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  • Feb3

    Let's talk about Cambodia #3 - 1863-1975

    February 3, 2020 in Cambodia ⋅ ☀️ 32 °C

    Teil 3 - Das lange 20. Jahrhundert - von der Kolonie in die Unabhängigkeit

    Im dritten Teil von Jonas Bericht geht es um die Kolonialzeit und die Unabhängigkeit Kambodschas im 20. Jh.

    Das 20. Jh. war in Kambodscha ähnlich ereignisreich, wie das in Europa. Das Land hat in den letzten hundert Jahren insgesamt 8 verschiedene politische Systeme durchschritten. Von der französischen Kolonialherrschaft bis zur Demokratie, von der Monarchie zur Militärdiktatur, von der japanischen Besatzung zum Sozialismus unter vietnamesischer Vorherrschaft, vom vernichtenden Steinzeitkommunismus zur Autokratie. Die Geschichte des Landes ist genauso eine Geschichte der politischen Systeme und Umwälzungen, wie es die deutsche Geschichte ist. Es ist eine Geschichte der Befreiung, der Revolutionen, des unsinnigen Tötens und dem Streiten um Macht und Einfluss. Noch bis vor 25 Jahren wurde in diesem Land erbittert um die Macht gekämpft.

    Wir beginnen die Geschichte der verschiedenen Systeme in Indochina, dem südostasiatischen Kolonialreich Frankreichs. In diesem vereinten sich Vietnam, Laos und Kambodscha. Wie im letzten Artikel beschrieben, hatte sich Kambodscha 1863 freiwillig unter französischen Protektorat gestellt und so mehr Autonomierechte behalten als bspw. Vietnam. Das endete jedoch 1884, als Kambodscha in Indochina eingegliedert wurde und so auch praktisch Teil des französischen Kolonialreiches wurde.
    Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann die Ausbeutung des Landes. Khmer war die Möglichkkeit in hohe Ämter zu kommen versperrt. Diese wurden entweder von Franzosen oder Vietnamesen bekleidet, was den Khmer zusätzlich aufstieß, hatten sie sich doch vor der vietnamesischen Vorherrschaft bewahren wollen. Auch das Königshaus wurde nach dem I.WK. immer weiter entmachtet. Der Widerstand gegen die Fremdherrschaft der Franzosen wuchs stetig. Genauso, wie es in vielen anderen Kolonien der Fall war.

    Während des II. WK wurden die südostasiatischen Kolonien vom französischen Vichy-Regime (kollaborierte mit dem 3.Reich), dem mit Nazi-Deutschland verbündeten, Japan quasi übergeben. Japan erhielt das Recht Truppen zu stationieren und übernahm so die Macht in Kambodscha. Im Frühjahr 1945 wurden, unter japanischer Besatzung, alle Verträge mit Frankreich aufgelöst. Auf Grundlage dessen erklärte König Sihanouk die Unabhängigkeit Kambodschas. Was jedoch nach Kriegsende zurückgenommen werden musste - Frankreich bestand auf sein altes Kolonialreich.
    1949 gliederte Frankreich das Mekongdelta in das südvietnamesische Kolonialreich ein und schuf so Sprengstoff, der noch heute die Beziehungen zwischen Kambodscha und Vietnam belastet. Genauso wie in Laos und Vietnam entbrannte auf die Wiederherstellung des Kolonialreichs der Indochinakrieg in Kambodscha. Dieser führte 1953 zur Unabhängigkeit Kambodschas in den heutigen Grenzen. Diese wurde endgültig bei der Genfer-Friedenskonferenz 1954 bestätigt.

    Die wiedergeborene Monarchie führte Kambodscha in einen neuen Frühling. König Sihanouk investierte nach der Unabhängigkeit viel in den Bildungssektor. So eröffneten in Kambodscha die ersten Universitäten Südostasiens nach dem 2. Weltkrieg. Kinder der gesamten asiatischen Oberschicht wurden zum Austausch nach Kambodscha geschickt. In dieser Zeit war Kambodscha mit Abstand das reichste Land Südostasiens und wurde häufig auch die Schweiz Südostasiens genannt. Übrigens nicht nur wegen des Reichtums, sondern auch wegen der neutralen Haltung gegenüber der Konflikte im Nachbarland Vietnam. Verschiedene soziale und wirtschaftliche Reformen wurden durchgeführt, die Kambodscha langsam von einer agrarischen zu einer industriellen Gesellschaft verändern sollte. König Sihanouk legte dabei vor allem auf die wirtschaftliche Unabhängigkeit und Bewährung der Traditionen wert. Kambodscha war auf dem Weg ein Erfolgsbeispiel ehemaliger Kolonien zu werden.

    In der Blüte seiner Entwicklung erreichte der Vietnamkrieg den Höhepunkt. Ein Krieg, in dem sich das Königreich neutral verhielt. Neutral, aber im Sinne dessen, dass es sowohl süd- als auch nordvietnamesische Aktivitäten im Osten Kambodschas tolerierte. In der Provinz Rattanakiri findet man bspw. noch heute Überreste des berühmten Ho Chi Minh Pfades, über den die Guerillakämpfer versorgt wurden und über den sie sich zurückziehen konnten.
    Auf Grund dieser Unterstützung wurden Teile Ostkambodschas auch Opfer der amerikanischen Bombardements gegen den Vietcong. Noch heute finden sich extrem viele Blindgänger in der Grenzregion, weshalb viele Gebiete nicht ohne eine*n Führer*in betreten werden sollten. Gleiches ereilte übrigens auch Laos. In Laos und Kambodscha fielen während des Vietnamkriegs mehr Bomben als im gesamten zweiten Weltkrieg auf Japan abgeworfen wurden.

    Als das Bombardement Kambodschas die, aus Sicht der USA, allzu freundliche Haltung König Sihanouks mit den Vietcong nicht grundlegend änderte, putschte sich ein Teil der Armee an die Macht. Mit amerikanischer Hilfe wurde von 1970 bis 1975 eine Militärdiktatur errichtet. Der Wiederstand aus dem monarchistischen und den kommunistischen Lager wuchs stetig. Große Teile der Bevölkerung hungerten und litten unter der harten Hand des Militärregimes. Und so entschied sich König Sihanouk zu einem gewagten Schritt. Er verbündete sich mit seinem Erzfeinden, den Kommunisten, um das verhasste Militärregime zu stürzen. Chaotische Zeiten folgten, bürgerkriegsähliche Zustände und Unsicherheit prägten den Beginn der 70er Jahre. Der Vietcong drang weit in die Kambodschanischen Nordgebiete ein und der Vietnamkrieg wurde weiterhin auch auf kambodschanischen Boden ausgetragen. Dies endete erst, als sich die Amerikaner aus Südostasien zurückzogen und es den Khmer Rouge/ den Kommunisten gelang, 1975 Phnom Penh einzunehmen.

    Die siegreichen Kommunisten luden die Bevölkerung zur Siegesfeier nach Phnom Penh. Dies sollte der Anfang der schrecklichsten Jahre in der kambodschanischen Geschichte sein. Einige Historiker*innen gehen davon aus, dass erst die Angriffe der Amerikaner auf Kambodscha und die Militärdiktatur die Schreckensherrschaft der Kommunisten in Kambodscha möglich machte.
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