• Spargel in der Wüste

    30. apr.–1. maj 2024, Forenede Stater ⋅ ☁️ 16 °C

    Wir starten mit Kaffee und den Resten vom Vortag in den Dienstag. Hanna verspeist genüsslich die Reste vom Bergkäse-Salat und ich opfere mich und esse die Reste der riesigen Zimtschnecke. Wir beobachten dabei, wie der von Freddie auf den Tisch geworfene Schatten langsam, aber sicher kürzer wird und nach Überschreiten einer „Grenze“ auf dem Tisch, werden wir dann auch aktiver.
    Hanna übernimmt die gemütliche Morgenrunde mit Bella und ich kümmere mich um den Haushalt. Während ich spüle, die Beutel in den Mülleimern gegen neue ersetze, Tisch sowie Stühle verstaue, die Lüftungsgitter in den Fenstern der Fahrerkabine entferne, von den Keilen rollen und noch gefühlt ein Dutzend anderer Dinge erledige (die bestimmt eh niemanden interessieren), stelle ich zufrieden fest, wie gut und klug unser Ausbau doch ist.
    Wir haben in den letzte drei Monaten Ideen ohne Ende gesammelt, was man an bei einem neuen Camper anders machen könnte. Aber da schwingt natürlich in der Hauptsache die Lust am Bauen sowie Basteln und zum anderen auch das Wissen über das Alter von Freddie mit. Alles in allem gibt es aber nichts, was uns die Tage in Freddie unbequem oder umständlich macht.

    Das nächste Ziel, der Joshua Tree National Park, ist etwas über zwei Stunden entfernt und wir fahren die meiste Zeit mitten durch die Mojave Wüste, natürlich auf einer asphaltierten Straße. Während wir noch in den Genuss kamen, die letzten Nächte auf knapp 800 Höhenmetern zu leben, geht es während der Fahrt erstmal komplett nach unten und wir befinden uns wieder auf Meereshöhe – von Wasser aber weit und breit keine Spur. Dafür sind es dann knapp 32 °C um uns herum und wir kommen beide gehörig in Schwitzen. Da muss dann zwischenzeitlich auch schonmal die Sprühflasche für Bella für uns herhalten. Kurz vor dem Nationalpark ist dann auch wieder „richtige“ Zivilisation in Sicht und ich überrasche Hanna mit einem Stopp an einem Starbucks. Die beiden Frappes habe ich schon vorher bestellt, so dass Hanna nur kurz reinhüpfen muss, um den kalten Genuss abzuholen.

    Wir sind beide sehr froh, dass uns die Topologie des Parks in höhere Gefilde führt und wir immer wieder mit frischer, kalter Luft verwöhnt werden. So schaffen wir es dann auch, die Aussicht auf die berühmten „Joshua Trees“ (zu Deutsch Josua-Palmlilie) zu genießen. Welcher der beiden Namen schöner klingt, mag jeder für sich entscheiden, die Ansicht eines kompletten Waldes aus diesen Bäumen ist dann – mal wieder – atemraubend. Die Bäume werden in der Regel bis zu 150 Jahre alt, wobei es hier im Park auch einzelne Exemplare gibt, die bis zu 900 Jahre alt sein sollen. Hanna hat sich den Artikel über die Bäume bei Wikipedia aufgerufen und erzählt mit der Leidenschaft einer ausgewachsenen Dendrologin, dass diese Bäume zur Familie der Spargelgewächse gehören.

    Nach etwa zwei Stunden haben wir dann den „touristischen“ Teil des Parks abgefahren und entscheiden uns, den Park über den südlichen Ausgang zu verlassen. Die Fahrt ist dann relativ gemütlich und wir können zwischendurch noch den Blick auf ein großes Kakteenfeld werfen.
    Vom Ende des Parks geht es dann direkt auf die Interstate in Richtung der Stadt der Engel. Etwas über drei Stunden Fahrt sind es dorthin noch und wir entscheiden uns, davon noch maximal eine Stunde zu fahren. Immerhin ist es mittlerweile auch schon 18 Uhr und wir wollen nicht in kompletter Dunkelheit ankommen. Die nächste Stunde entlang der Interstate ist dann für uns alle drei auch sehr herausfordernd. Es geht kontinuierlich in Richtung der Sonne durch das Coachella Tal (hier hat übrigens auch vor Kurzem eines der größten Festivals der Welt stattgefunden) und wie es nun mal mit Tälern auch so ist, bergab. Bei knapp 36 °C haben Hanna und ich dann auch unsere Belastungsgrenze gefunden und sind froh, dass wir unseren Stellplatz für die Nacht in den Bergen von San Bernadino vermuten.

    Ein kurzer geplanter Tankstopp sorgt dann erstmal für Fragezeichen in unseren Köpfen. An der Tankstelle gibt es nur Diesel mit einem Bio-Anteil von 20% (B20). Wir fahren also zu einer anderen Tankstelle und hoffen dort auf den anderen, bisher getankten Diesel. Dort gibt es dann aber noch eine ganz andere Art, R99. Anders als B20-Diesel besteht der R99-Diesel aus fast ausschließlichem Biodiesel, mit nur sehr geringen Anteilen fossilen Dieselkraftstoffs. Den Standard-Diesel gibt wohl an keiner der Tankstellen in Kalifornien laut meiner kurzen Suchen im Internet. Wir begrüßen beide den Ansatz, dass durch den Herstellungsprozess der Effekt auf die Umwelt reduziert wird, möchten aber nach Möglichkeit darauf verzichten, uns noch einen Motorschaden einzufangen. Welche der beiden Sorten das geringere Übel für unserem alten Sprinter ist, wird uns auch erstmal nicht klar und wir tanken mutig den B20-Diesel.

    Von der Tankstelle aus geht es dann eine Stunde in Richtung des auserkorenen Stellplatzes, dieser liegt aber direkt am Highway und ist richtig vermüllt. Da wir beide das nicht wirklich einladend finden, fahren wir weiter, und zwar bergauf. Freddie ist mittlerweile in eine richtig kühle Brise getaucht und wir genießen die kalte und frische Luft sehr. Es dauert noch fast eine halbe Stunde, bis wir dann in vollkommener Dunkelheit auf gut 2000 Höhenmetern am Stellplatz im Wald ankommen. Wir können das grün um uns herum natürlich nur erahnen, sind aber beide vom Fleck weg verliebt in den Geruch von Wald.

    Hungrig wie wir sind, nutzen wir für ein schnelles Abendessen den Sandwich-Maker für den Gasgrill und verarbeiten beide mampfend die Eindrücke des Tages. Vom Warmen über die Hitze in die Kälte, von der Tiefe bis in die Berge. Kein anderes Land, dass wir bislang bereist haben, kriegt diese Kontraste auf so wenig Kilometern unter.
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