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  • Day345

    Toronto

    August 6 in Canada ⋅ 🌧 21 °C

    Nach Wochen der Einsamkeit im Grünen war Toronto im ersten Moment ein kleiner Zivilisationsschock. Nirgends in Kanada trifft man auf so viele Menschen auf einmal, wie hier in Toronto. Dass wir an einem verlängerten Wochenende aufgeschlagen sind, an dem auch das größte karibische Festival Ontarios stattfindet, hat zusätzlich noch ein paar Tausend mehr hier her gelockt.

    Trotz dessen verschlendern sich die Massen in Torontos Straßen. Die Stadt ist multikulturell, vielseitig und voller Leben. Sie schafft einen unangestrengten Spagat zwischen polierten Hochhäusern und kleinen Backsteinvillen. Zwischen leidenschaftlich hippen Yuppies und gemütlich abgewohnter Ranzigkeit. Und auch bzw. obwohl wir vier Tage in der Stadt waren und nur den überschaubar touristischen Bruchteil gesehen haben, hat sich der gefürchtete Stadtkoller in ein überraschend entspanntes, abwechslungsreiches Sammelsurium an Eindrücken gewandelt. Wir haben auf dem Antiquitäten-Markt am Lawrence Market gestöbert und den Verkäufern beim Wucherpreisfeilschen gelauscht; sind durch den Distillery District geschlendert, in dem sich allerhand Bars und Künstler stapeln; waren im Legislative Building, das mit opulenten, schweren Holz- und Marmorelementen vor sich hin protzt und dabei Seele durch verschwenderischer Dekadenz ersetzt; haben auf dem Kensington Market Tapas geknuspert; sind in Canada's Wonderland 12 Stunden Achterbahn gefahren und haben auf der weltweit Längsten und Schnellsten unsere Mundwinkel im 150 km/h-Fahrtwind schlabbern lassen; sind durch Gassen mit detailverliebter Straßenkunst geschlendert; haben das alte Rathaus bestaunt und uns über das neue gewundert; haben uns durch das Großstadt-U-Bahnnetz getüftelt und jeden Tag mit Angstschweiß an Toni gedacht, den wir auf mehr oder weniger vertrauenswürdigen, dafür aber kostenlosen Walmartparkplätzen abgestellt haben; waren mit einer von Tims Arbeitskolleginnen aus Banff Cocktail schlürfen; sind an unzählig vielen Regenbögen in Torontos Queer-Viertel vorbei; haben den riesigen, das Stadtbild prägenden CN-Tower aus jeder Seitenstraße beschaut; Kleinkünstler am Yonge-Dundas Square bewundert, dem kanadischen Äquivalent zum Times Square, der zwar unaufgeräumter, aber nicht weniger reizüberflutend wirkt. Und wir haben uns auch den Festivalumzug des Caribana nicht entgehen lassen, bei dem sich kilometerlang Frauen und Männer mit vielen Federn, noch mehr Glitzer und noch viel, viel mehr nackter Haut durch die Straßen tanzten. Und bei dem wunderbar zu sehen war, wie wohl sich die Frauen in ihrer Haut fühlen. Und dass das eine Gramm mehr einfach umso rhythmischer über das knappe Höschen geschwungen wird. 

    Trotz seiner Größe hat Toronto viele liebens- und lebenswerte Fleckchen. Es ist bunt, laut und ein bisschen schroff. Aber nicht auf eine erschlagende, sondern aufregende Art und Weise.
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