• Wanderung mit Nervenkitzel

    6. august, Østrig ⋅ ⛅ 22 °C

    Heute Morgen ist das Wetter deutlich besser als erwartet: Als wir unsere erste Tasse Kaffee getrunken haben, kommt sogar die Sonne heraus und vertreibt den Nebel und die Wolken. Daher beschließen wir, noch ein bisschen in der Gegend zu bleiben und – wie von dem österreichischen Wohnmobil-Experten vor zwei Tagen empfohlen – nach Hinterstoder zu fahren, um mit der All-in-Tageskarte der Wurzeralm-Seilbahn und dem Höss-Express ganz nach oben zu gelangen. Von dort aus soll es eine schöne Panoramarunde geben, die wir natürlich gerne in Angriff nehmen, wobei wir uns abschnittsweise für die Trailrunning-Strecke entscheiden, da sie viel abwechslungsreicher und von der Streckenführung her deutlich spannender ist.

    Zu den Höhepunkten zählen der Dachsteinblick – auch wenn wir ihn heute leider nicht erkennen können – sowie weitere Aussichtspunkte am steil abfallenden Fels. Es ist herrlich hier oben, ein echter Geschenktag, da wir heute eigentlich den ganzen Tag über mit Regen gerechnet hatten, der laut Vorhersage erst gegen 18:00 Uhr einsetzen soll. Also wandern wir weiter zum auf 1.999 Meter Höhe gelegenen Schafkogel, und ich gehe alleine noch ein Stückchen weiter Richtung Schröcken. Der Weg wird sehr steil und felsig mit sandigen Passagen, er führt über einen Grat und danach steil an der Abbruchkante entlang – da flattern auch mir irgendwann gehörig die Hosen und ich kehre sicherheitshalber lieber um.

    Joe wartet derweil liebenswürdig auf mich, und so wandern wir über die Schneehöhle zurück zum Berggasthof Höss, wo wir erst einmal einkehren und das wunderbare Panorama genießen. Doch plötzlich donnert es in der Ferne und man sieht eine massive Regenwand auf uns zukommen. Zunächst ist sie noch ganz weit weg, nähert sich dann aber mit rasanter Geschwindigkeit, bis schließlich das pure Inferno über uns ausbricht: Es blitzt und donnert fast gleichzeitig, die Temperatur sinkt dramatisch und der Himmel öffnet alle Schleusen. Wir sprinten zum Sessellift, doch der fährt bereits nicht mehr. Wir stehen im Freien, haben glücklicherweise wenigstens eine Überdachung über dem Kopf und sind zusammen mit einer immer größer werdenden Menschenmenge den eisigen Naturgewalten ausgesetzt.

    Glücklicherweise hatte ich ausnahmsweise zwei dünne Jacken für Joe und mich eingepackt – zwar keine Regenjacken, aber sie wärmen immerhin unsere Oberkörper. Die beiden Mitarbeiter der Seilbahn sitzen währenddessen gemütlich im Warmen mit einem dampfenden Kaffee in ihrer Kabine und sprechen abwechselnd in das Telefon und das Walkie-Talkie; was genau sie besprechen oder vereinbaren, bleibt für uns im Dunkeln. Unwillkürlich muss ich an die Heilbronner Gruppe denken, die am Gründonnerstag, dem 15. April 1954, am Dachstein trotz schönen Frühlingswetters von einem schweren Schneesturm überrascht wurde. Das Unglück forderte damals 13 Menschenleben (drei Lehrer und zehn Schüler überlebten nicht, ein geretteter Lehrer löste damals die bis dahin größte Suchaktion der österreichischen Bergrettung aus).

    Das Tröstliche für uns heute: Irgendwie werden sie uns schon ins Tal schaffen! Nach etwa anderthalb Stunden haben die Seilbahner dann ein Einsehen und lassen uns endlich hinein ins Warme – eine großartige Erleichterung für viele von uns, insbesondere für Familien mit kleinen Kindern und eine 82-jährige Frau aus Hamburg, die nur in einem T-Shirt unterwegs ist. Endlich Wärme, kein Regen und kein Wind mehr! So lässt es sich auch dicht gedrängt beisammen aushalten. Die Seilbahnmitarbeiter erzählen uns, dass sie so etwas auch noch nie erlebt haben – jedenfalls nicht so extrem lange und schon gar nicht im Sommer, sondern eher im Winter. Sie haben wohl einen Bus angefordert, der uns abholen soll, doch dann tauchen plötzlich Fahrzeuge auf: ein VW-Bus und zwei Allradwagen. Kaum sind sie da, hört es auch auf zu regnen, und die Betreiber entscheiden, die Seilbahn wieder in Betrieb zu nehmen.

    Wir nehmen das Angebot für eines der Fahrzeuge dankend an, sitzen wunderbar im Warmen und unterhalten uns mit unserem netten Fahrer, der ganzjährig bei der Bahn beschäftigt ist. Am Ende sind wir einfach nur erleichtert, als wir unser Wohnmobil wieder heil erreicht haben.

    Was für eine Aufregung mit jeder Menge Nervenkitzel! Dieser Tag wird uns ganz sicher noch sehr lange in Erinnerung bleiben.
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