• Ralph Lorenz
  • Ralph Lorenz

Camino del Norte

28 Tage, 683km von Bilbao nach Santiago de Compostela auf dem Camino del Norte Læs mere
  • Start på rejsen
    26. april 2025

    Wieso, weshalb, warum.

    17. april 2025, Tyskland ⋅ ☁️ 16 °C

    „Ich bin dann mal weg“ – so begann Hape Kerkelings berühmte Reise auf dem Jakobsweg. Und genauso beginnt jetzt auch meine eigene Geschichte. Seit ich sein Buch gelesen habe, spukt dieser Gedanke in meinem Kopf herum: Einmal den Rucksack packen, einfach loslaufen, irgendwo zwischen Blasenpflaster und Tapas sich selbst begegnen.



    In wenigen Tagen ist es soweit. Ich lasse mein bequemes Bett, meinen Alltag und meine täglichen Routinen hinter mir und tausche all das gegen einfache Unterkünfte, Wanderwege – und vermutlich die eine oder andere Sinnkrise am Wegesrand. Diese Dokumentation soll meinen Weg begleiten: mit Humor, Ehrlichkeit, einem offenen Herzen und hoffentlich einem halbwegs funktionierenden GPS.



    Was mich erwartet? Keine Ahnung. Aber genau das ist ja der Reiz. Ich nehme dich mit – auf eine Reise voller Staub, Geschichten, Begegnungen und wahrscheinlich mehr Paella und Rotwein, als medizinisch empfohlen ist. Also: Bald bin ich dann mal weg.
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  • Abflug nach Bilbao

    26. april 2025, Tyskland ⋅ ☀️ 14 °C

    Hier am Gate wird mir klar: Es geht wirklich los. In mir kämpfen gerade zwei Gefühle gegeneinander – Entspannung, weil endlich alles organisiert ist, und pure Aufregung, weil ich keine Ahnung habe, was mich auf dem Jakobsweg erwartet. Dazu mischt sich eine leise Ehrfurcht vor dem, was vor mir liegt.Læs mere

  • Tag 1

    26. april 2025, Spanien ⋅ 🌧 13 °C

    Alles begann ganz entspannt: Die Autofahrt nach Leipzig, die Flüge über Frankfurt nach Bilbao – alles lief wie am Schnürchen. Doch kaum gelandet, schlug das Schicksal zu: Am Gepäckband wartete ich vergeblich auf meinen Rucksack. Offenbar hatte er in Frankfurt ein anderes Abenteuer gewählt – in einem falschen Flieger oder einfach vergessen auf dem Rollfeld.

    Mit nichts als Handgepäck und einer Portion Galgenhumor machte ich mich auf den Weg ins Stadtzentrum. Schon auf dem Weg merkte ich, dass sich das Wetter nicht an seine Versprechen hielt: Statt Sonnenschein erwartete mich strömender Regen. Ein Regenschirm war schnell besorgt, doch der Weg zur Unterkunft hatte es in sich. 15 Kilometer zu Fuß – durch Regen, Wind und über nasse Straßen, die wie leergefegt wirkten.

    Mein Rucksack? Der reiste, so hieß es, gerade durch Europa: aktuell in Nizza, heute Abend auf dem Weg nach Zürich, morgen hoffentlich bei mir in Bilbao.
    Morgen werde ich noch bis Mittag warten – mit der Hoffnung, dass meine Wanderschuhe rechtzeitig eintreffen - denn morgen geht es los: hinaus aus der Stadt, Richtung Norden an die wilde Küste, und dann weiter nach Westen.
    Hier noch ein paar Bilder des Tages.
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  • Ich warte …😴

    27. april 2025, Spanien ⋅ ☁️ 13 °C

    Guten Morgen nach Deutschland!
    Mein Rucksack hat sich erstmal eine kleine Weltreise gegönnt – über Nizza und Zürich ist er jetzt endlich in Bilbao eingetrudelt.
    Ich hab beschlossen, ihm ein herzliches “Willkommen” zu bereiten und warte hier geduldig, bevor ich später am Tag starte.
    Wird zwar sportlich, aber ohne meine Sachen weiterlaufen? Ehrlich gesagt unvorstellbar – besonders ohne meine Wanderschuhe.
    Außerdem schüttet es draußen sowieso wie aus Eimern – da hält sich die Abenteuerlust gerade sowieso in Grenzen.
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  • Tag 2 - Der Rucksackkrimi

    27. april 2025, Spanien ⋅ 🌙 13 °C

    Der Tag startete vielversprechend: Vogelgezwitscher, Sonnenschein und die frohe Botschaft, dass mein verschollener Rucksack wieder aufgetaucht war. Er sei um 8:30 Uhr mit einem Flieger aus Zürich angekommen. Super, dachte ich, dann bin ich spätestens um 11:00 Uhr startklar. Schließlich hatte ich heute noch 26 Kilometer vor mir.

    Was ich dabei unterschätzt hatte: Ich war in Spanien. Hier ticken die Uhren nicht nur langsamer – sie nehmen sich zwischendurch auch ein kleines Nickerchen. Auf höfliche Nachfrage beim Flughafen hieß es, mein Rucksack würde irgendwann zwischen 14:00 und 15:00 Uhr geliefert werden. Na klar. Warum auch nicht.

    Doch ich hatte einen Plan! Schlau wie ich war, wollte ich einfach per Taxi zum Flughafen düsen, meinen Rucksack eigenhändig schnappen und pünktlich losmarschieren. Die freundliche Dame an der Rezeption griff zum Hörer – und tadaa: Der Flughafen teilte mit, der Fahrer sei schon unterwegs. Ich sah mich gedanklich schon im Zeitplan.

    Ha. Ha. Ha.

    Eine halbe Stunde später klopfte es an meiner Tür – schlechte Nachrichten. Sehr schlechte Nachrichten. Der Flughafen hatte angerufen: Der Fahrer war tatsächlich losgefahren… nur leider ohne meinen Rucksack. Er hatte ihn am Flughafen stehen lassen. Ich wiederhole: Er. Hatte. Ihn. Vergessen.

    Kurz überlegte ich, ob ich den Tag nicht einfach auf der Hotelterrasse mit Sangría verbringen sollte, aber dann siegte der Trotz. Also fix ein Uber bestellt. Der erste Fahrer – Überraschung! – hatte eine Autopanne. Ich fing an zu glauben, ich sei in einer schlechten Comedy-Show gelandet. Der zweite Fahrer schaffte es tatsächlich bis zum Hotel, und ich holte meinen Rucksack schließlich höchstpersönlich ab. Man könnte meinen, wir hätten danach eine kleine Wiedersehensfeier veranstaltet.

    Um 13:00 Uhr (also mal eben zwei Stunden später als geplant) konnte ich endlich loslaufen. Und ja, 26 Kilometer klangen machbar… wäre da nicht diese kleine, fiese Information gewesen: 900 Höhenmeter rauf. Und, weil’s so schön ist, danach 900 Meter wieder runter. Meine Beine haben geweint. Laut.

    Zuerst ging’s steil bergauf, auf Wegen, die eher für Gebirgsgämse als für müde Wanderer gemacht sind. Danach stolperte ich den Berg wieder runter und war kurz davor, einen Rollator zu bestellen. Danach folgte ein traumhafter Küstenabschnitt – Postkartenidylle pur. Ich hätte weinen können – vor Freude diesmal.

    Doch das Schicksal wollte nochmal testen, wie viel ich aushalte: Zum Abschluss durfte ich noch an einer Bundesstraße entlanglatschen, den Autos praktisch in die offenen Arme. Feierlich.

    Nach sieben Stunden kam ich endlich an meinem Ziel an. Komplett erledigt, aber glücklich. Und mein Rucksack? Der hat übrigens kein einziges Mal gejammert.

    Fotos vom Wahnsinnstag – wie immer im Anhang.
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  • Tag 3 – Im Gespräch mit meinem Rucksack

    28. april 2025, Spanien ⋅ 🌙 16 °C

    Der Tag begann, wie man es sich bei einer epischen Reise erwartet – mit einem ernsten Gespräch. Allerdings nicht mit einem Weisen, einem Einsiedler oder gar einem bärtigen Pilger. Nein, ich sprach mit meinem Rucksack.
    Er gestand mir – leicht zerknirscht –, dass er sich in Frankfurt und Bilbao absichtlich versteckt hatte. Der Grund? Ganz einfach: Er dachte, er müsse mich die ganze Strecke tragen. Ein klassisches Missverständnis unter Reisegepäck.
    Nach einigen Minuten intensiver Verhandlungen und einem feierlichen Schwur („Ich trage dich! Wirklich!“), einigten wir uns: Der Rucksack bleibt tapfer an meiner Seite bis Santiago.

    Versöhnt und voller Tatendrang machten wir uns gegen 9:00 Uhr in Castro Urdiales auf den Weg. Die ersten Kilometer liefen sprichwörtlich wie geschnitten Brot – oder besser gesagt wie frisch gebackene Croissants. Ich traf unterwegs Pilger aus Frankreich, England und Kalifornien und später noch eine Frau aus Österreich. Die Welt schien heute kleiner zu sein als mein Handtuch.

    Die Route führte zunächst direkt an der Küste entlang – atemberaubend schön und windig genug, um auch ohne Fön die Haare zu stylen. Zur Mittagszeit entdeckte ich ein gemütliches Café, das so freundlich aussah, dass ich ihm einfach nicht widerstehen konnte.
    Nach der Pause kam die erste große Entscheidung des Tages: sollte ich dem Rat meiner App folgen und einen abenteuerlichen Küstenberg erklimmen oder lieber auf dem regulären Camino bleiben?
    Mit der gestrigen Tortur noch frisch im Muskelgedächtnis entschied ich mich für den sicheren Camino. Eine kluge Wahl – dachte ich. Denn anstelle der versprochenen 27 Kilometer verwandelte sich der Weg auf wundersame Weise in knackige 33 Kilometer. (Ich beginne zu vermuten, dass meine App ein gewisses Maß an sadistischem Humor besitzt.)

    Unterwegs holte ich die österreichische Pilgerin wieder ein – sie kämpfte tapfer an einem steilen Anstieg. Wir beschlossen, eine Weile gemeinsam zu gehen, was angesichts der Höhenmeter auch dringend nötig war.
    Doch nach ein paar gemeinsamen Kilometern trennten sich unsere Wege wieder – und ich landete auf einer Route, die sich anfühlte wie eine schlecht kalibrierte Achterbahn: hoch, runter, hoch, runter. Wieder und wieder. Mein Rucksack schien das Ganze übrigens als lustige Mutprobe zu sehen.

    Endlich, völlig erschöpft erreichte ich mein Hotel in Laredo – nur um festzustellen, dass Spanien heute von einem landesweiten Stromausfall heimgesucht wurde.
    Zuerst wunderte ich mich nur darüber, dass das WLAN tot war. Dann wurde klar: Auch warmes Wasser und damit Wäsche waschen waren gestrichen.

    Also nahm ich eine heroische kalte Dusche und beschloss, mich in den Garten zu setzen und ein Buch zu lesen. Vielleicht war das der Moment, in dem ich wirklich auf dem Camino ankam: weniger Komfort, mehr Geschichten.

    Im Anhang wie immer ein paar Bilder des Tages – inklusive Rucksack, der jetzt wieder bester Laune ist.
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  • Tag 4

    29. april 2025, Spanien ⋅ ☀️ 23 °C

    Der Tag begann wie immer: 7:00 Uhr, sanftes Aufwachen. Danach das übliche Badezimmer-Ballett und ab zum Frühstück, heute mit Croissant und Schokoaufstrich. Lecker.
    Erstaunlich übrigens, was der Körper so über Nacht leistet – gestern noch ein Häufchen Elend, heute wieder fast wie neu.

    Gegen 9:00 Uhr schnürte ich also wieder meine Wanderschuhe – die mich mittlerweile mit einem gewissen Misstrauen ansehen – und startete auf meine heutige 27-Kilometer-Etappe.

    Kurz nach dem Start traf ich einen Vater, der den Camino mit seinen beiden Kindern läuft – neun und vierzehn Jahre alt.
    Ich lächelte bewundernd, nickte anerkennend und dachte kurz: „Wäre das nicht auch was für meine Mädels?“
    Dann hörte ich innerlich schon die kollektive Antwort: „Waaas? Wandern? Ohne WLAN? Und mit Blasen an den Füßen? Niemals!“
    Also ließ ich den Gedanken wieder ziehen – wie eine besonders schwere Etappe. Manche Wege muss man eben allein gehen. Oder mit einem still leidenden Rucksack.

    Die ersten fünf Kilometer führten mich entspannt an einer Strandpromenade entlang. Ziel: eine kleine Fähre, die mich über die Bucht nach Santoña bringen sollte. Easy, dachte ich.

    Mit mir unterwegs: drei Spanier und ein vager Plan. Doch statt eines Fähranlegers standen wir plötzlich wie bestellt und nicht abgeholt an einem riesigen Strand. Keine Fähre, keine Brücke, nicht mal ein Schild.
    Gerade als wir überlegten, ob wir vielleicht zum Segelclub müssen oder einfach aufgeben und eine Sandburg bauen sollen – Pfiff! Ein Mann auf einem Boot winkt uns wild zu und zeigt auf den Strand.
    Dann das Wunder: Das Boot kommt direkt zu uns, klappt eine Treppe runter – und voilà, der wahrscheinlich lässigste Kapitän Nordspaniens schippert uns stilecht über die Bucht.

    Angekommen in Santoña ging es motiviert weiter – bis mein rechter Fuß plötzlich anfing, zu meckern. Ganz leise zunächst, dann immer lauter. “Ich glaube, ich wachse!”, schien er zu rufen. Und zwar in Form einer monströsen Blase.
    Also: Notstopp, Schuhe aus, Sockenwechsel, inniger Fußmonolog. Glücklicherweise war’s ein Fehlalarm.

    Danach erwartete mich ein merkwürdig langer, endloser Mauerspaziergang. Irgendwann dämmerte mir: das ist ein Gefängnis. Ich war definitiv auf der besseren Seite.
    Dann kam er. Der Anstieg. Nicht einfach ein Hügel – nein, das hier war eine Mischung aus Kletterpark, Zirkusnummer und wilder Bergprüfung. Steile Treppen, rutschige Felsen, Balanceakte à la Cirque du Soleil. Ich schwitzte wie ein Kochtopf. Aber oben angekommen: Wow!
    Links der wilde, tobende Atlantik. Rechts ein ruhiger, kilometerlanger Traumstrand. Und ich mittendrin – ganz der romantische Abenteurer (mit schiefem Hut und verschwitztem Shirt).

    Der Abstieg führte mich direkt auf einen dieser Postkartenstrände, auf dem ich sechs Kilometer lang wie in Zeitlupe dahinschritt. In Noja angekommen: Mittagspause! Essen, trinken, Seele auftanken.
    Wie üblich lief danach die zweite Tageshälfte eher zäh dahin. Mein Körper schaltete auf „Pilger-Notstrom“, während die Strecke sich in die Länge zog wie Kaugummi in der Sonne.

    Die letzten Kilometer führten durch hübsche kleine Dörfer, staubige Feldwege und leider auch ein paar „Oh, da fahren Autos“-Straßen. Höhenmeter? Zum Glück kaum. Sonne? Dafür volle Breitseite.
    Verschwitzt, sonnenverbrannt und erstaunlich gut gelaunt kam ich schließlich an meiner heutigen Unterkunft an – und stellte fest: Trommelwirbel – ich habe die ersten 100 Kilometer geschafft!

    Ich überlege, mir dafür ein Stück Torte oder eine Statue zu gönnen. Oder beides.
    Hier wieder ein paar Fotos des Tages und zur Abwechslung auch ein paar von den langweiligen Stücken.
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  • Tag 5 – Die Sache mit den Kontrasten

    30. april 2025, Spanien ⋅ ☁️ 25 °C

    Die Nacht verbrachte ich in einer Posada, die so charmant war, dass ich mich fast in ein Kitschfilm-Set versetzt fühlte. Betrieben wurde sie von einem älteren Ehepaar, das aussah, als wäre es direkt aus dem Bilderbuch der spanischen Gemütlichkeit entsprungen.

    Das Bett war so himmlisch bequem, dass ich erst gegen acht Uhr erwachte – eine absolute Seltenheit! Wobei… vielleicht hatte das auch mit dem sehr engagierten Nachbarn zu tun, der bis 22:30 Uhr offenbar eine innige Beziehung zu seinem Rasenmäher pflegte. Ich vermute, er träumt nachts von perfekten Schnittkanten.

    Zum Frühstück gab’s dann ein liebevoll zubereitetes Toast mit Ei und Schinken, frischen Kaffee und Obst – und ich fühlte mich wie ein König auf Wanderschaft.

    Gegen zehn Uhr machte ich mich auf den Weg – heute ging’s über charmante Nebenstraßen Richtung Küste. Links und rechts: sattgrüne Kuhweiden und träge Pferdekoppeln. Der Wind wehte mir gelegentlich den Duft von Oleander um die Nase, und das Konzert der Vögel und Grillen war so perfekt abgestimmt, dass selbst Mozart applaudiert hätte.

    Nach einigen Kilometern dann: eine riesige Strandbucht, so menschenleer, dass ich kurz dachte, ich hätte mich in ein Werbefoto verirrt. In der Ferne blitzte schon mein heutiges Ziel: Santander.

    Der Camino zeigte sich heute von seiner Schokoladenseite – Steilküste, Meerblick, Meeresrauschen. Ich stapfte also kilometerlang mit dem Atlantik zur Rechten, der Sonne über mir und dem Pilgerlächeln im Gesicht. Ab und zu kam mir ein Einheimischer entgegen, der mir ein fröhliches „Hola!“ oder ein wohlwollendes „Buen Camino!“ zurief – ich erwiderte mit einem breiten Grinsen, als hätte ich schon den halben Jakobsweg hinter mir.

    Am Ende des Küstenwegs wartete ein riesiger Sandstrand – ein richtiges Postkartenmotiv! Da entschied ich kurzerhand: Schuhe aus, Füße rein, Camino deluxe.

    Ein junger Mann sprach mich an und verkündete bedeutungsvoll: „Weiter westlich gibt’s keine so schönen Sandstrände mehr!“ – ein Wink mit dem Badetuch? Offenbar. Also: rein in den 13 Grad kalten Atlantik! Ich weiß nicht, ob mein Kreislauf applaudierte oder einfach kurz ausstieg, aber wach war ich danach auf jeden Fall.

    Nach dem Bad: wohlverdiente Pause in einem Strandcafé. Ein leckerer Salat mit Meeresfrüchten und frischem Baguette, Blick aufs Meer – Pilgerherz, was willst du mehr.

    Dann ging’s weiter, aber nur ein kleines Stück, denn bald kam eine Fähre, die mich bequem ins 5 km entfernte Santander schipperte. Und jetzt das Beste: Diese 5 km zählen zur heutigen Tagesstrecke! Statt 25 musste ich also nur 20 Kilometer laufen – es sind eben die kleinen Dinge, die einen Pilger so richtig glücklich machen.

    Doch nun, Szenenwechsel: Willkommen in Santander! Hauptstadt von Kantabrien, 170.000 Einwohner und… komplett anderes Setting. Statt Vogelgezwitscher nun Großstadttrubel. Statt Pferdekoppeln: hupende Autos und eilige Menschen.

    Ich kämpfte mich durch die Straßen, vorbei an Geschäften, Cafés und riesigen Häuserfassaden, die immerhin angenehmen Schatten spendeten. Und plötzlich – ein magischer Moment: Ich verstand ein Schild! Ein echtes spanisches Straßenschild! Danke, Duolingo. Dein Eulenwahn war doch nicht umsonst.

    Nach ein paar Kilometern ging’s raus aus der Stadt – durch einen eher… sagen wir “ästhetisch herausgeforderten” Vorort – und schließlich erreichte ich gegen 16:30 Uhr mein Ziel.

    Fazit des Tages: Von malerischer Einsamkeit bis Großstadtgewusel – der Camino del Norte ist ein echter Verwandlungskünstler. Und ich? Bin mittendrin, barfuß, beglückt, und ein kleines bisschen salzwasserverklebt.
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  • Tag 6

    1. maj 2025, Spanien ⋅ ☁️ 18 °C

    Die Nacht war, sagen wir mal, von überschaubarer Qualität. Mein Bett stand nämlich direkt über einem 24-Stunden-Fitnessstudio – ja, so was gibt’s wirklich. Und offenbar gibt es Menschen, die um fünf Uhr morgens das dringende Bedürfnis verspüren, Gewichte zu stemmen. Ich hingegen verspürte um fünf Uhr nur das Bedürfnis, meine Ruhe zu haben. Vergeblich.

    Als ob das nicht gereicht hätte, tat auch noch eine Straßenlaterne direkt vorm Fenster ihr Bestes, mein Zimmer in ein nächtliches Fußballstadion zu verwandeln. Also: Rollo runter, Licht aus, Augen zu und durch.

    Das Frühstück am nächsten Morgen? Passte sich nahtlos an: in Ordnung, aber mit wenig Erinnerungspotenzial. Um 9:00 Uhr war ich marschbereit. Und ja – marschieren ist hier ganz bewusst gewählt. Denn während ich loszog, erinnerte ich mich unwillkürlich an frühere Zeiten. An den 1. Mai, als wir mit Fähnchen in der Hand durch die Stadt marschieren mussten. Damals noch nicht ganz freiwillig – aber immerhin geübt. Wer das durchgestanden hat, zuckt auch heute beim Wandern nicht so schnell mit den Schultern.

    Diesmal ging’s nicht an der Küste entlang, sondern durch Vororte und später entlang von Autobahnen und Bahntrassen. Landschaftlich eher unter dem Motto: “Man kann nicht jeden Tag einen Kalender fotografieren.” Ich machte mir schon Sorgen, was ich am Abend überhaupt berichten soll – denn außer Lärm, Asphalt und Beton bot die erste Hälfte wenig Inspirierendes.

    Wenigstens hatte ich für ein Stück Weg Gesellschaft: Ida, eine Spanierin, gesellte sich zu mir. Wir plauderten, lachten – und dann verabschiedete sie sich, um den Rest der Strecke mit dem Zug zurückzulegen. Tja, dachte ich, nicht jeder marschiert bis zum bitteren Ende.

    Das Wetter war erfreulich: 15 Grad, bewölkt – also ideal für alle, die nicht schon nach fünf Kilometern aussehen wollen wie nach einer Tropenexpedition. Kurz: Wandern ließ sich’s gut.

    Zur Mittagszeit fand ich ein kleines Café, das mir fast wie eine Oase vorkam. Kaffee, was zu beißen – das Leben kann so einfach sein.

    Dann die Entscheidung: bleibe ich im Tal auf dem klassischen Camino oder nehme ich den spannenderen Weg über einen kleinen Hügelkamm durch den Wald? Natürlich entschied ich mich für die Abwechslung. Ein bisschen Abenteuer muss ja sein – immerhin will man abends mehr erzählen als nur „Ich bin geradeaus gelaufen.“

    Der Anstieg war machbar, ein bisschen keuchen, ein bisschen schwitzen – nichts, was den Puls dauerhaft in Panik versetzt hätte. Aber dann: oben angekommen, stand ich vor einem Zaun. Groß. Abschreckend. Und eindeutig beschildert: Privatgelände – Betreten verboten. Keine Umleitung, kein kleiner Pfad drumherum – nur die Erkenntnis: Dieser Weg führt hier nicht weiter.

    Also: Rückzug. Wieder runter ins Tal, zurück auf den offiziellen Camino. Und das alles für ein paar Minuten Abwechslung. Aber wie sagt man? Auch Umwege gehören zum Weg – oder zumindest zum Kapitel „Lernen durch Schmerz“.

    Da der Regen für den Nachmittag angekündigt war, sparte ich mir weitere Pausen und kam gegen 15:00 Uhr an meinem Tagesziel an – müde, aber im Großen und Ganzen zufrieden.

    Im Anhang noch ein paar Fotos des Tages. Zugegeben, die Auswahl war nicht leicht – weniger, weil es zu viel gab, sondern weil ich mich gefragt habe: “Wie viele Bilder von grauen Feldwegen braucht ein Mensch?”
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  • Tag 7 – Ich und meine Macken

    2. maj 2025, Spanien ⋅ ☁️ 19 °C

    Wisst ihr, was das Schöne am Pilgern ist? Man lernt sich selbst kennen – ob man will oder nicht. Und am siebten Tag sprach ich: „Oh, hallo, neue Macke!“

    Rückblick auf gestern Abend.
    Mein Abendbrot? Ein Burger. In einer typisch spanischen Bar. Ich war um 18:30 Uhr da – locker eine halbe Stunde nach Öffnung. Dachte ich. Die Küche hatte allerdings noch Siesta. Die öffnete nämlich erst um acht. Klar. Spanien eben. Ich bestellte mir einen Weißwein, seufzte innerlich und beobachtete das Treiben – oder besser gesagt: das akustische Chaos.

    Denn spanische Bars sind keine stillen Rückzugsorte. Nein. Sie sind ein Klanggewitter! Ein Stimmenorchester, bei dem alle gleichzeitig dirigieren. Jung spricht mit Alt, Alt mit Jung, und alle dazwischen reden dazwischen. Und trotzdem – es funktioniert. Ein buntes Miteinander, das in seiner Lautstärke irgendwie herzlich ist. Und plötzlich fühlt man sich mittendrin, auch ohne ein Wort zu verstehen.

    Der Burger? Nun ja, er war da. Das Patty war eher in der Kategorie „Snack“, aber ich war dankbar, überhaupt etwas Essbares gefunden zu haben, das nicht aus meiner Notration bestand.

    Die Nacht verbrachte ich in einer Posada – kleine Fenster, dicke Wände, viel Charme. Schlaf? Eher ein Besuch. Denn mein innerer Wecker hat beschlossen: „21:00 Uhr ist spät genug, du Wanderopa.“ Rechne acht Stunden drauf, und schon ist’s fünf Uhr. Meine biologische Uhr tickt offensichtlich nach Pilgerzeit.

    Da das Frühstück erst ab neun war, hatte ich – ihr ahnt es – wieder Zeit zur inneren Einkehr. Ich packte mein Zeug, meditierte über den langsamen Lauf der Dinge und freute mich auf Toast mit Käse, Schinken, Kaffee und frisch gepresstem Orangensaft. Spanien mag es spät, aber was sie dann bringen, ist erste Klasse.

    9:30 Uhr, Start der Tagesetappe. Und dann beginnt das Ritual. Die App wird gestartet, die Schritte zählen, die Kilometer auch. Bei 2,7 km sage ich mir: „Schau an, schon 10 %.“ Bei 5,4 km: „Weiter so, du Maschine.“ Ab 10 km wird’s spannend – dann beginnt die mentale Cafésuche. Aber, meine goldene Regel: Keine Pause vor der Hälfte! Ich weiß, es ist sinnlos – aber hey, Macken machen den Menschen.

    Die Straßen waren leer, denn der 2. Mai ist hier ein Feiertag. Ida, meine verlässliche spanische Quelle, hatte mich gewarnt. Nur zwei freundliche ältere Herren begegneten mir, wild gestikulierend, um mir zu zeigen: „Da geht’s lang, junger Mann!“ Ich zeigte aufs Handy und Ihre Mienen hellten sich auf – Vertrauen in die Technik, check!

    Dann kam ich nach Santillana del Mar – ein Ort wie aus dem Bilderbuch. Kopfsteinpflaster, mittelalterliche Fassaden, urige Läden – fast kitschig. Ich ließ die ersten Cafés links liegen. Prinzipien sind Prinzipien! Doch das letzte Café grinste mich so charmant an – ich konnte nicht widerstehen. Café con Leche und ein Orangensaft. So lecker, ich nahm zwei. Beim Bezahlen wollte die Kassiererin 6 € tippen – schaffte es aber nicht über 0,06€ hinaus. Technik-Held in Pilgermontur betritt die Bühne. Zwei Klicks, Uhr dran, Bezahlung abgeschlossen. Ihr Blick: Ehrfurcht. Mein Gedanke: „Tja, Pilgern kann auch digital.“

    Dann – der Regen. Anfangs Schirm, dann doch Regenjacke. Mein Rucksack bekam seinen Regenschutz – sicher ist sicher, ich will ja keinen beleidigten Wandersack mitschleppen. Und als ich so durch den Niesel stapfte, kamen mir drei Schulklassen entgegen. 30 Kinder, alle „Buen Camino!“ auf den Lippen. Ich grinste mich durch ein ganzes „Gracias“-Feuerwerk. Kinder und Regen – eine bessere Pilgersegnung gibt’s kaum.

    Später der Blick auf die Berge. Schnee! Im Mai! Ich dachte schon, mein Weißwein hätte optische Nebenwirkungen. Aber nein – wirklich Schnee. Zum Glück ging mein Weg drumherum. Denn Schneeschuhwandern ist in Turnschuhen eher suboptimal.

    Die restliche Strecke: Felder, kleine Dörfer, manchmal ein Blick aufs Meer. Mittagessen? Fehlanzeige. Kein Café weit und breit. Ich wagte einen Versuch in einem Restaurant – es war rappelvoll. Die Kellnerin erklärte: nur Menü – drei Gänge. Leider keine Option mit 7 Kilometern vor der Brust. Also Cola, Verschnaufpause, weiter.

    17:00 Uhr, Tagesziel erreicht. Füße müde, Herz voll. Eine neue Macke mehr im Gepäck. Und das stille Wissen: Jeder Tag auf dem Camino macht dich ein kleines Stück verrückter – aber auch ein kleines Stück glücklicher.

    Und dann wurde mir klar: Heute habe ich ein Viertel der Strecke bis Santiago geschafft.

    Ein Viertel!
    Ohne Fanfaren, ohne Konfetti – aber mit dem stillen Stolz, der sich tief innen breitmacht, wenn man merkt: „Ich bin wirklich unterwegs. Es passiert.“
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  • Tag 8 – Ich bin offiziell eingegroovt!

    3. maj 2025, Spanien ⋅ ☁️ 17 °C

    Gestern Abend. Ein Rückblick:

    Nach dem Erreichen der sagenumwobenen 1/4-Marke meines Weges – und ja, ich habe sie feierlich mit hoch erhobenem Wanderstock überschritten – versprach ich mir selbst eine Belohnung. Und wie jeder Pilger mit gesundem Appetit (und einer Internetverbindung) tat ich, was man tut: Ich fragte TripAdvisor.

    Die Antwort: ein Restaurant, das nicht einfach ein Treffer war, sondern ein kulinarischer Volltreffer mit Ansage. Wenn meine Geschmacksknospen sprechen könnten, hätten sie gejauchzt! Vorspeise? Ein Meeresfrüchtesalat mit Tintenfisch, so zart, dass selbst Poseidon eine Träne vergossen hätte. Hauptgang? Thunfisch, perfekt gebraten – außen stolz, innen zart.

    Satt, beseelt und seelisch eins mit dem Ozean, fiel ich ins Bett. Doch nicht ohne mein abendliches Ritual: das heilige Fußeincremen. Ob es was bringt? Keine Ahnung. Aber ich fühle mich danach wie ein Mensch, der sein Leben im Griff hat.

    Der Morgen begann… nun ja… ruppig. Gegen sieben riss mich der Weckruf meiner Frau aus dem Schlummer. Sie musste arbeiten, ich nicht – das schien ihr ungerecht. Also: früh wach. Wieder kein Zurück in Morpheus’ Arme.

    Also Bad. Und dann Frühstück.

    Ach ja. Das Frühstück.

    Wenn das Abendessen eine 11 auf der Skala war, dann war das Frühstück ein knurrender Magen auf einem leeren Stuhl in einem kahlen Raum. Kein gedeckter Tisch, kein Buffet, keine Seele weit und breit. Ich fragte mich, ob ich vielleicht versehentlich in der Abstellkammer gelandet war.

    Nach ein paar ratlosen Minuten kam eine Dame auf mich zu und fragte: „Was wollen Sie?“ Ich, höflich: „Frühstück.“ Sie, pragmatisch: ein Kaffee, ein Stück Brot, ein Teller mit genau einer Scheibe Käse und einer Scheibe Schinken. Dazu ein Fingerzeig auf Marmelade und Butter, die so traurig aussahen, dass selbst ein Toast sie umarmt hätte.

    Kurz darauf: zwei Franzosen, gleicher Blick, gleiche Enttäuschung. Einer von ihnen wies die Dame diskret darauf hin, dass die Butter abgelaufen sei. Seit letztem Jahr.

    Na gut. Um neun stand ich draußen vor dem Hotel in Comillas, bereit für den Tag. Was ich nicht wusste: Dieses kleine, unscheinbare Städtchen besitzt sowohl einen Palast als auch eine päpstliche Universität. Klar doch. Ich dachte, ich sei in einem hübschen Küstenkaff – dabei war ich praktisch mitten im Vatikan light.

    Der Weg führte mich durch den Nationalpark Oyambre – ein Naturkino vom Feinsten: Links die verschneiten Berge, rechts der Atlantik, vorne der Weg, hinten… meine müden Beine.

    Einziger Haken: Der Weg lief streng entlang der Straße. Asphaltromantik, wie sie keiner liebt.

    Beim Überholen einer Pilgergruppe an einem Anstieg (und ja, ich fühlte mich dabei kurz wie der Tour-de-France-Sieger der Herzen), schaute ich auf die Uhr und dachte nur: „Du Biest!“ – zu mir selbst, versteht sich.

    Und plötzlich fiel er mir wieder ein – der Schuhverkäufer meines Vertrauens. „Nach einer Woche hast du dich eingegroovt“, hatte er gesagt. Damals wusste ich weder, was das bedeutet, noch wie man sich eingoovt, aber jetzt? Jetzt bin ich da. Voll im Groove. Eingegroovt wie eine alte Schallplatte. Leider hat mir niemand gesagt, ob man sich danach auch wieder ausgrooven muss. Aber das ist ein Problem für den Zukunfts-Ich.

    Im nächsten Ort gönnte ich mir ein Päuschen im Café. Getränke? Kein Problem. Essen? Frühestens in einer Stunde. Ich wartete tapfer. Nach 20 Minuten bot mir der Kellner frittierte Calamari an. Ich – hungrig wie ein Wolf nach der Fastenzeit – sagte Ja. Spoiler: Das war keine gute Idee. Fettige Tintenfischringe und zehn Kilometer Wanderweg vertragen sich wie Katzen und Staubsauger.

    Kurz danach traf ich zum ersten Mal auf dieser Reise auf andere Deutsche. Allerdings schien ihnen ein mächtiger Anstieg wichtiger als Smalltalk. Verständlich. Bei 20% Steigung wird jedes Gespräch zur Herausforderung.

    Der Rest des Tages: kleinere Straßen, Feldwege, alles wunderbar. Nur meine Unterkunft lag natürlich wieder mal nicht direkt am Weg, sondern versteckt hinter einem weiteren kleinen Berg.

    Ich dachte mir: Sei schlau, geh außen herum! Die Straße ist sicher sanfter!

    Haha. Nein. Fast genauso steil. Nur länger. Aber gut – oben angekommen wartete immerhin eine traumhafte Aussicht.

    Und jetzt? 200 Kilometer liegen hinter mir. Ich wiederhole: Zweihundert. Zeit für die nächste Belohnung! Ich check mal wieder, was sich Spanien heute für meinen Gaumen ausgedacht hat.

    Fotos vom Tag sind im Anhang – und morgen hören wir uns wieder.

    Sonnige Grüße vom Camino!
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  • Tag 9 – Heldentaten und Höhenangst

    4. maj 2025, Spanien ⋅ ☁️ 15 °C

    Rückblick auf den gestrigen Abend:
    Die 200-km-Marke war geknackt – wenn das kein Grund zum Feiern ist, dann weiß ich auch nicht! Google und meine allwissende Restaurant-App schickten mich auf eine 3-Kilometer-Expedition (Hin- und Rückweg!) zu einem Lokal, das im Internet aussah wie ein kulinarisches Märchenschloss.

    Wichtig zu wissen in Spanien: Abendessen gibt’s hier nicht vor acht – das wäre ja barbarisch. Die Einheimischen gehen erst gegen neun oder zehn an den Start. Ich war also fast zu früh (wer hätte das gedacht), ergatterte aber noch einen Platz. Weißwein? Ja bitte. Tintenfisch als Vorspeise? Auch das. Nicht jedermanns Sache, aber ich steh auf das Zeug.

    Und ich schwöre: Ich bin echt kein Food-Fotograf. Aber dieses Essen… das war keine Mahlzeit, das war ein Gedicht auf einem Teller.

    Die Nacht danach? Weniger spektakulär. Mein Bett war so hart, ich dachte kurz, ich hätte aus Versehen im Geräteschuppen übernachtet. Direkt vor dem Fenster eine dieser spanischen Supernova-Laternen, die mein Zimmer in ein EM-Finale verwandelten.

    Frühstück um neun – immerhin. Kaffee, Brot, alles dabei. Gegen halb zehn ging’s los. 32 Kilometer lagen vor mir und die Wetter-App grummelte was von Regen am Mittag. Mein Enthusiasmus hüpfte wie ein nasser Hund im Regenmantel.

    Der erste Abschnitt führte – natürlich – wieder um einen dieser lieb gewonnenen spanischen Hügel. Aber diesmal von der anderen Seite, was immerhin ein paar Höhenmeter sparte. Zurück auf dem Camino dann der erste “Aufreger”: Blaulicht, Sirenen, Polizei – ich dachte schon an einen Banküberfall mit Flucht über den Jakobsweg. War aber nur ein Radrennen. Straße gesperrt, Aufregung umsonst.

    Ein paar Kilometer weiter traf ich bekannte Gesichter – Pilger aus Frankreich, die ich schon öfter gesehen hatte. Freundliches Nicken, aber nix mit Pause. Zu früh.

    Dann der historische Moment: Ich verließ Kantabrien und betrat Asturien. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein mittelalterlicher Eroberer. Erst das Baskenland, dann Kantabrien – und nun also Asturien. Wenn ich am Ende auch noch Galicien schaffe, brauche ich nur noch eine Krone.

    Der Weg stieg wieder an. Ich schnappte mir innerlich das grüne Trikot der Bergwertung (alternativ nehme ich auch das gepunktete, danke). Ich überholte Pilger, fühlte mich wie ein König. Bis ich zwei traf, die sich beim Näherkommen plötzlich hemmungslos küssten. Gespräch wohl eher nicht gewünscht. Ich ging also weiter – der Camino und ich, wir verstehen uns auch ohne Worte.

    Dann die Erinnerung: „Achtung, gefährlicher Abschnitt“ hatte meine App gewarnt. Ich sah mich schon Indiana-Jones-mäßig über Abgründe schwingen.

    Zunächst aber: Natur pur! Der Weg führte durch Wiesen, Kühe, Pferde, Ziegen, Schafe – das volle Landidyll. Und dann, an der Küste: Wiedersehen mit den beiden Küssern – Ute und Robert aus Bayern. Turns out, sie sind nicht nur verliebt, sondern auch sehr sympathisch.

    Zusammen wanderten wir weiter. Dann kam der Abschnitt. Und der war wirklich nichts für schwache Nerven: Ein schmaler Felsbogen, vielleicht zwei, drei Meter breit – kein Geländer, darunter der Atlantik. Und ich? Höhenangst deluxe. Während Ute und Robert seelenruhig rübermarschierten, musste ich meine Knie überreden, weiterzugehen. Aber hey – ich hab’s geschafft.

    Danach: Mittagspause für mich, mexikanischer Salat – die beiden zogen weiter, sie hatten besser gefrühstückt. Noch 14 km lagen vor mir, der Weg blieb hübsch – Wiesen, Kühe, Schafe, Sonne. Nur ein deutsches Ehepaar, das mir begegnete, wollte nicht so recht ins Gespräch kommen. War wohl ein “Heute-nicht-Tag”.

    Kurz vor dem Ziel: Noch mal ein Anstieg, weil – klar – kein Camino-Tag endet ohne Schweiß. Oben dann die Frage: Straße oder Wanderweg? Ich traf erneut auf Ute und Robert und dachte: Ach komm, Wanderweg klingt nett.

    Aber dann: Der vermeintliche „Weg“ entpuppte sich als Trampelpfad, der fast senkrecht ins Tal führte. Kein Dank. Also Plan B: zwei Kilometer Umweg durchs Tal, zwei Kilometer zurück zur Unterkunft. Um 17:30 Uhr kam ich an – komplett fertig, aber lebendig.

    Und jetzt noch was in eigener Sache:
    Ich weiß, ihr seid da draußen. Ich sehe die Klickzahlen. Ihr lest das hier jeden Abend, heimlich und anonym – wie früher beim Bravo-Lesen unterm Bett. Also: Meldet euch. Ich möchte euch zu einer Selbsthilfegruppe zusammenführen. Oder benutzt wenigstens die App, damit ich weiß, wer ihr seid. Sonst gibt’s den ganzen Spaß noch mal live bei euch zu Hause – ungefragt und mit extra Ausschweifungen.

    Im Anhang wie immer: die besten Bilder des Tages. Macht’s gut – bis morgen!
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  • Tag 10 – Geburtstagsständchen

    5. maj 2025, Spanien ⋅ 🌧 13 °C

    Der Tag begann… anders. Der Wecker meinte schon um 6:40 Uhr, dass Schlaf völlig überbewertet sei. Mit Sand in den Augen und einem Look irgendwo zwischen Zombie und Höhlenmensch griff ich zum Handy. Warum? Klar: FaceTime-Geburtstagsspezial für meine Louisa – ab heute offiziell Teenager! Ich trällerte ein „Happy Birthday“, das irgendwo zwischen liebevoll und schräg lag. Sie tat höflich überrascht. Es gab ein Stück virtuelle Torte (kalorienfrei, aber auch geschmackfrei) und das Versprechen: Sobald ich wieder in Deutschland bin, holen wir das mit ordentlich Konfetti nach.

    Kaum war der familiäre Festakt vorbei, schlüpfte ich zurück in den Alltagstrott: Zähne, Frühstück, Rucksack – los geht’s. Die Wetter-App versprach einen Tag voller nasser Überraschungen: Regen bis zum Nachmittag. Na wunderbar. Also Regenjacke an, Schirm aufgespannt, und ich stapfte tapfer los.

    Nach den gestrigen Strapazen und dem aktuellen Himmelstheater entschied ich mich für die „light“-Version der heutigen Etappe: schlappe 22 Kilometer. Direkt vor der Haustür meiner Unterkunft dann die erste Entscheidung: bequem die Straße nehmen oder den malerischen Küstenpfad entlangwandern? Natürlich entschied ich mich für die Romantik der Küste – was konnte da schon schiefgehen?

    Spoiler: Alles.

    Schon nach ein paar hundert Metern verabschiedete sich der Weg leise in eine nasse Wiese. Der Trampelpfad mutierte zum Planschbecken. Meine Hose saugte sich fröhlich voll, das Gras klatschte wie Applaus dagegen – nur eben sehr, sehr feucht. Und dann: die Krönung. Ich stand auf einer riesigen Kuhweide. Keine Kühe, kein Weg, aber viel Matsch. Verlaufen! Meine Hosenbeine? Tropfende Schwämme. Die Schuhe? Noch standhaft – aber nicht mehr lange.

    Ich drehte ein Stück um, entdeckte den Pfad wieder (Halleluja!) und kämpfte mich durch Gebüsch, das mir freundlich bis zur Hüfte reichte. Zurück wollte ich jetzt auch nicht mehr – also: Augen zu, Kopf einziehen, durch. Der „Weg“ bestand aus Brombeeren, wilden Ranken und vermutlich urzeitlichem Farn. Meine Hose? Jetzt wirklich durch. Und ich? Genau 2 Kilometer von der Unterkunft entfernt und schon ein Fall für den Trockner.

    Kurz vor dem rettenden Ende: ein letztes Hindernis. Das Dickicht war so zugewachsen, dass nur noch eine winzige Öffnung blieb. Für Limbo-Tänzer vielleicht ein Klacks, aber mit einem Zehn-Kilo-Rucksack? Ich ging in die Hocke wie ein Ninja auf Survival-Mission – und schlüpfte durch.

    Wieder auf festem Boden jubelte ich innerlich – bis ich merkte, dass meine Schuhe endgültig aufgegeben hatten. Nass bis zum Knöchel, stapfte ich durch die nächste Stadt, die allerdings eher wie ein ausgestorbenes Filmset wirkte. Kein Mensch. Keine Pilger. Nur ich, meine nasse Hose und das leise Plätschern meiner Socken.

    Doch siehe da – meine Laune fing sich. Die Hose trocknete langsam, der Regen hörte auf, und ich fand zurück zur Küste. Die Sonne kämpfte sich hervor, und mit ihr kehrten auch Lebensfreude und Optimismus zurück.

    Gegen Mittag fand ich endlich ein kleines Café – mit trockenem Ersatzschuhwerk im Gepäck. Ich wechselte Schuhe, fühlte mich wie ein neuer Mensch, und gönnte mir etwas Stärkung.

    Der Rest des Tages? Fast schon idyllisch! Der Himmel wurde blau, die Tiere machten auf Kuschelkurs (statt panisch Reißaus zu nehmen) und ich wanderte entspannt über Feldwege und durch winzige Dörfer meinem Tagesziel entgegen.

    Um 15:00 Uhr war ich da. Perfektes Timing: genug Zeit zum Schuhe trocknen, Wäsche waschen und – nicht zu vergessen – nach einem ordentlichen Abendessen Ausschau halten. Denn heute ist wieder Belohnungstag: Ein Drittel der Strecke ist geschafft! Wenn das kein Grund für eine Extraportion Dessert ist, weiß ich auch nicht.
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  • Tag 11

    6. maj 2025, Spanien ⋅ ☀️ 12 °C

    Der gestrige Abend begann mit einer simplen Mission: Abendessen finden. Einfach, dachte ich. Naiv, dachte das Universum. Zwar wimmelte der Ort nur so von Cafés und Kneipen – doch es war Montag. Und Montag ist in dieser Region offenbar der inoffizielle „Heute-kocht-keiner“-Feiertag.

    Ich war schon auf dem Rückweg zur Unterkunft, Schirm holen (der Himmel sah aus, als würde er gleich alles abladen, was er seit Ostern gesammelt hatte), als ich ein Licht im Fenster eines Cafés sah. Ich fühlte mich wie ein Schiffbrüchiger, der ein Leuchtfeuer entdeckt. Und tatsächlich: es hatte offen! Dazu noch einladend – man will ja nicht in irgendwas enden, was aussieht wie eine Kantine aus einem Tarantino-Film.

    Der Laden hatte nicht nur offen, sondern auch Stil. Ich entschied mich mutig für Kammmuscheln – optisch eine Art Jakobsmuschel in der Kompaktversion. Dazu ein Glas Weißwein, und mein innerer Feinschmecker war zufrieden. Mein Magen auch.

    Die Nacht war ein Gedicht. Endlich mal ein Bett, das diesen Namen auch verdient. Weich, gemütlich – ein Himmel auf Matratzenfedern. Die Minibar brummte zwar vor sich hin, als wolle sie gleich abheben, aber nach einem beherzten Griff zur Sicherung war Ruhe im Karton.

    Auch das Frühstück ließ keine Wünsche offen: belegte Croissants (schon fertig – Luxus!), frisches Obst, O-Saft, Rührei – ein Pilgerfrühstück deluxe. Ich überlegte kurz, ob ich nicht einfach bleiben sollte.

    Am Nebentisch entdeckte ich eine bekannte Nase: Marlies aus München, die ich gestern auf dem Weg getroffen hatte. Wir kamen ins Gespräch – wie das bei Pilgern so läuft – und beschlossen, gemeinsam loszuziehen. Laut Wetter-App war heute Sonne angesagt. Hahaha. Schön wär’s gewesen.

    Keine fünf Minuten später fing es an zu schütten. Natürlich. Die App kann man auch direkt gegen eine nasse Socke eintauschen – ungefähr genauso zuverlässig. Also Regenjacke an, Mütze tief ins Gesicht und weiter.

    Marlies präsentierte mir stolz ihre Reise-App FindPenguins. Ich nickte wissend. „Kenn ich. Nutze ich auch.“ – digitale Pilgerfreunde eben. Unsere Vorbereitungen glichen sich wie ein Ei dem anderen: ein Jahr Duolingo-Spanisch (ich kann inzwischen einen Kaffee bestellen und um Hilfe schreien), Trainingsmärsche am Wochenende, alles dabei.

    Und dann – Klassiker – kam das Berufsthema. Marlies arbeitet – Trommelwirbel – in der IT. SAP-Beraterin. Ich sag’s ja: Der Camino ist offenbar das inoffizielle Offsite-Treffen der Tech-Branche.

    Gegen Mittag erreichten wir die einzige Stadt des Tages – und ein Café, in dem wir uns stilecht mit Orangensaft, Kaffee und belegtem Brötchen stärkten. Der Regen hatte ein Einsehen, die Sonne kam heraus und wir wärmten uns auf wie Eidechsen auf dem Gehweg.

    Der Weg wurde landschaftlich traumhaft – durch Wälder, über Wiesen, am Strand entlang. Klingt romantisch, wäre da nicht der Matsch gewesen. Und mit „Matsch“ meine ich: eine spaßige Mischung aus Sumpf, Seife und Schlitterbahn.
    Irgendwann kam Hanna aus Berlin dazu – aus Duo wurde Trio, und der Rest des Tages verging in guter Gesellschaft und mit viel Gelächter. Kurz vor meinem Abzweig zur Unterkunft machten wir noch eine letzte Pause – Café, trockene Socken (Pilger-Gold!) und ein bisschen Ausblick genießen.
    Wir kamen noch an einer alten Herberge vorbei, wo es Brauch war, seinen Herkunftsort auf ein kleines Holzschild zu schreiben. Die Sammlung ist inzwischen beeindruckend – als hätte jemand Europa auf Zahnstocher geschnitzt.

    Dann hieß es Abschied nehmen. Ich bog vom offiziellen Camino ab – noch zwei Kilometer zur Unterkunft.

    Fotos vom Tag gibt’s im Anhang – inklusive Matsch. Bis morgen, ihr Lieben – Grüße aus dem Norden Spaniens!
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  • Tag 12 – Höhenmeter und IT-Mysterium

    7. maj 2025, Spanien ⋅ ☀️ 16 °C

    Der gestrige Abend versprach zunächst ein entspannter Klassiker zu werden: Kneipe um die Ecke, 50 Meter Fußweg – was soll da schon schiefgehen? Antwort: Eine ganze Menge.

    Erfahren durch zahlreiche kulinarische Rückschläge der letzten Tage, stapfte ich strategisch gegen 20:00 Uhr zur örtlichen Kneipe, sicherte mir einen Tisch, bestellte einen Weißwein – und freute mich wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum, dass das Fußballspiel Inter Mailand gegen Barcelona lief. Perfekter Abend?

    Pustekuchen. Als ich höflich nach der Speisekarte fragte, bekam ich mit einem bedauernden Schulterzucken ein „Only lunch, no dinner“ serviert. Mein Magen, gerade noch im Champions-League-Modus, reagierte prompt mit einem tiefen, beleidigten Grollen.

    Ein schneller Blick aufs Handy: 50 Meter weiter ein Hotel mit Restaurant – Hoffnung keimte auf! Ich leerte den Wein im Rekordtempo, zog los… und stand nur Minuten später vor verschlossenen Türen. Hotel geschlossen. Stimmung am Tiefpunkt.

    Also zurück zur Kneipe, Augen auf Hunger gestellt. Mit einer Mischung aus internationalem Zeichentheater, bröseligem Spanisch und Google-Translate gelang es mir tatsächlich, den Wirt zu überzeugen, mir doch noch zwei belegte Brötchen aus dem Hut – oder besser: aus dem Kühlschrank – zu zaubern. Ich nahm sie dankbar entgegen, thronte wenig später auf einer Parkbank in der Abendsonne und genoss mein improvisiertes Abendmahl mit der Würde eines Michelin-Testers.

    Lehre des Tages: Immer eine Notration im Rucksack. Immer.

    Zurück in der Unterkunft beendete ich den Tag stilecht: Fußballspiel auf dem Handy, Brötchenreste im Bauch, Pilgerfrieden im Herzen.

    Der nächste Morgen begann… anders. Kein Frühstück. Keine Bäckerei. Kein Café. Keine Gnade. Ich war um 8:30 Uhr schon marschbereit, weniger aus Motivation, mehr aus Hungerflucht.

    Nach sechs Kilometern erreichte ich endlich einen Ort mit Supermarkt – und traf dort wieder auf Ute und Robert. Wie alte Bekannte am Bahnsteig trafen wir uns zwischen Joghurtregal und Saftflaschen. Frühstück: Schokocroissant und O-Saft, stilecht auf dem Bordstein verzehrt.

    100 Meter weiter – und ich übertreibe nicht – endlich ein Café! Ich setzte mich zu den beiden, bestellte einen Kaffee con leche, atmete auf. Koffein. Zivilisation. Leben.

    Wir beschlossen, den Tag gemeinsam zu wandern. Und siehe da: Beim Quatschen verflog die Zeit – und die Kilometer – wie von selbst. Natürlich kam irgendwann das Gespräch auf Berufe. Und was soll ich sagen: Robert arbeitete bis zu seiner Rente… genau… in der IT. Ich beginne ernsthaft zu glauben, dass der Camino ein von Tech-Konzernen unterwanderter Selbstfindungstrip ist. SAP, Java und Cloud scheinen hier heimlich mitzupilgern.

    Der Weg selbst? Wenig Meer, viel „rauf und runter“. Höhenmeter deluxe. Immer wenn man denkt: Jetzt ist’s geschafft, wartet hinter der nächsten Biegung ein Hügel, der nur dazu da ist, dein Selbstvertrauen zu zerschmettern. Dafür keine Cafés – man kann eben nicht alles haben.

    Am Zielort angekommen, gönnten wir uns eine letzte gemeinsame Stärkung, tauschten Nummern und verabredeten uns für ein Abschieds-Abendessen. Denn morgen schlagen Ute und Robert den Camino Primitivo ein – ein anderer Weg nach Santiago. Schnief. Der Pilgeralltag ist auch ein bisschen wie „Speed-Dating mit Wanderschuhen“ – man trifft sich, lacht, läuft, und irgendwann geht’s weiter.

    Im Hotel erwartete mich das übliche Nachmittagsritual: Duschen, WLAN-Passwort suchen (und fluchen), Kleidung waschen, Route checken, Duolingo-Lektion durchpeitschen und natürlich: Abendbrot-Scouting.

    Zum Abschluss heute ein paar Gedanken, die ich aus einem anderen Blog mitgenommen habe – Worte, die so treffend sind, dass ich sie am liebsten selbst geschrieben hätte. Sie bringen auf den Punkt, wie ich mich gerade fühle: frei, verbunden, müde, aber glücklich. Der Camino hat diese ganz eigene Magie – und ja, sie funktioniert auch mit Schokocroissant-Frühstück und belegtem Brötchen in der Abendsonne.

    Manchmal beginnt eine Reise ganz einfach mit dem Wunsch, den Kopf freizukriegen. Man packt seinen Rucksack, schnürt die Schuhe und geht los – nicht immer wissend, wohin einen der Weg führen wird. Ich bin nun seit einiger Zeit auf dem Camino del Norte unterwegs. Was als Wanderung begann, ist längst zu etwas anderem geworden. Spanien hat dabei nicht nur mein Tempo, sondern auch meinen Blick auf vieles verändert.

    Es fällt mir ehrlich gesagt ein bisschen schwer, an zu Hause zu denken. Nicht, weil ich Deutschland nicht mag – ganz und gar nicht! Aber ich lebe hier gerade so sehr im Moment, dass der Alltag unglaublich weit weg erscheint.

    Hier in Spanien fühle ich mich einfach wohl. Die Menschen sind offen, freundlich und auf eine unaufdringliche Art herzlich. Es ist diese ruhige, respektvolle Art im Umgang miteinander, die mich jeden Tag aufs Neue berührt. Egal ob im Café, auf der Straße oder beim Bäcker – überall ein Lächeln, ein nettes Wort, ein echtes Gefühl von Willkommen.

    Was mir besonders auffällt: Alles wirkt ein kleines bisschen gelassener. Kinder werden liebevoll umsorgt, Hunde laufen selbstverständlich an lockerer Leine nebenher, und ältere Menschen sind mitten im Leben – unterwegs, präsent, oft begleitet von ihren Kindern oder Enkeln. Es fühlt sich harmonisch an. Wie ein Miteinander, das Raum für alle lässt.

    Und dann diese Atmosphäre in den Bars: Morgens geht man nicht einfach nur frühstücken – man trifft sich. Jung und Alt, laut oder leise, mit Kaffee oder Churros – das Leben spielt sich draußen ab. Es wird erzählt, gelacht, diskutiert. Diese Leichtigkeit ist ansteckend. Ich nehme sie jeden Tag ein Stück mehr in mich auf.

    Vielleicht liegt es auch am Pilgern selbst. Der Camino del Norte verändert nicht nur den Blick auf die Landschaft, sondern auch auf die Menschen. Ich schaue genauer hin. Und entdecke dabei, wie viel Wärme, Humor und Lebensfreude im spanischen Alltag stecken.

    Natürlich ist nicht alles perfekt – aber das spielt hier gerade keine Rolle. Es ist diese besondere Mischung aus Sonne, Kultur, Gemeinschaft und Herzlichkeit, die mich trägt. Und manchmal denke ich: Wie schön wäre es, ein paar Monate im Jahr hier zu leben. Nicht, um vor etwas zu fliehen – sondern um dieses Gefühl ein bisschen länger festzuhalten.
    Ich weiß, dass ich irgendwann zurückkehren werde – in den Alltag, nach Hause. Aber ich nehme etwas mit: diese Gelassenheit, das offene Miteinander und die stille Kraft, die in einfachen Momenten steckt. Der Camino del Norte ist mehr als ein Pfad entlang der Küste – er ist ein Stück Leben, das bleibt.
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  • Tag 13 – Halbzeit

    8. maj 2025, Spanien ⋅ ☁️ 15 °C

    Der gestrige Abend? Ein kleines mexikanisches Finale für meine Weggefährten Ute und Robert und mich. Nachdem die heiligen Pilgerpflichten des Nachmittags (Duschen, WLAN-Ritual, FindPenguins, Duolingo-Opfergabe) erledigt waren, trafen wir uns gegen 19:30 Uhr zum Abschiedsessen. In einem Restaurant, das genauso klein wie gemütlich war und bei dem der Taco ein Lächeln hatte, ließen wir den gemeinsamen Caminoabschnitt ausklingen. An dieser Stelle: Gracias, ihr beiden! Es war schön, euch kennenzulernen – und fast ein bisschen schade, dass wir nicht noch ein paar Kilometer zusammen gehen.

    Am nächsten Morgen gab’s dann wieder ein Frühstück, das mein Pilgerherz höherschlagen ließ: Toast, Schinken, Käse, O-Saft, Café con Leche – und zwei gigantische Stücke Tortilla. Für Uneingeweihte: Das ist wie ein Kartoffel-Eier-Kuchen in der Form eines Gebäcks, das aussieht, als hätte ein Spanier versucht, das Bauernfrühstück neu zu erfinden. Fazit: Funktioniert!

    Ein finnischer Reiseleiter plauderte noch kurz mit mir – offenbar trifft sich auf dem Camino alles zwischen Fjord und Feuerland. Um 9:30 Uhr dann Abmarsch, Etappenziel: Gijón. 28 Kilometer. Zwei Anstiege. Kein Erbarmen.

    Noch schnell beim Supermarkt eingekauft. Ich stand lange vor dem Schinkenregal und überlegte ernsthaft, ob ich mir einfach so einen Jamón über die Schulter lege – als Marschverpflegung, natürlich. Es blieb beim Gedanken, aber ich hätte definitiv Eindruck gemacht.

    In der Wildnis Spaniens traf ich dann auf meine zwei polnischen Wanderkumpels. Seit Tagen begegnen wir uns wie alte Klassenkameraden im Pausenhof. Heute beschlossen wir, nicht nur zu grüßen, sondern die Strecke gemeinsam zu gehen. Dabei wurde nicht nur geschnauft, sondern auch philosophiert. Er, Spediteur, kennt Zwickau – das verpflichtet natürlich zur Freundschaft.
    Dann erzählten sie mir eine Geschichte, die alles hatte: Verzweiflung, Hoffnung, Erotiklicht.
    Sie suchten einmal ein Hotel, das laut Google gar nicht existierte. Ein Spanier hatte sie gewarnt – „gibt nix da“. Aber sie versuchten es trotzdem. Hinter dem Haus: eine Tür, keine Klinke, aber eine Klingel. Es öffnete eine sehr freundliche Dame mit auffällig buntem Licht im Hintergrund. Auf ihre Frage nach einem Zimmer antwortete sie sinngemäß: „Natürlich – aber das hier ist La Casa de Chicas.“ Also eher… Unterkunft mit erweiterten Serviceleistungen. Da kann man sicherlich eine unvergessliche Nacht verbringen.

    Im Gehen wurde schnell klar: Das ist unser letzter gemeinsamer Tag, denn die beiden nehmen morgen den Bus nach Santiago.

    Nach dem ersten Abstieg – endlich! – das einzige Café des Tages. Keine Diskussion, sofort rein. O-Saft, Kaffee, Mini-Mittag. Danach ging’s weiter, und wir nahmen auch den zweiten Anstieg tapfer gemeinsam. Kurz vor Gijón verabschiedeten wir uns. Die beiden wollten noch eine Rast einlegen, ich zog weiter. Ein letztes Foto, ein festes Händeschütteln, ein stilles „Buen Camino“ im Wind.

    Und da, wie vom Schicksal geschickt, tauchte plötzlich Michael auf. Ein Pilger aus dem Allgäu, den ich mittags kennengelernt hatte. Wir liefen gemeinsam in die Stadt. Nach dem üblichen Camino-Kurzverhör („Woher? Wohin? Warum?“), fragte er, wo ich denn in Deutschland herkomme. Ich: „Zwickau.“ Er: „Ah, der FSV!“ – und zack, das nächste pädagogische Thema: Fußballkunde.

    Zur Abwechslung mal kein ITler: Michael ist Pfarrer. In Hessen. Damit war er der erste Mensch auf dem Camino, der beruflich nicht mit SAP, Servern oder Cloudspeichern zu tun hat. Eine wahre Camino-Rarität!

    In der Stadt trennten sich unsere Wege, aber wir gehen davon aus, dass wir uns wieder begegnen werden. So ist das hier eben.

    Meine Unterkunft liegt nah an der Altstadt – wobei, Altstadt ist vielleicht etwas zu optimistisch gesagt. Der Hafen ist nett, die Straßen sind da, aber der Charme… eher zurückhaltend. Eigentlich hatte ich hier einen Ruhetag eingeplant, aber sagen wir so: Ich hab spontan Lust auf weiterwandern bekommen.

    Heute Abend werde ich aber Ausschau nach etwas Besonderem halten. Denn – Tusch, Trommelwirbel, Gitarrensolo – ich habe die Hälfte meines Weges nach Santiago geschafft! Ob’s dafür eine Tapas-Medaille gibt? Mal sehen.
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  • Tag 14

    9. maj 2025, Spanien ⋅ ☁️ 14 °C

    Manchmal beginnt ein Pilgertag nicht mit einem „Buen Camino“, sondern mit einem deprimierten Blick aus dem Fenster und dem Gedanken: Warum genau tu ich mir das eigentlich an?
    Denn: Es hat die ganze Nacht geschüttet, als hätte Petrus seinen Eimer-Fetisch entdeckt. Motivation? Auf einer Skala von „frisch gepresstem O-Saft“ bis „nasses Toastbrot“ war ich eindeutig letzteres.

    Aber jammern hilft ja nichts – die nächste Unterkunft ist gebucht, und Absagen auf dem Jakobsweg ist wie beim Schach rückwärts ziehen: eigentlich nicht vorgesehen.
    Beim Frühstück – immerhin ordentlich, mit Wiedersehen der finnischen Wanderkompanie – dann der Lichtblick: Der Regen hat aufgehört! Der Himmel bleibt zwar skeptisch grau, aber es ist trocken. Ich ziehe los.

    An der Strandpromenade begegnet mir eine Frau, die mutig bei 13 Grad ein Bad im Atlantik nimmt. Während ich mich noch in drei Lagen Funktionskleidung einmummle, wirft sie sich in die Wellen wie ein Fisch in der Werbung. Mein voller Respekt – und auch ein bisschen Gänsehaut beim Zuschauen.

    Ein letzter Gruß an Hafen und Altstadt – wobei „Altstadt“ in Gijón eher bedeutet: hier stehen noch zwei ältere Häuser, aber die wissen selbst nicht warum. Dann schluckt mich der Rand der Stadt, und es beginnt: die Industrie-Etappe. Laut Reiseführer wird dieser Abschnitt gerne per Bus übersprungen. Warum? Nun, weil’s schöner ist, mit Aussicht auf Kühe und Kirchen zu wandern als zwischen qualmenden Schloten und Stahlträgern.

    Aber ich bin ja kein Fair-Weather-Pilger. Wenn schon, dann richtig. Also marschiere ich los – schnurstracks an einer Straße entlang, umrahmt von grauen Hallen, rostigen Rohren und der leisen Frage: Ist das hier noch Spanien oder schon Mordor?

    Nach 5 Kilometern ein erster Lichtblick: Ein netter Herr ruft mir das erste „Buen Camino“ des Tages entgegen. Ich antworte wie ein echter Spanier: „¡Gracias!“
    Kurz danach: Stille. Der Camino verlässt die Straße für ein paar himmlische Minuten. Ich höre… nichts. Keine LKWs, keine piepsenden Gabelstapler. Nur Wind. Und mein Herz.

    Doch die Idylle ist von kurzer Dauer. Plötzlich ragt ein riesiges Industriegebiet auf. Schornsteine recken sich wie die Orgelpfeifen der Hölle in den Himmel, aus denen weißer, brauner und schwarzer Rauch aufsteigt. Ich komme mir vor wie im Vatikan bei Dauerpapstwahl. Wer auch immer gewählt wurde – bitte schickt besseres Wetter!

    Und als hätte die Szene Regie, fängt es just in dem Moment wieder an zu regnen. Natürlich.
    Aber – positiv denken – ich hab ein Drittel geschafft! Und jetzt, Trommelwirbel: Der Weg biegt ab! Raus aus der Industriemelancholie!

    Klar, es geht direkt in einen knackigen Anstieg, aber ich höre keine Maschinen mehr, sondern Wind und Vögel. Ich atme tief ein. Das hier, das ist Camino.
    Am Horizont erspähe ich andere Pilger – offenbar war ich doch nicht der Einzige, der den Busboykott durchgezogen hat.

    Ein längerer Abschnitt durch Wald und Flur folgt – begleitet vom Bellen eines Hundes und dem Schreien eines Hahns, beides angenehmer als jede Kreissäge.
    Mittagspause? Gibt’s heute an einer kleinen Kirche mit Bank. Ich nenne das mal: Pilger-Michelin mit spirituellem Ambiente.

    Und dann wird’s sogar richtig schön. Kleine Asphaltwege, Felder, Wiesen – die Seele atmet auf. Mein Ziel? Schon ganz nah. Haha. Denkste.

    Ab hier warten 2,7 km Autobahnromantik. Links die A8, rechts die Bahnlinie. In der Mitte ich – der ewige Wanderer.
    Pilgern auf dem Standstreifen – das hat was. Nur nicht das, was man will.

    Aber auch das ist irgendwann geschafft. Und siehe da, am Straßenende steht plötzlich ein bekannter Weggefährte – wir hatten uns die letzten Tage immer wieder gesehen. Wir tauschen ein paar Worte, dann geht’s weiter.

    Ein Café rettet mich noch mal mit einem kleinen Snack, ein letzter Anstieg unter Sonne – und dann: Etappenziel erreicht. Füße hoch, Blick zurück – und ein bisschen Stolz mischt sich mit dem Matsch an den Schuhen.

    Die Bilder zeigen heute auch mal das was man so in keinem Reiseführer findet.
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  • Tag 15

    10. maj 2025, Spanien ⋅ 🌧 13 °C

    Der gestrige Abend:
    Buffet.
    Es war alles da – Fisch, Salat, und das Beste: Nachtisch. Milchreis in einer Schüssel, die bei mir zu Hause als Suppentopf durchgehen würde. Dazu zwei Gläser Schokomousse und ein Windbeutel als Deko.
    Die Spanier lieben Milchreis – und ich liebe, dass die Spanier Milchreis lieben.
    Am Ende war ich satt, glücklich und rundum zufrieden. Schlaf? Kam sofort.

    Nach einem stärkenden Frühstück mit Rührei, Bacon und frischem Kaffee startet mein 15. Tag auf dem Camino del Norte bei mildem Wetter, allerdings mit Regenvorhersage für den Nachmittag. Ich entscheide mich dennoch für meine Laufschuhe – mit dem Wissen, dass der Untergrund heute wechselhaft sein wird.

    Die ersten zwei Kilometer führen mich zurück auf den offiziellen Jakobsweg. Die Strecke verläuft zunächst durch eine etwas vernachlässigte Siedlung, deren Charme sich nur mit viel Fantasie erschließt. Kurz darauf passiere ich erneut das große Industriegebiet rund um Avilés – ein Überbleibsel der Zeit, als Nordspanien industriell boomte. Der Camino führt hier abschnittsweise nahe an Werksgeländen und rauchenden Schloten vorbei, was wenig romantisch, aber durchaus authentisch ist. Auch das gehört zum Camino: die Kontraste.

    Nach rund 5 km geht es an der Uferpromenade entlang in die Stadt Avilés hinein. Das Zentrum ist lebendig, mit vielen Cafés, Geschäften und Menschen. Doch ich halte mich an meine Regel: keine Pause vor der Hälfte der Tagesstrecke. Also geht es weiter, bergauf aus der Stadt hinaus, immer den gelben Pfeilen folgend.

    Es fällt auf: kaum andere Pilger auf diesem Abschnitt. Dennoch ist der Weg gut markiert und einfach zu folgen. Kurz darauf kommt das Meer in Sicht – für mich immer ein Highlight. Die Etappe führt nun durch einen Eukalyptuswald, auf einem schmalen, angenehm zu gehenden Pfad. Ein kleiner Ort bietet Gelegenheit für eine Kaffeepause, die ich mit einem Glas frisch gepresstem Orangensaft ergänze – in Spanien fast ein tägliches Ritual.

    Weiter geht es über Feldwege, vorbei an Wiesen, kleinen Höfen und weiteren Eukalyptushainen. Die Landschaft ist friedlich und bietet eine willkommene Abwechslung zur städtisch geprägten ersten Tageshälfte.
    Weiter geht’s. Leichter Anstieg, Natur pur. Ich laufe durch Felder und Wälder, es läuft gut. Dann treffe ich auf „meine drei Chinesen“ – wie ich sie still nenne, weil ich sie bisher nur aus der Ferne kannte.
    Aber wer hätte es gedacht - sie kommen aus Kanada. Wir plaudern kurz. Sie laufen den ganzen Weg von Irun bis Santiago. Hut ab. Ich bleibe bescheiden – und ziehe weiter.

    Als der Regen schließlich einsetzt, tausche ich den Sonnenhut gegen die Regenjacke.

    Dann wird’s rutschig. Richtig rutschig.Der Camino führt mich durch eine Matschhölle. Forstfahrzeuge haben den Weg zerstört, der Regen erledigt den Rest. Ich sehe aus wie eine Mischung aus Pilger, Zirkusartist und Schlammtänzer. Aber ich meckere nicht. Ich balanciere.
    Das hier ist der Camino, wie er leibt, lebt und spritzt.

    Dann sehe ich mein Ziel. Ich bin klitschnass, aber zufrieden.

    Nach 25 Kilometern erreiche ich meine Unterkunft – nass, müde, aber zufrieden. Eine kleine Verwirrung bei der Buchung führt zunächst zu Stirnrunzeln, doch glücklicherweise ist noch ein Zimmer frei.

    Fazit:
    Diese Etappe bietet einen Querschnitt durch die Vielfalt des Camino del Norte: urbanes Umfeld, Industriegeschichte, stille Natur, neue Begegnungen – und natürlich Regen. Wer hier läuft, muss bereit sein für Unvorhergesehenes. Aber genau das macht diesen Weg so besonders.
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  • Tag 16 – Pilgern mit Schirm und Charme

    11. maj 2025, Spanien ⋅ 🌧 13 °C

    Der Wecker klingelt. Also, eigentlich nicht der Wecker, sondern mein Handy, und zwar mit der akustischen Wucht eines Presslufthammers. Verschlafen? Auf dem Camino? Gibt’s das überhaupt? Offenbar schon – und ich bin das lebende Beispiel.

    Vielleicht lag’s am einen Glas Wein zu viel. Vielleicht an den feiernden Hamburgern, die gestern wohl beschlossen haben, sich nach Jahrzehnten endlich wieder in die erste Liga zu schießen. Glückwunsch HSV – das wurde aber auch Zeit.

    Mit etwas Verspätung, aber immerhin wach und satt, mache ich mich auf den Weg. Der Himmel? Grau. Die Wetter-App? Düster. Die Vorhersage? Regen, Regen und… ach ja, Regen. Ich starte noch im Trockenen, doch schon nach hundert Metern bekomme ich die ersten Tropfen auf die Nase. Also: erster Boxenstopp – Regenjacke an, Mütze tiefer, weiter geht’s.

    Wenig später überhole ich einen älteren Herrn, den ich schon beim Frühstück bemerkt habe. Ein Franzose, vermutlich jenseits der 70. Heute Morgen hatte er noch gemutmaßt, dass ich ihn sicherlich bald überholen werde. Nebenbei erzählt er mir noch, dass er gestern 41 km gelaufen ist. Ich ziehe innerlich meinen Hut und laufe weiter.

    Und dann erinnere ich mich: Da war doch dieser über 80-jährige Engländer, den ich letztens an einem Anstieg überholt habe. Hemd gebügelt, weiß wie frisch aus dem Katalog. Der Typ sah aus, als käme er nicht vom Pilgerweg, sondern vom Afternoon Tea. Camino Couture at its best.

    Während ich noch über Altersklassen auf dem Jakobsweg sinniere, bin ich plötzlich bei Kilometer 3. Pilgertrance. Ein Zustand, in dem der Körper läuft, der Geist fliegt und man plötzlich feststellt, dass die Füße schon wieder ganze Arbeit geleistet haben.

    Und ehrlich gesagt – das ist momentan mein geistiger Dauerzustand. Ich weiß nicht genau, wann es passiert ist, aber irgendwo zwischen Kühen, Küste und Kaffee hat mein Gehirn beschlossen, sich auszuklinken. Nicht ganz – es steuert noch zuverlässig meine Füße und meldet sich ab und zu mit „Hunger!“ oder „Da vorne liegt was Glitschiges, vorsicht!“. Aber was das Denken betrifft, also so richtig konzentriertes, zielgerichtetes Denken… da herrscht Funkstille.

    Anfangs war das anders. Da dachte ich noch über alles Mögliche nach: Vergangene Gespräche, künftige Pläne, existenzielle Fragen wie „Was mache ich eigentlich, wenn ich wirklich am Ziel ankomme?“. Aber mittlerweile ist der Kopf wie ein altes Radio, das nur noch leise rauscht. Manchmal dreht jemand kurz auf – meistens für belanglose Dinge wie Liedtexte aus den 80ern – und dann ist wieder Ruhe.

    Besonders beeindruckend ist mein Erinnerungsvermögen. Ich schaffe es, mich ungefähr bis gestern zurückzuerinnern – wenn gestern nicht zu unspektakulär war. Alles davor ist ein grauer Brei aus Etappen, Wetter, Pilgergrüßen und der vagen Ahnung, dass ich irgendwann mal ein Leben hatte, in dem man Termine hatte und wusste, welcher Wochentag ist.

    Aber erstaunlicherweise stört mich das gar nicht. Im Gegenteil: Es ist irgendwie beruhigend. Ich funktioniere einfach. Ich gehe. Ich esse, wenn ich was finde. Ich schlafe, wenn ein Dach über mir ist. Und während das Hirn im Stand-by-Modus tuckert, übernimmt der Weg das Denken. Oder das Nichtdenken – was vermutlich sogar besser ist.

    Vielleicht ist genau das der wahre Zauber des Alleinwanderns: nicht die großen Erleuchtungen, sondern das stille Verschwinden der eigenen inneren Betriebsamkeit. Der ganze geistige Krempel bleibt einfach liegen, irgendwo zwischen Etappe 12 und einem Café, dessen Namen ich vergessen habe – aber dessen Apfelkuchen mein Unterbewusstsein offenbar für immer abgespeichert hat.

    Zurück zum heutigen Tag: Es läuft einfach. Vielleicht, weil nur 21 Kilometer vor mir liegen. Vielleicht, weil es kühl und regenfrei ist. Oder weil es heute einfach wunderschön ist: grüne Hügel, kleine Dörfer, das Meer in der Ferne und – halleluja – keine Industrieanlagen!

    Aber der Camino wäre nicht der Camino, wenn das Glück nicht irgendwann in Nieselregen ertrinken würde. Erst tropft es, dann gießt es, und ich stehe irgendwann wie ein nasser Labrador mit Rucksack und Schirm unter einem Baum, der das Prädikat „Schutz bietend“ bestenfalls im Ansatz verdient.

    Dann wird’s sportlich: Der Weg gleicht einem Abenteuerspielplatz für Amphibien. Aufs, Abs, glitschige Pfade und Pfützen in der Größe von Badeseen. Mein Schirm klappert, mein Gleichgewichtssinn schreit leise um Hilfe, aber ich bleibe standhaft.

    Gegen 15:30 Uhr: Endlich. Unterkunft erreicht. Komplett durchnässt, aber mit einem zufriedenen Lächeln – irgendwo zwischen Erleichterung und Erschöpfung. Der Tag? Kein Zuckerschlecken. Aber hey – es sind genau diese Tage, die später die besten Geschichten erzählen.
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  • Tag 17

    12. maj 2025, Spanien ⋅ 🌧 15 °C

    Heute startet der Tag mit einer der größten Errungenschaften moderner Zivilisation: einem Heizkörper. Nicht nur einem, sondern zwei! Wäsche? Trocken. Schuhe? Trocken. Ich? Glücklich. Und dann auch noch eine Dusche, bei der ich nicht zwischen „Nieselregen“ und „Schulterhöhe“ wählen muss. Halleluja!

    Beim Verlassen des Zimmers treffe ich erneut meinen französischen Weggefährten von gestern. Allmählich glaube ich nicht mehr an Zufall. Der Mann läuft zwar in Rentnergeschwindigkeit, ist aber immer da, wo ich auch bin. Vielleicht ist er ein Zeitreisender. Oder einfach besser organisiert.

    8:45 Uhr stehe ich draußen. Die Wettervorhersage verspricht wieder: Regen, aber heute mit Anlauf. Ich laufe los, komme schnell ins Schwitzen, ziehe die Jacke wieder aus – der übliche Modenschau-Marathon. Der Camino bietet heute zwei Optionen: einmal Küste, einmal Berge. Mein innerer Abenteurer ruft „Höhenmeter!“, aber die Kellnerin von heute Morgen sagt: „Küste ist schöner.“ Und da ich in dieser Reise gelernt habe, auf Kellnerinnen zu hören – und zusätzlich den Telefonjoker zu Hause ziehe – heißt es: Vamos a la playa!

    Der Weg führt durch Tunnel, in dem ich mich wie Frodo in Moria fühle. Fehlt nur noch Gandalf mit einem Schild: „Du kannst nicht vorbei!“ Zum Glück habe ich meine moderne Fackel dabei, genannt Handy. Die App ist heute allerdings völlig auf dem Holzweg – sie will mich 2 Kilometer zurückschicken. Wahrscheinlich ist sie beleidigt, weil ich nicht den Höhenweg genommen habe.

    Dann die Szene aus jedem YouTube-Camino-Video: Bachüberquerung. Keine Brücke, kein Steg, nur glitschige Steine und eine große Portion Mut. Ich wähle Variante „Ich bin Tarzan“ – von Stein zu Stein – und bleibe trocken.

    Der Weg schlängelt sich weiter durch Wälder und Dörfer, immer schön im Wechsel: rauf, runter, matsch, Ausrutscher. Der Regen kommt pünktlich wie angekündigt, also wieder das große Umziehen. Ich balanciere mit Schirm, Rucksack und nassen Schuhen durch den Dschungel von Nordspanien. Zwischendrin singe ich leise „Über den Wolken“, obwohl „Unter dem Regen“ heute passender wäre.

    Dann ein Navigationsfehler. Ich verpasse die Abzweigung – und die beiden Franzosen vor mir auch. Sie winken wild, als wären wir auf dem Flughafen Charles de Gaulle kurz vor dem Start. Zurück also, und noch eine dieser charmanten Bachüberquerungen. Dieses Mal mit Schirm-Drama bei den anderen Pilgern – ich fühle mich bestens unterhalten.

    Und dann, kurz vorm Ziel, Freddy aus Aachen. Seit zwei Tagen ist er unterwegs und heute zum ersten Mal ohne Schmerzen in den Füßen. Gemeinsam meistern wir die letzten Kilometer. Freddy ist ein bisschen verrückt – was vermutlich Voraussetzung ist, um den Camino überhaupt zu beginnen – aber sehr nett. Wir teilen unsere Begeisterung für die Ruhe, die Natur und das Wegsein.

    Cafés? Geschlossen. Montag eben. Aber was soll’s: Heute war einer dieser echten Jakobsweg-Tage. Anspruchsvoll, schlammig, nass – aber mit Kapuzinerkresse und guten Begegnungen.

    Und was mir dabei besonders gut tut: Die vielen lieben Nachrichten von euch daheim. Es ist für mich jedes Mal eine Freude, sie zu lesen – und offenbar für viele von euch auch, meine Berichte. Dass das mittlerweile für einige zur täglichen Tradition geworden ist, ehrt mich wirklich sehr. Und motiviert mich, auch morgen wieder zwischen Regenjacke, Höhenmetern und Pilgeranekdoten das Beste rauszuholen.
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