HALF MOON
February 8, 2025 in the Netherlands ⋅ ☁️ 7 °C
Ein Samstag der Bilder und der Blicke nach oben, immer wieder eine Hochhaus- oder die spiegelnde Rundung des Depot-Museums hinauf , oder eben hinaus über die Nieuwe Maas,, befahren nur von Wassertaxis oder einem Schiff nach Dordrecht. Nach wolkenverhangenem Morgen Aufklaren, Sonnenschein und die Rotterdamer auf den Straßen. Der erste Film hinterließ nicht viel außer ein wenig Kopfschütteln, der zweite HALF MOON dann schon um mehr, über einen syrischen Klarinettisten, der Künstler wurde, mit anderen Musikern nach den Klängen des Lebens sucht, der Vertreibung, des Leids. Der halbe Mond wacht über den einschlafenden Kindern, die andere Hälfte über denen, die in dieser Nacht leiden und sterben. Die Inszenierung dieses Gesangs in Osnabrück war der Höhepunkt des Films. Dazu sein Konzert in einer Ruine in Beirut. Allen gewidmet, die weiter singen werden, heißt es am Ende. Ein mutiger Mann passend zu dem Artikel des Chefredakteurs von THE NEW YORKER, der an Nawalny und andere Heroen erinnert. Er selber wäre nicht nach Russland zurückgekehrt, ich wohl auch nicht. Ich bin in Gilching, im Fünf Seen Land geblieben. Der Gedanke beschäftigte mich noch weiter auch während des Spaziergangs mit Lorin oder des Cafébesuchs. BY AMI. Voller farbiger Accessoires, einem pinken Schrank, einem riesigen gemalten Pferd an der Wand. Darunter eine Gruppe türkischer Mädchen, eines davon in Brautkleid. Lorin meinte, 23 Jahre alt. Am Nebentisch in Schwarz zweihundert Frauen mit dick aufgespritzten Lippen, sich auch die ganze Zeit fotographierend. Ich wäre überrascht, wenn sie sich für die weiteren Weltläufte interessierten. Aber vielleicht täusche ich mich. Lorin fragt, warum die ärmeren Bevölkerung nicht die wählt, die sich um sie kümmern wollen und deren Wahlprogramm ihnen Verbesserungen verspricht. Eine gute Frage. Weil man emotional wählt. Die Hoffnung. Das, was die sozialen Medien verheißen. Keine großen Zusammenhänge, einfach ein Gefühl. Man müsste mehr reden. So wie im niederländischen Schwarzweiß-Beitrag DREI TAGE FISCH. Der Vater kommt ein letztes Mal in die Niederlande, weil er nach Portugal emigrierte will. Zurück lässt er seinen erwachsenen Sohn, dem nichts im Leben gelingt, der dennoch für das Miteinander steht, für die Erinnerung an die Großmutter, an die Kindheit. Doch die beiden reden nicht miteinander. Einzige Annäherung ist in der Kirche, als der Vater dem Sohn seinen gerade gezogenen Backenzahn gibt. Eine leichte Berührung dazu. Am Ende kann der Vater kaum erwarten, dass der Zug abfährt. Es ist nichts mehr zu sagen. Alles gut.
Zum Abschluss der Publikumsgewinner des Festivals. I AM STILL HERE, bald auch in den deutschen Kinos. Er beginnt 1970 in leuchtenden Sommerfarben am Strand von Rio. Eine lebendige Familie, fünf Töchter, ein Sohn, dazu eine Mutter, die alles zusammen hält, eine Haushälterin, ROMA fällt einen sofort ein und bleibt auch der Vergleich. Hier nicht Mexiko, sondern Brasilien. Der Vater, Rubens, ist Architekt und war mal liberaler Abgeordneter. Die ganze Familie strahlt den Geist der 70er aus, den Fortschrittsglauben, die Suche nach Gleichberechtigung, die Möglichkeit im Ausland. Vater und Mutter haben dafür gekämpft. Die älteste Tochter soll in London studieren. Das Haus ist weiträumig, das Leben prall, vor allem die Momente der Gemeinsamkeit, der kleinen und gleichzeitig so großen Freuden mit den Kindern. Der Einbruch geschieht schnell und grausam. Rubens wird verhaftet, zieht sich noch einen Anzug an und dann steigt er ins Auto. Er wird nicht mehr wiederkommen. Wenig später wird die Mutter mit der zweitältesten Tochter ins Gefängnis gebracht. Gut, dass wir das Lager in Kambodscha letztes Jahr gesehen haben. Es vermittelte einen Eindruck der Grausamkeit, dessen, wozu Menschen in den 70ern möglich waren, während es uns gut ging. Die Mutter kommt frei, sie muss alles ändern, hat kein Geld mehr, die Familie muss Rio verlassen. 20 Jahre später sagt eine Tochter, dass sie da das Gefühl hatte, dass der Vater nicht wiederkommt. Ich denke an die Mühle, von der meine Mutter immer wieder erzählte. Auch hier die Momente der Gemeinsamkeit. In den 90ern erhält die großartige Mutter im Film die Bestätigung der Gräueltaten und des Ablebens ihres Mannes. 2014 versammelt sich die Familie nochmals. Die Mutter hat inzwischen Alzheimer. Doch noch einmal kommt die Nachricht von ihrem Mann Rubens Paiva. Einer jener großen Männer, die für die Demokratie nicht nur standen, sondern für sie bis in den Tod gingen. Bilder von ihm und der Wirklichkeit beenden den Film, der mich am Ende zu Tränen rührt.
Ich gehe über die weiß angestrahlt Erasmusbrücke umgeben von amerikanisch anmutenden Skylines hoffnungslos ins Hotel zurück.Read more






