• Pick up joy

    April 18, 2025 in the United States ⋅ ☁️ 11 °C

    Inzwischen ist ein weiterer Tag angebrochen, natürlich, wie ich es kenne, alles in grau und kaum mit anderen Menschen erfüllt - auf den Straßen. Hier dagegen füllt sich das brasilianisch orientierte cafedecasas rasch. Vor mit stehen ein Cappuccino, ein Orangensaft und ein Kokoshefebrot - rosco da Coco - leicht gewärmt. Die Einrichtung und die Wände sind in Weiß gehalten, neben mir spielt eine Familie Karten, mir eine schöne Erinnerung an all die Momente gebend, die ich selbst mit meinen Kindern hatte. So innig, so in sich geschlossen. Dass kaum die Umgebung auffiel oder registriert wurde.
    Die Cable Car führt direkt hier vorbei, ich habe den 30er-Bus genommen, wie gestern Abend und an den Vortagen. Langsam prägt sich die Topographie der Stadt ein. O Farrell, Stockton, Mason, and so on.
    Gestern abend habe ich beschlossen, kein Mietauto zu nehmen, sondern in ein billigeres Hotel in einem anderen Viertel umzuziehen und von dort Ausflüge zu unternehmen. Es fühlte sich plötzlich richtig an. Mehr zu sich zu kommen, nicht dauernd Neues zu suchen, den Tag damit zu verbringen, sich zu organisieren. Außerdem dort zu sein, wo mehr Leben ist, wo sich die Menschen aufhalten. Downtown ist, so wahrscheinlich auch anderswo, nur Geschäftsort, kaum auch der Ort für gutes Essen.

    PICK UP JOY. Die Dinge positiv zu nehmen, das scheint mir hier ganz anders als bei uns zu sein. Manchmal ist es schwierig, vielleicht auch kaum mehr möglich, wenn man die Nachrichten zu sehr an sich heranlässt. Oder das Mitgefühl, das man durch Kinofilme über andere Länder, Situationen oder Konflikte lernt. Gestern in HONEYMOON über einen ukrainischen Intellektuellen, - Künstlerpaar am Vorabend der russischen Invasion. Sie beschließen zu bleiben uns verbringen sechs Tage still in ihrem Apartment, ohne auffallen zu wollen. Es hätte ein Horrorfilm werden können, ist aber eher einer der Annäherung, der Festigung der Beziehung, ohne die Wut auf die Aggressoren zu verzichten. Die Hauptdarstellerin will sie tot sehen, bis in die siebte Nachfolgegeneration hinein. It's not a conflict. It's war.
    Neue Erfahrungen als Beglückung zu sehen, ist ungewöhnlich. Sind sie es, auch wenn sie zunächst mal schlechte sind? Der zweite Film gestern Abend THE DEVIL SMOKES handelte über fünf Kinder, die von Eltern in Mexiko verlassen werden und mit der Großmutter ihre Fantasiewelt leben, bis die Fürsorge sich ihrer annimmt - wahrscheinlich. Am Ende betet der kleinste von ihnen, dass Mama und Papa zurückkommen sollen. Dann bläst er die Kerzenflamme vor sich aus und geht aus dem Zimmer. Doch eine Geisterhand entfacht sie aufs Neue, so dass sie im Schlussbild brennt.
    Der gestrige Tag war von einer langen, langen Wanderung durch die Stadt geprägt. Eindrücke über Eindrücke. Menschen im Café, Menschen im Museum, am Strand. Gegenüber hat sich eine inzwischen fünfköpfige Männer Gruppe eingefunden, viel diskutieren, reden, retired, zur Linken ein Mann wie Bill Clinton, ausschweifend mit den Händen seine Argumente anbringen. Gerade führt aber der Mann unter der schwarzen eng anliegenden Mütze das Wort. Stammtisch im cafedecasa.
    Als wäre der Name des Museums inmitten des Golden Gate Parks Omen gewesen, drehte sich die Ausstellung zwar um Paul McCarthneys Fotographien im Zeitraum 1963 und 1964, doch beim im wahrsten Sinne des Wortes näheren Hinsehen vor allem um die Jugend, die Ausgelassenenheit, Joy, den Unglauben über dies Beatlemania, das Genießen einfach, Staunen, ohne zu wissen, was kommen würde. Anfangs traten die Beatles noch mit den Künstlern der damaligen Zeit auf, dann waren sie die Stars. Die anderen Künstler von damals kennt kaum einer mehr, die Beatles fast jeder immer noch. Sie haben mit etwas verändert in dieser Welt, oder waren einfach Ausdruck eines Zeitgeistes, einer Entwicklung, die kommen musste.

    Die Ausstellung war sehr gut besucht, 32 Dollar Eintritt, viele ältere Leute natürlich, viele Fotos kaum der Rede wert bzw. nur, wenn sie diese Jugend wiedergaben.
    Vom morgendlichen Café in Castro einem Berg hinaufgestiegen, am Ende von einem roterdigen Felsen über San Francisco bis zum Meer blicken konnte, überwölbt von grauen Wolken. Weiter durch ein sehr wohlhabend wirkendes Viertel mit vielen architektonischen Verzierungen an den Fassaden. Der daran anschließende Park war riesig. Eine breite Straße für Läufer und Radfahrer, auf Glasflächen verteilte gelbe Plastikstühle zum Verweilen, die Möglichkeit, den botanischen Garten, das japanische Teehaus oder einen Blumenmarkt zu besuchen, jedes für 30 Dollar. Ich verzichtete und ging weiter zum Museum, dessen Ausstellungsankündigung ich nur durch Zufall an einer Bushaltestelle gelegen hatte.
    Eine Sektion kümmerte sich um amerikanische Sammlungen. Im Gegensatz zu früher haben sie inzwischen ihre ausgeprägte Geschichte. Die Nähe zu Europa gibt es nicht mehr. In meiner Jugend hat man noch ein bisschen auf die Kulturlosigkeit des Landes heruntergeladen, weil man an die vielen Einwanderer samt ihrer Kultur dachte. Aber was damals 15 oder 25 Jahre her war, ist heute 75 oder 80 Jahre her. Generationen sind nachgewachsen und die Bilder drücken mehr und mehr Eigenständigkeit aus, kulminierend in Edward Hoppers Werken. Auch hier wurde eines ausgestellt, die main street zeigen an Hand einer Abzweigung in die Technik, den Wohlstand, das Öl. ESSO prangt rechts oben am Bildrand.
    Isaac Julien war eine weitere Ausstellung des Museums gewidmet. Nochmals eine andere Geschichte, Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung, in der Geschichte, der Kunst an Hand einer Installation mit drei Leinwänden.
    Wieder im Freien suchte ich den Weg zum Pazifik. Er war etwas länger als ich dachte und ich hatte mal wieder kein Wasser dabei. An einem foodtruck endlich lernte ich, wie man erschwinglich ein bisschen Essen bekam und etwas zu trinken. Nur Cola. Wasser oder etwas anderes wurde nicht angeboten. Ich war müde - die Zeitverschiebung machte mir immer noch zu schaffen - und ich legte mich zwischen die Dünengräser. Der Pazifik. Mächtige Wellen, aber immer noch zu schwach für die paar Surfer. Strandläufervögel. Das Meer.

    Viele Gedanken. Die Wellen, das Rausche n begünstigen diese immer wieder. Wohin, wer, woher?

    Von einem Moment auf den anderen kam die Sonne heraus. Ich bemerkte es fast gar nicht, weil ich mit dem Bus nach Marina Heights unterwegs war. Plötzlich war sie wieder da. Diese Klarheit des Blau, als der Bus von dem ocean beach Strand zur golden gate Bridge hochfuhr, dort eine Menge Touristen entlud und auch wieder aufnahm, im Hintergrund die roten Aufbauten und Seile der Brücke. Mit Tempo ging es hinunter, das erste Mal an diesem Tag hell und herzerweitend, gleißend, wenn auch noch nicht wärmend. Ich mischte mich unter die Ausflüge. Es war Freitagabend. Pick up joy.
    Nochmals wanderten die Gedanken zurück zu der Reise vor 45 Jahren. Niemand von uns wusste, was aus uns werden würde. Wir blieben irgendwo stehen und besahen uns die Brücke. Im Hintergrund die Stadt, damals noch ein paar Hochhäuser weniger. Sind wir hineingefahren, daran vorbei?

    Der Cappuccino ist ausgetrunken. Die beiden jungen Männer debattieren weiter über das kommende Leben und die Politik, eine ältere Dame bestellt Uhr wohl übliches Frühstück. Zwei Tische weiter schreibt ein junger Mann etwas in sein Notizbuch. Senza Madonna erklingt aus den Lautsprechern.
    Read more