• SUNSHINE EXPRESS

    February 6, 2025 in the Netherlands ⋅ ☁️ 3 °C

    Es gibt keinen konkreten Anlass, aufzuschreiben, was passiert oder passiert ist, mich bewegt, staunend am Rande der Straße stehen lässt, an dem das Geschehen vorbeirast wie ein Formel-Eins-Wagen an einer Tribüne, Wwwrrroammm, kurz um dem Tempo um mich herum noch etwas hinzuzufügen.Im Hintergrund verschwimmt der Ort, an dem es geschieht.
    Ich schreibe diese Zeilen in der Bar des Motel One in Rotterdam im fünften Stock, kurz vor Mitternacht, nachdem ich SUNSHINE EXPRESS gesehen habe, Dritter Film zum Abschluss des zweiten Tages in Rotterdam.
    Zwei Griechen sind noch kurz vorher gekommen, um den Tag auslaufen zu lassen. Drei Filme heute gesehen und Delfshaven besucht, neben vielem Gedanken über KI, meine Frage an Lorin, ob das Gesehene bald Wirklichkeit wird, damit meinend das Entstehen eines künstlichen Menschen, programmiert mit einem ständig weiter lernenden, aufeinander aufbauenden Programm. Wie wird das Lernen in 20, 30 Jahren vorangehen, wenn die Computer oder Roboter alle Lexika in Sekundenschnelle aufsaugen können. Lorin ist da optimistisch, keinesfalls angstvoll. Im Hintergrund reden die Griechen über Germany. Plötzlich sind die Fragen der letzten Jahrzehnte nicht mehr relevant, das Kämpfen für Gleichberechtigung oder eine lebenswerte Zukunft. Macht und Geldgier sind zurückgekehrt als Lösung. Es wird Jahrzehnte dauern, bis die Folgen davon wieder das Augenmerk auf die Armen und Ausgebeuteten richten wird. Bis dahin wird man versuchen, dabei zu sein, bei den Mächtigen und Reichen, hoffen, dass es ihnen gelingt die anderen mitzunehmen, ihnen zu helfen. Das amerikanische System. Zuletzt einen iranischen Film gesehen. Was ist Wirklichkeit? Solange die Bomben fallen, sind sie Fake, sagte der Regisseur, Realität werden sie erst am Boden, wenn sie wirklichen Tod und Grauen auslösen. Eine Gruppe reist nach Hermia, dem Paradies. Es hat eine Hymne, Lili Marlewn nachempfunden, und an den Bahnhöfen hört man Fußballfans aus Dortmund. Jeder erhält einen Auftrag. Es ist ein Spiel. Doch Wirklichkeit und Fiktion mischen sich mehr und mehr, Spieler werden ausgeschlossen, verlassen den Zug, während der Zug wirklich zum Zug wird, in ein Kriegsgebiet kommt. Nur drei Teilnehmer bleiben übrig, kommen in Hermia an. Zwei steigen aus, der Schaffner traut sich nicht. Er bleibt im Zug.
    Ich denke an die Flugzeuge des 11. September im Fernsehen, an Apokalypse Now und an den amerikanischen Präsidenten heute, der die gleichen Assoziationen hat wie der verrückte, durchgeknallte General Kurz in diesem Film. Jeder wusste, dass er verrückt war, dass das Wahnsinn war, was er tat, mensxhenverachtend. Heute nimmt man es hin. Eine Nachricht eben. Palästinenser sollen einfach umgesiedelt werden. Amerika baut eine weitere Riviera im Gazastreifen auf. Das Volk macht mehrheitlich mit. Genauso auch bei uns. Die Mehrheiten haben sich verschoben, dank sozialer Medien. Was früher gleich war, fortschrittliche Entwicklung des Menschen gegenüber machterhaltende Tendenzen des Bestehenden, hat sich verschoben. 60 Prozent wollen heute diese Rückkehr zu einer Schönfärberei der Vergangenheit, die restlichen 40 Prozent Austausch, Kommunikation, Kompromiss, gleichberechtigungssuche, Verständnis, dabei immer stiller werdend. Es gibt keine Vision mehr für sie, kein Land, in dem das Recht gilt. Wir befinden uns schon mitten im Untergang des römischen Reiches. Aber innerhalb dessen lebt es sich gut. Wir schauen uns eine moderne Stadt an, bewundern die Architektur der Wolkenkratzer oder der alten Häuser am Hafen, als die Boote noch den Weizen ans Meer beförderten und andere ausfuhren, um weit nach Westen ein neues Land zu erobern. Lorin und ich gingen in einem Essenshaus zu Mittag essen, das Hausmannskost anbot. Rückkehr für die Touristen zu Holzstühlen und selbstgebackenen Kartoffeln. Überteuert, nicht besonders gut, selbst ich hätte es besser hingekriegt und Gülay sowieso. Der dritte Film heute war eine zutiefst private Geschichte. Das Mädchen im Film war elf wie ich, als der Vater schwer erkrankte. Ich erinnerte mich an meinen eigenen Rückzug. Und dann an all die anderen Menschen aus meinem Leben, die schon gegangen sind. Und das schöne Bild, dass man ihnen irgendwann wieder begegnet, in einer anderen Welt.
    Die Musik spielt weiter hier, die Griechen reden noch immer miteinander, Rotterdam liegt dunkel hinter den Fenstern. Ich könnte weiter und weiter schreiben, aber lese vielleicht noch ein wenig. Han Kang, die wirklich würdige Literaturnobelpreisträgerin, ein Buch über die Hülle und die Schale und das, was wir selber darüber denken und uns einbilden.
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