das Gefährt in Gang...
    Zurückversetzt in die Zeit von vor 60 Jahren fahren wir beeindruckende 40° und ohne erkennbare Sicherungseinrichtungen gedankenverloren steil bergauf...

    Wir sind begeistert. Der ganze alte Kram funktioniert ohne groß' Instandhaltung noch immer, transportiert die Menschen seit Jahrzehnten pausenlos hinauf und hinab und ist kostenfrei :-)

    Der Wetterbericht sagt, es würde um 16:00 Uhr anfangen zu regnen. Also schnell noch was zum Kochen kaufen bevor wir die 4 km zu unserem Zelt zurück gehen. Verrückt! Es ist Punkt 16:00 Uhr und wie der Teufel will sind wir noch nicht am Ziel ;-) Wir laufen was das Zeug hält, geben aber schnell auf. Irgendwann ist es auch egal. Das Wasser durchnässt alles. Es ist nichts mehr trocken, nichts und wir fangen an es zu genießen, durch den strömenden Regen zu gehen...

    ...uns gefällt unser Zeltplatz mitten im Grün, die frische Luft, das Gezwitscher der Vögel und all das zu dem Kontrast der Bergarbeiterstadt. Doch um 11 Uhr geht unser Zug und so geht es etwas wehmütig für gerade einmal 1 Lari, umgerechnet 30 Cent, und ganze 2 Stunden Fahrt zurück nach Kutaisi...

    Viele Grüße aus Chiatura
    Ariane & Marco
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  • Day280

    Zu den Haudegen nach Swanetien

    May 18 in Georgia ⋅ ⛅ 15 °C

    Gamarjoba ;-)

    Auf nach Swanetien. Es ist 7:45 Uhr. Wir stehen in Kutaisi auf der Straße vor dem Hostal und warten auf den Bus Nummer 1 zum Busbahnhof. Ein junger Mann gesellt sich zu uns und wir kommen ins Gespräch. Er ist Iraker und studiert hier. Im Bus erzählt er ein wenig von seinem Land – und lädt uns prompt zu sich nach Haus in den Irak ein. Beim Aussteigen erklärt er, dass er unsere Bustickets bezahlen will, da wir seine Gäste sein sollen und es sich so gehört. Wow – wir haben auf unserer Reise schon oft von Reisenden über den Iran und den Irak gehört und werden immer neugieriger auf die Länder, auf die Menschen dort, die Kultur und deren Sitten. Vielleicht irgendwann...

    Am Busbahnhof angekommen, erleben wir mal wieder wie Mashrutkafahrer mit Touristen ihren Profit steigern wollen – statt 25 Lari möchte der Fahrer 30 Lari pro Person für die direkte Fahrt nach 'Mestia', der Hauptstadt Swanetiens haben. Wir können den regulären Preis durchsetzen, wundern uns dann aber, dass wir in 'Zugdidi' umsteigen müssen... doch wieder irgendwie getrickst...

    Es wird eine witzige Fahrt – unser Ford Transit ist schon ein wenig in die Jahre gekommen – der Fahrer kann manchmal nur im 2. Gang fahren, wenn er überhaupt einen Gang rein kriegt. So ächzt der kleine Transit die Berge nach 'Mestia' hinauf... bis er nicht mehr weiter fährt, er braucht bei geöffneter Haube eine kleine Pause und etwas zu trinken, wonach er gestärkt den Weg bis nach 'Mestia' durchhält... Marco und ich hätten alle Wetten verloren: wir haben uns schon am Wegrand sitzen sehen.

    Auf dem Weg sehen wir sehr viele Kühe auf der Straße – viel mehr als in Nepal. Unsere Schlussfolgerung: hier müssen die Kühe nicht nur heilig, sondern noch viel heiliger sein! Doch auf Speisekarten sehen wir, dass dies nicht der Fall ist. Apropos heilig – man sieht hier Klöster noch und nöcher. Hier sind es also eher die Menschen, die heilig sind.

    'Mestia' liegt in Swanetien und Swanetien ist berühmt-berüchtigt! Hier wurden richtige „Haudegen“ geboren, die nicht lange fackelten! Das ging bis vor 20 Jahren noch so. Heute sieht man es noch an deren Baustil: in ganz Swanetien haben die Familien in fensterlosen Trutzburgen gelebt, die mit dem eigenen Wehrturm verbunden waren. Es gab ein ausgeklügeltes Geheimgangsystem, das die Wehrtürme miteinander verband, das allerdings auch nur die Männer des Hauses kannten, da die Frauen ja nach der Heirat in eine andere Trutzburg zogen und das Geheimnis dann mitgenommen hätten. Alles war ganz aus Stein gebaut, damit man sie nicht in Brand setzen konnte. In diesen Wehrtürmen konnten sich die Familien wenn es nötig war, mehrere Monate verschanzen und es war wohl immer wieder nötig: unten im Turm die Kühe und Hühner, dann ein Stockwerk für die Lebensmittel, dann die Männer, dann eines für die Frauen und Kinder. Selbst die Mongolen konnten dieses Völkchen nicht bezwingen. Bis die Russen kamen...

    Wenn es aber keinen Feind zum Verhauen gab, haben sich die Swanen wohl selbst die Köpfe eingeschlagen und die Blutrache wurde noch bis in die 90er Jahre praktiziert. Die Blutrache mit der Nachbarsippe konnte mehr Opfer fordern als ein Krieg mit Fremden. Schon Nachbars Hund einen Tritt zu versetzen, konnte der Grund für eine Kugel sein, genauso wie beleidigende Worte (deshalb sind Swanen sehr höflich, Dummkopf ist das schlimmste swanische Schimpfwort). Und dann ging’s los: Nach solch einer Beleidigung musste die Ehre durch den Tod des Übeltäters wiederhergestellt werden. Der wiederum natürlich auch gerächt werden musste, und so weiter. Die Blutrache war dabei keine persönliche Angelegenheit: Solange sie nicht ausgeführt war, spotteten die Jungen, zürnten die Alten, und die Ehefrauen verweigerten sich. Doch man konnte sich durch die Zahlung des „Zor“ von seiner Schuld freikaufen. Der Zor bestand aus Land, Tieren oder Waffen und wurde von einem Gericht festgelegt, das aus zwölf Verwandten des Totschlägers und 13 Angehörigen des Getöteten bestand. Dabei soll es nicht selten bei Gericht zu weiteren Toten gekommen sein.

    Unsere Wirtin erzählte aus der Zeit vor Saakashwillis Eingreifen. Sie arbeitete für das Rote Kreuz. Wurde in einem Dorf Hilfe angefordert, so musste das Rote Kreuz immer zuerst das Oberhaupt des Dorfes fragen, ob sie überhaupt helfen dürfen! Es war wohl eine richtige Mafia, mit Drogen, eigenen Gesetzen und kriminellste Methoden die eigene Überzeugung durchzusetzen – mit Gewalt und Waffen. Die Polizei hatte hier überhaupt keine Macht!

    Und in dieser beschaulichen Gegend der Gesetzlosigkeit hatte Saakaschwili (damaliger Präsident) die Idee, eine Touristenregion daraus zu machen – hat ein bisschen gedauert, hat aber geklappt: Swanetien ist die heute häufigst besuchte Region ganz Georgiens!

    Ein swanisches Sprichwort sagt: „Schlecht ist ein Weg, wenn der Wanderer abstürzt und seine Leiche wird nicht gefunden. Gut ist ein Weg, wenn der Wanderer abstürzt, aber seine Leiche gefunden wird und beerdigt werden kann. Ausgezeichnet ist ein Weg, von dem der Wanderer nicht abstürzt“. Demzufolge war der Pfad nach 'Ushguli' früher schlecht. Mittlerweile ist er mehr als ausgezeichnet ;-)

    Leider sind wir zu früh im Jahr angekommen. Unsere Idee, eine Mehrtageswanderung in den Ort 'Ushguli' zu machen, müssen wir auf den nächsten Georgienurlaub verschieben, da momentan noch zu viel Schnee liegt. Es gibt jedoch einige schöne Tageswanderungen. So wandern wir am ersten Tag zum Gipfelkreuz des 'Tskhakzasari' und weiter durch tiefen Schnee zu den verschneiten Koruldi-Seen und am zweiten Tag zum Chalaati-Gletscher. Der Ausblick auf die Berge des großen Kaukasus ist wunderschön!

    Am zweiten Tag lernen wir Eugen kennen: einen Hühnen aus der Ukraine, der jetzt in Georgien lebt, vor Kurzem geheiratet hat und alles mögliche arbeitet: im Hostal, als Tätowierer, in einer Bar, als Übersetzer oder als Tourguide. Es ist sehr interessant mit ihm zu sprechen. Wir treffen ihn beim Wandern und gegen zusammen zurück nach 'Mestia' und gemeinsam in ein kleines Restaurant, wo er uns die georgische Küche, die er auch toll findet, zeigt: Khinkalis, Auberginenröllchen mit Nusspesto, Käsetaschen, Kebab, Lobiani – hmmm wirklich lecker!!! Und alles auf seine Kosten. Nach mehreren Bieren wird er kurz melancholisch. Er erzählt ein wenig von seiner Zeit nach dem Krieg auf der Krim: er saß nur in einer Ecke. Bei jedem Geräusch hielt er panisch seine Hände so, als hielte er noch seine Waffe in den Händen. So was wie eine psychologische Betreuung gibt es da nicht. Heute ist er so froh, dass er wieder anders leben kann. Er wiederholt häufig Floskeln wie: „der Tag ist schön, ich hatte eine schöne Wanderung, gutes Essen und tolles Wetter“ oder „step by step“. In der Zeit, in der er in Batumi ein Hostal geführt hat, traf er häufig auf trinkfreudige Russen, die ihm erzählten, dass das mit der Krim ja alles toll lief und dass dort ja gar kein Krieg gewesen sei . Ufff! Alles toll? Zum Glück ist Eugen nicht auf den Mund gefallen und kontert in deutlichen Worten – er war selbst als Soldat dort im Krieg und sah Freunde sterben. Für uns ist das unbegreiflich: die russische Propaganda scheint super zu funktionieren! Hinzu kommt eine gute Portion Ignoranz und eine noch größere Portion Selbstverliebtheit und Egoismus. Das Verhältnis zwischen Georgiern und Russen ist ein sehr schwieriges und wir erleben häufig, wie unzufrieden die Georgier mit der Situation sind – verschieben die russischen Soldaten in Südossetien doch die Grenze täglich und setzen das ganze Land unter Druck. Die Georgier, die offen zu uns darüber gesprochen haben, haben Angst vor diesem übermächtigen Nachbarn und wollen auf gar keinen Fall ihre Eigenständigkeit wieder verlieren.

    Nichts desto trotz ist 'Mestia' ein toller Ort, mit einer mittelalterlichen Skyline von Sage und schreibe 42 Wehrtürmen, vor einer atemberaubenden Kulisse der höchsten Berge Georgiens.

    Nach 3 Tagen in einer komfortablen Unterkunft gelüstelt es uns wieder nach unserem Zelt. In unserem Reiseführer haben wir von 'Racha-Lechkhumi', einem Tal gleich südlich von Swanetien gelesen – es soll „die georgische Schweiz“ sein und noch nicht so „touristisch erschlossen“. Klingt doch super! Und beides stimmt. Letzteres hat aber auch zur Folge, dass wir a) keine Mashrutka finden, also laufen wir und wir b) eine spärlich eingerichtete Touristeninformation in einem dermaßen heruntergekommenen Haus im 1. Stock nicht ohne Hilfe Einheimischer finden, in der 3 nur Georgisch und Russisch sprechende Frauen miteinander klönen, essen und keine Ahnung von Tourismus haben – Wanderkarten gibt es nicht... und in unserer "online-Karte" ist auch nur die Straße als Verbindung zwischen den Ortschaften eingezeichnet. Na dann... noch schnell jeder ein Khatshapuri in die Hand und ab geht’s – bis kurz hinterm Ortsausgang... ab da können wir mit drei jungen georgischen Männern mitfahren :-) super!!!!

    An unserem Ziel „Utsera“ nach kurzer Fahrt angekommen, halten wir an einer Sulfurquelle und die drei Georgier zapfen sich etwas davon in ihre mitgebrachten Flaschen ab. Uns geben sie einen Schluck zum Probieren – dem Geschmack nach muss es wirklich super gesund sein... mir kommt es fast hoch!

    Utsera ist bekannt ist für die Mineralquellen. Eine französische Firma hatte Pläne, das Heilwasser nach Europa zu exportieren, scheiterte jedoch am Widerstand der Bevölkerung: die Einheimischen wollten natürlich weiter umsonst ihr Wasser trinken.

    Wir verabschieden uns von den drei Georgiern und suchen uns einen Zeltplatz außerhalb des Ortes – direkt am Fluss...wunderschön!

    Nach einem Rundgang durch den Ort wissen wir, was unser Reiseführer meinte:

    „Mach langsam – du bist in Racha! Das ist die Botschaft der 'Rachavelis' an ihre Besucher, und genau so genießt man diese abseits gelegene Bergregion am besten. Denn die Gemütlichkeit
    und Entspanntheit der Einheimischen ist legendär. Außer den rauschenden Bergflüssen hat es hier niemand eilig. In dieser Gegend ticken die Uhren anders.“

    Tristesse, Ruhe, nur Vögel zwitschern, nach Alkohol riechende ältere Männer auf der Straße, die wir nicht verstehen, keine jungen Menschen, dafür Hunde, Hühner und Schweine, viele leerstehende Häuser, alle Häuser mit großen Gärten zur Selbstversorgung, viele Bäume, enges und dunkles Tal, Sackgasse – das ist 'Utsera'. Uiuiui! Wir sind uns einig – hier könnten auch wir nicht dauerhaft leben!

    Früher kurierten sich Sowjetbürger in den 28 Quellen von ihren Magenproblemen, die klare und reine Bergluft tat Asthmatikern gut. Doch das Sanatorium ist seit Langem geschlossen – eine weitere Bauruine. Früher konnte man auch über die Ossetische Heerstraße über den Mamisoni-Pass nach Südossetien fahren – heute ist die Straße aufgrund des Konflikts mit Südossetien, oder eher gesagt den russischen Besatzern, seit Langem gesperrt – Sackgasse.

    Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg weiter das Tal hinauf, wo man die Berge des hohen Kaukasus sehen kann. Auch heute haben wir Glück: wir werden wieder mitgenommen – sogar bis nach 'Ghebi', am Ende des Tales! Hier hat sich das Tal geweitet – es gibt Platz für Felder und der Ort wirkt insgesamt jünger und geschäftiger. Am Ende unseres Rundganges dürfen wir noch die örtliche Schule besuchen und werden ins Lehrerzimmer gebracht. Hier beschreibt uns eine ältere Lehrerin mit einigen deutschen Worten den Ort und die Schule. An der Wand hängt eine aktuelle Landkarte Georgiens – Südossetien und Abschasien gehören darauf weiterhin zu Georgien. Die Realität sieht anders aus!

    Wir haben uns schon vorher gefragt, wie die Menschen in Abchasien oder Südossetien leben. Eugen, der Ukrainer, den wir in Mestia getroffen hatten, erzählte uns, dass seine Freundin Filme produziert und zu einer Dokumentation nach Südossetien einreiste (über Russland sei dies möglich). Hier filmte sie heimlich. Er beschrieb, dass sehr viele Menschen dort drogen- und alkoholabhängig seien und perspektivlos in den Tag hinein lebten. Am Ende der heimlichen Filmreise habe seine Freundin jedoch das Filmmaterial geklaut bekommen. Uns interessiert es sehr, wie die Menschen dort leben, weil wir es uns nicht vorstellen können – vielleicht finden wir ja eine Dokumentation? Mal suchen...

    Von 'Oni' aus fahren wir mit einer Mashrutka durch das wundervolle Rioni-Tal wieder zurück nach 'Kutaisi'. Hier wird erst mal Wäsche gewaschen, bevor es weiter geht!

    Viele Grüße
    Marco & Ariane
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  • Day273

    Willkommen in der Sowjetunion

    May 11 in Georgia ⋅ ⛅ 7 °C

    Gamarjoba :-)

    In 'Signagi' angekommen ist erst einmal angesagt eine Unterkunft zu suchen. Wie fast immer sind unsere Kriterien: erstens, es muss günstig sein, was heißt 10 € ist die Obergrenze und zweitens, eine Kochmöglichkeit haben. Wir fragen uns mit unserer Übersetzungs-App auf Russisch durch und werden auch bald bei einer alten Frau fündig. Es geht erst durch ein Tor in einen Hof und dann über alt, nein, sehr alt erscheinende und knarksende Treppenstufen von außen in unsere Stube im Obergeschoss. Es scheint, als wäre es mal eine 3-Zimmer-Wohnung gewesen, die nun als Hostal umfunktioniert wurde und jetzt mit mehr als 10 Betten fast komplett vollgestellt ist. Aber die Kriterien sind erfüllt: günstig und einer Küche in Form eines Waschbeckens, welches am Geländer des Balkons angeschraubt ist, einem kleinen Schränkchen mit Geschirr und einem 2-Plattenkochfeld auf einem Schemel. Perfekt! Ein toller Ort mit Blick auf die gepflasterte Straße 'Signagis' :-)

    Das Städtchen wurde ganz ordentlich herausgeputzt. Bunt leuchtende geschnitzte Holzbalkone der beschaulichen Häuser aus dem 19. Jahrhundert, die kopfsteingepflasterten Gassen und die kilometerlange mittelalterliche Stadtmauer sind schön anzusehen und auf den von Platanen gesäumten Dorfplätzen kommt bei uns sogar ein wenig mediterrane Stimmung auf. Lustig ist nur, dass durchgehend nur die Fassaden der Häuser saniert wurden und das mit nur mehr oder weniger Erfolg. So wird beispielsweise nur der Teil eines Balken gestrichen, der von der Straße aus zu sehen ist..:-)

    Schaut man jedoch in die Hinterhöfe, so zum Beispiel in den unserer Unterkunft, wird es schnell farblos und sehr ärmlich. Der Schein reicht zumindest, um jährlich tausende meist russische Touristen anzulocken. Uns ist es hier etwas zu touristisch...

    ...und nachdem wir bekanntlich bei 'Pito' unser Verlangen nach Wein bereits gestillt haben, verlassen wir nach 3 Nächten die Hauptstadt des georgischen Weines in Richtung Westen. Wir suchen nochmal mehr "Rauszeit": raus aus den Orten voller Menschen. In den Borjomi-Kharagauli-Nationalpark soll es gehen. Mit der 'Mashrutka' geht es zuerst nach Tbilisi, wo wir mit einem wohl aus den 70ern stammenden "Schnellzug" nach Borjomi fahren. Seinen Namen verdient der Zug jedoch nicht wirklich. Ganze 5 Stunden braucht der Zug für die gerade mal 170 Kilometer. Naja, ist halt alles relativ ;-)

    Es ist eine Fahrt vorbei an unzähligen riesigen Industriebrachen und alten, von der Natur wieder eingenommenen Eisenbahnwagons. Rost und Grün sind die dominierenden Farben. Wir fragen uns, warum im Zug, aber auch zuvor in den Mashrutkas die Menschen sich ständig bekreuzigen! Zugegeben, das größte Vertrauen haben auch wir nicht immer in die Fahrer und deren Fahrweise! :-/ Doch stellt sich später heraus, dass man sich immer dann bekreuzigt, wenn man eine Kirche passiert! Hätten wir uns ja auch denken können.

    Wir werden bereits am Bahnhof in Borjomi von einer Frau empfangen. Welch ein Service, denken wir uns und so gehen wir gemeinsam zu unserer gebuchten Unterkunft. Und schnell wird uns klar, weshalb wir diesen Service erhalten haben. Nie im Leben hätten wir dieses Haus, sowjetischer Bauart, etwa 15 Stockwerke hoch und diesem außergewöhnlich vernachlässigten Anblick betreten. Im Hauseingangsflur erleuchtet eine einsame Glühbirne das Dunkel und nach dem drücken auf den Aufzugknopf geschieht nichts... Also gehen wir die Treppen! (vielleicht auch gut so!) Im Treppenhaus fehlen die Fenster, oder es sind lediglich Folien in die Öffnungen gespannt. Auch das ist wohl eher positiv zu betrachten, denn die abenteuerliche Gasinstallation lässt uns auch beinahe bekreuzigen ;-) Wir öffnen unsere Wohnungstür und siehe da: eine ordentliche und sehr saubere Wohnung. Ausgestattet mit dunklen Möbeln aus glänzend lackiertem Holz, einem für unseren Geschmack beeindruckend altmodischen mit goldfarben verzierten Lampenschirm und weiterer außergewöhnlicher Details. Toll! - "Willkommen in der Sowjetunion" :-)

    Auf den Straßen sieht es nur etwas anders aus. Ladas und uns unbekannte sowjetische Marken prägen das Straßenbild gemeinsam mit deutschen Kastenwagen der 80er und 90er Jahre. Scheinbar wird hier jedes ausgediente Auto eines mittelständischen deutschen Handwerksbetriebes nach Georgien exportiert und das ohne die Werbungen zu entfernen. So fährt hier eben Schreinermeister Schmitt und Klemptner Becker über Georgiens Straßen.

    Borjomi liegt an den Nordausläufern des kleinen Kaukasus. Wir packen unsere Rucksäcke, denn wir wollen für 3 Tage in die üppige Natur des größten zusammenhängenden, unberührten Waldstücks Europas wandern gehen. Bevor wir aber die Aussicht von den Bergen genießen können, müssen wir uns über 1.000 Meter mit Sack und Pack die wunderschönen Wege hinauf kämpfen. Unser Zelt haben wir auf einer Lichtung nahe einer Rangerhütte aufgeschlagen, wo wir es für 2 Nächte stehen lassen möchten. So können wir am folgenden Morgen ohne groß Gepäck weiter hinauf wandern.

    "Schön ist es auf der Welt zu sein, sagt die Biene..." Mein Morgen beginnt mit einem Ohrwurm, der mich für den Rest des Tages nicht mehr loslassen wird :-) Aber er spiegelt unsere Stimmung wieder. Unser Ziel ist heute eine alte Kapelle auf einem kleinen Plateau. Als wir dort ankommen, sind wir begeistert. Wir lassen uns im Schatten der Kapelle nieder und atmen den wunderschönen Blick auf die umliegenden Berge regelrecht ein. Im Süden der kleine Kaukasus, die Grenze zur Türkei, Armenien und Aserbaijan, im Norden die schneebedeckten Gipfel des großen Kaukasus an der Grenze zu Russland. Wir bleiben über 4 Stunden an diesem selten schönen Ort, schlafen ein und fühlen uns frei und glücklich.

    Der große Kaukasus im Norden, wo Swanetien liegt, dort an der Grenze zu Russland, von wo die Menschen aus nach 'Udabno' umgesiedelt wurden, soll unser nächstes Ziel sein...

    Viele Grüße aus Borjomi
    Ariane & Marco

    PS: Leider hat unsere Kamera den Geist aufgegeben..., also müssen wir mit dem billigen Chinesenhandy weiter knipsen :-(
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  • Day271

    Auf Europas Balkon

    May 9 in Georgia ⋅ ☀️ 20 °C

    Gamarjoba!

    Willkommen in Georgien :-) Wir fragen uns, ob wir wieder in Europa sind!..? Schließlich kommen wir gerade aus Azerbaijan und da fand doch im letzten Jahr noch der Eurovision Song Contest, oder in diesem Jahr das UEFA Champions League Finale statt. Europa, oder Asien? Das ist hier die Frage. Wir machen uns mal schlau... Geografisch gesehen liegt die südkaukasische Republik auf dem Landkorridor zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer – Hmm, also eindeutig in Vorderasien. So stellen wir aber auch fest, dass an jedem öffentlichen Gebäude neben der georgischen Fahne auch die der EU hängt!Kulturell gesehen ist das christliche Georgien Europa wohl deutlich näher als Asien. Nur gut, dass die Georgier für derartige Probleme immer eine Lösung finden: So erklären sie kurzerhand Georgien zum „Balkon Europas“. Und überhaupt – Georgien ist halt einfach Georgien...

    Nachdem wir mit dem Nachtzug am Bahnhof von 'Tbilissi' (wir kannten es bisher nur als 'Tiflis') angekommen sind und wir unser Hostel im Stadtteil 'Vake' bezogen haben, wollen wir erst mal hier für 3 Tage bleiben, die Stadt erkunden und uns einen Plan für die kommen Wochen machen.

    Unser erstes Ziel ist erst einmal in den Süd-Osten Georgiens an die Grenze zu Azerbaijan zu fahren, um uns die Höhlenkloster von 'David Gareji' anzusehen. Mit einer 'Mashrutka', so nennt man hier die Kleinbusse, soll es nach 'Udabno', einem kleinen Ort unweit der Klosteranlagen, gehen. Laut Fahrplan und Touriinfo (die extra 1 Tag vorher noch einmal dort angerufen hat) geht dies, nur ist man scheinbar mit lediglich 2 Touristen, also zwei Hunsrückern, nicht bereit dort hin zu fahren. Also werden wir nur zum am nächst gelegenen Städtchen 'Sagarejo' gefahren und bekommen, dort angekommen, das Angebot für den 10-fachen Preis nach Udabno gefahren zu werden :-/

    Wir lehnen natürlich ab und sagen uns: "Da gehen wir doch lieber die knapp 40 km zu Fuß. In zwei Tagen sind wir doch da!"...
    ... Und los geht's...

    Es gibt in Georgien ein Sprichwort:
    „Als Gott das Land an die Völker verteilte, verspäteten sich die Georgier. Denn sie hatten den Abend zuvor wie üblich reichlich gesungen, musiziert, getanzt und das Leben im Allgemeinen voller Hingabe gefeiert. Zuerst zürnte der Herr, denn alles Land war bereits verteilt. Doch die Fröhlichkeit und der Charme der Vertreter dieses Volkes versöhnten ihn, und er schenkte den Georgiern den Flecken Erde, den er eigentlich für sich selbst vorbehalten hatte….! “

    So behaupten es zumindest die Georgier selbst. Naja, wir haben gerade einmal 5 km unseres Fußweges hinter uns gebracht und wir werden von Arbeitern auf einer Baustelle angesprochen, wo wir denn hin möchten. Mit unseren hervorragenden Georgisch-Kenntnissen kommt nur 'David Gareji" raus und aus der Gestik ist eindeutig zu erkennen, dass man uns dort hinfahren möchte. 'Prima', denken wir uns und steigen ins Auto. 'Sagarejo' ist bekannt für seinen Wein und so versuchen wir unseren Fahrer 'Pito' per Übersetzungs-App zu fragen, ob er auch Wein anbaut. Kurzer Hand biegt er links ab - warum, das haben wir nicht verstanden, es hat nur etwas mit Wein zu tun, zumindest das haben wir verstanden. Es ist eine Fahrt ins Nirgendwo, bis wir an einem alten blechernen Bauwagen an einem kleinen Teich Halt machen. Ein Haus ist weit und breit nicht zu finden und auf dem Gelände stehen Unmengen alter Traktoren und sonstiger landwirtschaftlicher Geräte aus Weißrussland herum.

    Plötzlich fängt 'Pito' an, in seinem Bauwagen den Tisch zu decken: Schinken, Brot, Kuh- und Ziegenkäse, etwas Obst und... natürlich seinem Hauswein. Gestartet wird das Festmahl jedoch mit einem Trinkspruch, gefolgt von einem 'Chacha', einem selbstgebrannten Tresterschnaps. Der Geschmack verrät uns, dass es höchstprozentig ist. Zu unserem Leidwesen sind die Gläser nicht klein und auch nicht nur 1/3 voll! Kurz darauf gesellen sich auch noch seine beiden Söhne und Neffen dazu, die sich jedoch auf dem Floß im See nieder lassen. Es wird ein toller, aber auch sehr anstrengender Tag und Abend und die Unmengen an Alkohol lassen die Kommunikationbarrieren etwas schwinden. An ein Weiterkommen ist heute nicht im Ansatz mehr zu denken, auch haben wir keine Ahnung wo wir wirklich sind. So schlagen wir unser Zelt unter einem Baum zwischen einem alten Kastenwagen und dem Teich in der anbrechenden Nacht auf, bevor wir ebenfalls auf dem Floß Platz nehmen.

    Es muss so ein Tag gewesen sein, an dem Gott die Länder an die Völker verteilen wollte ;-)

    Am folgenden Morgen stehen wir mit dem Gefühl auf, den Kopf voll PU-Schaum zu haben. 'Pito', sowie sein Auto sind nicht da...! Seine Söhne und Neffen jedoch versuchen gerade zu Angeln. Nach kurzer Zeit steigen aber auch sie ins Auto, was uns etwas verwirrt! Sie erzählen uns, dass 'Pito' gleich wieder käme und uns nach 'David Gareji' bringen würde. Ok! Dann packen wir schon mal unser Zelt zusammen... und siehe da, der in die Jahre gekommenen 3er Golf kommt mit 'Pito' um die Ecke. Wir wollen es kaum glauben. Seine ganze Rücksitzbank ist voll mit Lebensmitteln, Getränken und Wein. "Schachliki" ruft er ganz stolz! Was nichts anderes bedeutet als Unmengen von Schaschlik-Spießen. "Für heute Abend!" Gastfreundlichkeit kennt hier scheinbar keine Grenzen und kaum eine viertel Stunde später kommen mit je einem Pferd noch zwei Nachbarn und wir sehen uns wieder auf dem Floß bei Käse, Brot, Wasser, Trinkspüchen und...
    ... 'Chacha'! Ariane hat das Glück sich als Frau etwas aus der Trester-Affäre winden zu können, während ich versuche die Gastfreundlichkeit nicht mit Ablehnung zu treten. Es dauert auch nicht lange, bis jeder Mann richtig einen im "Tee" hat.

    Kurz vor Mittag und einen Tag später als geplant fahren wir dann endlich los in Richtung 'David Gareji'. Mit für unserem Verständnis etwas zu schnellem Tempo, zu viel Alkohol im Blut des Fahrers und dem Problem, dass Anschnallen in Georgien wohl als unhöflich gilt, fliegen wir über die Schotterpiste nach 'Udabno'. Sobald ich mich anschnalle, schnallt mich 'Pito' als Fahrer wieder ab! Verrückt! Dort angekommen werden wir erst einmal bei der Mutter eines Freundes zum Kaffee und super leckerem Kuchen eingeladen und, das darf ja nicht fehlen, wird erst mal mit Wein und einem Trinkspruch auf die Freundschaft angestoßen ;-)

    'Pito' ist der Meinung, dass hier die Unterkünfte allesamt zu teuer wären und wir werden das Gefühl nicht los, dass er uns einfach nur kurz die Klöster zeigen will um dann wieder direkt zum "Schachliki"-Essen an seinen Teich zurück zu fahren. Erst will er uns aber einen tollen Blick über die Steppe und die Berge einige Kilometer hinter 'Udabno' zeigen. Nachdem wir es uns dort auf einer Picknickdecke gemütlich gemacht haben, verschwindet 'Pito' kurz und Ariane sieht, dass er sich hinter seinem Auto übergeben musste. Ohweia! Wir machen ihm klar, dass wir hier bleiben und unser Zelt hier aufstellen und danken ihm wirklich sehr für die außergewöhnliche Gastfreundlichkeit. Kurz darauf fährt er zurück. Puuh, für uns ein Stück zu viel Gastfreundlichkeit ;-) Dennoch sind wir wirklich überrascht, daß 'Pito' für uns 1 1/2 Tage alles hat stehen und liegen lassen. Er war sehr stolz darauf seine Heimat zu zeigen.

    ... Wir genießen die plötzliche Ruhe. Es ist nichts außer dem Gezwitscher der Vögel, der leichte warme Wind und das Kopfbrummen zu hören. Ein gigantischer Blick über eine scheinbar end- und baumlose Steppenlandschaft am gefühlten Ende der Welt. Unser Zelt bauen wir am Rande eines kleinen Taleinschnittes mit Blick auf einen in der Ferne drohenden Wehrturm an der Grenze zu Azerbaijan auf. Uns geht es einfach nur gut...
    ..."Fernsehen" auf Georgisch :-)

    Am nächsten Morgen lassen wir unser Zelt stehen, packen uns Essen und Trinken ein und Wandern zu den mehr als 1.000 Jahre alten Höhlenklostern. Eine tolle Wanderung durch das "noch" Grün der Halbwüste, vorbei an einem einsamen Hof eines Schaf- und Ziegenhirten und dessen riesiger Herde. Wir haben stets die Augen auf den Boden gerichtet, denn hier soll es auch sehr giftige Schlangen geben und..., plötzlich schlängelt sich eine etwa 1,5 m lange und sehr kräftigige Schlange direkt neben uns vorbei. Ein erschreckend gelber Kopf. Vermutlich jedoch nur ein harmloser 'Scheltopusik'. Aber als Ariane sich zwischendurch einen Toilettenplatz sucht, findet sie an einem Stein versteckt eine 'Levanteotter', deren Bisse in seltenen Fällen tötlich sein sollen. Was Viecher! Es sind aber nicht nur die Schlagen, die uns aufmerksam machen. Die Hunde der Hirten sind entsetzlich aggressiv und den fletschenden Zähnen zu urteilen, die uns später auf dem Rückweg gezeigt werden, auch bereit sofort zuzubeißen!

    Das Höhlenkloster selbst liegt in einer malerischen, surreal anmutenden Landschaft schräg gestellter Sedimentschichten, die je nach Licht, als Farbenspiel aus Weiß-, Ocker-, Rot- und sogar Grüntönen leuchten. Es existieren hier zum einen viele hundert Wohnhöhlen im bis zu 800 m hohen und steilen Fels des Höhenzuges sowie zum anderen Höhlen, die als Gotteshäuser mit beeindruckenden Wandmalereien verziert sind. Leider hat die Rote Armee während des kalten Krieges das Gebiet als Truppenübungsplatz missbraucht und ohne Rücksicht die Klosteranlage als Zielscheibe benutzt.

    Wir bleiben noch eine Nacht an unserem einsamen Zeltplätzchen, kochen uns ein bescheidenes Abendessen und fühlen uns frei, bevor wir am folgenden Morgen unsere Rucksäcke packen und die 4 km nach 'Udabno' gehen. Dort haben wir das große Glück von einem netten Einwohner mit zurück nach 'Sagarejo' genommen zu werden.

    Übrigens ist 'Udabno' ein Swanendorf – ja richtig gelesen! In dieser Steppe wohnen Swanen, also Menschen, die eigentlich aus dem großen Kaukasus kommen... also richtige 'Bergmenschen' sind. Das Dorf wurde von den Sowjets aus dem Boden gestampft, um Gebietsansprüche in der sonst unbewohnten Steppe gegenüber den Nachbarländern im Süden zu sichern. Also findet man Gründe einen Teil eines Volkes einfach umzusiedeln. Verrückt, ein Bergvolk in die Halbwüste zu verbannen! Mittlerweile stehen viele Häuser leer, da es die Swanen wieder zurück in ihre Heimat zieht. Naja, uns zieht es nun nochmal in die Zivilisation, in die Weinregion nach 'Signagi'.

    Viele Grüße aus Georgien

    Ariane & Marco

    Nachtrag, 01. Juni 2019:
    Wir sind auf der Fähre von Batumi nach Chornomorsk in der Ukraine und uns erzählen die beiden Motoradreisenden Karl und Martin, dass sie aufgrund von Grenzekonflikten zwischen Georgien und Aserbaijan nicht zu den Höhlenklostern von 'David Gareja' konnten. Wir hatten noch das Glück. Es ist leider immer noch eine unsichere Zeit für Georgien!
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  • Day264

    Im Nachtzug nach Tbilisi

    May 2 in Azerbaijan ⋅ ⛅ 21 °C

    Gamarjoba!

    Wir sind am kaspischen Meer, wir sind in Azerbaijan, wir sind in Baku..., wir sind zurück in Europa :-) Naja, fast! Aber dazu noch später...

    Auf unserem Weg nach Georgien machen wir Stop in 'Baku', der Hauptstadt von Azerbaijan. Wir sind mit dem Flieger von Kathmandu über 'Sharjah' in den Vereinigten Arabischen Emiraten in die ehemalige Sowjetrepublik geflogen um von dort mit dem Zug weiter nach Georgien zu fahren.

    Es ist für uns ja fast ein Kulturschock. Kommen wir doch gerade aus einem Land, in dem nicht einmal jedes Dorf Strom, geschweige denn eine Straßenverbindung hat. War die Passagierabfertigung in Kathmandu nah' an einer Katastrophe, werden wir hier in einem hoch modernen Flughafen empfangen. Es ist blitzsauber, sehr organisiert, es gibt vernünftige Toiletten und, wir wollen es kaum glauben, es ist ruhig!

    Um 4 Uhr in der Nacht, fallen wir in unserem herrschaftlichen Zimmer mit hohen Decken und einem, auf den zweiten Blick, mit Gas betriebenen offenen Kamin aus Sowjetzeit in unser Bett ;-) Wir sind hundemüde und schlafen erst einmal bis 9:00 Uhr aus.

    Um 20:40 Uhr soll unser Nachtzug nach 'Tiflis' (Tbilisi) abfahren. Also Zeit genug um noch etwas über die Stadt zu erfahren. So haben wir uns bei einer 'Free-Walking-Tour' angemeldet.
    Die Stadt gibt uns genau das, was wir seit Wochen etwas vermisst haben: stressfreie grüne Parkanlagen, saubere Straßen, eine tolle Promenade entlang der kaspischen See und frische Luft.

    Wir sind überrascht. 'Baku' ist eine auf den ersten Blick sehr europäisch wirkende Stadt. Auf den zweiten Blick werden wir jedoch auf den großen Einfluss der starken Nachbarn Russland und dem Iran aufmerksam gemacht, der überall in der Stadt zu sehen ist. Hier stehen Gebäude mit islamischen Stilelementen neben dominanten Betonbauten der Sowjets und alte russische Ladas fahren an uralten Moscheen vorbei.

    Unser schiitischer Stadtführer erzählt uns, dass 90% der Einwohner Moslems sind. Jedoch zeigt man sich hier auf der Straße doch eher "westlich". Jeanshose, T-Shirt und Turnschuhe prägen den Kleidungsstil. Traditionell lebt man eher hinter der heimischen Haustür der Familien: kommt beispielsweise der Sohn ins heiratsfähige Alter, geht die Mutter ins Bäderhaus um die perfekte Partnerin für ihren Sohn zu finden. Nur dort sieht man die wahre Pracht ;-) Es wird recherchiert und mit allen Tricks versucht die Eignung zu prüfen! Der Sohn braucht dabei nicht zu glauben, daß er sich gegen die Entscheidung wehren könne! So wurde die Freundin seines Cousins von der Familie nicht geduldet. Er versuchte daraufhin Druck auf seine Eltern auszuüben und brach den Kontakt zu seinen Eltern für 2 Jahre ab. Die Eltern hatten jedoch offensichtlich den längeren Atem: jetzt ist er mit einer durch die Eltern ausgewählten Frau verheiratet und hat 2 Kinder. Fragt man sie, ob sie glücklich sind, so beantworten sie dies mit einem Nein. Man respektiere sich jedoch.

    Wir erfahren sehr viel interessante Dinge über das 28 m unter dem Meeresspiegel liegende 'Baku' mit seiner Jahrhunderte alten und von einer prächtigen Stadtmauer umgebenen Altstadt. So gibt es zum Beispiel keine großen Korridore, nur regelmäßig unterbrochene Straßenzüge und schmale Gassen, damit im Sommer die oft über 40°C heißen Winde und Stürme aus der Wüste gebrochen werden. Oder, dass man sich früher vor Eintritt in die Stadt an den Toren erst Waschen musste und dass außerhalb der Innenstadt pro Tag nur 4 Stunden lang Wasser aus dem Hahn zu bekommen ist.

    Nachdem wir es uns noch mit 1l leckerem Vanilleeis aus dem Supermarkt im mit Stiefmütterchen bepflanzten 'Fountainssquare' beglückt haben (in Nepal war dies mit den stündlichen Stromausfällen für uns keine Option!), wollen wir noch etwas Lokales essen gehen und fragen unsere Gastgeber der vergangenen Nacht nach einer guten Empfehlung. Und natürlich haben sie eine super Idee parat. Kurzer Hand greift er zum Telefon und ruft einen Bekannten an, der wiederum eine ältere Frau kennt, welche die besten 'Qutab' der Stadt machen soll. Das sind dünn mit Fleisch, oder Kräutern gefüllte, leicht gesüßte Fladenbrote, auf die dann getrocknete, geraspelt Granatäpfel gestreut werden, mit Naturjoghurt bestrichen und dann zusammen gerollt werden. Das tolle ist, dass sein Freund die 'Qutabs' nicht nur uns vorbei bringt, sondern auch extra den Joghurt einkaufen geht :-)

    Begeistert und gestärkt geht es zum Bahnhof. Der hinterste Waggon des Zuges Nr. 38 ist unserer :-) Nachdem wir unsere in aserbaijanisch geschriebenen Tickets 'entziffert' haben, wird eingestiegen. Wagen Nr. 1F und Platznummern 30 und 32 sind die unseren. Wir haben die oberen der schmalen Klappliegen ergattert. Kopfhöhe 50 cm. Länge 1,70m. Während meine muffelnden Füße halb im Gang hängen, zähle ich 53 Liegen im Wagen und Ariane meint: "Hmm, ein U-Boot wäre wohl nichts für uns".

    Der nächste Spaß beginnt, als unsere stämmige, nur aserbaijanisch sprechende Zugbegleiterin uns, wie hätte es auch anders sein können, ein ebenfalls auf aserbaijanisch geschriebenes Zollformular für den georgischen Grenzübertitt zum Ausfüllen in die Hand drückt!

    Wir rumpeln mit unserem Zug bei offenen Fenstern durch die Nacht. "Pass auf, daß du keinen Zug bekommst ;-)", bis wir gegen 5 Uhr in der Früh etwa 5 km vor der georgischen Grenze in einem Dorf namens 'Beyuk-Kyasikv' halten. Die Ausreiseformalitäten werden erledigt: alle Pässe der Reisenden eingesammelt und ein kleines Büro am Ende des Waggons eingerichtet. Während des etwa 1-stündigen Prozederes ist unser Zug von Beamten umstellt! Hmm, ob die Angst haben, dass wir uns auf und davon machen?! Im Leben nicht ;-) Gleiches Prozedere bei der Einreise 5 km nach der Grenze, nur daß es diesmal ganze 2 1/2 Stunden dauert. Ja, die Georgier scheinen ein geduldiges und stressfreies Völkchen zu sein.

    Willkommen in Geogien!

    Ariane & Marco
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  • Day263

    Namaste Nepal

    May 1 in Nepal ⋅ ☀️ 29 °C

    Namaste!

    Wie schnell vergeht die Zeit - 6 Wochen Nepal... Schwuppdiwupp und schon morgen geht der Flieger. Wir haben viel zu viele Fotos gemacht. Aber so bunt wie die Kleidung der Frauen, so vielfältig sind die Eindrücke, mit denen wir das Land verlassen.

    Immer wieder vergleichen wir Nepal mit den Ländern, die wir in Mittel-und Südamerika kennen gelernt haben. Guatemala hat uns dort sehr beeindruckt. Wir finden viele Ähnlichkeiten, aber auch große Unterschiede.

    Wie in Guatemala sehen wir leider auch in Nepal überall an den Straßenrändern, dass ganze LKW-Ladungen mit Müll die Böschung hinunter gekippt werden, oder dass die Menschen, die am Fluss leben, ihren Müll einfach dort hinein werfen. Wie in Guatemala sind nahezu alle Flüsse, bis auf die ganz oben in den Bergen, von Abwässern und Müll regelrecht verseucht. Nach dem morgentlichen Kehren (im Regelfall auf die Straße vorm Haus) wird erst mal der Müll vom Vortag verbrannt.

    Es muss sich einfach jeder, der als Tourist hier nach Nepal (oder in den anderen Ländern der Welt) reist darüber im Klaren sein, dass der selbst produzierte Müll an der nächsten Straßenböschung landen kann und dass das Abwasser vom Duschen das Wasser im Fluss weiter verschmutzt!

    Beide Länder haben eine wunderschöne Natur, die von den Familien landwirtschaftlich genutzt wird. Während man in Guatemala eigentlich ausschließlich Mais anbaut, wird hier neben Mais auch Reis, Getreide und viele verschiedene Gemüsearten wie Kohl, Bohnen, Erbsen, Möhren, Okraschoten, Zucchini, Salat und anderes, das ich nicht kenne, angebaut. Wir denken, dass das meiste Gemüse und einige Obstsorten, wie Bananen, Papaya oder auch Mangos hier selbst angebaut und verkauft werden, dass jedoch anderes Obst wie Äpfel aus China importiert wird. Die Äpfel sind fein säuberlich alle einzeln in ein Schaum-Plastik-Netz eingewickelt, was bei dem ganzen Plastikmüll auf der Welt wirklich zur Verbesserung beiträgt :-/

    Während in Guatemala die Hänge nach der Abholzung direkt bepflanzt werden, legen die Menschen hier in Nepal aufwendige Terrassen an, die bei Reisaussaat geflutet werden können. Gepflügt wird mit Ochsen. Weiden für die Büffel oder Ziegen gibt es nicht. Wie in Südamerika weiden sie am Feld- und Waldrand, mit dem Unterschied, dass Kühe hier heilig sind und überall herumlaufen und liegen dürfen und Büffel gegessen werden.

    Diese Kulturlandschaft sieht toll aus - und wir müssen immer wieder an die Mosel denken, wie dort mit großer Mühe ebensolche Terrassen mit Trockenmauern angelegt wurden. Und das Mauern, das können die hier in Nepal auch! Fasziniert sind wir durch ganz alte Dörfer gelaufen, deren alte Ortskerne aus akkurat gemauerten Bruchsteinhäusern mit unglaublich aufwendig verzierten Holzfenstern und Giebeln bestehen! Und das wurde von den Nepalesen hier vor Jahrhunderten angelegt...
    ... außer den Inka- und Mayabauten sind in ganz Mittel-und Südamerika nur Bauten aus der Kolonialzeit übrig geblieben.

    Wir haben es sehr genossen über eine so lange Zeit hier in den Bergen wandern zu können! Auch Guatemala hat eine tolle Bergwelt und tolle Wege! Die einzige Wandergruppe, die wir jedoch dort gesehen haben, wurden von mindestens 2 Polizisten begleitet! Wir fragen uns, warum das so sein muss?!? Wir finden es toll, an den Häusern in Nepal keine Gitter zu sehen - und wenn, sind es die alten Holzfenster, die nicht verglast sind, dafür ein Geflecht aus Holzleisten als Fenster haben.
    In Guatemala und dem übrigen Kontinent haben sich die Menschen regelrecht vergittert - neben haushohen Zäunen, kommen Stachel- oder/und Stromzaun hinzu. Wie kommt das? Sind doch in Mittel-und Südamerika auch alle sehr gläubig - katholisch gemixt mit alten Naturreligionen. Wir fühlen uns in Nepal so sicher! Übermittelt die hinduistische und buddhistische Religion so viel mehr Werte? Aber der christliche Glaube vermittelt doch auch Werte wie Nächstenliebe. Es gehört zum Alltag der Mittel-und Südamerikaner sich schützen zu müssen - wie traurig! Wird dort die Religion und was sie lehrt nicht wirklich gelebt?

    Das Leben findet in beiden Ländern auf der Straße statt (wörtlich). Annähernd jedes Haus hat einen kleinen Laden, wobei die angebotenen Produkte denen in Guatemala sehr ähneln: Cola oder Pepsi, Chips in kleinen Tüten verpackt, Süßigkeiten und Eier. Andere Häuser bieten Essen und Trinken an, es gibt Läden für Töpfe oder kleine Werkstätten. Gewaschen wird meist vor der Haustüre auf dem Boden, wenn es dort einen Wasserschlauch mit fließendem Wasser gibt, ansonsten im nächstgelegenen Bach. Die Wäsche wird auf der Hecke oder der Wiese zum Trocknen ausgebreitet. Einige haben auch eine Wäscheleine. Rolltore sind hier total "in" - dahinter können sich kleine Geschäfte, kleine Restaurants oder auch mal das Schlafzimmer verbergen:-) Wie in Guatemala sind die Fassaden einiger Häuser mit Werbung gestrichen und gesponsert. Während es in Mittel-und Südamerika überall kleine Plätze als Treffpunkte gibt, sehen wir hier, dass viele der riesigen, ausladenden Bäume rundherum hüfthoch einbetoniert sind - tolle Sitzplätze im Schatten der Bäume.

    Möchte man mit dem öffentlichen Bus von einem Ort zum anderen, muss man für 150km ca. 7 Stunden einrechnen. Da hat man genügend Zeit um sich die Gegend anzuschauen! Die LKWs sind fantasievoll geschmückt und angemalt. Damit sie nachts besser gesehen werden, dekorieren sie Warndreiecke als Sterne, Zacken oder Ecken an ihren Kühlerhauben. Auf den LKWs wird alles transportiert, was sich nicht wehren kann - so auch auf der eigentlichen Ladung noch obendrauf eine handvoll kleiner Büffelkälber - hat wohl noch drauf gepasst! Zur Sicherheit sitzt noch ein Mann daneben. Die Reifen werden bis zum Platzen abgefahren - Reifenwechsel findet also in der Regel erst dann statt, wenn es zu spät ist - am Straßenrand. Während wir in Deutschland dann hupen, wenn Gefahr im Verzug ist, wird hier auch die guatemaltekische Variante angewendet: es wird dann gehupt, wenn gefahren wird... also praktisch immer... vor einer Kurve, hinter einer Kurve, beim Vorbeifahren an anderen Autos, Fußgängern, Kühen oder Mofas - es gibt tatsächlich ein Schild, durch das in bestimmten Gebieten das Hupen verboten wird - das wird aber einheitlich von allen Verkehrsteilnehmern pflichtbewusst übersehen. Den Kühen auf den Straßen macht die ganze Huperei anscheinend gar nichts mehr aus - sie schlendern in aller Seelenruhe weiter, oder legen sich mitten auf die Straße zum Verdauungsschläfchen. Oft sehen sie besser aus als so mancher Hund.

    Aufgefallen sind uns die Häuser direkt an der Straße. Hier leben die Menschen in großer Armut. Sie versuchen Kleinigkeiten zu verkaufen, manche bieten auch Essen an. Wenn sie einen Wasserschlauch bis zu ihrem Grundstück haben, so waschen sie sich direkt am Straßenrand. Sie haben noch nicht einmal ein kleines Stück Land, das sie bewirtschaften können - Land ist auch hier sehr wertvoll!

    Wir haben in den verschiedenen Gebieten unterschiedliche Kulturen kennengelernt. Jede hat eine typische Kleidung. Die Frauen der Tamal in Gebiet Helambu/Langtang tragen zum Beispiel eine lange bunte Schleppe über ihrem Rock am Hintern, wenn sie verheiratet sind - sie möchten Fremden ihren Hintern nicht zeigen. Die traditionellen Kleidungen sind sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen faszinierend! Und wie hübsch sie aussehen! Babys und Kleinkinder werden, wenn es Mädchen sind, an den Augen ganz dunkel geschminkt. Frauen, die Saris tragen, tragen diese bei allen Arbeiten - so auch auf dem Feld oder auf dem Bau. Hier tragen sie wie die Männer Körbe voll geladen mit Steinen auf dem Rücken, gehalten durch ein Band am Kopf - Wahnsinn! Die jüngere Generation, vor allem in Kathmandu, trägt eher Jeans und "Markenklamotten"!

    Markenklamotten?! Naja, wo Adidas draufsteht, muss kein Adidas drin sein. Markenpiraterie ist hier sehr groß geschrieben. Eigentlich gibt es hier gar keine Waren aus dem Westen! So gibt es hier Sachen von den Marken 'Wolfskin Jack', oder man findet nicht FILA, sondern Schuhe von FILB :-) Es gibt unzählige Beispiele...

    Im Vergleich zu den anderen Ländern haben wir hier in Nepal sehr viele junge Menschen aus anderen Ländern getroffen, die als Volunteers "arbeiten" wollen, deren Berichte und Erzählungen mich und meine Meinung zur Freiwilligenarbeit weiter skeptisch betrachten lassen. Wir trafen z.B.2 junge Frauen, die über eine Organisation "an Projekten" teilnehmen konnten. Es gibt dort wohl eine ganze Liste an Projekten, aus denen sie sich auch für nur 2 Tage etwas aussuchen können. Eine der beiden hat aber bis jetzt noch kein Projekt gefunden, was ihr gut gefällt. So war sie mal 2 Tage in einem Kinderheim, aber mit Kindern will sie eigentlich nichts machen. Sie hat dann geholfen die Betten zu beziehen. Die andere junge Frau war dann mal 5 Tage in einer Bauernfamilie - aber zu tun gab es irgendwie nichts. Was bringt es an einem "Projekt" 2 oder 5 Tage teilzunehmen? Eine andere junge Frau erzählte, dass sie auch auf einem Hof als Volunteer nichts gearbeitet hat, es aber soooo schön war - sie habe mit den ganzen anderen Volunteeren abends zusammengesessen und gesungen. Ein junger Mann, der als Volunteer auch im Bereich der Landwirtschaft nichts zu tun hat, sieht die 200 Rupies (ca. 1,60€), die er an die Familie pro Tag für Kost und Logie zahlt, als günstige Unterkunft um dann immer wieder in einem anderen Gebiet wandern zu gehen. Auf der anderen Seite stehen für mich die zahlreichen Organisationen in der Kritik, die die offensichtlich gut gemeinten Hilfen als Produkt ansehen, horrende Summen als Gebühren verlangen und sich somit die eigenen Taschen füllen - gerne kann ein Volunteer für 10€ (!) am Tag in der Familie des Chefs der Organisation übernachten und essen... Ich schätze die Menschen, die ihre Zeit und ihren Arbeitseinsatz für einen guten Zweck einsetzen möchten - das ist wirklich eine tolle Sache! Ich kritisiere jedoch die Umsetzung sowohl auf Seiten der Volunteers als auch auf Seiten der Organisatoren und frage nach der Nachhaltigkeit. Und aus der Erfahrung aus Mittel- und Südamerika heraus sehe ich es mittlerweile einfach so, dass man durch die Freiwilligenarbeit auch eventuelle Arbeitsplätze (und mögen sie noch so klein oder wenig bezahlt sein) wegnimmt!
    Ein wirkliches Projekt wäre die Aufforstung der zahlreichen mittlerweile baumlosen Hänge, die so der Erosion schutzlos ausgeliefert sind! Da würde sich eine ganze Horde Volunteere wirklich nützlich machen!

    Interessant sind für mich auch die Kommentare, die man manchmal beim Buchen von Unterkünften lesen kann - Kommentare wie "das Badezimmer war zu klein" oder "ich hatte kein warmes Wasser beim Duschen" können doch nur von Reisenden kommen, die in einem Land mit hohem Lebensstandard leben - wie wir in Deutschland. Ich muss über solche Kommentare mittlerweile lachen und finde sie auch schon echt dumm! Haben die sich überhaupt damit auseinander gesetzt, in welches Land sie reisen? Wie reisen sie hier? Mit geschlossenen Augen in Touritaxis von einem Luxushotel ins andere?
    ...und sehen nicht, dass die Menschen hier mit Kanister an Brunnen in der Schlange mit zum Teil 30 anderen stehen um sich die tägliche Wasserration abzuzapfen und auf dem Rücken nach Hause zu schleppen? Wenn ich dann als verwöhnter Tourist morgens auf warmes Wasser warte, aber Wasser aus der Solaranlage angeboten wird (was ja wirklich eine tolle Sache ist!), kann das auch nicht funktionieren! Und wenn man dann noch sieht, dass die ganzen Brunnen leer sind, weil hier in Nepal der Wasserverbrauch sehr viel höher ist als früher und der Grundwasserspiegel bereits erheblich gesunken ist, dann bekommt der ganze Wasserverbrauch der Touristen ebenfalls einen negativen Beigeschmack - wie das Abholzen der ganzen Bäume in den Bergen, damit die Touris warm sitzen!

    Nepal ist ein kulturell sehr vielfältiges Land - und das schätzen auch so viele Menschen, die aus den Industrieländern hierhin kommen. Mich bestätigt das aber wieder in meiner Meinung, wie wichtig auch Kultur für uns zu Hause sein sollte - dass wir z.B. unsere Kirmes nicht vergessen und dass die Jugend für den 1. Mai einen Maibaum stellt...

    Uns hat die Vielfalt dieses Landes fasziniert. Es wird sich in Zukunft sicherlich verändern. Hoffentlich kann es viele seiner Traditionen und vor allem Werte auch in Zukunft beibehalten!

    Namaste!
    Marco und Ariane
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  • Day259

    Ein Juwel newarischer Stadtarchitektur

    April 27 in Nepal ⋅ ⛅ 27 °C

    Namaste!

    "Wahnsinn! Schau' mal! So was hab ich ja noch nicht gesehen!" - Marco ist ganz euphorisch! Seine Begeisterung gilt den Häusern, die er sieht und vor allem der Handwerkskunst mit denen sie geschmückt sind! Während Marco in Mittel-und Südamerika täglich mehrfach an der Einfallslosigkeit und Tristesse architektonischer Handwerkskunst schier verzweifelt ist, blüht er hier so richtig auf - man merkt, dass er den richtigen Beruf gewählt hat :-)

    Hier - das ist die Stadt 'Bhaktapur' im Südosten von Kathmandu. Sie war neben Kathmandu und Patan einst Sitz des Königs, als Nepal in drei Königreiche aufgeteilt war und ist heute ein einziges Freilichtmuseum.

    Man zahlt einmal Eintritt für das Zentrum der Stadt und kann sich dann darin so viele Tage wie man möchte aufhalten uns sich die Gebäude, Plätze, Brunnen und das Leben dort ansehen. Es lohnt sich richtig!

    Die Brunnen sind kunstvoll meist einige Stufen tiefer in den Boden eingelassen. Wie die vielen großen Wasserbecken dienten die Brunnen früher in erster Linie als Trinkwasserlieferant. Es wurde sich und die Wäsche gewaschen, oder einfach ein Schwätzchen gehalten. Erschreckenderweise sehen wir, dass aus fast keinem der Brunnen mehr Wasser fließt, bei einigen tröpfelt es noch ein wenig vor sich hin. Die Einwohner sammeln jedes bisschen Wasser und haben stets ein Gefäß unter den noch tropfenden Hähnen stehen. Wir fragen nach und erfahren, dass der Wasserverbrauch seit 20 Jahren derart hoch geworden ist, dass der Grundwasserspiegel gesunken ist und viele Brunnen versiegt sind. Deswegen stehen überall - auch in Kathmandu und Pathan - diese riesigen schwarzen Tonnen, aus denen geliefertes Wasser (ich weiß nicht, woher es kommt) entnommen werden kann. Die Wasserversorgung ist einfach ein riesen Problem!

    Wir nehmen uns Zeit und gehen zickzack durch kleine enge Gassen. Überall kann man die alte Baukunst bewundern. Ein kleiner Schritt weiter und der Blick öffnet sich auf einen der großen Plätze mit den Tempeln zur Verehrung der verschiedenen Götter - sehr beeindruckend!

    Der höchste aller nepalesischen Tempel ist der 'Nyatapola' -Tempel, er ist der blutdürstigen Inkarnation der hinduistischen Gottheit Lakshmi
    gewidmet. Es heißt: "da ist ein so furchterregendes Kultbild der Göttin drin, dass nur die Tempelpriester das innerste Heiligste betreten dürfen." Ach du meine Güte!
    Auf anderen Tempeln findet man unglaubliche Pornoszenen ins Holz geschnitzt - die Erbauer und Handwerker müssen eine enorme Phantasie gehabt haben!

    Bhaktapur ist bekannt für die besondere Feier namens "Bisket", was 4 Tage vor dem nepalesischen Neujahrsfest beginnt. Den Auftakt bildet ein wildes Tauziehen, bei dem Bewohner des oberen gegen die des unteren Stadtteils gegeneinander antreten. In der Mitte befindet sich ein knarrender, dreistöckiger Wagen mit einem Götterbild "Bhairabs". Der Gewinner darf den Wagen durch die Stadt ziehen - es ist eine Ehre. Dann wird noch ein riesiger Mast aufgestellt, der am letzten Festtag wiederum als zu "eroberndes" Objekt gilt, was in einem erneuten, gefährlichen Tauzieh-Wettkampf bestritten wird: die Seite hat gewonnen, auf die der riesige Mast fällt. Der Sturz des Masters ist der offizielle Beginn des neuen Jahres! Es soll ein tolles Spektakel sein! Leider waren wir am Neujahrsfest in den Bergen.

    Zurück nach Kathmandu. Unser letzter Tag in Nepal ist angebrochen und wir möchten uns unbedingt noch 'Pashupathinath' ansehen.

    'Pashupathinath' ist nicht nur eine Leichenverbrennungsstätte, sondern Nepals heiligster hinduistischer Pilgerort und beherbergt einen der wichtigsten Shiva-Tempel für die Hindus weltweit. Ariane möchte sich die Zeremonien um die Verbrennungen nicht antun. Zumal dies ja auch nicht gerade geruchsneutral von statten geht. Also ziehe ich alleine los. Es ist ein überwältigendes Gewimmel aus unzähligen Tempeln, Statuen, Pilgern, halb nackten Männern, Sadhus (Das sind die Männer mit den scheinbar unendlich langen Dreadlocks) ...

    ...und eine ganz schön seltsame Stimmung! Überall beten einzelne Menschen, oder ganze Familien sind in Zeremonien mit Predigern vertieft, die auf kleinen gemauerten Vorsprüngen auf der südlichen Seite des Flusses stattfinden. Ja, und dann sind da noch die 'Ghats', die Verbrennungsstätten. Hier zu sterben und verbrannt zu werden, ist für Hindus das höchste aller religiösen Verdienste und garantiert praktisch die Befreiung aus dem Zyklus der Wiedergeburten. Ok?..! Ein etwas beklemmendes Gefühl überkommt mich, als ich sehe, dass in einem Haus direkt am Ufer des Flusses ein kleines Krankenhaus ist...! Wohl eher nicht zum Gesund werden gedacht! Um mich herum geschehen viele seltsame Dinge. Ich sehe, wie ein junger Mann kahl geschoren wird und denke mir, dass es vielleicht der Sohn eines derer Menschen im "Krankenhaus" ist. So ist es die Aufgabe des jeweils ältesten Sohnes eines Verstorbenen diesen anzuzünden und die Asche in den 'Bagmati' - Fluß, einem Zufluss des heiligen Ganges, zu schieben.

    An anderer Stelle ertränkt eine Frau einen Vogel im Wasser und legt ihn auf die Ufertreppe. Warum, bleibt mir ein Rätsel! Es schwimmen hübsche Schiffchen mit Kerzen zwischen Asche und Unmengen Müll im ansonsten recht wasserarmen 'Bagmati', in dem sich dann auch noch viele Menschen im 'heiligen' Wasser baden. Ich wusste gar nicht das solch Dreckwasser 'heilig' sein kann! Na gut, das Baden darin gilt übrigens als fast ebenso wichtig wie die Verbrennung!

    Pashupathinath ist ein höchst beeindruckender Ort hinduistischen Brauchtums. Für mich jedoch in der Kürze der Zeit kaum zu verarbeiten.

    Morgen geht unser Flug nach Azerbaijan und so 'feiern' wir unseren Abschied von Nepal in einem unserer Lieblings-Straßenrestaurants mit Kartoffel-Parata und Curry :-)

    Namaste

    Ariane & Marco
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  • Day256

    Chitwan Nationalpark, Terai

    April 24 in Nepal ⋅ ☀️ 35 °C

    Hallo!

    Nach einer 5 1/2 stündigen Fahrt werden wir von 'Umesh' mit einem klapprigen Geländewagen am örtlichen Busbahnhof, nennen wir es Schotterplatz zwischen Reisfeldern, abgeholt. Ein überaus herzlicher Empfang und nach nur 10 Minuten holpriger Fahrt kommen wir an unserer Unterkunft an. Eine tolle Überraschung, mit der wir gar nicht gerechnet haben! 'Suraj', der Besitzer unserer Lodge ist ebenfalls sehr sehr freundlich. Schön, wenn man so begrüßt wird! Wir sind hier nach 'Sauraha' gefahren um uns im Nationalpark wilde Tiere anzusehen - Im Zimmer geht's gleich schon los... "Hast du schon Stechmücken im Zimmer gefunden?" - "Nö, nur einen Gecko und ein paar dicke Spinnen!"

    Das Hotel ist super eingestellt auf Touris, die in den 'Chitwan Nationalpark' wollen - neben der Speisekarte gibt es gleich ein Heft mit allen möglichen Touren die wir buchen können. Wir entscheiden uns das Angebot des Hotels anzunehmen - die Preise und Angebote werden hier hoffentlich überall ähnlich sein - und bestellen neben 2 Nudelsuppen 1 Stunde Kanufahren und 8 Stunden Wandern im Dschungel.

    Am Abend kann man eine kleine Runde in den Sonnenuntergang machen - also los geht's!... mit offenem Mund sehen wir, dass die Nachbarn in ihrem Garten statt Ziegen oder Büffeln riesige Elefanten stehen haben! Verrückt, es sind ca. 100 Elefanten, die mit Einheimischen arbeiten. Sie bieten auch Elefantenreiten an, was deren Haupt-Einkommensquelle ist - statt Ponyreiten, mal was anderes! Das Elefantenreiten wird skeptisch gesehen - im Hotel wird es zwar organisiert, wenn ein Tourist es unbedingt möchte, aber der Besitzer informiert derart, dass man versteht, dass er es nicht unterstützen möchte.

    Wir gehen in ein eingezäuntes Militärgebiet - noch mehr Elefanten! Sie arbeiten hier für das Militär und gehen mit Soldaten Patrouille um die Tiere im Park vor Wilderern zu schützen. Diese Elefanten kommen jeden Tag in den Dschungel und können sich dort bewegen, essen (150-200kg täglich!) und trinken (100l täglich!). Die privaten Elefanten haben wohl oft nicht diese Möglichkeit.
    Sie geben aber 3 Menschen, die im Wechsel auf sie aufpassen und mit ihnen arbeiten, einen Job. Sie können 100 Jahre alt werden! Ich frage mich, was passiert denn, wenn so ein Koloss umfällt? Unser Begleiter Sagar erklärt, dass dann viele Männer ein großes Loch buddeln müssen - aber wie kommt der Elefant dann dort hinein!?!

    Neben den domestizierten Elefanten gibt es auch wilde Elefanten - das seien die gefährlichsten Tiere hier im Nationalpark!

    Nachdem alle Elefanten in den vergangenen 100 Jahren der Wilderei zum Opfer fielen, fing man wieder mit einem Elefantenpaar an, das Sri Lanka den Nepalesen schenkte - wie Adam und Eva. Ich frage mich nur, wenn dann munter weitergezüchtet wird, inwieweit dann Behinderungen auch bei Elefanten auftreten?!?

    Die Sonne geht in Form eines tiefroten Balles am Fluss langsam unter. Innerhalb dieser kurzen Zeit und Strecke sehen wir weit entfernt Hirsche mit großen Geweihen, Wildschweine, Krokodile im Wasser (man kann sie nur erahnen) und ein riiiesiges Nashorn, das sich gemütlich seinen Weg durch den Fluss bahnt - toll! Die Nashörner laufen hier wohl überall herum - ihre Kacke liegt zumindest überall! 'Sagar' hat aber schon eine Lösung und ein Rezept für sich, wie er einmal reich wird: Nashorn-Kacke-Zigaretten - wären gut für die Lunge ;-) Tatsächlich erfahren wir am nächsten Tag, dass nur auf der Nashornkacke ein "Magic-mushroom" wächst...

    5:30h - Aufstehen! Safari-Tag!

    Wir haben eine gute Mischung unserer Begleiter für diesen Tag: vorne voraus 'Guba' mit jahrelanger Erfahrung, dafür nicht mehr so guten Ohren, sucht und analysiert ständig Spuren und erklärt uns viel rund um den Dschungel und hinter uns 'Umesh', wird gerade angelernt und hat schon ein tolles Auge und super Ohren! Beide mit Bambusstöcken bewaffnet geht es los...

    ...zunächst in einem für uns wackeligen Einbaum auf die andere Seite des Flusses. Sie werden aus Cottontree - Baumwollbäumen hergestellt und man braucht etwa 1 Woche um sie zu fertigen - Jetzt gibt es kein Zurück mehr!

    Wir gehen auf alten Wegen, die früher von der Bevölkerung angelegt wurden, die in diesem Bereich wohnten. Diese Wege sind für uns genauso praktisch wie für Nashörner, Bären, Rehe, wilde Elefanten oder bengalische Königstiger - überall findet 'Guba' Tierspuren, oder Höhlen (z. B. vom Schwarzbären) - es ist schon ein wenig unheimlich!

    Wir machen Rast an einem Ort, an dem früher ein Dorf war - viele Obstbäume sind noch Zeugen dieser Zeit und schwuppdiwupp ist 'Umesh' auch schon auf einem der Bäume weit oben und pflückt uns eine Frucht, die hier 'Bell' heißt - leider noch nicht ganz reif und eine andere, die süß und klebrig ist - 'Chiku'. Schade, die Mangos und Litschis sind noch nicht reif. 'Umesh' ist verrückt, da krabbelt der bis in die hintersten Astgabel!

    Die Bauern wurden damals im Sinne des Nationalparks umgesiedelt. Manche hatten Glück und erhielten ein gutes Stück Land zum Ausgleich. Andere dagegen entweder ein schlechtes, kleineres, oder sogar bis heute gar kein Stück Land. Für die Tiere ist dieser Park ein Segen, doch so manch kleiner Bauer verflucht ihn bestimmt.

    Es wird drückend heiß. Einheimische sitzen auf ihren Elefanten und sammeln Gras. Wenn wir an Zitronenbäumen vorbei kommen, stopfen wir uns die Säckel damit voll.

    An einem der Wasserlöcher wird 'Buba' plötzlich langsamer, auch 'Umesh' ist sehr aufmerksam. Da.. - hier liegen sie im Wasser: Zwei Nashörner! Ganz in der Nähe hören wir ein drittes atmen, sehen es aber nicht - ein mulmiges Gefühl! Wir lunseln um die Ecke - jetzt bewegt es sich! Es ist schon ein ergreifende Gefühl, diese Tiere in freier Wildbahn, jedoch aus einiger Entfernung beobachten zu können. Später am Tag sehen wir noch eine Nashornmutter mit ihrem Jungen und einige andere. Wenn sie mit uns nichts mehr zu tun haben wollen, gehen sie in die andere Richtung und verschwinden im hohen Gras - genau die richtige Richtung!

    Wir sitzen im Wald und warten auf Hirsche, doch hören wir und dann sehen wir ein sehr großes Tier auf uns zukommen. Erst sehen wir nur den Schwanz. Der Guide ruft uns laut zu.... Zu gefährlich... Kommt, kommt! Es ist ein ausgewachsenes wildes Bison. Wir lassen unsere Rucksäcke liegen und laufen zum Guide, der schon einige Meter weiter gegangenen war, um genau zu sehen was es ist. Vier Wochen vorher wurde ein Tourist tödlich angegriffen.
    "I don't want to die!".... "vielleicht sollten wir uns eher auf einen Baum setzten, um Tiere zu beobachten!"

    Es ist kaum zu glauben wie viel' bunte Vögel und auch Pfauen wir sehen - und haben das Glück auch eine Pfauenfeder zu finden - die gab es an der Kirmes auch immer an den Schießbuden - sie waren immer etwas Besonderes! In Spinnennetze verfangen sich die Fäden der Baumwollbäume - es sieht toll aus!

    Wir kommen an einem Kontrollposten des nepalesischen Militärs vorbei. Sie bereiten sich gerade auf einen Kontrollgang vor - zwei Elefanten, deren Führer und jeweils zwei Soldaten. Die Elefanten legen sich, damit sie aufsitzen können - und: pfuuuuuuuuuuurrrrrzzzzz! Voluminös und ausdauernd! Wow, wir müssen echt lachen. So einen riesen Pfurz haben wir noch nicht gehört :-)

    Wir folgen den Soldaten mit ihrem Elefant noch ein Stück und sind von den Tieren sehr beeindruckt - die riesigen Stoßzähne, die Ohren, der Rüssel, die stämmigen Beine, wie sich beim Gehen die Haut bewegt - gerne hätten wir das riesige Tier einmal berührt, aber das wurde uns nicht erlaubt.

    Am späten Nachmittag kommen wir an einem Holzturm an, steigen hinauf und warten in sicherer Höhe darauf, daß unsere Kanus am nahen Fluss ankommen. 'Guba' erzählt uns von früher, wie sie Holzbretter einfärbten um mit Bambusstiften darauf zu schreiben - und von seinem ersten Telefonat: Ein Tourist aus Amerika hatte sein Handy dabei und rief seine Frau an - 'Guba' dachte so für sich, dass der Mann sie nicht mehr alle hätte und Selbstgespräche führte. Dann gab dieser ihm das Handy und er konnte mit einer Frau auf der anderen Seite der Welt sprechen - es sei für ihn unglaublich gewesen!

    Andere Gruppen kommen nach und nach dazu - eine Gruppe muss einen Zwischenstopp auf einem Baum machen: eine Nashornmutter mit ihrem Jungen kreuzt deren Weg. Wir sehen, wie die beiden im Zickzack hin und her laufen. Die anderen Guides haben die Nashörner kommen gesehen und die Gruppe laut rufend gewarnt. Sie konnten sich zum Glück alle auf Bäumen retten! Wir erfahren von Touristen, die nicht so viel Glück hatten.

    Auf dem Waldboden zu sitzen und auf einen Hirsch, Bären, Tiger, Elefanten, ein Bison, Wildschwein, oder Nashorn zu warten, ist ein komisches Gefühl - alle Sinne sind auf "Halb-Acht", es hat etwas Unheimliches, man hört jedes einzelne Blatt vom Baum fallen. Man sitzt dort in der Mitte des Dschungels in der Hoffnung etwas zu sehen und hofft doch insgeheim, nichts zu sehen...

    Viele Grüße aus dem Chitwan Nationalpark

    Ariane & Marco
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  • Day251

    Mardi Himal & Annapurna Sanctuary

    April 19 in Nepal ⋅ ☀️ 2 °C

    Namaste :-)

    Nach 15 Tagen im Himalaya und 3 Tagen Regeneration in Kathmandu steigen wir wieder in den Kleinbus um nach Pokhara zu fahren. Wir mögen die Fahrten im Bus. Man sieht aus dem Fenster und ist kaum in der Lage alles aufzunehmen, was alles am Fenster vorbei huscht. Fast alles was man sieht wirkt einem so fremd, dass man über das Gesehene überrascht ist und sich darüber seine Gedanken machen muss.

    Ein Blick aus dem Fenster:

    Die Straßen sind gefüllt mit hunderten Menschen. Ein faszinierend buntes Bild. Frauen tragen fast ausschließlich farbenfrohe wunderschön genähte Saris. Dabei ist es egal, ob sie zu einer Feierlichkeit gehen, oder mit Schaufeln im Straßengraben schuften, oder Federn rupfend ein Huhn auf dem Schoß halten. Das Leben findet auf und an der Straße statt. Menschen waschen sich am Morgen am Straßengraben, oder putzen sich die Zähne mit Baustellenwasser, liegen mit Schraubenschlüssel unterm Auto, oder schweißen nach Auftrag allerlei Konstruktionen. Es vergehen kaum 100m ohne dass an Straßenständen Waren angeboten werden. Gemüse, Hühner, Möbel, oder Werkzeug sind an jeder Ecke zu haben. Die Infrastruktur ist katastrophal, die Straßen sind eine Qual: laut, staubig und voll Müll! Es wird gehupt und gedrängelt. Der Weg nach Pokhara, der zweitgrößten Stadt Nepals, ist eine mit LKWs und gammeligen Bussen vollgestopfte und kurvenreiche Landstraße. Und dennoch stört man sich nicht daran, seine Wäsche an der von Abgasen getränkten Straße zu waschen und auf den dreckigen Geländern der Treppen und Balkone zu trocknen. Es ist ein kaum vorstellbares Gewusel und überall wo man hinsieht, geschieht irgend etwas, auch wenn einfach nur herumgesessen und geguckt wird. Naturraum ist entlang der Strecke kaum vorhanden. Flüsse sind regelmäßig überspannt von riesigen mehr, oder weniger vertauenserweckenden Seilbrücken und dienen als Sandgrube und zugleich Abwassersystem für jedermann. Und zwischendurch arbeiten unzählige Menschen auf den wassergetränkten Reisfeldern.

    Wir kommen in Pokhara an und uns empfängt eine für uns sehr beruhigende Stimmung, ohne Lärm und ohne das Gefühl durch die Stadt getrieben zu werden. Es ist ja fast Entspannung pur und wir genießen 'Lassi' und das vielfältige Essen an den tollen Essensständen abseits des Zentrums...

    Wir bleiben für zwei Nächte, bevor wir uns wieder ins Abenteuer mit 21 Leuten im Kleinbus nach 'Phedi' wagen, dem Ausgangspunkt unserer nächsten Bergwanderung. In den kommenden 10 Tagen wollen wir entlang des 'Mardi Himal Trek' zum Fuße des 'Machapuchare', einem in den Bergreligionen heiligen Berg, welcher nicht bestiegen werden darf sowie zum Annapurna Base Camp wandern.

    Kurz bevor wir aus dem Bus steigen, sehen wir im Straßengraben einen geschlachteten Büffel ausbluten und sind darüber etwas verwundert, was sich nur eine Stunde später noch aufklärt: Übermorgen ist der 14. April 2019, zumindest nach unserer Zeitrechnung. Hier in Nepal gilt der 'Vikram Sambat' - Kalender und das Neujahrsfest ins Jahr 2076 steht vor der Tür. Im traditionellen Bergdörfchen 'Dhampus' werden entlang unseres Weges zur Vorbereitung Ziegen und Büffel geschlachtet. Es ist Aufgabe der Männer und hierzu versammeln sich ein Dutzend Leute, um die Tiere nach vollendeter Tat in fair aufgeteilte Portionen zu teilen. Für jede Familie eine Portion.

    Das Neujahrsfest wird hier eher in den Familien gefeiert und so ziehen wir weiter unseres Weges. Wir studieren unsere Landkarte und stellen fest, dass darin Fehler keine Seltenheit sind. Höhenangaben weichen bis zu 600 Metern von der Realität ab und zum Teil gibt es Angaben zu Übernachtungsmöglichkeiten, die einfach nicht existent sind. Aus unserer Sicht sind die fehlerhaften Angaben hier in den Bergen manchmal wirklich gefährlich. Wir fragen uns somit lieber bei Einheimischen durch, als dass wir uns auf die Karten verlassen! Worauf man sich leider auch nicht immer stützen kann, merken wir und somit machen wir ein Mischmasch aus all' unseren gesammelten Informationen.

    Kaum an unserem ersten Tagesziel angekommen, fängt es kräftig an zu regnen. Es ist ein sich täglich wiederkehrendes Wetterspiel und man kann fast die Uhr danach stellen. Spätestens gegen 13 Uhr sollte man sein gestecktes Tagesziel erreicht haben, sonst wird einen garantiert der Himmel duschen. Was für uns heißt früh aufstehen. Mehr als 6 Stunden gehen macht aber auch wenig Sinn, da man sonst zu hoch aufsteigt. Der Höhenkrankheit wegen! So bleiben wir vom Regen fast immer verschont :-) Vom Nebel jedoch nicht... doch wenn er sich mal kurz verzieht, beschenkt er uns immer wieder mit einen neuen beeindruckenden Blick auf den nahezu perfekten dreieckigen Gipfel des 'Machapuchare' (6.996 m) und des 'Annapurna Süd' (7.200m).

    Wir haben die 3. Nacht in einer einfachen Berglodge in 'High Camp' geschlafen und starten um 5:30 Uhr, um über den schneebedeckten Bergkamm zu einem Aussichtspunkt zu gehen um den Blick auf die Bergriesen zu genießen bevor wir den Weg nach 'Landruk', 2.000 m bergab antreten... Und das Wetter ist perfekt :-)

    Heute schaffen wir es leider nicht rechtzeitig vor dem Regen in 'Landruk' anzukommen. Es fängt schon früh an zu regnen. Dieses Mal gepaart mit einem kräftigen Gewitter und Hagel. Wir schaffen es gerade noch uns am Ortseingang an einem kleinen Bauernhaus unter die Veranda zu retten. Nach einer guten Stunde gehen wir in die Herberge der Schwester des Bauern ;-) Es hat uns heute Mittag einfach das Glück verlassen und wie das der Teufel so will, hat Ariane auch noch ein Blutegel ergattert. Die Viehcher sind echt ekelig. Die Chefin der Unterkunft ist oben drauf dann auch noch ein "Halsabschneider".

    In den kommenden Tagen wollen wir in den Bergkessel des Annapurna Himal ("himal" - Gebirge)
    Der Annapurna Himal thront wie ein zinnenbewehrter Eiswall und hat neun Gipfel, die über 7000m hoch sind. Der höchste, der Annapurna I, ragt 8. 091 m in die Höhe. Es ist mit der Hauptgrund mal nach Nepal zu kommen: Einmal Berge mit über 8.000 m zu sehen.

    Unser Weg geht steil hinauf. Siedlungen gibt es nun keine mehr. Es geht bis zum Camp 'Bamboo' und das interessante ist, dass ab diesem Punkt das Tal als Heilig gilt. So steht es auf einem Schild geschrieben. Ab diesem Punkt darf kein Büffel-, oder Hühnerfleisch mehr gegessen, oder gar mit sich geführt werden. Für uns kein Drama, da wir das Fleisch eh meiden, nachdem wir die Lagerungspraktiken für Fleisch der Nepalesen kennen gelernt haben ;-)

    Bei bestem Wetter erreichen wir das 'Machapuchare Base Camp' bereits vor 10:00 Uhr und wir entscheiden uns, unsere Rucksäcke gleich hier in einer der Lodges zu lassen und nur mit leichtem Gepäck zum Annapurna Base Camp (ABC genannt) auf 4.200 m zu gehen. Am ABC wurden alle Hütten im Frühjahr diesen Jahres von einer Lawine völlig zerstört und so haben wir bereits gestern morgen hier im Machapuchare Base Camp einen Schlafplatz im Speiseraum telefonisch ergattern können...
    ...Wir stapfen durch den Schnee und erreichen das ABC gegen 11:00 Uhr. Es ist ein kaum beschreibbarer "Bergkessel" und wir sind umgeben von einem faszinierenden, aber auch ein wenig erdrückenden Panorama auf die großen Berge der Welt. Egal in welche Himmelsrichtung man sieht, vor uns tront eine mehrere tausend Meter hohe Wand aus Schnee und Eis. Wir können den Anblick noch etwa 1 1/2 Stunden genießen, bis erst Nebel und dann dichte Wolken uns zum Rückweg bewegen. Ein atemberaubendes Erlebnis :-)

    Nachdem wir dann doch noch das Glück hatten, in ein 7er Bettenlager umverlegt zu werden und nicht unter 20 Bergführern und Trägern im Speiseraum übernachten zu müssen, fallen wir recht früh ins Bett. Morgen früh geht es für uns um 5:30 Uhr zurück ins Tal. In die 2.000m tiefer und 20km entfernt liegende Ortschaft 'Chomrong'.

    Es ist uns ein Rätsel warum dieses 'Gurung'-Bergvölkchen solch einen Spaß am Treppenbau hat. Die letzten Meter nach 'Chomrong' sind schon eine kleine Qual... Aber, wir sind Stolz auf uns als wir ankommen. Wir sind gut drauf und fühlen uns fit...

    ...Grund genug auf dem Rückweg noch einen Umweg über die entlegeneren Dörfer zu machen und wir werden belohnt. Das einzige, was uns entgegen kommt, sind Pferde- und Mulikarawanen mit allerlei Waren für die umliegenden Dörfer. Hier will man nur selten Verwandte im Nachbarort besuchen, ist es nicht selten ein ganzer Tagesmarsch. Und wir sind beeindruckt von der grandiosen Dorfstruktur, der Architektur der alten Gurungdörfer. Besonders 'Ghandruk' hat es uns angetan. Natursteinwände mit Lehmfugen, Dachdeckung aus großformatigen Granitplatten und die Holzfenster und -türen sind kunstvoll mit newarischen Schnitzereien verziert. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Im Ortskern findet gerade eine Dorfversammlung statt, streng geordnet! Wir können dieser leider nicht beiwohnen. Ein toller Ort, idyllisch, mittelalterlich, sauber, Die Männer tragen Röcke und einen Hut. Hühner, Ziegen und Ochsen, Esel und Pferde, alles ist in den Gassen an Tieren zu finden. Aber der Tourismus kommt auch hier langsam an (man sieht es ja an uns!) So werden wir von bettelnden Kindern meist auf Schokolade angesprochen. Und wenn wir es wie immer ablehnen, zeigen sie auch mal auf Arianes Armbanduhr... !

    Wir sind zurück in Pokhara, gehen wieder in unsere Straßenrestaurants abseits der Hauptstraßen und sind einfach nur froh...:-)

    Namaste
    Ariane & Marco
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