• Hauteville House – wo Exil zur Inspiration wurde

    26. maj, Guernsey ⋅ ☀️ 20 °C

    Victor Hugo – Les Misérables, Notre-Dame de Paris, der grosse Romantiker. Das kannte ich. Was mich jedoch völlig überraschte und faszinierte, war der Mensch hinter den Werken: der leidenschaftliche Handwerker, der visionäre Innenarchitekt, der politische Kämpfer und Förderer der Bildung. Stefan hatte das Haus bereits auf einer Parisreise besucht – für mich war es Neuland. Und was für ein Neuland.
    Hugo kaufte das Haus 1856 mit dem Erlös aus dem Erfolg seiner Gedichtsammlung "Les Contemplations" – und tat dies nicht zuletzt aus einem strategischen Grund: Das Guernsey-Recht verbietet die Ausweisung von Personen, die Eigentum auf der Insel besitzen. Ein Mann, der selbst im Exil mehrere Schritte vorausdenkt.
    Das Haus hatte bis zu seinem Kauf lange leer gestanden – es hiess, es würde darin spuken. Hugo füllte es mit Leben und seiner schier grenzenlosen Kreativität. Viele Objekte im Haus entwarf und fertigte er selbst – darunter der prunkvolle Torbogen in der Eingangshalle, inspiriert von seinem Roman "Notre-Dame de Paris".
    Das Haus führt die Besucher von den dunklen, opulenten Räumen im Erdgeschoss bis zum lichtdurchfluteten Belvedere ganz oben – eine symbolische Reise von den Schatten ins Licht, ganz im Sinne von Hugos Weltanschauung. In diesem "Crystal Room" im obersten Stockwerk verbrachte Hugo seine Morgen beim Schreiben – mit Blick über St. Peter Port und das Meer. Hier vollendete er Les Misérables. Und an klaren Tagen soll man von dort oben die französische Küste sehen können – das Land, aus dem er verbannt worden war.
    Sein Sohn Charles beschrieb das Haus treffend als "ein dreistöckiges Autogramm – ein Gedicht in mehreren Räumen."
    Wer Victor Hugo nur als Schriftsteller kennt, sollte Hauteville House besuchen. Hier begegnet man einem Menschen, dessen Kreativität keine Grenzen kannte – und der selbst das Exil in ein Meisterwerk verwandelte.
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