Tag 152 - Singapur
November 24, 2025 in Singapore ⋅ ☁️ 29 °C
Arnd:
Der Wetterbericht hat sich geändert, auch heute kein Regen. Aber wir bleiben bei unserem Plan und gönnen uns erstmal die 30€ pro Kopf für den Eintritt in die beiden Gewächshäuser in den Gardens by the Bay. Auf dem Schild stand noch irgendwas mit Dinosauriern.
Auf dem Weg dorthin kamen wir in einer U-Bahnstation durch einen breiten Spiegelgang. Rechts und links bestand die Wand teilweise aus Spiegeln, so dass man sich vielfach sehen konnte. Dort hatten sich ein paar junge Leute getroffen, um einen Tanz zu trainieren.
Die Gewächshäuser sind riesig, interessant geformt und mit modernen Bautechniken errichtet. Ich hatte die Befürchtung, dass es drinnen noch heißer sein würde, als draußen. Als wir das erste Gewächshaus betraten wurde aber sofort klar, dass es kühler ist, als draußen und zwar so deutlich kühler, das wir Sorge hatten, zu dünn angezogen zu sein. Der Grund dafür ist einfach. Die Singapurianer wollen auch exotische Pflanzen sehen. Da sie aber selbst auf dem Äquator wohnen heißt das, Pflanzen aus gemäßigteren Breiten, und die brauchen eher kühlere Temperaturen. Irgendwo stand ein Plakat, dass sie versuchen, das Kühlen mit umweltfreundlichen Methoden zu machen.
Im ersten Gewächshaus also exotische Pflanzen. Die Gärtner dort haben wohl eine Vorliebe für Baobabs, in Deutsch auch Affenbrotbäume genannt. Ich wusste nur, dass es die in Afrika gibt. Hier hatten sie aber auch welche aus anderen Weltgegenden, z.B. auch aus Australien.
Im zweiten Gewächshaus gab es einen Nebelwald und darin hatten sie lebensgroße Dinos platziert, wohl für das Kind im Menschen. Gleich am Eingang stand man unten an einem riesigen Wasserfall. Sie wollten zeigen, dass die Pflanzen in den oberen Stockwerken ihr Wasser aus dem Nebel beziehen. Deshalb mussten wir Besucher eine Tour über freischwebende Wege machen, die uns von ganz oben wieder nach unten brachten, wobei der Nebel immer dichter wurde. Beide Gewächshäuser waren wirklich sehr eindrucksvoll und wir sind ziemlich lang dort gewesen.
Unser zweites Ziel für heute war ein Museum mit dem interessanten Namen Museum für Asiatische Zivilisationen. Wir sind erst ein Stück U-Bahn gefahren. Wir wussten von der Karte, dass wir am Ausgangs B rausgehen mussten. Der Ausgang B lag aber in einer unterirdischen Mall und dort haben wir uns so gründlich verlaufen, dass wir am Ende ganz woanders rauskamen. Wir kamen dann bei der Saint Andrew‘s Cathedral vorbei - interessante Farbgebung.
Im Museum ging es natürlich mehr um die südostasiatische Perspektive. Dort gab es die zweite, die maritime Seidenstraße. Auf dem Weg, den auch wir von Singapur nach Jakarta nehmen werden, hat man ein Schiffswrack aus dem 8. Jhdt. entdeckt. Aus der geborgenen Ladung konnte man viel lernen über den damaligen Fernhandel. Der verband China mit Indien und dem arabischen Raum, von wo die Waren weiter bis nach Europa gehandelt wurden. In Südostasien, wo alles durchging, sind dadurch Handelszentren entstanden.
Wir konnten an einer Führung in einer Sonderausstellung im Museum teilnehmen. Das Thema waren Spiele. Spannend, wo die großen weit verbreiteten Spiele eigentlich herkommen und wie sie ausgesehen haben. In Deutschland kennen wir ja ein Spiel mit Namen Mensch ärgere dich nicht. Das ist eine versimplifizierung des über die ganze Welt verbreiteten ursprünglich indischen Chaupar.
Das Spielbrett von Chaupar war gern aus Stoff hergestellt in Form von zwei sich kreuzenden Streifen. Nach dem Spiel konnte man die Figuren darin einwickeln und das ganze klein verstauen.
Statt eines Würfels hatte man 7 Kaurimuscheln. Wenn man die wirft, fallen sie auf eine von zwei Seiten. Entweder ist die offene Seite oben, oder die geschlossene. Man zählt, wieviele offene Seiten oben liegen und daraus ergibt sich, wie weit man seine Figuren bewegen darf. Die Regeln dazu sind aber ziemlich kompliziert.
Beim Schach hatten sie das ursprünglich indische Spiel, aus dem das moderne Schach hervorgegangen ist, dem chinesischen Schach gegenüber gestellt. Das indische hat sich global durchgesetzt. Die Ausstellung begründet das damit, das man für die chinesische Variante die chinesische Schrift lesen können muss.
Abends konnte Hea-Jee endlich Singapur-Krebs essen. Das hatte sie im Internet entdeckt, wahrscheinlich wieder bei ChatGPT. Das ist auch so ein Ding für Touristen und ziemlich teuer. Wir hatten das in verschiedenen Restaurants gesehen, darunter auch welche an der Bay Front, der wahrscheinlich teuersten Ecke in Singapur. Aber auch in China Town. Also sind wir nach China Town gefahren und Hea-Jee hat sich ins erste Restaurant gestürzt, wo es das gab. Das war ein Inder. Singapur ist wirklich multikulturell. Es war ihr aber lieber, als beim Chinesen, weil da dann evtl. Szechuanpfeffer drin gewesen wäre.
Hea-Jee:
Ich wusste zwar, dass Singapur ein wohlhabendes Land ist, aber dass es 2025 beim BIP pro Kopf nach Kaufkraftparität weltweit auf Platz zwei liegt (auf Platz eins steht Luxemburg), das war mir neu. Wenn man durch die Straßen läuft, fallen einem allerdings weniger die Hochhäuser ins Auge als vielmehr die vielen zweistöckigen Wohnhäuser im viktorianischen Stil. Sie prägen das Stadtbild stärker und wirken eher bodenständig und nostalgisch als protzig.
Diese alten Wohnhäuser scheinen unter Denkmalschutz zu stehen und sind in hübschen, fast märchenhaften Farben gestrichen. Die Farbpalette ist zwar bunt, doch die Formen ähneln sich erstaunlich – als wären sie aus einer Schablone gestanzt. Nur an breiteren Straßen haben die Häuser im ersten Stock einen Balkon, wodurch sie sich von denen in den schmalen Gassen unterscheiden.
Ich war neugierig, wie traditionelle singapurische Häuser ausgesehen hatten, also aus der Zeit vor der britischen Kolonialherrschaft – aber ich fand keine. Vielleicht liegt das daran, dass Singapur historisch gesehen lange ein abgelegener, wenig entwickelter Randbereich Malaysias war und es deshalb keine repräsentativen historischen Wohnhäuser gab, die man hätte bewahren können? Bis zur Abspaltung von Malaysia in 1965 soll Singapur eine arme Insel gewesen sein, geplagt von Malaria.
Umso erstaunlicher ist der rasante Aufstieg innerhalb weniger Jahrzehnte. Geld allein erklärt das nicht; selbst einem vorbeiziehenden Reisenden fallen viele positive Seiten der Gesellschaft ins Auge. Jugendliche tanzen ohne Scheu vor den Spiegelwänden der U-Bahn-Stationen, irgendjemand setzt sich zwischendurch an ein öffentliches Klavier und spielt, und die Vielfalt der Ethnien, Religionen und Kulturen, die hier friedlich zusammenleben, wirkt beeindruckend.
Am meisten hat mich jedoch das Verhalten der Menschen in der U-Bahn beeindruckt. Die Bevölkerungsdichte soll extrem hoch sein, und tatsächlich sind die Züge oft brechend voll. Trotzdem wird die Regel, erst aussteigen zu lassen und dann einzusteigen, konsequent eingehalten. Menschen, die an den Türen stehen, treten automatisch beiseite, um den Aussteigenden Platz zu machen. Am bemerkenswertesten war für mich, dass trotz der Enge niemand genervt oder aggressiv wirkte – die Leute blieben ruhig und gefasst. Plätze für Kinder, Ältere, Menschen mit Behinderung oder Schwangere wurden ganz selbstverständlich freigemacht.
Man könnte meinen, Englisch sei die eigentliche Amtssprache, so gut sprechen viele junge Leute es. Wir hatten jedoch einige Mühe, ihre Aussprache zu verstehen. Sie reden schnell und mit einem eigenen Akzent, und mit unserem altersbedingt eingeschränkten Hörvermögen konnten wir ihnen nicht immer folgen.
Vielleicht verspüren die Menschen hier auch wenig Sehnsucht nach einer vollständigen liberalen Demokratie, wenn sie durch einen weisen und integren Autokraten zu solchem Wohlstand gekommen sind. Aber da der derzeitige Premier der Sohn des vorherigen Premiers ist, frage ich mich, wie lange die Bürger im 21. Jahrhundert diese Form der Machtvererbung akzeptieren werden. In einer relativ ausgeglichenen Gesellschaft mag das möglich sein, doch ich bin gespannt, wie dieses Land künftig mit der weltweit zunehmenden sozialen Ungleichheit umgehen wird.Read more






















