• Daegu

    April 20 in South Korea ⋅ ☁️ 20 °C

    Daegu ist mit 2,4 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt in Korea. Wir sind beide noch nie da gewesen. Aber Hea-Jee kennt ein paar Leute dort und hat dort sogar Verwandtschaft, also sind wir mal hingefahren. Wir haben nicht so viel fotografiert und deshalb kann ich nicht alles bebildern, was ich hier erzähle.

    Wir sind von Busan aus mit dem Mugunghwa-Zug nach Daegu gefahren. Das ist einer der langsamsten Zugtypen in Korea. Aber von der Ankunftszeit her passte der für uns am besten. Erfreulicherweise fuhr der nicht auf der Schnellstrecke mit den vielen Tunnels, sondern durch die Täler und zeitweise am Nakdong-Fluss entlang. So war die Aussicht sehr schön.

    Als wir ankamen, hatten wir noch etwas Zeit bis zu unseren ersten Verabredung. Deshalb sind wir die bekannte Fußgängerzone entlanggelaufen, die gleich am Bahnhof beginnt. Von der Bebauung her hat uns das durchaus gefallen. Ein paar Dinge waren aber merkwürdig. Es war ziemlich leer, in vielen Geschäften sah man keinerlei Kunden. In den ersten Abschnitten gab es eine größere Anzahl von Juwelieren. Einer neben dem anderen. Es gab nur vereinzelt Kunden. In Seoul war uns auch schon so eine Gegend aufgefallen. Wir vermuten, dass das in Korea immer noch eine Form der Geldanlage ist. Ansonsten gab es Kleidungsgeschäfte, Glücksspielgeschäfte und eine ganze Reihe von Geschäften für Smartphonehüllen.

    Später bekamen wir von einer Bekannten von Hea-Jee eine Führung durch die Innenstadt. Die ist wohl im Krieg verschont geblieben und deshalb gibt es noch einige alte Gebäude dort. Nach kurzer Zeit sahen wir ein Dabang. Als ich Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal in Korea war, gab es keine Cafés, sondern Dabangs. Dort konnte man sich länger hinsetzen, einen traditionellen koreanischen Tee trinken und sich unterhalten. Sie hatten so ein spezielles Ambiente mit bequemen kleinen Sofas, die sehr eng gestellt waren. Oft hatten sie auch ein Aquarium. In Seoul sind sie komplett von modernen Cafés mit großer Espressomaschine verdrängt worden. Ich hatte die schon für komplett ausgestorben gehalten. Also mussten wir hinein.

    Es war nicht sehr voll und mir fiel bald auf, dass die Kunden alle schon ziemlich alt waren. Sie waren in Gruppen da und unterhielten sich prächtig. In Cafés sieht man keine alten Leute. Wo sind die alle geblieben? Ich bekam die Antwort „unsichtbar geworden“. Viele hätten auch gar nicht das Geld, um sich die teuren Tees leisten zu können.

    In einer Straße erhob sich hinter den alten einstöckigen Geschäftsgebäuden ein größeres neues Geschäftsgebäude, The Hyundai Daegu. Hyundai betreibt in Korea eine Kaufhauskette. Wir waren nicht drin, aber ich vermute, es ist ähnlich wie beim Platzhirsch Lotte. Wir waren in Seoul im Ur Lotte Department Store. Das ist ein Luxustempel mit internationalen Waren sehr gehobener Marken für Preise, die sich in Korea sicher nicht alle leisten können. Aber so scheinen die überleben zu können.

    Dann ging es durch eine Straße, in der ein Geschäft für traditionelle koreanische Medizin neben dem anderen lag. Alle leer, aber voll mit Beuteln voller getrockneter Naturstoffe. Wahrscheinlich handeln die jetzt alle übers Internet.

    Wir kamen dann in der Altstadt an dem alten Wohnhaus eines Dichters vorbei, das man zu einem kleinen Kulturzentrum gemacht hat. Als wir schon weitergehen wollten kam eine Gruppe von Frauen mit Strohhüten vorbei und luden uns ein, ihnen etwas beim musizieren zuzuhören. Sie kamen aus Seoul und hatten ihre Okarinas dabei. Wenn sie einen schönen Ort fanden, haben sie dort ein paar Stücke gespielt. Eine hat gefilmt.

    Auf einem Hügel hatten sich Anfang des 20. Jhdts. einige amerikanische Missionare niedergelassen. Auch ein Arzt war dabei. Der konnte diverse für die traditionelle Medizin unheilbare Krankheiten behandeln, auch einige Operationen waren dabei. Das war bald sehr populär und hat den Missionaren sicher geholfen. Ich wusste bisher nicht, dass es wohl viele Missionare aus Amerika gab. Das erklärt natürlich, warum die amerikanischen Religionsströmungen in Korea so verbreitet sind.

    Auf einer Texttafel stand, was die Missionare auch mitgebracht hatten: Äpfel. Hea-Jee wollte das erst nicht glauben und hat dann ihre Lieblings-KI gefragt. Die hatte wahrscheinlich diese Texttafel gelesen. In Korea gab es vorher kleine Wildformen, aber nicht die großen Zuchtformen, die wir kennen. Die haben es also von Europa über Nordamerika nach Korea geschafft. Während die in Korea so beliebten Peperoni von Amerika aus über Europe nach Korea gekommen sind. In Daegu ist daraus eine Apfelindustrie entstanden.

    Am zweiten Tag waren wir morgens zuerst in dem großen Seomun Markt. Da erklärte sich, warum die Geschäfte in der Stadt alle so leer waren. Hier war es brechend voll. Auf diesem Markt gibt es vier sehr große Gebäude mit je fünf Stockwerken, in denen ein winziges Geschäft neben dem anderen ist. Oft nur getrennt durch einen Vorhang. Vieleicht 10qm groß. Daneben noch etliche kleine Gebäude. Leider können wir ja nichts kaufen, weil wir es nicht auf unserer Reise mitnehmen können. Aber wenn ich zum Einkaufen hierher käme, gäbe es viel zu entdecken. Die meisten Dinge kosten auch nur wenig. Hea-Jee hatte eine Bluse gefallen. Die sollte aber umgerechnet etwa 50€ kosten. Sie war komplett aus Leinen und fein gewebt. Hochwertige Dinge kosten auch hier etwas mehr.

    Nach dem Mittagessen hat es uns noch in ein besonderes Café verschlagen. Im ersten Stock lag das interessant gestaltete Café mit einem kleinen mit Moos bewachsenen Hügel in der Mitte. Alle paar Minuten wurde der von der Seite her mit Wasserdampf versorgt. Der Inhaber war wohl ein Sammler und Händler für Reptilien. Im 4. Stock hatte er sein Geschäft. Das konnte man vor oder nach dem Kaffee anschauen.

    Zum Schluss waren wir noch im Museum für alte Koreanische Kunst. Das Gebäude und die Präsentation waren hochmodern. In einem Raum hatte man eine KI benutzt, um ein bekanntes altes koreanisches Bild einer schönen Frau, gemalt von Yunbok Shin, im Stil von acht berühmten europäischen Malern zu malen und daneben ein Bild dieses europäischen Malers im Stil von Yunbok Shin. Auf dem Foto die Version für Vermeer.
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