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  • Day30

    Lebenszeichen aus virtueller Abstinenz

    September 25, 2018 in Canada ⋅ 10 °C

    In der digitalen Lücke der letzten 15 Tage hat sich einiges getan. Wir haben in Vancouver die letzten Pigmente für unsere ohnehin schon vom heimischen Brutkasten verwöhnte Haut erhascht, sind auf Vancouver Island mit eingezogenen Bäuchen durch Höhlen gekrabbelt, haben unseren ersten Bären gesehen, Lachse gezählt (und gegessen), unsere Waden beim Wandern ordentlich glühen lassen, sind im Regen durch die Idylle gepaddelt, haben uns immer wieder aufs Neue von der Natur, ihren jahrhundertealten Bäumen mit elefantenschenkeldicken Durchmessern, den riesigen Berghaufen, den Weiten der türkisblauen Seen und der Freundlichkeit der Kanadier begeistern lassen.

    Wir haben übrigens auch ziemlich flott ein Auto gefunden: Travel Toni. Unseren Dodge Grand Caravan. Der Name stammt noch von seiner Vorbesitzerin Sabrina. Die hat einen Freund, der um die Welt reist und sich dafür auch einen eigenen Sticker gegönnt hat. Und der lachte uns direkt von der Kofferraumklappe an. Travel Toni sieht ein bisschen aus wie Jesus. Also ein Reiseschutzpatron mit fescher Frisur? Passt, dachten wir. Und haben noch ein Paar Wackelaugen drauf geklebt. Für die persönliche Note Glamour. 

    Travel Toni hat nicht nur das Reisen um einiges erleichtert, sondern auch unser Sparschwein. Zum einen, weil in Kanada - je nach Provinz - immer noch mal zarte 12% des Kaufpreises als zusätzliche Steuer abgehen, zum anderen weil man ohne einem gut gebügelten Nachweis über 10 Jahre unfallfreies Fahren ziemlich viele Scheine für die Versicherung hin blättert. Und so sind wir an einem harmlosen Dienstagnachmittag mal eben $4,000 los geworden. Der Prozess des Umschreibens bei der hiesigen Versicherung ist übrigens recht flott gemeistert: 2 bis 3 Unterschriften. Kreditkarte glühen lassen. Kennzeichen wechseln. Tàtà! Travel Toni war nun ganz offiziell unser neues Heim auf vier Rädern. 

    Nach 2 Runden beherzten Aussaugens, 70 verschrubbten Desinfektionstüchern und 35 Wattestäbchen war der Dreck der letzten 13 Jahre aus den Lamellen verschwunden. Eine Wonne für den inneren Spießer. 
    Unser Hab und Gut in 5 Kisten verstaut, die dekadente Ikea-Matratze mit unseren Schlafsäcken bezogen und Toni war komplett für die Reise frisiert. 

    Das Leben auf 6 Quadratmetern lässt einen übrigens ziemlich schnell zum Hygiene-Schmarotzer werden: Zähne putzen auf dem Walmart-Klo oder heimlich nachts auf Campingplätze schleichen, um eine überfällige Dusche zu ergaunern. Auch das Odeur mit Zwiebel, Knoblauch, Weichkäse und nassen Schuhen zu teilen, sorgt beim Türenöffnen immer wieder für einen Krieg der Düfte. 

    Reisen im Auto lässt einen aber auch erkennen, wie wenig man eigentlich braucht. Und wie schön es ist, morgens über die beschlagene Scheibe zu wischen und der Sonne beim Aufgehen zuzusehen. Anhalten zu können, wo man will, frühstücken zu können, wo man will und genießen zu können, wo man will.
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