• Jeddahs Altstadt - Al Balad

    20. december 2025, Saudi-Arabien ⋅ ☁️ 18 °C

    Jeddah ist ein kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Saudi-Arabiens. Die Stadt blickt auf eine etwa 2.500 jährige Geschichte zurück und ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Ihre Blüte begann mit dem Aufstreben des Islam ab dem frühen siebten Jahrhundert. Die noch junge Religion breitete sich im vorderen Orient sowie Nord- und Ostafrika rasant aus. Schon bald zog es Heerscharen von Menschen auf die heilige Pilgerfahrt Hajj nach Mekka. Für viele, die über den Seeweg anreisten, war Jeddah das Tor nach Mekka. Jeddahs Stadtbild hat sich über die Jahrhunderte immer wieder neu erfunden. Seit dem 16. Jahrhundert umgibt eine Mauer zum Schutz vor Angriffen den Bereich der Innenstadt Al Balad. Al Balad bedeutet auf Arabisch „die Stadt“ und ist das historische Herz von Jeddah. Wer Geld und Möglichkeiten hatte, versuchte, innerhalb dieser Mauern zu wohnen. Das blieb natürlich in erster Linie wohlhabenden Händlern und ihren Familien vorbehalten.
    Die meisten Baudenkmäler wurden zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert errichtet. Vor allem mit der Eröffnung des Suezkanals gewann der Handel über das Rote Meer immer weiter an Bedeutung und es floss viel Geld in die Portemonnaies der Eliten der Stadt, wodurch es noch einmal zu einem Bauboom kam. Das Bauland im begehrten Zentrum war aber aufgrund der Stadtmauern rar. Man musste die Wohnhäuser also in die Höhe bauen. Viele der Häuser in der Altstadt sind bis zu sieben Stockwerke bzw. 30m hoch. Eine Besonderheit ist auch das Baumaterial. Man hat sich hier vor allem an Korallengestein aus den flachen Gewässern des umliegenden Roten Meeres bedient. Zur Verstärkung wurden Gerüste aus Teakholz eingesetzt. Da das Korallengestein außerhalb des Wassers auf Dauer empfindlich gegenüber Trockenheit und Witterung ist, wird die Fassade mit einer schützenden Lehmschicht verputzt. Die Häuser sind im Stil der Hijazi-Architektur gebaut.
    Ein ganz wesentliches Merkmal der Wohnhäuser Jeddahs sind die hölzernen Vorbauten aus Teakholz an den Fassaden, die sogenannten Roshan. Diese balkonartigen Erker dienen in gewisser Hinsicht der Erweiterung des Wohnraumes über die eigentliche Grundfläche des Wohngebäudes hinaus.
    Die Roshan sind nicht offen gestaltet, sondern mit Holzgittern verkleidet. Dazu werden geschnitzte Holzstücke so miteinander kombiniert, dass sie geometrische Muster ergeben.
    Die Holzgitter funktionieren wie eine Jalousie. Man kann vom Wohngebäude aus prima nach draußen schauen und das Treiben auf den Straßen beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden. Das erlaubt vor allem Frauen, sich ohne Verschleierung zu bewegen.
    Außerdem klimatisieren die Roshan die Wohngebäude. Durch die vielen Öffnungen der Holzgitter kommt es im gesamten Haus zu einer Art Kamineffekt, wodurch ein kontinuierlicher Luftstrom entsteht. Direkt hinter die Holzgitter hat man häufig Wasserbehälter gestellt, sodass die einströmende Luft die Feuchtigkeit direkt aufnimmt und im Haus für ein angenehmes feucht-kühles Klima sorgt.

    Leider legte Saudi-Arabien bisher wenig Wert auf den Erhalt seines historischen, kulturellen und kurioser Weise sogar religiösen Erbes. Man riss Gebäude lieber ab und baute neu, anstatt zu renovieren.
    Mit der Modernisierung kam auch ein Wandel im Stadtbild, denn die historischen Wohngebäude in Al Balad konnten den Ansprüchen der wohlhabenden Familien bald nicht mehr gerecht werden. Es wurde in neu gegründeten Stadtvierteln außerhalb des ehemaligen Zentrums gebaut. Mit der Zeit zog es daher mehr und mehr Eliten aus dem historischen Al Balad hinaus in die Neustadt. Die Häuser begannen zu verfallen. Ohne die schützende Lehmschicht splittert das Korallengestein. Das Holz der Roshan verzieht sich ohne frischen Anstrich dank der salzigen Meeresluft und verfault. Die einstige prunkvolle Innenstadt ist mittlerweile eher ein Armenviertel.

    Heute hat die saudische Regierung die Bedeutung von Jeddahs Altstadt und die Bedeutung für den Tourismus erkannt. Man hat begonnen zu restaurieren. Ohne Frage ist das UNESCO-Weltkulturerbe Al Balad das Highlight von Jeddah und eine der schönsten erhaltenen Altstädte im Nahen Osten.

    Wir beginnen unsere Erkundungstour am alten nördlichen Stadttor, am Jeddah Old Gate (Bab Jadid). Vor dem Tor erkennt man die Überreste der alten Festung. Die Bauwerke stammen aus der Zeit zwischen 10. und 15. Jahrhundert. Wir bummeln kreuz und quer durch die kleinen Gassen und entdecken wunderschöne Ecken. Ganz besonders schön ist das Nassif House.
    Ich erlebe die Altstadt als lebhaftes Museum. Es macht einfach unglaublich viel Spaß, sich in dem labyrinthartigen Straßennetz auf der Suche nach immer schöneren Häusern zu verlieren. Am frühen Nachmittag ist es noch leer. Erst ab 16 Uhr beginnt das echte Leben. Die kleinen Geschäfte mit ihren dunklen Holztüren werden geöffnet. Kunden gibt es zu Hauf. Es ist weniger ein Tourimarkt, sondern ein Suq für die Bevölkerung. Stoffe und Teppiche werden verkauft. Über Geschmack lässt sich streiten. Wir entdecken wunderschöne Häuser und sind froh, gerade jetzt hier zu sein. Es ist noch nicht zu spät und wir entdecken noch viele völlig unrestaurierte Gebäude. Viele Straßenzüge sind komplett eingerüstet. Ich hoffe sehr, dass die renovierten Häuser nicht zu einheitlich aussehen und ihre Seele verlieren. Überall wird geklopft und gehämmert. Dennoch sitzt die Bevölkerung in den Hasueingängen und trinkt Kaffee. Plötzlich sitzt Moritz auch dort und hält das dampfende Getränk in der Hand. Im Gegensatz zur Corniche sind die Menschen sehr offen, freundlich und neugierig und es ergeben sich einige nette Gespräche. Jeddah strahlt eine unglaubliche Atmosphäre aus und ist ganz sicher ein Juwel, was Altstädte angeht. Ein Traumort. Als wir auf einer Dachterrasse zu Abend essen und auf das Minarett blicken, erklingt der Ruf des Muezzin, der über die gesamte Stadt schallt. Eine unglaubliche Stimmung. Kurz darauf bummeln wir durch erleuchtete Straßen. Ich erinnere mich plötzlich an ein Weihnachtsbilderbuch aus Kindertagen. Die Häuser sahen so aus wie hier. Und mit einem Mal ist mir weihnachtlicher Zumute, als in den ganzen letzten Adventswochen zusammen. Ein sehr schöner Moment.

    Unschön ist leider, dass unser Gepäck am Abend nicht im Hotel ist. Ich hatte es nicht anders erwartet. Nach mehreren Telefonaten, in denen ich leider einem stummen Gesprächspartner gelauscht habe, schwinge ich mich nochmals ins Auto und fahre zurück zum Flughafen. Autofahren ist hier ziemlich anders. Es gibt keine Spuren, keine Blinker, viel Gedrängel und Gehupe. Gerne überholt man rechts über den Sperrstreifen oder kürzt falsch herum im Kreisel oder die Einbahnstraße ab. Immer ist irgendwo ein Auto, das da eigentlich überhaupt nicht sein darf. Irgendwann reicht es mir und ich mache es genauso. Und jetzt klappt es. Ich fließe mit.
    Im Flughafen erklärt man uns freudig, dass die Koffer da sind. Bloß wo? Na dann suchen wir mal. Am Ende wühlen wir uns zu viert durch einen völlig vollgestopften Raum mit Koffern. Die haben bei dieser Kofferflut komplett den Überblick verloren. Offenbar wurde das Programm gehakt und daher hat heute nichts geklappt, was das Gepäck angeht. Aber dann werde ich fündig. Jackpot. Sie sind beide da. Nun können wir morgen unseren Roadtrip mit Gepäck starten. Ich weiß nicht, ob wir die Koffer jemals wieder gesehen hätten, wenn wir sie heute nicht nochmals selbst gesucht hätten.
    Ein wunderschöner, erfolgreicher Tag. Und jetzt muss ich nach über 36 Stunden ohne Schlaf endlich in mein Bett.
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