Walking Tour in Chişinău und ASCONI Weingut.
August 29 in Moldova
☀️ 14 °C
Nach einem herrlichen Sonnenaufgang mache ich mich dann schön langsam auf den Weg nach Chişinău. Hab um 10:00 eine Walking Tour. Aber zuvor noch versuchen bei einer Tankstelle die Vignette zu bekommen. Trotzt Sprachbarierre zeigt mir die Mitarbeiterin den Automaten. Easy. Nach 5 min hab ich alles eingegeben. Klappt nicht. Nochmal, error an der Maschine. Dann halt mit Bargeld. Klappt, nur gibt es kein Wechselgeld. Egal.
Im Zentrum von Chişinău angekommen finde ich gleich mal einen Parkplatz. Es hat mich sowieso gewundert, dass der Verkehr relativ geordnet und nicht zu viel ist. Ist doch schon eine größere Stadt.
Andrei führte uns durch Chișinău — eine Stadt ohne das klassische historische Zentrum, die man fast vergeblich nach touristischen Schmuckstücken absucht. Aber genau das war es, was diese Tour besonders machte: Statt Fassaden zeigte er uns das, wofür dieses Land wirklich steht.
Zuerst erklärte er das offizielle Tourismussymbol: den Lebensbaum. „Das ist Moldau", sagte er dabei sinngemäß — ein Symbol, das erzählen soll, wofür das Land bekannt ist. Danach wurde die Tour zu einer Reise durch Geschichte, Politik und Sprache.
Er erzählte, dass Moldau einst groß war und sogar eine Flotte mit einem Hafen im Schwarzen Meer hatte — und dass Suceava in Rumänien lange Zeit die Hauptstadt des moldauischen Fürstentums war. Der Blick zurück machte die Gegenwart umso klarer: Es gibt heute keinen offenen Konflikt mit Transnistrien, doch die Frage der Staatsbürgerschaft ist kompliziert — zwei Pässe sind ok, drei nicht. Viele in Transnistrien Lebende haben aber 3 bis 4 Pässe. Er verwies auf die Gagausen im Süden: eine türkischsprachige Minderheit, die einst vom Kaspischen Raum kam, mit anderer Religion und spürbaren Spannungen.
Von der Politik bleiben mir besonders zwei Bilder: dass der Präsident mehr Macht hat als die Regierung, und das Bild des Aufstands — von einer Abstimmung und Wahlen, die das Ende des Sozialismus markierten. Und dann die Gegenwart in Zahlen: 55 Prozent gelb, pro-EU, 26 Prozent rot, sozialistisch — die Situation ist heute einfach eine andere. Dahinter schwingt die alte Idee mit, Moldau wieder mit Rumänien zu vereinigen.
Und dann ist es auch schon wieder vorbei nach 2 h. Da ich noch immer kein Internet habe besorge ich mir mal eines. 50 GB für 15 Tage um 2.5€. Und das coole dabei, ich brauche nicht mal einen Ausweis vorlegen. Irre. Danach gehe ich noch lecker Essen. Fleisch mit Polenta, Käse und Soße. Dann stresst es mich schon fast wieder. Zurück zum See Duschen und etwas relaxen. Um 17:00 habe ich dann die Weintour bei ASCONI gebucht.
Es ist 17:00 und es geht los. Dass die Weinberge nicht direkt um das Weingut herumliegen, sondern gut zehn Kilometer entfernt, war eine der ersten überraschenden Informationen, die ich bei der Führung erfuhr. Insgesamt sind es 550 Hektar, die seit 1994 von derselben Familie bewirtschaftet werden. Der Name Asconi ist dabei die Marke, die dem ganzen Betrieb das Gesicht gibt: Aus einer ehemaligen Traubenverarbeitungsanlage, die nach der Privatisierung in Familienhand überging, ist hier ein Weingut entstanden, das Tradition und industrielles Können auf bemerkenswerte Weise verbindet.
Schon beim Einstieg wurde mir bewusst, dass ich es nicht mit einem kleinen Familienbetrieb zu tun hatte: vier Millionen Flaschen verlassen das Weingut jedes Jahr, verarbeitet auf vier Linien zu je zwanzig Tonnen Kapazität. Diese Zahlen waren eindrucksvoll, aber erst das Gespräch über die Logistik rundete das Bild. Neunzig Prozent der Produktion gehen ins Ausland, und England ist dabei der stärkste Abnehmer – ein erstaunlicher Fokus für ein moldauisches Weingut. Am Rande erfuhren wir dann noch, dass der jüngste Handelspartner in Jamaika liegt, und dass selbst die Flaschen, in die der Wein später gefüllt wird, eigens aus Italien bezogen werden. Kein Detail scheint hier dem Zufall überlassen zu sein.
Im Herzen der Produktion wurde es dann richtig technisch. Für Weißwein und Rosé wird die Maische zuerst per Wärmeaustausch auf zehn bis zwölf Grad heruntergekühlt, bevor sie in die Pressen gelangt. Anschließend entscheidet die Zeit auf der Maische über den Charakter des Weins: Beim Weißwein lässt man sie rund vierundzwanzig Stunden liegen, beim Rosé nur sechs – weil Kern und Schalen hier kaum Gelegenheit haben sollen, ihre Aromen abzugeben. Danach dominiert draußen ein imposanter Anblick: die großen 30.000-Liter-Tanks, in denen die Gärung abläuft. Ein Rotwein braucht darin etwa eine Woche, ein Weißwein ist schon nach rund vier Tagen so weit, dass er weiterversorgt werden kann.
Richtig spannend wurde es dann im Kaltbereich, wo klar wurde, wie viel Sorgfalt hinter einem klaren, sauberen Wein steckt. Der Wein wird auf minus vier Grad heruntergekühlt, damit die Schwebstoffe langsam zu Boden sinken; dabei lagert sich der sogenannte Weinstein ab, jene Weinsäure-Kristalle, die zu den klassischen Herausforderungen der Kaltstabilisierung zählen und jedem Winzer bekannt sind. Gefiltert wird anschließend mit Kieselgur, einem feinen Pulver, das selbst winzige Partikel zurückhält. Was mich besonders beeindruckte, war der Kontrast zwischen Hightech und Handwerk: Während die Abfüllanlage vollautomatisch und präzise ihre Arbeit verrichtet, werden die Tanks bis heute ausnahmslos von Hand gereinigt – ein Detail, das zeigt, wie viel persönlicher Einsatz in diesem Betrieb steckt.
Am Ende der Linie war der Moment gekommen, an dem sich entscheidet, was später im Glas und in der Nase ankommt: der Verschluss. Beim Weißwein setzt man auf den Schraubverschluss, der den Sauerstoff zuverlässig draußen hält, während man bei anderen Weinen bewusst auf den Korken setzt, der dem Wein das Atmen ermöglicht. Auch moderne Composite-Korken, also Presskorken aus gemahlenem Naturkork, kommen hier zum Einsatz – man merkt, dass jedes Flaschenformat seinen eigenen, durchdachten Weg nimmt.
Den stimmungsvollen Abschluss bildeten schließlich die Eichenfässer: kühle, leicht feuchte Luft, gedämpftes Licht und dieser unverwechselbare Geruch von Holz und gereiftem Rotwein, der einem sofort im Gedächtnis bleibt. Als ich danach hinaus in die warme Sonne trat, wusste ich: Das war mehr als eine Standardbesichtigung – es war ein Einblick in ein Weingut, das mit nahezu wissenschaftlicher Präzision arbeitet und dabei die alte Winzerkunst niemals aus den Augen verloren hat. Und die Frage, welche Flasche wohl zu Hause auf den Tisch kommen soll, hatte ich mir längst gestellt.Read more


































