• Olaf Kozany
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Camino Português Espiritual 2021

Zwei Wochen unterwegs auf dem Camino Português Espiritual.
Wir wollten einen Jakobsweg gehen.
Gefunden haben wir weit mehr als nur einen Weg.
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  • Matkan aloitus
    20. elokuuta 2021
  • Der erste Schritt.

    20. elokuuta 2021, Saksa ⋅ ☁️ 19 °C

    Wir verlassen unser Zuhause in der Berliner Straße in Köln-Dünnwald.

    Zwei Rucksäcke. Mehr nicht. Ziel: Porto.

    Es ist der Sommer 2021. Corona bestimmt noch immer den Alltag. Am Flughafen wird über Fiebermessungen gesprochen.

    Ich bin so aufgeregt, dass ich vorsichtshalber eine Ibuprofen nehme. Nicht weil ich krank bin. Weil ich auf keinen Fall wegen ein paar Zehntel Grad wieder nach Hause geschickt werden will.

    Heute wirkt das fast komisch.

    Damals fühlte es sich vollkommen vernünftig an.
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  • Handgepäck.

    20. elokuuta 2021, Saksa ⋅ ☁️ 20 °C

    Flughafen Köln/Bonn.
    Ich war vermutlich der einzige Mensch, der im August mehrere Pullover und Jacken gleichzeitig trug.
    Nicht aus modischen Gründen.
    Ryanair verlangte Handgepäck. Also wurde alles angezogen, was sonst im Rucksack keinen Platz mehr gehabt hätte.
    Der Plan ging auf.
    Der Rucksack wurde akzeptiert.
    Ich vermutlich auch.
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  • Ein Fremder.

    20. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ☀️ 21 °C

    Nach der Landung fuhren wir direkt zur Kathedrale von Porto.

    Wir waren gerade angekommen und schlenderten durch den Innenhof, als uns ein Portugiese beobachtete.

    Er lächelte, kam auf uns zu und fragte, ob er ein Foto von uns machen dürfe. Wir nahmen das Angebot dankbar an.

    Damals war es einfach eine nette Geste eines Fremden.
    Heute ist er Patenonkel unseres Sohnes Felix.
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  • Jetzt fehlt nur noch ein Feuerwerk.

    20. elokuuta 2021, Portugali ⋅ 🌙 18 °C

    Nach dem Einchecken liefen wir noch einmal hinunter an den Douro.

    Wir fanden eine kleine Bar direkt am Fluss. Es war kaum mehr als eine Mauer mit ein paar aufgeschraubten Brettern und einfachen Stühlen davor.

    Wir bestellten Tapas. Der Kellner empfahl uns einen Rotwein. Wir wussten weder, welcher es war, noch was er kostete. Es war uns egal. Wir vertrauten ihm einfach.

    Wir blickten auf den Douro, die Ponte Dom Luís I und das leuchtende Sandeman-Schild.

    Irgendwann sagte einer von uns: „Jetzt fehlt nur noch ein Feuerwerk."

    Wenig später begann tatsächlich eines.
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  • Endlich unterwegs.

    21. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ⛅ 16 °C

    Der erste Stempel steckte bereits im Pilgerausweis. Den hatten wir uns am Vorabend in der Kathedrale geholt.

    Wie es sich für echte Pilger gehört, fuhren wir erst einmal mit dem Bus.

    Wir hatten keine Lust, uns durch den morgendlichen Stadtverkehr von Porto zu kämpfen und entschieden uns für den Start am Meer – in Praia de Leça da Palmeira.

    Der Busfahrer schien allerdings eine persönliche Bestzeit aufstellen zu wollen. Nach jeder Kurve wusste ich etwas genauer, wo mein Rucksack aufhörte und die nächste Sitzlehne begann.

    Der Fahrpreis war günstig.
    Die blauen Flecken vermutlich nicht.

    Und irgendwo unterwegs verabschiedete sich auch noch mein Gimbal aus dem Rucksack.
    Fast 500 Gramm weniger Gepäck.

    Eine eher teure Form der Gewichtsoptimierung.
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  • Der erste Schritt.

    21. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ⛅ 16 °C

    Mit dem Bus hatten wir uns den ersten Abschnitt durch Porto geschenkt.

    Manche Pilger würden darüber vermutlich die Stirn runzeln.
    Wir nicht.

    Der Camino sollte schließlich Freude machen – nicht beweisen, dass wir besonders hart zu uns sein konnten.

    Am Meer stiegen wir aus.
    Vor uns lag der Atlantik.
    Der erste gelbe Pfeil.
    Die erste Jakobsmuschel.

    Ein schlichtes Schild mit zwei Worten:
    Buen Camino.

    Wir setzten unsere Rucksäcke auf.
    Schauten uns kurz an.
    Und gingen los.
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  • Alles war neu.

    21. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ⛅ 16 °C

    Kaum waren wir am Meer angekommen, kamen wir kaum noch voran.

    Nicht weil der Weg anstrengend war. Weil wir gefühlt alle zwanzig Meter stehen blieben.

    „Noch ein Foto."
    „Schau mal da."
    „Warte kurz."
    „Das müssen wir festhalten."

    Die kleinen Holzstege. Die rauen Felsen. Die ersten Wellen des Atlantiks. Die winzige Kapelle auf den Klippen.

    Alles war neu.
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  • Sand zwischen den Zehen.

    21. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ☀️ 22 °C

    Je länger wir liefen, desto weniger fühlte sich der Camino wie ein Ziel an. Er wurde einfach unser Tag.

    In Vila Chã machten wir eine Pause.

    Wir kauften eine Flasche Wasser, warfen die Rucksäcke in den Sand und setzten uns direkt ans Meer.

    Eine wunderbare Idee.
    Bis wir wieder aufstanden.

    Sand in den Schuhen klingt romantisch.
    Sand in den Socken nach einer Pause ist es nicht.

    Vila Chã blieb uns trotzdem in Erinnerung.
    Die kleinen Fischerhäuser. Ein paar kunstvoll verzierte Fassaden. Ein uriges Restaurant. Gemüsegärten direkt hinter den Dünen.

    Und dann dieser Geruch.
    Nicht vom Meer. Von einem Haufen Fischreste, der irgendwo zum Entsorgen lag.

    Wir liefen einfach.
    Mal am Wasser.
    Mal durch kleine Orte.
    Mal schweigend.
    Mal lachend.

    Der Atlantik war unser ständiger Begleiter.
    Und ohne dass wir es bemerkten, begann er, unser Tempo vorzugeben.
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  • Vila do Conde

    21. elokuuta 2021, Portugali ⋅ 🌫 22 °C

    Nur noch ein paar Schritte.

    Nach dem ersten Tag fühlte sich der Rucksack plötzlich nicht mehr an wie beim Start in Porto.

    Er war derselbe. Und doch schien er doppelt so schwer.

    Wir hatten ihn wochenlang zu Hause gepackt, umgepackt, gewogen und wieder neu sortiert.

    Aber das Wohnzimmer kennt keine Kilometer.
    Der Camino schon.

    Erst nach zwanzig, dreißig Kilometern merkt man, dass jedes Gramm irgendwann seinen Preis verlangt.

    Als wir über die Brücke nach Vila do Conde liefen, lagen vor uns noch fast 300 Kilometer.
    War das Gepäck wirklich nötig?
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  • Vila do Conde – Der erste Abend

    21. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ☀️ 22 °C

    Als wir die Tür unseres Zimmers schlossen, fiel zum ersten Mal seit dem Morgen der Rucksack von den Schultern.

    Nicht nur im übertragenen Sinn.

    Einfach ausziehen. Duschen. Hinsetzen. Nichts müssen.

    Wir hatten bewusst keine klassische Pilgerherberge gebucht. Kein Schlafsaal mit dreißig Fremden, sondern ein kleiner Balkon über Vila do Conde.

    Dort hingen unsere verschwitzten Socken zum Trocknen.
    Mein Handy lud.

    Die Pilgersocken mit der gelben Muschel lagen bereit für den nächsten Morgen.

    Von unserem Balkon sahen wir hinüber zum Aquädukt.
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  • Der erste Abend am Atlantik

    21. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ☀️ 20 °C

    Nach der Dusche zog es uns noch einmal hinaus.
    Zurück ans Meer.

    Der Atlantik lag ruhig vor uns, als hätte er den ganzen Tag auf uns gewartet.

    Wir suchten uns ein Restaurant direkt an der Promenade. Kein Pilgermenü. Kein Sparprogramm. Der erste Tag musste gefeiert werden.

    Es gab gegrilltes Fleisch, Reis, Bohnen, Pommes und einen Cocktail für Pia. Wir schauten aufs Meer, lachten und redeten über den Tag.

    Über den Bus.
    Über den verlorenen Gimbal.
    Über den schweren Rucksack.
    Und darüber, dass morgen alles noch einmal von vorne beginnen würde.

    Doch der Atlantik hatte andere Pläne. Während wir noch aßen, zog langsam Nebel vom Meer herauf. Die Sonne verschwand. Innerhalb weniger Minuten wurde aus einem warmen Sommerabend eine kühle, feuchte Brise.

    Plötzlich saßen alle Gäste mit Decken über den Schultern.

    Auch wir.
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  • Bom Caminho.

    22. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ⛅ 15 °C

    Am nächsten Morgen trafen wir beim Frühstück eine Familie aus drei Generationen. Oma, Tochter und Enkelin pilgerten gemeinsam. Ihre Rucksäcke wurden täglich weitertransportiert.

    Wir schauten uns an.
    Unsere blieben auf unseren Schultern.

    Kurz darauf standen wir vor einer Entscheidung. Der offizielle Weg führte viele Kilometer an einer stark befahrenen Straße entlang. Also hielten wir ein Taxi an.

    Keine zehn Euro kostete die Fahrt bis nach Rates.

    Der Fahrer erzählte uns von seinem Leben, gab uns seine Visitenkarte und sagte zum Abschied:

    „Wenn ihr irgendwo Hilfe braucht – egal wo – ruft mich an. Wenn ich nicht kommen kann, finde ich jemanden, der euch hilft."

    Dann lächelte er.

    „Bom Caminho."
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  • Rates – Der Stempel.

    22. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ☀️ 21 °C

    Der Taxifahrer setzte uns direkt vor der Kirche von Rates ab.

    Kaum hatten wir unsere Rucksäcke geschultert, flog die schwere Holztür auf. Ein Pfarrer kam eilig heraus. Hinter ihm folgten ein oder zwei ältere Gemeindemitglieder. Sie wollten offensichtlich noch etwas mit ihm besprechen.

    Doch als er uns sah, änderte sich seine Richtung.

    Er kam direkt auf uns zu. Er sprach sofort los. Schnell. Freundlich. Ausschließlich auf Portugiesisch. Wir verstanden kein einziges Wort.

    Er lächelte nur, drehte sich um und bedeutete uns mit einer Handbewegung, ihm zu folgen.

    Also gingen wir hinter ihm her. Die Kirche lag still vor uns. Nur wenige Menschen warteten bereits auf die Andacht.

    Mit jedem Schritt durch das Kirchenschiff machte meine am Rucksack befestigte Chipstüte lautstark auf sich aufmerksam.

    Knistern.

    Noch ein Schritt.

    Knistern.

    Ich wurde immer verlegener. Der Pfarrer schaute mich an und lächelte nur.

    Kein genervter Blick.
    Keine Geste.

    Einfach nur ein freundliches Lächeln.

    Er führte uns in eine kleine Kammer neben dem Altar, öffnete in aller Ruhe eine Schublade, holte ein Stempelkissen hervor und begann weiter auf Portugiesisch zu erzählen.

    Er erzählte. Und erzählte. Und erzählte.
    Wir nickten höflich.

    Erst nach ein paar Sekunden begriffen wir, was er von uns wollte.

    Unsere Pilgerpässe.

    Er nahm sie vorsichtig entgegen, setzte den ersten Stempel dieses Tages hinein und reichte sie uns mit beiden Händen zurück.
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  • Rates. Fatima.

    22. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ☀️ 22 °C

    Nach unserem ersten Stempel schauten wir uns noch etwas in Rates um.
    Direkt neben der Kirche entdeckten wir eine kleine Kapelle.

    Sie war schlicht. Still. Fast leer.

    Während wir uns umsahen, fiel unser Blick auf eine Wegmarkierung an der Mauer.

    Zwei gelbe Pfeile.
    Der eine zeigte geradeaus.
    Der andere bog nach links ab.

    Darüber stand ein Name.
    Fátima.

    Wir blieben kurz stehen.
    Fátima.

    Natürlich kannten wir den Ort. Fast jeder hat schon einmal von ihm gehört.
    Für uns war es an diesem Morgen nur ein weiterer Wegweiser. Ein weiterer Pilgerweg. Einer von vielen.

    Wir machten ein Foto.

    Dann gingen wir weiter.
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  • 209 Kilometer.

    22. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ☀️ 23 °C

    Ein paar Kilometer hinter Rates stand es plötzlich am Wegesrand.

    Ein schlichter Stein.
    Darauf nur wenige Worte.

    Santiago – 209 km.

    Wir blieben stehen. Natürlich mussten wir ein Foto machen.

    209 Kilometer.

    Bis dahin war Santiago nur ein Name gewesen. Ein ferner Punkt irgendwo in Spanien.
    Jetzt war es messbar.

    209 Kilometer.

    Nur galt diese Zahl nicht für uns. Sie stand für den klassischen Caminho Português.
    Wir gingen den Espiritual – den längeren Weg.

    Damals wussten wir nur: Vor uns lag ein langer Weg.

    Und Barcelos war das nächste Ziel.
    Santiago durfte noch warten.
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  • Die erste Pause.

    22. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ☀️ 23 °C

    Die Sonne stand bereits hoch, als wir die erste kleine Pilgerrast erreichten.

    Ein schattiger Platz.
    Ein paar Holzbänke.
    Frisches Wasser.
    Mehr brauchte es nicht.

    Wir füllten unsere Flaschen auf, legten die Rucksäcke ab und gönnten uns eine kurze Pause.

    Direkt neben dem Rastplatz fiel uns eine niedrige Steinmauer auf.

    Darauf standen alte Schuhe.
    Große.
    Kleine.
    Arbeitsschuhe.
    Kinderschuhe.

    Aus einigen wuchsen Aloe-Pflanzen.

    An einer Leine darüber hingen kleine Steine mit Muscheln und bunten Bändern.
    Wir wussten nicht, wer diesen Ort gestaltet hatte.

    Während wir dort saßen, Wasser tranken und neue Kraft sammelten, wurde die Stille plötzlich von einem lauten Motorengeräusch zerrissen.

    Ein Strand-Buggy schoss mit erstaunlichem Tempo über den Schotterweg.
    Keine zwei Sekunden später saßen wir mitten in einer riesigen Staubwolke.

    Wir schauten uns an.
    Dann mussten wir einfach lachen.

    Willkommen auf dem Camino.
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  • Wein am Wegesrand.

    22. elokuuta 2021, Portugali ⋅ ☀️ 25 °C

    Der Camino führte an diesem Vormittag durch kleine Dörfer, vorbei an Feldern und schmalen Natursteinwegen.

    Dann änderte sich die Landschaft.

    Plötzlich spannten sich Weinreben wie grüne Dächer über den Weg. Die schweren Trauben hingen nur wenige Zentimeter über unseren Köpfen.

    Wir blieben stehen.

    Ich weiß noch, wie Pia nach oben schaute und sagte: „Schau dir das an."

    Die Trauben wirkten fast unwirklich. So nah. So reich. So selbstverständlich.

    Wir überlegten kurz, ob man wohl eine probieren dürfte. Wir entschieden uns dagegen. Es fühlte sich richtiger an, sie dort hängen zu lassen, wo sie hingehörten.

    Also machten wir Fotos.
    Viele Fotos.

    Und gingen weiter.
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