• Im Reich der Flachland-Gorillas

    21. januar, Congo ⋅ ☁️ 27 °C

    7 Uhr startet die Gruppe mit vier Geländewagen zur Fahrt ins Gorilla-Reservat. Es ist grau und regnerisch. Je weiter wir nach Osten kommen, desto regnerischer wird es. Die Tropen des westlichen Zentralafrika gehören zu den regenreichsten Gebieten der Erde. Auch in der aktuellen „Trockenzeit“. Es blitzt und donnert. Der Scheibenwischer wischt nicht mehr. Kein Grund zum Anhalten. Man orientiert sich einfach auf wenigen Metern Sicht am Rücklicht des vorausfahrenden Autos. Halleluja. Nach ca. 100 km auf asphaltierter Straße geht es noch ca. 20 km durch die Wildnis auf schlammigen Pisten. Als wir das Basislager erreichen schüttet es aus Gießkannen.
    Da hocken wir nun. Ein Ende des Regens ist nicht abzusehen, es rauscht in Gardinen vom Wellblechdach hinab auf den Boden. Ein Ranger bringt Regenjacke und -hosen. Ein anderer trägt Schwimmwesten herbei. Es dauert noch eine ganze Weile des Wartens, doch schließlich kommt der Marschbefehl. Ich schlüpfe in meine Anglerausrüstung, schnappe mir eine der orangefarbenen Westen und trete ins Freie. Tatsächlich, es nieselt nur noch etwas, nach ein paar Minuten auch das nicht mehr. Wir gehen zum Fluss und besteigen drei Boote. Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Insel des Verbannten. Die Zusammenhänge sollte ich erst später verstehen. Ein Anlanden ist hier nicht möglich, der etwa 25 jährige Silberrücken ist kein Softi und alles andere als Anhänger einer sentimentalen Willkommenskultur.
    Er patrouilliert am Ufer, prescht durchs Wasser und startet Scheinangriffe auf die Boote. Ansonsten bzw. Gerade deswegen ist er aber ein hervorragendes Fotomodell.
    Durch Biegungen und Kanäle fahren wir weiter Stromaufwärts.
    Wir legen an und steigen aus. Wenig später stehen wir vor einem Zaun. Der mit Strom gesicherte eiserne Vorhang wirkt wie ein Gefängnis. Allerdings sind die Gorillas dahinter keineswegs eingesperrt, sondern frei und in ihrem Bewegungsradius - außer von den inselbildenden Wasserläufen des Kongo - nicht eingeschränkt. Der Zaun schützt den Menschen. Wir stehen vor der Auswilderungsschleuse, eine Art „Stargate“ zwischen den Universen.
    Man kann nicht einfach einen Gorilla mit dem Boot hierher bringen, das Türchen öffnen, alles Gute wünschen und hinterherhinken. Die Tiere können aus unterschiedlichsten Gründen zutiefst aggressiv sein und ihre gutmeinenden Begleiter umgehend angreifen. Wenn die Tür aufgeht, darf es kein Zurück mehr geben - zum Wohl aller Beteiligten. Manche verschwinden sofort, streunen allein umher oder schließen sich - früher oder später - mit anderen zu einer Familienbande zusammen. Alle sind sie Teil einer inzwischen 70 Tiere umfassenden Gorilla-Gesellschaft, die sich stabil entwickelt. Manche brauchen für die Umgewöhnung etwas länger. So wie das Männchen, welches hinter dem Zaun genüsslich die ihm hinübergeworfenen Zwiebeln, Maiskolben, Bananen und Salatköpfe verspeist. Man darf durchaus von speisen sprechen. Alle Früchte werden sorgfältig geschält und nur das Innere wird verzehrt. Besonders faszinierend finde ich das fachmännische Schälen der Zwiebel. Nur die bräunliche Pelle wird entfernt, ansonsten geht nichts verloren. Das bekomme ich noch nicht mal so geschickt mit meinem Gemüsemesser hin. Er ist noch nicht so lange hier und braucht noch ne Weile. Er kam aus London. Der dortige Zoo hat nur eine Kapazität für 12 Tiere. Überzählige Tiere müssen weg. Im günstigsten Fall dahin, wo sie herkommen. Einst lief er als Gorilla-Junges schon einmal durch den Kongo. Dann wurden seine Eltern erschossen und er einem Zoo verkauft. Ein fürchterlicher Kreislauf.
    Es geht weiter mit dem Boot zu einer Stelle, wo kein Zaun und kein Wüstling das Anlegen erschwert. Allerdings bekommen wir auch keine Gorilla-Gesellschaft. Josi wurde von den Rangern laut bei ihrem Namen gerufen. Unser Reiseleiter unterstützte sie aufopferungsvoll „Mon chéri! Ich bin es, Dein geliebter Aristide! Bitte zeig Dich! Mon amour!“ Es half nichts, sie hatte keinen Bock. Oder sie hatte doch einen. Aber jedenfalls hatte sie keinen Appetit auf Zwiebeln und Bananen und keine Lust auf Aristide.
    Im Geäst am Ufer gegenüber tobt eine Affenbande durchs Kronendach. Noch vor wenigen Tagen hätten wir andächtig stillgestanden und nach oben gegafft, um eine Tierchen zu Gesicht zu bekommen. Nun, im Reich der Gorillas interessiert sich niemand für sie. Vor Tagen hätten auch alle nur geflüstert, um die Äffchen bloß nicht zu verschrecken. Nun aber wird nach Josi gebrüllt und gerufen, damit sie auch im letzten Waldeswinkel noch erfährt, welche Leckereien sie gerade verpasst. Verpasst sie natürlich nicht. Sie weiß, dass die mitgebrachten Früchte trotzdem am Ufer verbleiben. Clevere Dame. Liegt wahrscheinlich gähnend ganz in der Nähe und denkt sich „Haut endlich ab.“ 😉
    Die Affen lassen sich von dem Geschrei übrigens auch nicht stören und lärmen ihrerseits wegen was auch immer. Und so brüllen Affen und Menschen gemeinsam den Urwald zusammen. Unweigerlich fällt mir Tarzan ein. 🙃
    Abfahrt. Auf dem Rückweg kommen wir an einem Flusspferd vorbei, dass ob des Motorboot-Geschwaders rasch abtaucht. Und dann steht wieder unser Verbannter vor uns, der als Serientäter längere Zeit sein Unwesen im Wald getrieben hat. Nachdem er wiederholt Jungtiere getötet hat, entschloss man sich, ihn auf eine weiter entfernte Insel zu bringen, die er nur schwer verlassen kann. Er könnte es, da Gorillas im Unterschied zu Schimpansen ein wenig schwimmen können, aber er fügt sich seinem Schicksal.
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