Kaukasus & Tbilisi
Mar 30–Apr 5, 2025 in Georgia ⋅ ☁️ 19 °C
Im kleinen Kaukasus sind es zwischen plus und minus 35°C, das bayernkleine Land ist klimatechnisch, politisch und geschichtlich ein Land der Extreme.
Obwohl uns die Rundreise weder ans Schwarze Meer noch an den Katsbegi führt, ahnen wir die 5 Klimazonen von Subtropen bis Hochgebirge, die Georgien bietet.
Nach dem Start in der Halbwüste und der warmen, fruchtbaren Tiefebene wollen wir nach Stepantsminda, dem Rat unserer Kaukasus-Expertin Anne D. K. folgend.
Auf dem Weg zum berühmten Skiressort Gudauri fahren wir an kilometerlangen LKW-Schlangen, vorwiegend aus Armenien, vorbei, denen der Grenzübergang zur nahen russischen Grenze schwer gemacht wird.
Die Landschaft verändert sich rasant zu hochalpin, der Fünftausender Katsbegi kommt näher, das schlechte Wetter auch. Regen auf Schneepatsch halten uns nicht davon ab, ein für uns luxuriöses Studio in den Bettenburgen der Skifahrer zu nehmen, wild entschlossen am nächsten Morgen mit den Gondeln tausend Meter höher den Schnee zu genießen. In ganz Georgien scheint die Sonne, nur hier nicht, dicht hängen die Wolken am großen Kaukasus, sie rufen uns zu: bitte fahren Sie weiter - hier gibt es nichts zu sehen.
Unsere Richtung ist Kutaisi, zweitgrößte Stadt Georgiens; durch die faktische Grenzverschiebung müssen wir um das seit 1994 in russischer Hand befindliche Südossetien herumfahren.
DER Georgier an sich (gaaanz dünnes Eis!) begegnet uns mit treuherzigen Rehaugen, eingepackt in Macho-Attitüden bestehend aus dröhnender Stimme, kyphotischem Stiernacken, grimmigen Blick.
An dieser scheinbar feindseligen Grundhaltung haben wir nach den vielen anderen Ländererfahrungen etwas zu knabbern, aber sobald man an einem Tisch sitzt (also trinkt) oder ins Gespräch kommt, wird man warmherzig eingenommen - Widerspruch zwecklos.
Sogenannte "Tamadas" (=TischanführEr, sprachlich nicht genderbar!) genießen hohes Ansehen und müssen als Grundkompetenz Sprücheklopfen und Trinkfestigkeit mitbringen. Alle müssen mitsaufen - wie schade, dass Alkoholismus dadurch zum Kulturgut wird.
Entsprechend unhöflich ist es, wenn wir in den "Homestay-Unterkünften" vom selbstgebrannten Frühstücksbrandy oder dem 75%igen (!) Willkommens-Whiskey nur nippen.
Damit wir nicht in unserer beschränkten Sicht verhaftet bleiben, lesen wir beide in der Onleihe "Das achte Leben" der georgischen Autorin Nino Haratischwili; das Gesellschaftsdrama liefert tiefe Einblicke in Land und Menschen, insbesondere in der Zeit um Stalin.
Auch wir halten in Gori, Geburtsstadt des kleinen großen Mannes, schöne Brunnen, Theater, Parks und ein schlimmes Stalin-Museum, das wohl eher eine unreflektierte Huldigungstätte ist. Wir lassen es also aus, denn dort sind die 40 bis 75 Mio. Opfer (je nach Zählweise) des Sowjetterrors ebenfalls ausgelassen. Dennoch: 40% der Bürger von Gori stimmten gegen die Veränderung der Anlage, diese Wähler möchte natürlich kein Bürgermeister verlieren.
Ruhe in wunderschönen Landschaften und touristische Highlights planen wir im Wechsel ein. Z.B. die irren Prometheus-Tropfsteinhöhlen, von denen 6 von 22 begehbar sind, alle verbunden. Von Harz bis Philippinen haben wir so manche Höhle kennengelernt, aber diese übertrifft alles.
Im Anschluss geht es auf und ab auf engen Straßen nach Norden zur Okatse-Schlucht. Die liegt so abseits, dass wir uns mit dem Spritverbrauch verschätzen, aber schnell ist jemand gefunden, der bei einem Kumpel ein paar Liter aus dem Tank zieht, Schlauch zum Ansaugen hat Mann ja dabei und leere Wasserflaschen gibt's im Mülleimer.
Wieder haben wir Begegnung mit freilebenden Riesenhunden, ausnahmsweise unheimlich. Wir flüchten ins Auto aber das frisch erworbene Brot ist futsch. Wovon leben die abgemagerten Tiere alle bloß?
Im Wissen, auf der Rückfahrt nicht liegen zu bleiben, geht's nach ein paar km Fußweg in die hervorragend erschlossene Schlucht über einen 700m langen Steg und Skywalk aus Stahl an der Felswand entlang. Die Blicke in die Tiefe des Canyons atemberaubend wie schwindelerregend.
Als überzeugte Nichthalter eines PKW, finden wir Autofahren richtig gut! Bis auf kleine Motorrollerausnahmen haben wir unsere Reise mit Öffis gern und erfolgreich organisiert. Aber: Es macht richtig Bock, so viele kleines Ziele anzufahren, vom Land so viel in kurzer Zeit zu sehen und den privaten Raum im Auto zuzuschmeißen mit Klamotten, Essen, Müll. Alle, die unsere Geschichte des ersten gemeinsamen Urlaubs vor 30 Jahren kennen, wissen, dass eben wegen ordentlich gepackten Rucksäcken das Auto damals in Frankreich 2x geknackt und ausgeraubt wurde. Passiert uns nicht wieder, es lebe das Chaos!
Die tiefe Stille zu jeder Tages- und Nachtzeit werden wir vermissen. Wo sind die denn alle? Auch im Hinterland der von uns bereisten Gegenden in Afrika und Asien waren fast immer und überall Händler, Motorräder - lautes Leben. Georgien werden wir mit total tote Hose verbinden. Das ändert sich natürlich in...
TBILISI (TIFLIS)
Der Plan "erst Hotel anfahren dann Mietauto abgeben" scheitert am Self- Check-In, denn ohne Überweisung (!) vorab gibt's keinen Pincode. Für die Booking.com-Hotline kein Problem, für uns schon. Äh-wofür buchen wir denn da per Kreditkarte? Aber es gibt genügend Alternativen.
Statt uns ins Getümmel der Stadt zu stürzen wandern wir mit überraschend vielen Höhenmetern halb um Tbilisi, haben fantastische Aussichten, nehmen den Botanischen Garten unterhalb des 50 Mio. Protz-Anwesens des Expräsidenten mit. Solche schönen Touren finden sich in Reisebüchern und niemals bei Googlemaps.
Die übrige Stadtbesichtigung ist Standard, auch dass wir
uns spontan für ein traditionelles Schwefelbad im Stadtteil Abanotubani entscheiden, dort wo seit dem 13. Jhd. die Badehäuser bestehen und mit Schwefelquellwasser bis zu 43°C gespiesen werden.
Die Quellen und das Baden sind Teil der Identität in Tbilisi, verankert in Poesie, Literatur (Puschkin!) und sogar Popmusik. Der frühere Stadtname Tiflis bedeutet "heißer Ort".
Wer durch die Stadtmauern kommen wollte, musste erstmal ins Badehaus, das hat Tbilisi vor mancher Seuche bewahrt. Es sind private Kuppelbäder, wir gönnen inklusive Ganzkörper-Peeling/ Schaummassage Sauna und Tauchbecken. Alter, was haben wir saunieren vermisst!
Wie neu geboren vertrinken wir die letzten Lari mit einer typisch georgischen Saperavi-Rebsorte, der Wein hat aufgrund der Maischgärung einen hohen Tanningehalt, für unsere Gaumen ungewohnt, aber lecker. Wir kosten den Unterschied zwischen junger und 3 Jahre im traditionellen Kwewri (Quevri) gereifter Variante. Kann auch länger "ausbauen" (wie Experte Oskar in der Telefonhotline erläutert), Brauch ist den zur Kindsgeburt (also Sohn!) im Kwewri angesetzten Wein zur Hochzeit zu kredenzen. Kein Wunder, dass sich früh vermählt wird. Diese traditionelle Weinherstellung ist immer "biodynamisch" aber selten als solche ausgezeichnet, mangels Labels und Kontrolle.
Schon vor fast 8000 Jahren wurde hier Wein produziert, damit ist Kachetien die Wiege dieser Kulturtechnik, auch, wenn so mancher Armenier das anders sieht. Prost und ნახვამდის (tschüß) Georgien.Read more























TravelerMtatsminda
Mo reistSehr gut erkannt! Warst dort etwa im Vergnügungspark? 🙃
Travelerraufgeklettert