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  • Day86

    Knysna

    November 29, 2018 in South Africa

    An einem der vielen gemütlichen Abende am Lagerfeuer unserer südafrikanischen Gastfamilie, schlug uns Zander vor, seinen langjährigen Freund Crosby in Knysna zu besuchen. Dieser führe mit seiner Familie ein kleines Airbnb, wo man in außergewöhnlichen Unterkünften, wie Tipis oder Kuppelzelten, mitten im gemäßigten Regenwald hausen könne. Sofort waren wir Feuer und Flamme für diese Idee.

    Während wir die ersten Überlegungen anstellten, wie wir zu unserem nächsten Reiseziel gelangen sollten, schwärmte Zander ununterbrochen von dem Idyll, welches das Zuhause seines Freundes war. Die anhaltende Begeisterung für diesen Ort, entwickelte sich kurzum zu dem fixen Plan, uns gemeinsam mit Sam zu begleiten. Gesagt, getan: Per Tetris-Technik packten wir Sams tiefergelegten BMW, dessen Baujahr irgendwann in den 80ern liegt, bis oben hin voll. Zanders Hund, Shamwarris, fand auch noch Platz.

    Bei der 16-stündigen Fahrt durften wir es uns auf der Rückbank bequem machen, während sich die Männer am Lenkrad abwechselten. Als wir die am indischen Ozean gelegene Stadt Knysna erreichten, ließ uns Crosby via Sprachnachricht wissen, dass es von dort nur noch 15 Fahrminuten über Schotterpisten und Wiesen in den Wald hinein seien. Diese Berechnung hatte er jedoch ohne Sams alten BMW gemacht. Bei einem Tempo zwischen 5 und 10 km/h versuchten wir den Wagen Schritt für Schritt um teils riesige Felsbrocken herum zu manövrieren. Einmal mussten wir sogar aussteigen, um den Wagen zu erleichtern und die Straße manuell zu ebnen, indem wir zur Überbrückung einer hohen, scharfen Kante eine Piste aus Steinen bauten.

    45 Minuten später wurden wir von Crosby, seiner Frau Mashca und den beiden Kindern Laya und Quinn in einem großen Kuppelzelt mit herzlichen Umarmungen begrüßt. Durch die Gastfreundschaft der Familie fühlten wir uns vom ersten Moment an mehr als willkommen.

    Mashca führte uns zu der gemütlichsten Unterkunft, die wir uns hätten vorstellen können: ein geräumiges Tipi, das wie auch alles andere auf dem Gelände mit solarbetriebenem Licht ausgestattet war. Für die nächsten zwei Wochen sollte dies unser Zuhause sein. Viele gesellige Abende verbrachten wir hier mit Disneys König der Löwen, Scrabble, und Marshmallows, die wir knisternd über Kerzenschein rösteten. Die Atmosphäre war perfekt, wenn dazu noch kräftige Regenschauer auf das Zeltdach hinabprasselten.

    Musste man mal für kleine Mädchen, war das Plumpsklo nicht weit. Davon gab es eine überdachte und eine open-air Version mit atemberaubendem Blick auf Nebelschwaden, die mystisch aus dem Regenwald aufstiegen. Geduscht wurde ebenfalls unter freiem Himmel, vorausgesetzt der Tank war ausreichend gefüllt. Hatte man vergessen Wasser aus dem Damm zu pumpen, mussten Alternativlösungen her, so dass wir uns auch schon mal gegenseitig mit Wasser aus Kanistern übergossen.

    Die Mahlzeiten wurden meist gemeinsam mit der Familie zubereitet und eingenommen. Wir fühlten uns absolut in die Familie inkludiert, was unter anderem daran lag, dass uns bei der Beaufsichtigung der Kinder sowie der Bewirtschaftung der zahlenden Gäste 100%iges Vertrauen entgegengebracht wurde.

    Neben einem gemeinsamen Ausflug zum Strand, durften wir Crosby und Mashca auch auf eine Geburtstagsfeier von Freunden begleiten. Wiedergefunden haben wir uns in einer Hippikommune mit Trommel- und viel zu viel Trancemusik. Mehrfach wurden uns von den liebedurchfluteten Partygästen diverse natürliche Glücklichmacher, wie Magic Mushrooms, angeboten, die wir dankend ablehnten. Glücklich waren wir auch so.

    Oft zogen wir auch mit Zander, Sam und Sharmwarris alleine los, während Mashca und Crosby ihrem normalen Alltag nachgingen. Machten wir uns auf den Weg zu weiter entfernten Zielen, waren wir meist auf Sams alten BMW angewiesen, der wie bereits erwähnt, seine Schwierigkeiten mit den wilden Schotterstraßen hatte. Höhepunkt war ein geplatzter Reifen mitten im Dschungel. Glücklicherweise hatte Sam Ersatz an Bord, so dass das Problem schnell gelöst war. Einer weiteren Herausforderung war das Auto ausgesetzt, als die Brücke, die als einziger Weg in die Stadt führte, nach kräftigen Regenschauern überflutet war. Sam wagte sich nach einigem Hin- und Herüberlegen durch die Wassermassen. Zwar wurden wir entgegen aller Sorgen nicht weggespült, doch fielen bedingt durch die Nässe ein paar Zylinder des tiefergelegte Vehikels zeitweise aus. Bis diese wieder vollständig intakt waren, vergingen mehrere Tage, an denen Sam und Zander geduldig im Motorraum herumwerkelten, da sich das Fahrzeug häufig nicht starten ließ.

    Wann immer es ging, ließen wir den Wagen stehen, um diesen nicht weiteren Strapazen auszusetzen. Bei einer unserer Erkundungen des Regenwaldes, entdeckten wir einen natürlichen Swimmingpool am Fuße eines Wasserfalles. Während dieser beim ersten Mal noch paradiesisch ruhig war, hatte er sich bei unserem zweiten Besuch auf Grund starker Regenfälle in einen tosenden, reißenden Fluss verwandelt. Die übermütigere von uns (Lisa) begab sich ohne lange zu fackeln, getrieben von Abenteuerlust, in die Fluten und wurde von der starken Strömung sofort mitgerissen. Zander sprang heroisch hinterher. Kurz vor dem nächsten Wasserfall, der viele Meter in die Tiefe stürzte, bot ein Felsbrocken in der Mitte des Flusses gerade noch rechtzeitig den vorerst sicheren Halt. Nur mit Teamarbeit und viel Anstrengung konnte das rettende Ufer erreicht werden. Puh, da hatte doch beinah jemand die Kraft des Wassers unterschätzt. Noch einmal Glück gehabt!

    Bei einer weiteren Wanderung wurden wir im Ansatz mit den Ausmaßen der vorherrschenden Waldbrände entlang der Gardenroute konfrontiert. Unser Wanderpfad wurde nämlich von einem umgestürzten, noch qualmenden Baum versperrt und konnte nur durch ein waghalsiges Klettermanöver überwunden werden. Ein paar Kilometer weiter stießen wir auf riesige schwarze Flächen, wo statt des saftig grünen Regenwaldes nur noch Staub und Asche übrig waren.

    Manch ein Abend in Knysna wurde krönend mit der Bewunderung der für uns einzigartigen afrikanischen Sonnenuntergänge sowohl am Strand als auch von der Spitze eines Berges abgeschlossen.

    Eines nachts machten wir uns auf die Suche nach Glühwürmchen. Inmitten der Dunkelheit schlug Shamwarris plötzlich Alarm. Grund dafür war ein näherkommender, weinender Mann, der zusammenhanglos versuchte uns etwas zu erklären. Bevor wir richtig begreifen konnten, worum es ging, tauchten zwei weitere Männer auf. Erst, als wir das Licht unserer Taschenlampen auf sie richteten, sahen wir, dass diese blutüberströmt waren. Tiefe Platzwunden zeichneten sich auf ihren Köpfen ab. Nachdem es uns gelang, die unter Schock stehenden Männer etwas zu beruhigen, verstanden wir endlich, was passiert war: In einer Kurve auf der Schotterstraße habe der Fahrer wegen eines technischen Defektes die Kontrolle über das Auto verloren, woraufhin sie eine Klippe hinuntergestürzt seien. Unser erster Gedanke, einen Krankenwagen zu rufen, konnte wegen zweierlei Dinge nicht umgesetzt werden. Zum einen hatten wir keinen Empfang, zum anderen lehnten die Männer dies vehement ab - wir denken, dass diese vermutlich nicht versichert waren. Auch unserem Instinkt die Wunden zu versorgen, konnten wir nur bedingt folgen. Im Gegensatz zu Deutschland ist es in Südafrika nicht Gesetz Erste Hilfe leisten zu müssen. Ganz im Gegenteil kann man sogar zur Rechenschaft gezogen werden, wenn dadurch weitere Verletzungen zugefügt werden. Außerdem ist das Ansteckungsrisiko mit dem HI-Virus enorm hoch, da jeder fünfte Einwohner in Südafrika damit infiziert ist. So verbrachten wir etwa 1 1/2 Stunden damit, beruhigend auf die Männer einzureden, unsere Jacken mit ihnen zu teilen und entgegen aller Vorsätze zumindest einen provisorischen Kopfverband anzulegen. Dann gelang es Crosby Unterstützung aus der Nachbarschaft zu holen und die Männer wurden letzten Endes doch ins Krankenhaus gefahren.

    Auch während unseres gesamten Aufenthalts in Knysna, waren die Worte 'shap shap' allgegenwärtig. Dies führte dazu, dass wir eine Idee umsetzten, die uns schon länger beschäftigt hatte: ein Freundschaftstattoo. Spontan besuchten wir einen Bekannten von Crosby in seinem Tattooladen. Seitdem zieren die Worte mit den vielen verschiedenen Bedeutungen unsere Arme und werden uns immer an die abenteuerliche und wunderschöne Reise erinnern, die noch lange nicht zu Ende ist!
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